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HALLE
IM OCTOBER 1806.
Der Oktober 1806, genauer gesagt: Die Tage zwischen dem 17. und 20.10.1806 brachten für Halle einen radikalen Einschnitt: Der Glaube an die Unbesiegbarkeit der eigenen (preußischen) Truppen war gebrochen, die Universität - und damit eine wesentliche Einkommensquelle der Bürger - aufgehoben und das `Giebichensteiner Dichterparadies´ seines Herrn, J.F. Reichardt, verlustig gegangen und verwüstet. Zeitgenossen wie Historiker unserer Tage haben mit dem Jahr 1806 und den darauffolgenden Jahren im Königreich Westfalen den Untergang des alten Halle ausgemacht: "Die Industriestadt des Bürgertums und der Arbeiterschaft löste die Stadt des Salzes, der Residenz und der Universität ab." (W. Freitag: Halle 806 bis 1806, 2006, S. 188)

Der Verfasser des Textes "HALLE im OCTOBER 1806" ist unbekannt; vermutet wird als Autor August Hermann Niemeyer. Ein Originalexemplar befindet sich in der Universitäts- und Landesbibliothek der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. (N. Böhnke)

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Es stürmt! des Meeres Wogen rasen;
Weh dem Nachen, den dieser Sturm
ergreift.

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MAGDEBURG,
BEY W. HEINRICHSHOFEN 1808.


Ein Jahr ist seit den Begebenheiten, welche den Inhalt dieser Blätter ausmachen, verflossen, und noch ist wenig oder nichts, so viel auch über die Ereignisse dieses Krieges geschrieben wurden, über diesen, in der Geschichte desselben so interessanten Moment, bekannt geworden. Die gute Gewohnheit unserer Ahnen, Chroniken zu halten, ist aus der Mode gekommen, obgleich wir bedeutende Beyträge zur Geschichte der Vorzeit auf diesem Wege der Vergessenheit entrissen haben. Die Tradition wechselt ihr Gewand, so wie sie durch die Generationen fort- schreitet, und den Enkel bewegt das nicht mehr, was dem Ältervater Thränen entlockte. Mögen denn diese Blätter eine Chronik jener Tage des Schreckens seyn, mögen sie manchem, der dahmals in Halle´s Mauern lebte, der Faden seyn, seine eigenen Unfälle und Leider an die des Ganzen anzureihen.

Auch mich hat dort des Schicksals Strom ergriffen, meinen Plänen mich entrissen, weit mich fortgeführt, bis endlich aus der Heimath friedlichen Hafen, die ferne Zerstörung zu schauen, dem Flüchtling vergönnt ward.

Der Verfasser.

Halle im October 1806

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Die Garden des Königs von Preußen waren durch Halle der Armee nach Sachsen gefolgt. In der Gegend des Thüringer Waldes zog sich das Ungewitter, welches Deutschland bedrohete, zusammen; die Welt harrte in banger Ahndung des ersten Schlages.

Auf des Königs Angesicht ruhte, bey seiner Anwesenheit in Halle, eine heitere, fast fröhliche Miene, wie man sie sonst nicht an ihm zu sehen gewohnt war. Dem Patrioten war dies ein Unterpfand für das Gelingen des angefangenen Werks. Wie kann der König, meynte das für den Krieg eingenommene Volk, so heiter seyn, wenn er nicht auf die kräftigste Unterstützung von Seiten seiner Alliierten rechnen darf

Und wenn er nicht schon jetzt, im Vertrauen auf dieselbe und durch die Vereinigung aller Mittel, welche ihm zu Gebote stehen, einen glücklichen Erfolg herbey zu führen denkt. Man wähnte die Russen in Schlesien, vielleicht schon in Sachsen und glaubte, dass die erste für Preußen siegreich ausfallende Schlacht, das Signal des Aufbruchs der Österreicher gegen Frankreich seyn werde. Bayern und die übrigen Deutschen Verbündeten Frankreichs würden bald überwältigt, oder von dem siegenden Heere bedroht, sich zu Preußens Fahnen schlagen; man sah schon die Franzosen überall zurückgedrängt, mit Mühe über den Rhein entkommen, auf ihrem heimischen Boden angegriffen und geschlagen werden.

Und wofür schlug man sich? Für die gerechteste Sache von der Welt. Man sah in Frankreich nur den Bedrücker Deutschlands, man wollte Deutschlands Fesseln zerbrechen und Napoleons glorreicher Feldzug in Süddeutschland, statt die Norddeutschen von jedem Versuche, es mit ihm aufnehmen zu wollen, abzuschrecken, entflammte dieselben nur noch mehr, das hohe Ziel zu erreichen, ihn, den Unüberwundenen, jetzt zu besiegen.

Die Stimmung des Soldaten, war für ihre Führer, so gut als man sie nur wünschen könnte. Vom alten Grolle entbrannt, rückte die Armee im Herbste 1805 aus; die Schlacht bei Austerlitz hieß sie zurückmarschieren. Sie blieb auf dem Feldetat. Der ewigen Neckereyen dieser Lage müde, wünschte der Soldat das Signal zum Aufbruch. Es wurde gegeben und man führte das Heer mit Schneckenschritten in die Gegend, die man mit hoher Weisheit sich zum Schlagen ausersehen hatte. Sich besser als der Österreicher angeführt dünkend, dachte der Preuße die Schmach, welche Österreich bei Ulm erlitten, den Siegern vom vorigen Jahre, in der Nähe von Rossbachs Gefilden vergelten zu können, er träumte nur von Plünderung und Sieg, pochte auf seine körperliche Stärke, und brachte öfters diese seine ausschweifenden Ideen, an Sachsens schuldlosen Landbewohnern zur Wirklichkeit.

Die Officiere vom Adelstolze aufgebläht, glaubten bald mit einer Armee, die von Bürgerlichen angeführt, nie einem Feinde ihres Gleichen sich gegenüber gesehen hätte, fertig zu werden. Noch nie, meynten sie, wären Preußens Heere in offener Feldschlacht Frankreichs Kriegern gewichen und wahre Taktik herrsche nur bey ihnen. Sie verließen sich auf ihr geputztes Heer, und die auf dem Revueplatz gewonnenen Schlachten und gemachten Märsche, sie deckten die Blöße mit den Lorbeeren, welche ihre Großväter sich errungen hatten und dachten nur an Triumphe, Adlerorden, Avancements und die goldene Ruhe nach dem Siege. Die wenigen in Friedrichs Schule gebildeten Generale waren alt, ergraut, und seit langer Zeit unthätig; sie kämpften nie gegen Frankreich, seit Napoleons Geist es lenkt, und freuten sich im Geiste schon des Siegs, welcher den Österreichern, wie sehr sie ihnen auch zu ihren Plänen nützen könnten, das Übergewicht der Preußischen Taktik bemerkbar machen würde.

Man druckte Kriegslieder, welche die Soldaten nicht sangen, erlaubte auf Theatern und in Schriften Ausfälle gegen Frankreich und seine Alliierte, und suchte Anekdötchen und die Geschichte des siebenjährigen Kriegs und des Feldzugs am Rhein hervor, um seinen Muth zu stählen, und die Franzosen als furchtsam und leicht überwindlich zu schildern. Die Russen marschierten – den Zeitungen nach – durch Pohlen und Schlesien, während ihre Avantgarde noch nicht einmahl die Grenze der Preußischen Staaten berührt hatte.

