IfHaS e.V., Halle (S.), 15.10.04

Hallisches Eichendorff-Jahr 2005, Vorbereitung
Ludwig Börne in Halle (Saale)

Quelle:
Briefwechsel des jungen Börne und der Henriette Herz (1905)
Quellenkritik:
Originale der Briefe Börnes nicht nachzuweisen;
zwei Abschriften der Briefe bei Varnhagen
Briefe der Henriette Herz werden im Original abgedruckt.

H. (ohne Datum, März 1803)
„ Soll ich noch einen Brief an Ihren Vater schreiben und ihm vorschlagen Sie nach Halle zu Reil zu geben, ich will dann heute noch an Reil schreiben.“ (56)

B. (19.7.03 – erster Brief aus Halle, S.79ff)
„ Seit vergangenem Donnerstag, also erst 6 Tage bin ich hier, und schon hänge ich mit Leib und Seele an Halle. Vergessen ist Berlin und alles was mir dort theuer war. Mir ist´s als wäre ich hier geboren, und Zufriedenheit und Frohsinn erfüllen mein Herz. Nicht wahr, das kam geschwinder als Sie es erwarteten? Glauben Sie, dass ich traurig bin über meine veränderte Lage? – Nichts weniger als das. Wandelt mich ja zuweilen ein schmerzliches Gefühl an, so mache ich einige Gänge durch das Zimmer, weide meine Augen an die schöne Fußdecke, betrachte mit Wohlgefallen die eleganten Meubles, und weg ist aller Schmerz; Sie wissen, ein Sopha war immer der Gegenstand meiner heißesten Wünsche gewesen; jetzt habe ich eins und es wiegt mir zum wenigsten den Thiergarten auf. – Nun liebe Mutter können Sie mich seelig preisen. Wie oft habe ich Sie sagen hören: „So ist es recht, Louis, bis zur Ironie muß es mit der Sache kommen.“ Also freuen Sie sich jetzt, denn mein ganzes Wesen ist Ironie, ich bin die beißendste Recension aller Compendien der Moral die in Nummern und a b cs eingetheilt sind wie die Waschtabellen. Ich habe Ihnen ein Lied vorgesungen von Besserung, sie freuten sich des guten Vorsatzes und seegneten mich. Ziehen Sie ihre Hand von mir ab, liebe Mutter, ich habe geheuchelt. Hilft mir kein Gott, so bin ich verloren, denn ich kann nicht kämpfen wider Laster, die Zeit und Gewohnheit panzerten. Ständen Sie vor mir, ich müsste schamrot werden. –

Ich will Ihnen doch auch erzählen, wie es mir hier gefällt, denn was ich hier am Anfange des Briefes sagte, das war Spaß, wie sie von selbst werden einsehen. Als ich ankam, war Reil noch im Kolleg. Ich machte der Reilin mein Kompliment. Sie hieß mich willkommen. Gleich ward Obst und Kirschkuchen präsentiert. Das gefiel mir nicht, denn Sie hatten mir nichts präsentiert, als ich zu Ihnen kam. Reil kam zu Tische, fragte nach Ihrem Befinden und damit Punktum. Ich saß da wie ein armer Sünder, der beim Stehlen ertappt wurde. Während dem Essen ward sehr wenig gesprochen. Nach dem Essen ging ich auf meine Stube und weinte mich recht satt, so dass aus Müdigkeit einschlief.

Diese Menschen werden mir nimmermehr gefallen. Ich hatte es Ihnen gesagt, ich werde Parallelen ziehen und mich unglücklich machen. Ich habe ein Elysium geschmeckt in Ihrem Hause, und dieses irdische Leben will mir nicht behagen. Ich versichere Sie, als ich Reilen zum erstenmale sah, habe ich mich recht erschrekt, denn seine raue Stimme, sein ernsthaftes Wesen, und sein ganzes Äußere überhaupt, hat für mich etwas sehr Abschreckendes. Mir ist es ganz unbegreiflich, wie Sie eine gute Freundin dieses Mannes sein können.