Mit unglaublicher Schnelligkeit, zog sich dagegen das Französische Heer zusammen und rückte gegen die Grenzen des Feindes an. Die Garden legten in drey Wochen den Weg von Paris nach Bamberg zurück. Die Verbündeten, schon im vorigen Jahre in Süddeutschland geprüft, beseelte derselbe Geist.

Im Vertrauen auf seine Siege, in vier Welttheilen errungen, auf seine Führer, seit fünfzehn Jahren im immer- Währenden Kriege gebildet, auf seine Taktik, jedem Terrain anpassend, im Vertrauen auf Napoleon, der ihn nach Wien führte, überließ sich der Französische Krieger, mit jedem Bedürfnisse reichlich versehen, ohne Sorge den Ausbrüchen seines feurigen Temperaments und den Freuden des Soldatenlebens. Er sehnte sich nach dem Augenblicke, welcher ihn zur Schlacht rief, um die Beschimpfung zu rächen, welche Preußen ihm anthat, als es den Französischen Heeren, Deutschland innerhalb sechs Wochen zu räumen, befahl.

Täglich gingen Nachrichten von dem Vorrücken beyder Armeen ein, aus denen sich ergab, dass die Preußen die Ankunft des Feindes diesseit des Thüringer Waldes abwarten wollten, während die Franzosen durch Eilmärsche ihnen in diesem wichtigen Posten zuvorzukommen suchten, um sich in Sachsen festzusetzen, welches vorzügliches Interesse für sie haben musste. Napoleon erschien bey der Armee, die Rollen wurden vertheilt, die Anführer begaben sich auf ihre Posten, die Vorbereitungen zum großen Trauerspiele, das man geben wollte, fingen an, der neunte October erschien, der Krieg wurde erklärt, die Feindseligkeiten begannen.


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Halle, eine Universitätsstadt von ohngefähr 26000 Einwohnern, an dem rechten Ufer der Saale, welche in mehreren Armen vorbeifließt, wurde schon 1805 und auch in diesem Jahre zum Ort des Übergangs eines großen Theils der Armee über den Fluß bestimmt. Auch ihr Garnisonsregiment v. Renouard rückte aus und von dem nach Magdeburg beorderten dritten Bataillon desselben kamen hundert Mann zurück, um mit der Invalidencompagnie und dem von Aschersleben einrückenden dritten Bataillon des Curassierregiments v. Quitzow, die Garnison der Stadt auszumachen.

Durch Halle marschierte also ein großer Theil der Armee zum zweyten Mahle und die Bürger klagten sehr über die häufige Einquartierung. Hier blieben die Kranken der durchmarschierenden Truppen, hierher wurden die Kranken aus der ganzen Gegend gebracht, ein bedeutendes Lazareth angelegt und die Vorkehrungen zu einem noch größeren, im Falle der Schlacht, getroffen. Hierher wurden die Lieferungen aller Art geschafft, ungeheure Magazine aufgehäuft und die Hauptarmee von hier aus versorgt. Die Brücke über die Saale machte, in Verbindung mit den obigen Umständen, die Stadt zu einem für die Armee höchst wichtigen Punkt, welchen man vor jedem Überfall vorzüglich sicher zu stellen, Sorge tragen musste.

Die Einwohner, so wie die Studenten und ihre Lehrer waren, wie damahls alle Preußen, enthusiastisch für den Krieg eingenommen. Viele von den Professoren sprachen häufig vom Catheder wie im Privatleben gegen Frankreich, gegen seine um sich greifende Macht, gegen die neue Organisation des Französischen Reichs, gegen Einrichtungen und Verfügungen in der Familie der neuen Dynastie, kurz sie nahmen sich der politischen Lage der Dinge herzlicher an, als ihre Würde, die Gelegenheit und ihr für ihre Schüler so ansteckendes Beyspiel es erlaubte. Die jungen studierenden Preußischen Unterthanen, stimmten jauchzend ihren Lehrern bey und verlachten und höhnten die Ausländer, welche das Französische Heer aus Erfahrung kannten und für die Sache der Preußen einen unglücklichen Ausgang ahndeten.

Am 11ten October kam die erste Nachricht vom Ausbruche der Feindseligkeiten nach Halle. Prinz Louis, hieß es, wäre siegreich bey Vertheidigung der Brücke von Saalfeld gefallen; die Franzosen hätten viel Gefangene und Todte zurückgelassen. Unverbürgt, häufig durch andere Gerüchte abgeändert und widersprochen, war diese Nachricht, bis endlich Sontags Nachmittags den 12tenOctober ein Zeuge der ersten Affaire bei Schlaiz, über Leipzig, in Halle anlangte. Es war dies der Bediente eines Husarenlieutenants vom Bataillon Bila, welcher in jenem Gefechte geblieben war, und dessen Pferde er zu dem Vater seines Herren zurückbrachte. Er war nicht selbst mit im Feuer gewesen, hatte aber gehört, daß das ganze Bataillon und mehrere Sächsische und Preußische Regimenter sehr gelitten hätten. Am folgenden Morgen, als er die Armee verließ, habe man in einer großen Ausdehnung feuern gehört, doch wisse er nichts von dem Erfolge des Gefechts. Noch kam ein Husar desselben Bataillons an. Da er erst seit sechs Wochen in Diensten und noch nicht exercirt war, so wurde er hinter der Fronte aufgestellt, riß aber beym ersten Kanonenschuß aus und wußte von nichts. Überall wurde er von dem ihn umringenden Volke geneckt und ausgelacht.

Noch andere Nachrichten gingen ein, nach welchen die Franzosen in Gera, Naumburg und Zeitz eingerückt seyn sollten, diese Städte ausgeplündert hätten und jetzt schon Leipzig bedrohten. Doch hielt man sie bloß für ein kleines durchgeschlüpftes und im Rücken der Preußischen Armee agirendes Streifkorps. Seit diesem Tage, bis zur Einnahme der Stadt durch die Franzosen, wurden die Straßen vom Morgen bis zum Abend, nie von Neugierigen leer.

13. October

Voller Erwartung und banger Ahndung hatte man den Anbruch des Tages erwartet, man fürchtete, die bösen Nachrichten von gestern bestätigen zu hören. Überall drängten sich Menschen in kleinen Haufen zusammen, um etwas neues zu hören oder mitzutheilen.

Die Lieferungsfuhren nach Naumburg bestimmt, erhielten Ordre, in Halle liegen zu bleiben. Bald langte der Befehl an, alles nach Magdeburg zu schicken.

Etwa gegen neun Uhr Morgens erschallten plötzlich die Schreckensworte: „die Franzosen kommen!“ Furcht und Verwirrung verbreitete sich schnell durch die Stadt, alle Geschäfte strockten augenblicklich, man verrammelte Fenster und Thüren, und versteckte seine besten Sachen. Heulend und vor Furcht bleich, rannte das Volk in den Straßen durcheinander, und alle Fremde verließen eiligst die Stadt; auf dem Markte versammelte sich indeß die Garnison. Doch bald kehrte Ruhe und Ordnung zurück, da man die Ursache jenes blinden Lärms erfuhr. Eine Menge Pack- und Pontonknechte nämlich, welche, als sie in Gera von den Franzosen überfallen wurden, die Pferde von den Wagen abschnitten und entflohen, von einigen Bagagewagen, welche einem Füsilierbataillon zugehörten, gefolgt, kamen in größter Eile die Chaussee von Leipzig herunter gesprengt. Man hielt sie für die anrückenden Franzosen, daher der Aufruhr. Doch ging zugleich die bestimmte Nachricht ein, daß ein Französisches Streifkorps bis Zeitz gekommen sey, welches, wie man hinzusetzte, vom Fürsten Hohenlohe verfolgt, nicht wisse, wohin es sich retten solle.