Die Reilin fand ich weder über, noch unter meiner Erwartung, aber ganz anders als ich sie mir gedacht habe. Sie ist klein, schmal, winzig, und man sieht es ihr an, dass sie einmal schön gewesen war. So weit ich sie bis jetzt kenne, ist sie sehr ungebildet. Sie mag eine recht gute Frau sein, ich könnte auch nicht sagen, dass ich sie nicht leiden kann, sie ist aber in meinen Augen – ich muß mich eines harten Wortes bedienen, weil ich sonst nicht weiß, wie ich mich ausdrücken soll – ein erbärmliches Ding. Mir wird über Tische oft bange, und ich weiß gar nicht, wo ich meine Ohren hin thun soll, wenn ich höre welcher pöbelhaften Ausdrücke sich Reil gegen seine Frau , und sie sich gegen ihn zu bedienen pflegt.

Z.B. habe ich sie schon einige male wechselseitig zueinander sagen hören: Du willst immer gescheiter sein als andre Leute; das wäre recht dumm von dir, und dergleichen mehr. Wenn Sie mich fragen, liebe Mutter, was mich diese Dinge angehn, so antworte ich: nichts, aber es ist unangenehm unter solchen Leuten zu leben. Man könnte mir einwenden, ich sei nicht hergekommen um angenehm zu leben, sondern um von Reil´s Gelehrsamkeit zu profitieren. Ja du lieber Gott, aus dieser werde ich wenig Nutzen ziehen können. Reil hat mir diesen Morgen ausdrücklich gesagt: Sie wissen, ich habe unbändig viel zu tun, also in´s Detail kann ich mich nicht mit Ihnen beschäftigen, was ich für sie tun kann, besteht darin, dass ich Ihnen zuweilen einen guten Rath gebe, und Ihnen sage, wie Sie es am besten machen können. Das ist ein teurer Ratgeber, und ich habe doch immer sagen hören, dass zum Ratgeben sich mehr Leute fänden, als wünschenswert sei. Ich hatte mich vorgenommen, beste Mutter, nicht eher über einen der neuen Gegenstände, die mich hier umgeben zu urteilen, bis ich mich hier lange genug werde aufgehalten haben, um ein richtiges Urteil fällen zu können, aber gegen Sie glaubte ich mich jetzt schon äußern, und Ihnen sagen zu können, wie ich jetzt die Sachen nehme. Wenn ich Ihnen als schreibe, das ist so, und jenes so, will ich nicht sagen, dass es gewiß so sei, sondern dass es mir so vorkomme. Ich hoffe es, ja ich bin es gewiß, dass mir mit der Zeit manches gefallen wird, was mir jetzt missfällt, und sollte ich auch die Dinge immer so finden, wie sie mir jetzt scheinen, so macht doch die Gewohnheit das angenehm, was uns sonst missfiel, und das erträglich, was uns unerträglich schien.“ (…)

(Reil will, dass Börne auf das Gymnasium geht, um Latein zu lernen.)
„Wenn Sie also jemand fragt, liebe Mutter, warum ich nach Halle gekommen bin, so antworten Sie: um durch Reil´s Hand in der Schule zu laufen, und wenn sich der Jemand wundert, dass es 500 Rthlr. Kostet, und meint das hätte wohlfeiler geschehen können; so mag er vernehmen was Lessing spricht: was wohlfeil ist, ist theuer.“ (82)

(Börne berichtet von der Reise Berlin-Halle)
„Ich habe nie frohere Tage verlebt, als auf dieser Reise, und das mag auch mit Schuld sein, warum es mir hier so sehr missfällt.“ (83)

(Beschreibung des Haushalts der Reils, S.87f)
„Eine wahre Professor-Familie! Ich gehe in der Reilin Stube ohne anzuklopfen. Ich kann dabey sein, wenn sie sich morgens die Strümpfe heraufzieht. Die Mägde bringen ein Glas Wasser in der Hand, auf keinem Teller. Alle Sonntag wird ein Kirschkuchen gekauft. Alle 14 Tage ein Kränzchen, wo es prächtig zugeht. Reil kömmt abends nach Hause, verdrießlich, hypochondrisch. Er zieht sich andere Wäsche an, dabey darf ein jeder bleiben, das Gesinde, die Kinder und ich. Man setzt sich zu Tische, er tadelt das Essen. Die Reilin macht furchtsame Gesichter. „Lieber Junge, was fehlt denn dem Essen?“ Keine Antwort, er steht auf, verlässt das Zimmer. –