Gegen Mittag langten eine Anzahl flüchtiger Sächsischer Infanteristen, welche sich mit Bauernpferden, um schneller fort zu kommen, beritten gemacht hatten, an. Überall wurden sie ihrer Flucht und Angst wegen vom Pöbel verspottet, selbst in Halle glaubten sie
sich noch nicht vor den Franzosen sicher, und einige setzten ihre Flucht jenseits der Stadt fort.

Auch Preußische Jäger zu Fuß mit der ihnen anvertrauten Bagage, langten von Leipzig her an. Nach dem verlornen Treffen bey Schlaiz erhielten sie Befehl, sich zurückzuziehen und waren so, beständig vom Feinde verfolgt, von ihrem Korps abgekommen.

Diese Jäger, die Reconvalescenten vom Lazarethe, das dritte Bataillon des Curassierregiments Quitzow und 100 Mann vom Depotbataillon des Regiments Renouard, nebst der Invalidenkompagnie dieses Regiments, besetzten, so gut es sich thun ließ, die Thore und andere Posten, und wollten den Feind erwarten; doch hielt man sie für zu schwach und fürchtete die Ankunft der Franzosen, bis man endlich gegen Mittag, aus dieser mißlichen Lage befreyt wurde.

Schon am 11ten October hatte der Herzog von Württemberg, wel-
cher die Reservearmee bei Magdeburg sammelte, Befehl erhalten, schleunigst nach Halle aufzubrechen, um diese Stadt zu decken, und in der Nähe der Hauptarmee zu seyn. Er brach auf, der Marsch der Truppen wurde durch Eilboten, welche die dringende Gefahr der Stadt meldeten beschleunigt. Gegen Mittag rückte die Leibcompagnie des Regiments Kalckreuth mit zwey Kanonen ein. Welch eine Freude; welch ein Jubel empfing sie! Man nahm sie als Erretter auf, man theilte Obst und andere Erfrischungen unter diese, vom Marsche erhitzten und abgematteten Krieger aus. Ohne Verzug rückten sie vor das Galgthor und besetzten dasselbe, um hier den Feind zu erwarten, der übrigens für heute nichts von sich hören, noch sehen ließ. Man athmete freyer, man ging wieder an seine Geschäfte und obgleich die Erwartung der Entwicklung der Dinge, manche Brust unruhiger hob, so glaubte man sich doch für diesen Augenblick und künftig gegen jeden Überfall, durch die nahe Ankunft der Reservearmee hinlänglich gesichert.

Am Nachmittage kamen einige Hallische Kaufleute von Leipzig an. Sie brachten die Nachricht mit, daß in vergangener Nacht ein kleines Detachement des Feindes in Leipzig gewesen wäre, gebrandschatzt, einige Pferde weggenommen habe, und gegen Morgen wieder ausgerückt sey. Das in der Stadt liegende zahlreiche Sächsische Militär sey vor der Ankunft der Franzosen ausmarschiert, die Stadt läge voll von Verwundeten und Flüchtlingen von den Affairen bey Schlaiz und Saalfeld; Prinz Louis sey geblieben.

Noch in der Nacht langten mehrere Bataillone vom Eugenschen Korps an, welche an diesem Tage einen Weg von 6-7 Meilen zurück gelegt hatten.

Den 14. October

Schon von sechs Uhr Morgens an, vernahm man in der Gegend von Halle, besonders auf den Hügeln im Süden von Glaucha, deutlich den Kanonendonner einer entfernten Schlacht. Öfters schwieg das Getöse einige Minuten hindurch um bald mit vermehrter Stärke wieder anzufangen. Man sagte, daß das in der Gegend von Leipzig bemerkte Korps von den Preußen verfolgt, bey Schaafstedt oder Lauchstedt eingeschlossen wäre, und sich nur mit Mühe vertheidige. Auch schien die Stärke des Kanonendonners diese geringe Entfernung des Kampfplatzes zu bestätigen, denn man glaubte jeden einzelnen Schuß unterscheiden zu können, ungeachtet der Wind ziemlich lebhaft der Gegen zu wehete, von welcher der Schall kam. Die ganze Besatzung der Stadt, welche schon bis auf mehrere Regimenter angewachsen war, stand deshalb lange Zeit in den Straßen unter Gewehr. In Giebichenstein langte ein Trupp Sächsischer Dragoner und Husaren an, welche auf dem Wege, Remontepferde zur Armee zu führen,
in der Gegend von Schaafstedt von Franzosen attaquirt worden. Ohne Pulver und Bley blieb ihnen nichts als eine schnelle Flucht übrig.

Mittags wurde der Französische Sprachlehrer Renault arretirt. Dieser Mann, ein treuer Anhänger seiner Nation, äußerte laut gegen jemand auf dem Markte: Napoleon werde den König von Preußen dethronisieren. Ein Student, welcher sich der Sache annahm, verhaftete ihn.

Nachmittags wurde die Kanonade schwächer und schien sich zu entfernen, woraus man schließen zu können glaubte, daß die Preußen die Sieger wären, indem sie die gegen Halle vordringenden Feinde geschlagen hätten und jetzt wahrscheinlich verfolgten.

Zwey Feldjäger, welche am Abende durch Halle gingen, verbreiteten die Nachricht, daß sie die Bothschaft des heute errungenen Sieges nach Berlin überbrächten. Dies bewog einige patriotische Musensöhne, dem Könige von Preußen ein VIVAT, den Franzosen ein Pereat anzustimmen. Auch das am 9ten October publicirte Kriegsmanifest kam heute nach Halle, und wurde, so wie die Ordre an die Armee, von demselben Dato, auf dem Markte, dem zahlreich versammelten Volke vorgelesen, und mit allen Zeichen der Zufriedenheit mit diesem Kriege, und der Erbitterung gegen den Feind, aufgenommen.

15. October

Eine zweydeutige Stille herrschte in der Stadt, ungewiß ob sich wirklich beym gestern gehörten Gefechte der Sieg auf Preußens Seite geneigt hätte, sah man so manche Anstalt, vernahm so manches Gerücht, welches das Gegentheil zu vermuthen Anlaß geben konnte.

Noch immer langten Truppen aller Art, zum Würtembergischen Korps gehörig, an, und gingen zum Theil durch die Stadt weiter vorwärts.

Ein Capitain von einem Füsilierbataillon, kam gestern gegen Abend mit einem Paar siner Leute nach Merseburg. Bald darauf meldete man die Annäherung eines starken Trupps feindlicher Infanterie, und rieth dem Capitain zur Flucht; doch dieser raffte mehrere muthige Bürger zusammen, besetzte mit ihnen das Thor, commandirte laut, als wenn er vor der Front eines Bataillons stände, ließ einige Bürgertrommeln rühren, großes Geräusch mit den Waffen machen und gab bey dem Anrücken des Feindes mit seinen Soldaten einigemahl Feuer, so daß die Franzosen, welche Merseburg, durch dieses Blendwerk getäuscht, für zu stark besetzt halten mochten, sich zurückzogen. Heute früh langte dieser Capitain im Hauptquartier an, und raportirte diesen Vorfall. Der Herzog von Würtemberg nahm keine Notiz davon.

Eine Szene, welche bey den meisten jeden Zweifel gegen einen glücklichen Ausgang der Sache Preußens zerstreute und der neugierigen Menge viel zu gaffen gab, war die Ankunft von zwey Französischen Kriegsgefangenen. Es waren Chasseurs à cheval vom zweyten Regimente, begleitet von einigen Musquetiers und einem Unteroffizier des Regiments Malschitzky, welcher die erbeuteten Pferde führte. Nach der Aussage dieser Leute hatten sie gestern gegen 11 Uhr Vormittags auf Befehl mit diesen Gefangenen das Schlachtfeld verlassen, alles stände gut, äußerten sie gegen die fragenden Officiere.

Als aber ein Bürger bey dem Unterofficier sich nach dem Ausgange der Schlacht erkundigte, verweigerte dieser jede Antwort, weil man seinen Worten nicht glauben würde. Man drang desto heftiger in ihn, und nun erzählte er, daß alles verloren sey; die reitende Artillerie, auf welche man sich so sehr verlassen habe, wäre gleich zu Anfange der Schlacht weggenommen, die Cavallerie geflohen und die Infanterie total geschlagen. Man verlachte ihn, und hielt ihn für betrunken, auch gab er sich weiter keine Mühe, seinen Worten Glauben zu verschaffen. Einige in der Schlacht blessirte Officiere vom Regiment Renouard langten noch in der Nacht an, und brachten traurige Nachrichten von dem Zustande des Heeres mit sich, doch kamen diese Nachrichten nicht so bald ins Publicum. Einzelne, in den Affairen bey Schlaiz, Saalfeld, Gera u.s.w. Verwundete kamen auch in Halle an, und bezeugten die Nachricht vom Verluste derselben. Doch gab es einige, welche der Stimmung des Volks zu Gefallen und um Vortheil dadurch zu ziehen, vom Siege sprachen.

Gegen Abend brachten einige Merseburger Bürger noch eine kleine Anzahl Französischer Infanterie gefangen nach Halle ins Hauptquartier, der sie sich beym Plündern bemächtigt hatten.

Unangenehm ist die Erinnerung an diese Tage gewiß für jeden Einwohner von Halle, alle Geschäfte stockten, jede Minute gebar ein neues Gerücht; jedermann eilte bey dem geringsten Auflaufe auf die Straße hinaus, um etwas neues zu hören, überall kannegießerte man, dieser hatte bestimmte Nachrichten vom Siege, jener ebenso bestimmte von der Niederlage der Preußen, da sollte bald jener, bald dieser Französische Marèchal mit, Gott weiß wie viel tausend Mann geschlagen, eingeschlossen oder gar niedergehauen, bald der Prinz Murat selbst gefangen, bald diese, bald jene Person als Französischer Spion aufgeknüpft seyn, und was dergleichen Dinge mehr waren.

Ob es gleich sehr auffiel, daß man so nahe der gelieferten Schlacht noch keine officielle Nachricht von dem Aus- gange derselben habe, so tröstete man sich doch damit, bis jetzt noch kein geschlagenes Preußisches und noch weniger ein siegreiches Französisches Korps gesehen oder davon gehört zu haben. Gegen jeden Überfall die Stadt zu vertheidigen, war die Reservearmee stark genug, niemand ahndete die Nähe der Gefahr, niemand daß eben diese Reservearmee der Grund des Anmarsches der Franzosen gegen Halle war.

16. October

Immer mehr und mehr concentrirte sich das Korps des Herzogs von Würtemberg in der Stadt und der umliegenden Gegend, alle Häuser waren voll Soldaten vollgepfropft; der Herzog ließ daher zur Erleichterung der Stadt auf der Ebene, welche sich vom Galgthore nach Dieskau hin erstreckt, ein Lager abstecken.

Die Truppen unter seinem Befehle, bestanden meist aus Westpreußischen Regimentern, dem Kerne der Preußischen Armee, nämlich den Regimentern Kalkreuth, Natzmer, Jung-Larisch, Treskow, Kaufberg, den Grenadierbataillons Vieregg und Crety, einigen Füsilierbataillonen und einem starken Train Artillerie.

Wahrhaft muthvoll war die Stimmung dieser braven Krieger, so wenig sie auch seit einem Jahre Ursache hatten, mit ihrem Schicksale zufrieden zu seyn. Der Mißhelligkeiten mit Rußland wegen mußten sie den Marsch gegen die Rußischen Grenzen antreten; Alexan- der erschien in Berlin, und diese Truppen kehrten um, und gingen nach Sachsen; noch ehe sie hier anlangten, ließ der Presburger Friede sie in ihre Garnisonen zurückkehren. Die Armee blieb auf dem Feldetat. Unzähliche Mahle wurden die Beurlaubten aus ihrer Heimath in die Garnison berufen, und hier durch eine neuere, den ersten Befehl wiederrufende Ordre wieder entlassen. Endlich brach die Armee auf und jene Regimenter wurden dazu bestimmt, unter dem Commando des Herzogs Eugen von Würtemberg die Reserve der Preußischen Armee zu formieren. Der Sammlungsort war Cüstrin. Kaum waren sie hier angelangt, so mußten sie schnell nach Magdeburg abmarschieren, und noch ehe sie hier beysammen waren, berief ein Befehl sie nach Halle, um diese Stadt zu decken, und der Hauptarmee näher zu seyn. Hier langte sie in einzelnen Bataillonen seit dem 13ten October an, um wahrscheinlich, wenn sie alle versammelt wären, weiter vorzurücken.

Es waren die schönsten Truppen, welche man sehen kann, sie schienen die Stärke und die Macht des Feindes besser zu kennen, als ihre Vorgänger die jetzt schon mit ihren Gegnern sich gemessen hatten, doch im Vertrauen auf ihre Führer und ihren König und für das Vaterland dachten sie, zu fechten und zu siegen.

Und doch sah man in Halle ein Beyspiel, wie schändlich der Soldat vom Officier behandelt wurde und wie sehr dieser den Besitz der Compagnie nur als eine fette Pfründe anzusehen gewohnt war, welche man den Zeitumständen gemäß, auf die möglichst ergiebigste Art benutzen müsse. Zwey Compagien Grenadiere warfen als sie auf dem Markte aufmarschiert waren, ihre Gewehre fort, und begingen Thätlichkeiten gegen ihre Officiere. Seit sieben Monaten hatten diese ihnen das vom Könige ihnen bestimmte Fleischgeld vorenthalten. Jetzt, wo entfernt von ihrer Heimath auf dem langen Wege der ersparte oder von den Eltern dem Sohne auf den Marsch mitgegebene Zehrpfennig ausgegeben war, hier wo sie schon den Donner der Schlacht gehört hatten, wo vielleicht der nächste Augenblick sie selbst zur Schlacht und zum Tode rief, hier verlangten sie endlich das ihnen gebührende Geld; sie murrten, doch ohne Erfolg; sie vergriffen sich an ihren Officieren, ein Beyspiel ohne Beyspiel in der Preußischen Armee, zumahl bey dem Kern derselben, den Grenadieren, doch auch jetzt ohne Wirkung. Die auf der Hauptwache befindlichen Soldaten arretierten sogleich, von ihren Officieren dazu gezwungen, zwanzig der Unruhigsten, die übrigen kehrten ohne Widerspruch zu ihrer Pflicht zurück.