Die Reilin: Louis, wenn Sie nach Leipzig reisen, bringen Sie meinem Malchen ein Kleidchen mit. – „Nicht wahr, das sind schöne Tassen, wenn Sie von hier weggehen, müssen Sie mir auch eine hübsche Tasse zum Andenken schenken.“ O ja. – Die Kinder wollen sich zu todt wundern über meine feinen Halstücher, über meine königlichen Schnupftücher. – Man sagt Herr Louis. „Herr Louis, (sagt Gustchen zur Mama,) ist sehr galant, wenn man ihm sagt, er soll über das Dach springen, um etwas zu holen, so tut er´s. Herr Louis tut sich gewaltig dick mit seinem Gelde, Herr Louis ist eitel, er glaubt, er wäre schön, er guckt sich beständig in den Spiegel, putzt sich gerne.“ – Dies haben mir die Kinder schon hundertmal in´s Gesicht gesagt. Weiß Gott, wie die Kinder darauf kommen, von Erwachsenen müssen sie es doch wohl gehört haben. (…) Die Reilin muß glauben, ich sei verrückt. Ich lese das Wochenblättchen wo die Passagiere bemerkt sind, und dann zähle ich immer wie viele von Berlin durchgekommen sind, und freue mich wie ein Kind, wenn es recht viele sind. Die Berliner Zeitung, mit der Sterbeliste, Getreidetaxe, Ehrenbeförderungen, Theaterrezensionen, lese ich mit mehr Begierde, als ich je die schönste Gespenstergeschichte gelesen habe. (…)

(Rückkehr von Leipzig, 8.10.03, S.91) „Der Frau Oberbergrätign Reil habe ich ein schönes Messstück mitgebracht: ein feines mußelinenes Tuch. Aber ich gestehe es Ihnen, liebe Mutter, ich that es nur ehrenhalber, aus Eitelkeit, und es kam nicht von Herzen. Das Tuch war von der neuesten Mode. Sie bedankte sich höflichst, und sagte: Louis, ich bleibe Ihre Schuldnerin! Sie glauben mir doch, beste Mutter, wenn ich sage: es thut mir herzlich leid dass ich die Reil nicht ein bischen leiden kann. Ja ihr ganzes Wesen ist mir unausstehlich. So ein unliebenswürdiges, ekliges Ding ist mir warlich noch gar nicht vorgekommen. (…)

Bei Gelegenheit meiner Reise nach Leipzig habe ich dumme Streiche gemacht. Da ich mit dem Gelde, das mir die Reil mitgab, nicht hinreichte, weil ich unnütze Ausgaben machte, musste ich mir von Rosenbergen Geld borgen, und ich weiß gar nicht wie ich es ihm wiederzahlen soll, wenn ich es mir nicht meinem Taschengelde abspare. Überdies habe ich mir ohne Reil´s Wissen Kleider machen lassen. (92)

„Ich will Ihnen sagen, liebe Mutter, wie ich von Reil denke. Er ist ein herzensguter Mann, ein schöner Mann, ein großer Geist, und noch viele Sachen mehr.
Doch – haben alle Götter sich versammelt
Geschenke seiner Wiege darzubringen,
Die Grazien sind leider ausgeblieben - -
(…)

B. (27.11.03)
„ Meine Geldaffairen haben mir schon viele Verdrießlichkeiten gemacht. Gestern bat ich die Reil mir das Geld zu leihen, was ich Rosenbergen schuldig bin. Sie schlug es mir ab. Nun macht mir nichts mehr Freude, als wenn ich einen Menschen, an dessen Wohlwollen mir gelegen ist, und den ich gern habe, in der Nothwendigkeit versetze, mir eine Bitte abschlage zu müssen; denn man hat darauf das freundlichste Gesicht zu erwarten. Mir war es auch sehr lieb, dass mir die Reil mein Verlangen nicht gewährte; aber nicht aus jenem Grunde, sondern weil mir dieses die Ursache gab, die ich meinem Widerwillen gegen sie unterschieben kann. – (…)

Ich möchte Sie um eine große Gefälligkeit bitten, mich nämlich bei Gelegenheit der Niemeyer ein wenig zu empfehlen. Sie soll eine sehr liebenswürdige Frau seyn, und so weit ich sie kenne, gefällt sie mir sehr.“ (97)