Nachmittags fingen die Truppen an das Lager zu beziehen. Das Grenadierbataillon Crety blieb mit dem Postamte und der Kriegscasse des Korps in der Stadt. Das Regiment Herzberg Dragoner lag jenseit der Saale in den Dörfern Passendorf, Schlettau u.a. im Westen der Stadt, das Husarenregiment Usedom lag auf dem Wege nach Leipzig und Merseburg. Noch um neun Uhr Abends langte aus der Gegend von Leipzig ein Füsilierbataillon an, und wurde in die Stadt einquartiert.

17. October

Früh Morgens rückte das schöne Füsilierbataillon v. Hinrichs, welches auch von Leipzig kam, in Halle ein. Die Bedürfnisse des Lagers an Holz, Fourage, Fleisch, Brot und dergleichen wurden hinausgeschafft, und die Soldaten kamen in die Stadt um Gemüse, Gewürze, fließend Wasser und andere Bedürfnisse hinaus zu hohlen.

Noch immer war keine bestimmte authentische Nachricht von dem Ausgange der Schlacht hier. Die Französischen Truppen, von deren Nähe man gewisse Auskunft hatte, hielt man für unbedeutende Streifkorps, welche keiner großen Unternehmung fähig wären. Man erwartete im Falle eines Angriffs, die Franzosen aus der Gegend von Leipzig her.

Gegen zehn Uhr Vormittags sprengte ein Trompeter vom Herzbergschen Dragonerregimente durch das Clausthor ins Hauptquartier, mit der Nachricht, daß der Feind sich von Passendorf her der Stadt nähere. Man behauptet, dass der Herzog diesen Mann, weil er ihn für betrunken hielt, in Arrest bringen ließ.

Nicht lange darauf jagte das ganze Regiment durch die Stadt, zum Lager hinaus, und verbreitete schnell die schreckenvolle Nachricht von der Annäherung der Franzosen und ihrer Übermacht.

Furcht und Entsetzen bemeisterten sich jetzt eines jeden, und die arme Stadt, schon vor fünf Tagen in gleiches, obgleich ungegründetes Schrecken versetzt, stand jetzt im Begriff, der Kampfplatz zweyer Heere zu werden.

Der Generalmarsch wurde geschlagen, die in der Stadt liegenden Füsiliere rückten mit zwey Compagnien des Grenadierbataillons Crety und zwey Feldstücken durch das Clausthor dem Feinde entgegen. Die beyden übrigen Compagnien jenes Grenadierbataillons nebst den hundert Mann des dritten Bataillons Renouard verließen als Bedeckung der Kriegscasse und des Postamts die Stadt, und schlugen den Weg nach Dessau ein. Alle Bagagewagen, welche noch in der Stadt waren, fuhren in das Lager.

Die anrückenden Preußen fanden einige Vorposten des Feindes schon bis in die Nähe des äußern Thores vorgedrungen, trieben dieselben aber zurück, und postirten sich längs des Steindammes, welcher vom Zollhause an der hohen Brücke nach Passendorf führt. Hier wurden auch die beyden Kanonen aufgestellt. Die Grenadiere blieben am Damme, die Füsiliere hingegen verbreiteten sich theils auf der an der Brücke gelegenen großen Wiese, um mit den Tirailleurs zu scharmuzieren, theils besetzten sie das diesseitige Ufer und besonders die sogenannten Pulverweiden, von wo aus sie auf den Feind schossen.

Die Hauptmacht der Franzosen stand in Passendorf; von hier aus sendeten sie kleine Detachements in die kleinen Gebüsche in der Nähe des Dorfs, ihre Tirailleurs und einige leichte Cavallerie vertheilten sich auf der Wiese. Doch schien es, als glaubten sie sich noch nicht stark genug, und hielten ruhig das Feuer der Preußen aus, um erst die Verstärkung, welche mit schnellen Schritte nahte, an sich zu ziehen. In der Haide lag ein bedeutendes Detachment als Reserve, welches in der Folge das Regiment Treskow besiegte. Das Feuer der großen und kleinen Gewehre dauerte über eine halbe Stunde, mit bemerkbarem Verluste der Franzosen fort. Endlich geruhten Sr. Königliche Hoheit, Herzog Eugen von Würtemberg, sich auf die Brücke hinaus zu begeben. Da er nur die kleine Anzahl der Feinde in Passendorf bemerkte, hielt er eine große Anstrengung gegen diese kleine Streifpartey für unnütz, verbot das weitere Verschwenden der Munition, ritt weg, und nahm noch eine reitende Batterie, welche zur Verteidigung der Brücke durch die Stadt herbey eilte, mit ins Lager zurück. Hier gab er sogleich Befehl zum Abbrechen desselben, und die Bagage nahm den Weg nach Dessau.

Muthig harrten indessen die Preußen an der Brücke der Ankunft des Feindes, welcher, als er sich genug verstärkt sah, im Sturmschritt über die Wiese eilte, die auf dem Damme aufgestellten, durch sein nahes Gewehrfeuer geschwächten Preußen, durch eine plötzliche Schwenkung seines rechten Flügels auf den Anfang der Brücke, abschnitt, und alles, was sich nicht ergab, oder fliehen konnte, in der Wuth niedermachte. Beyde Kanonen wurden erobert, und sogleich von den Siegern gegen die fliehenden Preußen gebraucht, von denen noch viele auf der Flucht der Tod ereilte. In wenigen Minuten waren die drey, über die Saale führenden Brücken erobert, und die Franzosen drangen mit den Flüchtlingen in das Thor hinein. Ausgestorben schien die Stadt, nirgend ein Mensch zu sehen, kein Laut, außer dem Getöse des Kampfes zu hören, alle Thüren verrammelt, keine mitleidig den armen Flüchtlingen eröffnet. Jeder wich vom Fenster in den Hintergrund zurück, man verbarg sich in die entlegensten Winkel. – Die Franzosen verfolgten den Feind die Clausstraße hinauf und in die Nebengäßchen, wo eine große Anzahl Preußen ihr Grab fand, bis auf den Marktplatz. Die ersten auf demselben waren einige leichte Cavalleristen, welche sogleich den Preußen über den Markt weg in die Galgstraße folgten. Eben formirte sich vor dem Rathause eine vom Lager aus, zur Beschützung der Brücke, beorderte Compagnie, sie gab Feuer, kein Franzose fiel, die Feinde drangen ein, zersprengten die Compagnie, und jagten sie in die Galgstraße hinein. Indeß marschierte ein Bataillon zum Galgthore hinein, die Straße zum Markt hinunter, als ihm die Flüchtigen, zum Theil verwundet, entgegen kamen, durch ihre Reihen unaufhaltsam hinstürzten und Furcht und Schrecken verbreiteten. Und jetzt erschien der siegreiche Feind, ihre Brüder mordend in der Straße und schoß unter sie. Schrecklich war die Scene, welche sich jetzt dem Auge darbot. Eine lange ziemlich breite Straße, von Soldaten vollgedrängt, welche der Schrecken entmannt hatte, welche außer Stande auf diesem Terrain dem wüthend eindrin- genden Feinde Widerstand zu leisten, jetzt ihre Waffen und ihr Gepäck fortwarfen, um desto leichter fortzukommen. Wie leicht wurde dem Feinde der Sieg! Nirgends konnten die Preußen entrinnen, der Seitengäßchen sind wenige, die Häuser waren alle verschlossen, die Flucht ging die lange Straße hinauf, durch das Thor, in der Richtung der Französischen Kugeln, jede Kugel traf, was nicht fliehen konnte, was sich nicht ergab, wurde niedergestoßen, und der Feind drang zum Galgthore hinaus.