B. (24.12.03)
„ Heute ist Christnacht, wo man bescheert und bescheert bekömmt, und die Kinder und die Domestiquen laufen herum und wissen nicht was sie machen sollen vor freudiger Erregung welche Herrlichkeiten sie bald werden zu sehen bekommen. Ich forderte die Lichtscheere, man gab mir ein Brodtmessen. Reil hat auch ein Pflegekind im Haus, Mariechen, ein Mädchen von 12 Jahren; die mag ich nun gar gut leiden, ich wollte ihr also ein recht hübsches Weinachtsgeschenk kaufen. Da bat ich die Reil, sie möchte mit mir gehen um mir wählen zu helfen. Sie thats. Das sie nun eine sehr ökonomische Frau ist, litt sie´s nicht dass ich große Depensen machte und ich musste mich mit einem hallischen Studenten begnügen, 2 Finger hoch, gar artig, Ladenpreis 3 gr. Darüber bin ich denn so verdrießlich, dass ich gar nicht mag in die Bescheerungsstube gehen, die grade über meinem Zimmer ist.“ (99)

„Der Umgang mit Studenten ist mir völlig abgeschnitten, oder doch sehr erschwert, und zwar deswegen, weil ich selbst noch nicht Student bin, denn ich gehe noch in die Schule. Sie werden sich erinnern, Reil schrieb Ihnen, er würde mir den Zutritt auf dem Berge schaffen. Er schlug mich den Vorstehern vor; ich wurde aber nicht angenommen, theils weil die Zahl der Aufzunehmenden schon voll ist, und theils weil ich noch nicht Student bin. Endlich hoffte ich dass ich durch Reils Empfehlung in Familien würde Zutritt erhalten, oder dass er mich selbst würde einführen. Aber auch das ist nicht geschehen. Ich habe also nicht einen einzigen Ort, wo ich mich erholen, und nicht einen Menschen, mit dem ich umgehen kann.“

H. (14.1.1804, S.101)
„ Niemeiers sind jetzt hier, treffe ich mit ihnen zusammen, so spreche ich mit ihr von Ihnen – Sie sehen aber dass es Ihnen mit den Gesellschaften in Halle wie mit denen in Berlin geht, es ist sehr schwer für einen so jungen Menschen hineinzukommen und für andere ihn hinein zu führen, auch sind in der Tat diese Jahre die Lernjahre. (…) Reil hatte Sie richtiger beurteilt als ich, er machte Ihnen den Umgang mit Studenten unmöglich dadurch dass er Sie auf die Schule gehen ließ – Sind Sie dann von der Schule, und die Herren halten Sie ihres Umgangs würdig, so werden Sie in Ihrem Gemüth und in Ihren Gesinnungen schon so weit sein, dass Sie nur mit einer Auswahl jener wüsten rohen Menschen umgehen werden.

B. (11.3.04)
„ Die Reil ist in meinen Augen die gemachte Unausstehlichkeit. Sie begegnet mir mit sehr vieler Güte und Sorgfalt; aber ich kann es nicht über mein Herz bringen ihr die gewöhnlichste Schmeicheley zu machen, und auf eine Wahrheit, durch die ich mich bey ihr empfehlen wollte, müsste ich 10 Jahre lang sinnen. (…) Den Reil ehre ich nicht blos, sondern ich liebe ihn auch wie meinen Vater, und er ist in meinen Augen ein Muster aller Vollkommenheiten. Ich habe mich auch gar nichts über ihn zu beklagen. Nur darüber blos, dass er sich zu fremd gegen mich beträgt. Nicht wie ich es gern habe, wie der selige Herz es that. Er nennt mich gar höflich: Herr Louis, und mit der größten Schüchternheit wagt er es, den Herrn Louis zu bitten, ihm einen Correcturbogen durchzusehen, oder etwas abzuschreiben. (…)

H. (20.3.04)
„ Wollen Sie nicht wieder einmal nach Dieskau gehen aber auch gesprächiger sein als das erste mal?“

B. (13.5.04)
„ Sie würden oft lachen müssen, wenn Sie die Reil über mich urteilen hörten. In vielen Dingen hat sie Recht, in solchen die man sehen kann, das ist gar keine Kunst. Z.B. wenn Sie sagt, ich sey verschwenderisch, unordentlich, nicht fleißig genug. Sobald sie sich aber einlässt in Dinge, die man nicht sehen kann, so kömmt gar possierliches Zeug heraus. Ich habe sie schon hundertmal in meinem Beisein sagen hören: der Louis ist ein entsetzlich pflegmatischer Mensch, ein Mensch ohne alle Leidenschaft, und solche Dinge mehr. Mamsell Jain, die Gouvernante, wirft es mir als erbärmlichen Stolz vor, dass mir kein Mensch, besonders keine Dame, gefallen wolle, wenn sie nicht schrecklich gelehrt sei. Auch hält man mich im ganzen Ernst für einen Lügner, weil ich zuweilen zur Unterhaltung der Kinder ein Geschichtchen erlogen, und es mit einer wahren Miene erzählt habe. Auch hatte ich einmal gesagt, ich hätte einen Fisch gesehen, der wäre zehntausend Ellen lang gewesen.

Was überhaupt das Halle für ein Klatschnest ist, davon können Sie sich gar keinen Begriff machen. Reisen Sie nur einmal durch und öffnen Sie im Gasthofe im Beisein des Marqueurs Ihren Geldbeutel, und in 54 Minuten weiß es die ganze Stadt, dass Sie mit sich führen: 12 Friedrichsd´or, 299 Thaler in Courant, und 67 Thaler 18 Groschen und 9 Pfennig in Münze.

Aber man braucht sich gar nichts darauf einzubilden, der Gegenstand ihrer Unterhaltung zu sein. Ich war anderthalb Tage in der Stadt, und man wusste schon, Reil´s haben einen reichen Herren bekommen, einen Juden (gewiß ist er getauft!), der hat am Thore dem Visiteur 6 Groschen gegeben, und er wird dem Magister Lange für jede Stunde 8 Groschen geben.

Dem Conditor Schelling war ich ein paar Thaler schuldig. Der Conditor Schelling sagt es dem Chirurgen Harschleben, Harschleben erzählt es dem Doktor Rose, der Doktor vertraut es unserem Hausmädchen, der Hanne, die Hanne verplaudert es der Frau Oberbergrätin, und endlich fragt mich die Reil, warum ich dies getan hätte? Den anderen Tag gehe ich den Ring um eine Partie Billard zu spielen, und da erzählt mir der französische maitre Vivant, er habe es von Friedrichen gehört, ich sey Schellingen 18 Thaler für Kuchen schuldig. (…) Die Gastfreundschaft, die in Berlin in so hohem Grade ist, findet hier im mindesten nicht statt. Man giebt zwar oft Schmausereien, und prächtig genug, aber da wird nur der eingeladen, bey dem man vorgestern zu Gaste war, u.s.w. (…)

Aber die Leute wollen es nichts anders haben, und es ist ihnen nichts peinlicher, als jemanden für etwas verpflichtet zu sein. Die Reil hatte in Berlin mit ihren Kindern 3 Mal Mittags und Abends bei der Tante Willich gegessen, und als die Reil heimkam, hatte sie kaum den linken Fuß aus dem Wagen gesetzt, so gab sie dem Bedienten die Ordre ein Fässchen Weizenmehl zu besorgen, und ein paar Kapaunen, und den nächsten Posttag schickte sie der Tante Willich für ihre Müh. Ich könnte gar nicht fertig werden, wenn ich alle kleinstädtische Lächerlichkeiten aufzählen wollte, die jede Woche in Halle passieren. (…) Ich werde diesen Sommer den Plato hören bey Wolf, ich erinnere mich, Schleiermacher wollte eine Uebersetzung davon liefern, ist sie schon herausgekommen? (…)

Unsre Universität wird jetzt in der That recht glänzend; die Anzahl der Studenten hat sich in diesem Frühjahr sehr vermehrt, wir haben einen Haufen neue Professoren bekommen, das werden Sie wissen, auch werden noch einige erwartet. Unter anderen hat auch ein gewisser Steffens, Reichardts Schwiegersohn, einen Ruf hierher bekommen. Er hat erst vor einem Jahr geheuratet und wohnt in Coppenhagen. - -
Ich habe kein großes Verlangen die Canzlerinn zu sehen. Sie wissen aber wohl nicht, wie es jetzt in Dieskau zugeht. Seitdem der Canzler todt ist, lebt sie in strengster Zurückgezogenheit, und sieht keine fremde Seele. Auch ist sie so knickerig, dass man keine Tasse Kaffee mit einem freundlichen Gesichte von ihr erhalten kann.
(114)

(Besuch in Dresden, Gemäldegalerie, im September ´04, S.118)