Doch hier wurden seiner Siegesbahn Schranken gesetzt. Die Preußen erwarteten ihn am Thore der Vorstadt, durch eine Batterie auf dem Hügel, worauf der Galgen steht, unterstützt. Der Muth der Franken stürmte mehrmahl zum Thore hinaus, die Muthigen sanken, und Leichenhügel versperrten den Nachfolgenden den Weg. Indessen hatten andere das Steinthor erobert, wurden aber von den Preußen hier eben so, wie am Galgthor, empfangen. Nur das Ulrichsthor war von den Preußen nicht besetzt, und ein Theil Französische Cavallerie sprengte durch dies Thor hinaus und bedrohte die rechte Flanke der Preußen. Endlich entdeckten die Franzosen am Galgthore einen Weg durch den Hof des Gasthauses zum Hirschchen an die niedrige Erdmauer der Vorstadt, kletterten über dieselbe hinweg, und kamen so den Preußen in die linke Flanke. Jetzt stürmten sie mit verdoppelter Anstrengung zum Thor hinaus, überwältigten die Preußen, eroberten die Batterie. Alle anderen Thore wurden frey; die Franzosen drangen hinaus und formirten ihre Schlachtordnung. Der Versuch des Generals v. Usedom die Stadt wieder zu erobern, wurde mit Verlust abgewiesen, und den Preußen blieb nichts, als ein guter Rückzug übrig, welchen aber die hartnäckige Verfolgung bald in eine vollkommene Retirade verwandelte.

Während man so muthvoll an den Thoren kämpfte, langte das Regiment Treskow, welches von Rothenburg kam, um über die hohe Brücke und durch die Stadt ins Lager zu rücken, auf den Weinbergen bey Halle an. Und welch ein schrecklicher Anblick stellte sich ihm dar. Ohne Kunde von der Ursache des gehörten Schießens, erblickte es jetzt von der Höhe der Hügel ein Schlachtfeld und den Feind im Besitze der Brücke, welche man passieren mußte. Noch ehe man hier einen Entschluß fassen konnte, sah man sich von der in der Haide aufgestellten Reserve attakirt. Die Braven bildeten schnell ein Bataillon quarré, welches aber eben so schnell von dem lebhaftesten Kartätschenfeuer des Feindes zersprengt wurde, der jetzt mit dem Bajonett eindrang. Vergeblich war jeder Versuch zum Widerstande, die Reihe geriethen in Unordnung, und das ganze Regiment floh in der größten Verwirrung nach dem Dorfe Kröllwitz zu, in der Hoffnung, hier vielleicht über die Saale entkommen zu können. Sie gelangen auf den Gipfel der hohen Felsen, welche das Dorf umziehen, und sehen ihre Hoffnung getäuscht. Sie wollen umkehren und weiter fliehn, die hin teren, vom Feinde hart bedrängt, treiben die vorderen, und stürzen sie in das enge Thal, in welchen Kröllwitz liegt, hinunter. Hier denke man sich die Lage dieser braven, hingeopferten Leute, auf einem schmalen Strich Landes, den auf einer Seite die Saale, auf der anderen eine schroffe Felsenwand beschränkt; oben den Feind, der ihnen auf die Köpfe feuert, und von allen Seiten auf sie eindringt; welche Wahl blieb ihnen hier, als Gefangenschaft, Tod, oder der Versuch durch Schwimmen beyden zu entrinnen? Viele, die es versuchten, fanden in den Fluthen ihr Grab, von ihren Leichen standen die Räder, der am Ende des Dorfs gelegenen Papiermühle still. Das Regiment ergab sich. Ein Fahnenjunker, v. Kleist, der sich und seine Fahne nicht in den Händen des Feindes sehen wollte, zog den Tod der Schande vor, wickelte die Fahne um den Leib, und stürzte sich in die Saale.

Erobert war jetzt die Stadt, die Preußen überall geschlagen und verfolgt, viele Gefangene und große Beute ge macht, die Wuth abgekühlt, und allgemach kehrte Leben in die verödeten Straßen zurück. Man sorgte für die Unterbringung der Verwundeten, Gefangenen und Sieger. Man suchte die auf der Wahlstatt liegenden Verwundeten auf, und hierbey zeigte sich der Französische Charakter in einem schönen Lichte. Der Franke trug gleiche Sorgfalt für den Verwundeten, von welcher Nation er auch seyn mochte, und sorgte früher für den schwer verwundeten Feind, als für den leicht blessirten Camerad. Der Schießgraben, das reformierte Gymnsasium, die Moritzburg und viele Häuser der Stadt und der Vorstädte wurde mit Verwundeten angefüllt.

Die Preußischen Kriegsgefangenen sperrte man in die Marktkirche und in das Zuchthaus. In der Kirche zerstörte diese Menge müßiger Leute in ihrem Übermuthe alles Mobile, und auf dem Zuchthause befreyten sie die Züchtlinge nebst den dort verwahrten Wahnsinningen und jagten sie auf die Straße, wo mehrere derselben, bis zu ihrer Wieder aufgreifung manchen Exceß begingen. Den gefangenen Offizieren wurde der Gasthof zum goldnen Ringe zum Aufenthalte angewiesen.

Die siegreichen Truppen kehrten erst gegen Abend in die Stadt zurück. Noch während der Verfolgung des Feindes wurde theils von einigen Marodeurs, theils von einigen leicht Verwundeten manche Plünderung und Mißhandlung der Bürger verübt. Fürchterlicher wurde die Scene, als das ganze Korps zurückkehrte. Vom Widerstande erbittert, vom Kampfe noch erhitzt, kehrte der Soldat in die Stadt zurück, in die erste Stadt der feindlichen Nation, welche heute erst im Sturm genommen war. Es war unmöglich, allen Ausbrüchen der Laune des siegtrunkenen Siegers Einhalt zu thun. Ein bedeutender Theil der Einwohner waren Studenten, und da nur wenige Häuser verschont blieben, so verloren auch die meisten alles, was sie hatten, Wäsche, Kleidung, Stiefeln, Kostbarkeiten, ja selbst Bücher und Instrumente. Das weibliche Geschlecht mußte viel von dem Sieger erdulden. So ging für Halle der Tag und ein großer Theil der Nacht hin, bis der von der Arbeit des Tages ermüdete und vom Weine berauschte Krieger in die Arme des Schlafs sank.

Heute früh, ohne Ahndung, ohne Nachricht von dem Verluste der Schlacht und der Nähe des Feindes, von einem starken Heere beschützt, sah sich die Stadt in wenigen Minuten in der Gewalt der Franzosen, ihre Straßen das Sterbebett ihrer Vertheidiger und die Habe ihrer Bürger der Plünderung eines erbitterten Feindes Preis gegeben.