B. (23.9.04)
„ Ich bin so verdrieslich, aus einer Götterwelt bin ich in die grause Wirklichkeit zurückgekehrt. Nein, nicht einmal graus ist diese Wirklichkeit, so nackt steht sie da, so erbärmlich, dass man sie nicht einmal verwünschen kann. Ich denke ein spaßhafter Satan hat um dem Schöpfer seinen siebenten Tag zu parodieren, dieses Halle erschaffen. Denken Sie sich die Frau eines Landmannes, die mit dem Himmel keift, dass er nicht regnen lässt, und ein Stück grobe haltbare Hausleinwand dem besten Herzen vorzieht, da haben Sie Halle, wie es lebt und träumt. Eine solche Prosa, dass man rasend werden möchte, o Mutter, das ist keine Stadt für mich. Ich komme mit vollem warmen Herzen in mein Haus, noch froh der vergangenen Genüsse, und da schaut mir alles mit einer Bürgerlichkeit entgegen, dass ich weinen möchte vor Ärger.

Die Reil trippelt einher, mit ihren Zahnschmerzen und Krämpfen in aller Ewigkeit, und macht unausstehliche Gesichter. Die Reise hat viel Geld gekostet, und jetzt muß sie noch nachzahlen. Wo soll das hinaus? Was wird Ihr Herr Vater sagen? Ich bin nicht der Thor, liebe Mutter, der den Werth des Geldes verkennt, auch verlange ich nicht, dass andere es nicht achten sollen, weil ich es verschwende; aber, wie diese Leute das Geld lieben, diese Hallenser, diese Reils, wie sie es lieben wäre Ihnen ebenso unausstehlich als mir. Sind Sie prosaisch in allem ihren Thun und Handeln, so herrscht in ihrer Liebe zum Gelde die herrlichste, reinste Poesie; die Poesie der Poesie. Es ertränkt sie in feuchter Anschauung, wie es nur Raphaels Madonna vermag auf das Auge des Kenners, und des gefühlvollen Herzens, sie liebkosen es, wie ihr jüngstes Kind, sie küssen und herzen es, wie ein Jüngling das Bild der Geliebten.

Reil, als er mich gestern wiedersah, sprach: Nun Herr Louis, sind Sie auch wieder da? Ich liebe ihn so innig, diesen Mann, und er sieht in mir weiter nichts als – den reichen Juden. Ja, liebe Mutter, es giebt Augenblicke, wo ich so töricht bin zu wähnen, ich wäre glücklich, wenn ich in Dürftigkeit lebte. Ich brauchte dann nicht zu fürchten, die Freundlichkeit mancher Leute gegen mich wäre erzwungen, weil ein jährliches Lächeln mit 500 Thalern bezahlt wird, ungerechnet der ochsigen Präsente, die es geben wird, wenn ich einmal nach Hause zurück gehe und promoviere. Mit all ihrer Freundlichkeit können es Reils nicht verbergen, wie froh sie sind, wenn ihnen mein Vater endlich die eingeschickten Rechnungen zahlt, nachdem sie ach! so lange haben warten müssen. (…) Ich bin nicht mehr soviel Kind, dass ich vor Freude nicht schlafen könnte, wenn ich morgen in einer Kutsche fahre; aber aus Halle wegzureisen auf einige Zeit bewegt mich so, dass ich vor Freude nicht essen und schlafen kann. –„

B. (13.11.04)
„ Wie sehr es mir leid thut, dass ich die Empfehlungskarte, die Sie mir an Reichardt mitgegeben haben, aus Blödigkeit nicht abgegeben hatte, kann ich Ihnen gar nicht genug sagen. Sie wissen wohl schon, dass seine Tochter den Doktor Steffens aus Coppenhagen geheuratet hat, der jetzt hier als Professor der Mineralogie angestellt ist. Ich höre die Naturphilosophie bei ihm. Liebe Mutter, diesen Mann müssten Sie reden hören, wie das strömt, wie das stürzt, dass die Wahrheit selbst untersinken könnte im Strudel seiner Worte, und man würde sie nicht vermissen. Ein gefährlicher Mann in der That, dessen Beredsamkeit uns alles weiß machen könnte. Meine Verehrung für ihn ist ganz grenzenlos; manches was ich wusste, vieles was ich dachte, alles was ich ahndete, giebt er mir zurück. Nicht seh´ ich ihn, nicht hör´ ich ihn, ich fühle ihn sprechen. (129)

B. (14.11.04)
„ Wäre ich ein Freund von patriarchalisch-romantischen Deklamationen á la Werther, so hätte ich gute Gelegenheit, mich in einer sehr poetischen Darstellung meiner jetzigen Umgebungen auszusprechen. Da sitz´ ich so einsam auf meinem Sopha mit ländlichem Stroh ausgestopft von den Händen der hauswirthlichen Reil. Wie abgefallne Blätter vom Baume, liegen die Bücher um mich her, und flößen mir traurige Betrachtungen ein über die Vergänglichkeit der Dinge. Drinn um Ofen knistert das Holz laut und seufzet jämmerlich, weil es verbrennen muß. (Ich hätte mich auch so ausdrücken können: das Holz knistert und macht ein großes Geräusch, und sucht kindisch das Brausen des Windes zu übertreffen, aber der Wind pfeift höhnisch in die Röhre und lacht es aus.) Die Natur hat heute ihr weißes Sterbehemd angezogen, und das Todtengerippe der zwei Nussbäume vor meinem Fenster schaut mich lächerlich an.“ (131)

B. (27.1.05, Rückkehr von Berlin, S.135f)
„ Ich will Ihnen auch was davon erzählen, liebe Mutter, wie mir´s im Gemüthe war, als ich in Halle wieder ankam. An der Post war ich abgestiegen, und gieng nach Hause. Die Straßen waren so still und todt, als hätte die Pest hier gewüthet, aber es kam mir nur so vor, weil ich den Berliner Lärm noch im Kopfe hatte. Nun hatte ich auf dem Heimwege bedacht, wie mir bey Reil´s alles so gemein, so abstechend, und so erbärmlich scheinen werde, und ich freute mich recht eigentlich darauf. Wie ich aber in´s Haus trete, ist alles so hübsch ordentlich, dass ich in die peinlichste Lage komme, die sich nur denken lässt. Jeder grüßt mich ganz freundlich, ohne Herr Louis, die Kinder kommen und fragen, was ich ihnen mitgebracht habe, kurz, es war keine Spur von Philisterei vorhanden. Aber dieses poetische Betragen war mir so zuwider, dass ich hätte aus der Haut fahren mögen, denn ich konnte mich über nichts lustig machen, und aller Spas war mir verdorben. Wenn jemand, wie Reil´s ganzes Haus nicht nach meinem Sinne ist, so will ich, dass es mir nicht einen Augenblick gefalle. Wie auch hier, so ist mir in hundert andern Fällen die goldne Mittelstraße zuwider, ob ich gleich sonst alles liebe, was von Gold ist, weil ich dafür Kuchen kaufen, und nach Berlin eine Reise machen kann. (…)

B. (26.5.1805, nach der Rückkehr von Frankfurt/M.)
„ Was mich betrifft, war ich in Frankfurt so lebensfroh, wie noch nie, obzwar das Element, in dem ich athmete, mir so fremd war. Die Leute amüsierten mich erstaunlich, weil sie so gar exzentrisch waren, außer meinem Mittelpunkt. Ich spreche immer von Juden, denn mit Christen gehen wir nicht um, noch weniger sie mit uns. Was nun das für Menschen sind, welch ein Leben das ist, welch ein Handeln. (…) Drei Dinge sind, die sie zu schätzen wissen, erstens: Geld, zweitens: Geld, und drittens: Geld. Es ist die Blüthe ihres Witzes, dass sie den Hamlet´schen Monolog übersetzen: Geld oder nicht Geld? das ist die Frage u.s.w.“

B. (1.9.05, Verhältnis zu Schleiermacher)
„ Wie Schleiermacher von seiner Reise zurückkam, sah ich ihn zum erstenmale bei Gall´s Vorlesungen , ich ging ihn zu bewillkommnen, aber wie er mich so kalt ansprach, so unausstehlich kühl, dass ich vor Aerger hätte weinen mögen, wenn ich mich nicht geschämt hätte, und seit der Zeit gehe ich auch nicht mehr zu ihm. (…) Die kleinen Malheurs an meiner Hand kommen daher, weil ich jetzt fechten lerne, wobei es denn oft so was absetzt.“

B. (1.12.05, Verhältnis zu Schleiermacher)
„ Ich, der ich allen Philistern Tod und Verderben geschworen habe, ich sollte gegen Tadel empfindlich sein, welches die ärgste aller Philisterei ist?“