Während des Gefechtes an dem Galg- und Steinthore, flogen mehrere Preußische Kanonenkugeln in die Stadt, doch ohne sonderlich Schaden anzurichten, beym Sturme auf die hohe Brücke aber wurde ein Friseur, welchen seine Neugierde nebst mehreren Einwohnern hinaus vor das Thor geführt hatte, mit einer Flintenkugel durch den Mund, und ein Student, dem ein Soldat auf der Straße die Uhr abnehmen wollte, durch die Schulter geschossen. In der Ulrichstraße wurde nahe am Thore ein Knabe von der hinaussprengenden Reiterey übergeritten, und starb bald nachher. Auch ein Bürger D... wurde verwundet. Dieser Mann, der seiner Anhänglichkeit an das Preußische Haus und seiner excentrischen Ideen wegen, in Halle bekannt genug ist, führte eine reitende Batterie durch die Stadt gegen den Feind; als diese durch den Herzog Eugen außer Thätigkeit gesetzt wurde, stellte er sich an die Spitze von einigen Füsilieren und drang vor. Eine Kartätschenkugel zerschmetterte ihm die Hand, und er floh mit dem Heere.

Ausgezeichnet war die Bravour der Truppen von beyden Seiten, besonders aber zeichneten sich die wenigen, die Brücke vertheidigenden Tapfern aus. Ihre zwey Feldstücke demontierten mehrere feindliche Kanonen, indes sämmtliche Kanonen des 32sten und 96sten Linien- und des 9ten leichten Infanterieregiments ihnen nichts anhaben konnten. Standhaft blieben die Preußen auf ihrem Posten, kämpften, von ihrem Chef selbst der Unterstützung beraubt, gegen die Uebermacht, und kehrten erst dann den Fuß zur Flucht, als der Feind mit dem Bajonett in ihre geschwächten Haufen eindrang. Am Galg- und Steinthore ward ihr Streben, den Feind zurückzutreiben, nicht mit einem glücklichen Erfolge gekrönt, dennoch war auch diese Stelle an Heldenthaten nicht arm. Die wackern Pommern opferten muthvoll ihr Leben, um dem Feinde einige Minuten länger den Ausweg aus dem Thore zu versperren.

Die Sieger zu loben bedarf es hier nicht. Sie waren tapfer, denn sie besiegten die Tapferen, und in ihrer Mitte, fehlte es nicht an Zügen eines hohen Muhtes, einer ruhigen Gelassenheit in der Todesgefahr, aber auch nicht an Zügen der Menschlichkeit und der Großmuth.

18. October.

Früh am Tage rückten viele Truppen durch die Stadt, viele wurden einquartiert. Man trug jetzt Sorge für die Verpflegung der Lazarethe und der Durchmarschierenden, und räumte die Leichen aus den Straßen, welche indes vieler anderer Geschäfte halber, doch einige Tage liegen blieben. Auch wurden die Einwohner aufgefordert, bey schwerer Ahndung ungesäumt ihre Waffen auf das Rathaus abzuliefern.

Der Magistrat machte in Vereinigung mit der Universität dem Marschal Prinz v. Ponte-Corvo, dessen Korps die Stadt eroberte, seine Aufwartung, und wurde sehr gnädig von ihm aufgenommen. Er versprach, alles zu thun, um der Stadt das erlittene Unglück zu erleichtern, versprach auch der Universität und allen ihren öffentlichen Gebäuden seinen Schutz. An allen Thüren derselben wurden daher Sauvegarden geheftet; doch kam dies für den schönen akademischen Hörsaal, auf der Waage, zu spät, welchen man gleich nach dem Treffen zu einem Lazarethe bestimmt und deshalb alle Bänke und das Katheder zerschlagen und in den Hof gestürzt hatte. Doch unterblieb jetzt die Einrichtung zu einem Hospitale.

Da die Plünderung und die Misshandlung der Einwohner noch immer fortdauerte, so begab sich der Prinz in Gesellschaft mehrerer Generale auf den Markt, ließ von dem ersten aufmarschierenden Bataillon einen Kreis um sich schließen, und hielt einen nachdrückliche Rede an die Soldaten, in welcher er ihnen ihr Betragen gegen die Bürger verwies, und jeden mit dem Tode drohte, der seinem Befehle, Gut und Blut der Einwohner zu schonen, entgegenhandeln würde. Ein lautes Vivat der Soldaten war die Antwort auf die Rede. Bald darauf wurden gedruckte Zettel, welche den wesentlichen Inhalt in beyden Sprachen enthielten, ausgetheilt und von den Bürgern zu ihrer Sicherheit an die Hausthüren geheftet. Hierdurch wurde man endlich dreister und weniger furchtsam, wenn es auch nicht hinreichte mancher kleinen, in der Stille ausgeübten Gewaltthätigkeit zu steuern.

19. October.

Auch heute dauerten die Durchmärsche noch fort. Man beschäftigte sich mit Wegräumung der Trümmer des Schlachtfeldes.

Die häufigen auch jetzt noch einlaufenden Klagen über die zum Theil noch fortdauernde an den Studenten verübte Plünderung bewirkte, dass für diese Sauvegarden gedruckt wurden, welche der Prorector austheilte.

20. October.

Heute war der für Halle ewig denkwürdige Tag, der Ankunft Napoleons in ihren Mauern und der Aufhebung der Universität.

Das Hauptquartier wurde hierher verlegt, und zugleich mit der Kaisergarde traf der Befehl ein, dass alle anderen Truppen unverzüglich die Stadt verlassen und vor dem Steinthore bivouakiren sollten. Diese seit dem Tage der Schlacht bey Jena fast immer unter freyem Himmel übernachteten beständig in der Verfolgung des Feindes begriffenen Truppen, suchten sich den jetzt befohlenen Bivouak in der Nähe der Stadt, aus deren Häusern sie verjagt wurden, möglichst bequem und angenehm zu machen. Sie nahmen daher ihren Wirthen die Betten und andere Mobilien mit hinaus, um nicht auf der bloßen Erde liegen zu müssen, sie zündeten Wachfeuer an, und hohlten, in Ermangelung anderer Brennmaterialien, die Zäune, Fenster, Thüren und Balken der einzelnen vor der Stadt gelegenen Häusern und aus der Vorstadt zu Brennmaterialien weg; die Ställe und Höfe der Bewohner gaben ihnen Schlachtvieh, und kleine Trupps thaten öfters Streifzüge in die Stadt, drangen in die Häuser, und requirirten dort Getränke und Speisen. Als der Bivouak aufgehoben ward, blieb eine Menge Betten und anderer Hausrath, ausgeschlachtetes Vieh und dergleichen zurück, welches die armen ausgeplünderten Vorstädter sich zueigneten, und so zum Theil einen kleinen Ersatz für ihren Verlust durch den Verlust der Städter erhielten.

Die Französische Garde marschirte auf dem Markte auf, wo noch wenig Wochen die Preußische Garde stand, und vor ihr her wurde eine große Anzahl von Sächsischen und Preußischen eroberten Fahnen hergetragen. Sie erhielt Quartier in der Stadt, welcher eine Lieferung von 12000 Portionen Fleisch auferlegt wurde. Die Rathswaage wurde einstweilen als Schlachthaus benutzt.

Ein hier gedrucktes Deutsches Bülletin gab Nachricht von dem, was seit Dem 9ten October vorgefallen war, und zeigte die gänzliche Vernichtung der Preußischen Armee.

Der Kaiser nahm sein Quartier im Hause des verstorbenen Geheime-Raths Meckel, am großen Berlin; mit ihm trat eine große Menge hoher Militair- und Civilpersonen ein.