B. (20.1.06)
„Ich höre bei Schleiermacher die Ethik; es ist mir die angenehmste Stunde im ganzen Tage. Man lernt so vieles, und ich ergötze mich auch darin. Denn es ist mir nichts angenehmeres als zu beobachten die Gewandheit seiner Sprache, und wie leicht und besonnen er sich durch die schwersten Dinge windet, ohne anzustoßen und unverständlich zu sein. Jedoch wird der arme Mann von mir um sein Honorar geprellt. Denn ich kann nicht überwinden, es ihm zu bringen, und es ihm zu schicken, das kömmt affectiert heraus. Indessen weiß er nicht, dass ich sein Zuhörer bin, weil ich mich in der Menge verliere, und überdies auf der letzten Bank sitze, dass ich nicht gesehen werden kann.“(159)

B. (26.7.06)
„ O mir ahndet, es werden herrliche Zeiten kommen (schwer und theuer nennen sie die Philister), wo das Schaaf nicht mehr wird weiden dürfen mit dem Wolfe, wo der Esel nicht mehr wird herrschen über den Löwen, wo ich werde erkämpfen müssen das Brod das ich esse, mit meinem Blute erkaufen das Mädchen, das ich liebe.“ (Studien: Beschäftigung mit der praktischen Medizin) „Reil ist das vollkommenste Muster eines Arztes, so, dass er in der That mehr mich niederschlägt, als aufmuntert, wenn ich bedenke, dass ich die Höhe mit aller Anstrengung nicht werde erreichen können, auf der er steht. In meinen Augen ist er ein wahrer Gott, und meine Achtung für ihn wächst täglich.“

B. (16.12.06, mit Reil von Berlin zurück)
„ Ich bin nun wieder hier mit meinem französischen Hut, mit meiner französischen Kokarde, und meinem französischen Schnurrbart, aber nicht mit leichtem französischen Sinn. (…) Auch die schöne Erwartung ist mir zu Grunde gegangen, dass die Philister und vorzüglich mein Hauspräparat sich sehr drollig benehmen würden in ihrem Malheur, zu meiner Ergötzung und Belustigung. Allein das geht alles so gemein her. Dass doch diese Menschen in nichts exelliren können, als nur in der Gemeinheit! Ich hätte mögen ein trojanisches Pferd in die Stadt bringen, voll von lauter kleinen Mücken, die, losgelassen, den Leuten Nase und Ohren kitzelten, damit sie wenigstens Gesichter schnitten zu meinem Amüsement. – Ach, die Straße, worin ich wohne, kam mir in den ersten Tagen so enge vor, dass mir däuchte, das Diminutiv von meinem Herzen doppelt übereinander gelegt, würde sich nicht durchdrängen können, und ich nahm jedes Mal einen Umweg, um zum Markte zu gelangen. Und dieses große Herz, von dem ich spreche, ist so voll Liebe für Berlin, dass nicht einmal so viel Raum drin übrig bleibt für ein Paar ganz keine kleine Mischemischinnichen (kleine Aprikosen, NB), meiner guten Stadt Halle zum Gedeihen.“ (171f) „Einige Weiber hier haben französische Liebhaber. Das ist das Neueste aus der Chronique scandaleuse unsrer Residenz.“

B. (9.5.07, Heidelberg)
„ Uebrigens ist es mir immer unerklärlich geblieben, wie manche Leute in Halle – ich kann sagen, viele – sich die Mühe genommen haben, mich zu bekritisieren, und mich schlecht zu finden. Denn es ist bei jenen Menschen nicht der Fall wie bei Ihnen, dass sie mich meiner Kraft nach beurteilen, und mich tadelten, weil Sie meinen, es wäre schade um den Louis. Denn sie erkennen schlechterdings nichts Gutes an mir. Ich hatte sonst geglaubt, die Hallenser hielten mich wenigstens für klug, und könnten mich blos meiner Sonderbarkeiten, und der Sucht wegen, die sie mich andichten, sonderbar zu scheinen, nicht leiden. Allein auch darin betrog ich mich. Ein Student (der gar kein übler Mensch war), mit dem ich mich kurz vor meiner Abreise gezankt, und nachher ausgesöhnt hatte, versicherte mir auf sein Ehrenwort, ich Louis Baruch sey in der ganzen Stadt als ein halber Narr, und in der halben Stadt als ein ganzer Narr – (welches ist schlimmer?) – bekannt. Wahrhaftig nicht erschrocken, aber ganz verwundert war ich darüber.“ (183)