Die Deputation des Magistrats und der Universität wurde huldreich von ihm aufgenommen, und er unterhielt sich mit mehreren Personen derselben. Darauf ritt er von seiner Suite begleitet in einem simplen grauen Überrocke vor die Thore, an welchen man sich geschlagen hatte, um die Wahlstatt in Augenschein zu nehmen.

Alles wurde ruhiger, jeder hoffte Wiederkehr der Ordnung, man sprach schon von dem Tage, an welchem die angekündigten Collegia beginnen sollten, man erholte sich allmählich von dem gehabten Schrecken und der Angst, als plötzlich der Befehl: die Studenten sollen vor Tagesanbruch die Stadt verlassen, alles wieder in einen fast noch schrecklicheren Zustand zurückwarf. Um etwa vier Uhr, war dieser Kaiserliche Befehl dem Prorector von dem Brigade-General Menard, Commandanten der Stadt, zugeschickt. Mit Thränen in den Augen unterzeichnete der brave Prorector Maas die Bekanntmachung des Befehls, welchem die Weisung für die Vertriebenen beygefügt war, sich um Reisepässe an den General Menard zu wenden. Da es aber schon zu spät war, so wurde die Abreise der Studirenden bis auf den folgenden Tag verschoben. Ein jeder, welcher einen Paß verlangte, musste seinen Namen, Alter, Eltern, Vaterland u.s.w. beym Prorector aufzeichnen lassen. – Viele sahen den Befehl nicht ungern, sie seufzten nach Hause, und jetzt wurden ihnen Pässe zu ihrer Reise angeboten. Vielen konnten so, ohne von ihren Gläubigern aufgehalten zu werden, die Stadt verlassen. Einige wurden durch dieses Exil in der von ihnen angefangenen Laufbahn gestört und aufgehalten, manche ganz außer Stand gesetzt, den betretenen Weg weiter fort zu gehen.

Doch welche Aussichten eröffneten sich dem Hallischen Bürger? Durch eine langdauernde Theuerung verarmt, durch ewige Durchmärsche gedrückt, allen Kriegsunfällen ausgesetzt, sah er jetzt auf einmahl die Aussicht eines künftigen Erwerbs, durch die Auswanderung der Studenten vernichtet. Und in diesen fürchterlichen Augenblicken, wo jedem das Herz vor banger Ahndung klopfte, ertönte um alle Schrecken zu paaren, die Sturmglocke vom Marktthurm. Die Preußen in der Kirche eingesperrt, hatten, um sich zu erwärmen, große Feuer angezündet, von welchen Dampf in dem Thurme bis zur Wohnung des Thürmers hinaufdrang. Dieser, welcher Feuer im Thurme selbst vermuthete, fing sogleich an zu stürmen, entdeckte aber bald die Ursache und es wurde wieder still. Noch um achte Uhr Abends machte der Ausrufer bekannt, dass die Studenten sich morgen in aller Frühe auf dem Rathause zur Abholung der Pässe einfinden sollten.

Unerklärbar sind die Gründe zur Vertreibung der Studenten, und werden immer hypothetisch bleiben. Einige hielten es für eine momentane militärische Verfügung, andere für eine Bestrafung der heftigen Declamationen Hallischer Professoren gegen die Französische Regierung, andere, selbst Hallenser, glaubten, die Studenten hätten auf die eindringenden Feinde gefeuert u.s.f.

Eine sehr wahrscheinliche Hypothese ist wohl folgende, dass ein Student durch sein Betragen die Ursache zu jener für Halle so traurigen Maaßregel wurde. Dieser Mensch, der durch sein rüdes Betragen, bramarbasierendes Äußere und seine burschikose Bravheit sich zum Senior einer sogenannten Landsmannschaft hinaufgeschwungen hatte, arretirte am 14ten October jenen Französischen Sprachmeister. Am Abend war er es, der eine Menge seiner Collegen zusammen raffte, und nach Abstimmung von Burschenliedern dem Könige ein Vivat, den Franzosen ein Pereat ausbrachte. Dies geschah in der Nähe des Kerkers, worin der Sprachmeister saß. Da man denselben für einen Auflaurer hielt, so wurden seine Papiere versiegelt und untersucht, er selbst aber aus einem Verhöre in das andere geschleppt. Es bedurfte einer militärischen Bedeckung, um ihn gegen die Wuth des Volkes zu schützen. Schon früher hin, als er sich um August dieses Jahres in Halle niederließ, hatte er von einigen Professoren manche Spöttereyen ruhig ertragen müssen. Auch Studenten erlaubten sich Neckereyen und Grobheiten gegen ihn, einer derselben verhaftete ihn, er wurde vom Pöbel mit Misshandlungen bedroht, als Spion vor Gericht geführt, und mit der Transportation nach Magdeburg geängstiget; als plötzlich seien siegreichen Landsleute seinen Kerker öffneten, und ihn von seiner Angst befreyeten. Er wurde Secretair des Commandanten der Stadt, und hier hatte er wohl Gelegenheit, die Stimmung der Universität gegen Frankreich, seine eigenen Unfälle und andere Umstände, wenn auch nicht unmittelbar doch mittelbar zur Kenntnis des, Anfangs gnädig gegen die Universität gesinnten Kaisers kommen zu lassen. Hierzu kam noch, dass, was unglaublich erscheint, ein Student, man sagt derselbe, von welchem vorhin die Rede war, unter die Fenster des Kaisers trat, und ihm ein Pereat anzustimmen sich erfrechte.

Kurz, der Befehl war unabänderlich gegeben. Jeder raffte etwas Kleidung und Wäsche, welche er vielleicht von der Plünderung gerettet hatte, zusammen, um morgen früh aufbrechen zu können.

21. October.

Die Garden marschirten nach Dessau ab, der Kaiser folgte ihnen, und mit seiner Abreise sank die Hoffnung einer Abänderung des gestrigen Befehls.

Die Lage einiger Studirenden war wirklich traurig, jetzt wo gewöhnlich ihre Wechsel ankamen, waren dieselben der Unsicherheit der Wege halber entweder nicht angekommen, oder waren ihnen von den Plünderern weggenommen. Mancher im Schooße der Üppigkeit und Weichlichkeit erzogene Jüngling wurde jetzt auf die Heerstraße hinaus verwiesen, ohne anderen Schutz als den, welchen sein Reisepaß ihm verlieh, jedem dreisten Marodeur Preis gegeben. Da es sehr vielen gänzlich an Gelde fehlte, so hatten einige Professoren ein paar hundert Thaler zusammen gebracht. Jeder erhielt so viel davon, dass er sich zur nächsten Stadt damit fort zu helfen im Stande war. Die meisten gingen nach Leipzig, da sie sich hier in ihrer Hoffnung, inmatrikuliert werden zu können, getäuscht sahen, so setzten sie die Reise in ihr Vaterland oder auf eine entlegene Universität fort. Viele wurden auf diesem Wege trotz ihrer Pässe ihrer kleinen Habe beraubt, bettelten sich von einem Ort zum anderen durch, und gelangten endlich zum Ziel.

Am traurigsten war wohl das Schicksal derer, die nach großen Umwegen, um die Armee zu vermeiden, dennoch in die Hände von Marodeurs geriethen, endlich statt Ruhe im Schoose ihrer Familien zu finden, hier die Spuren der neuerlichen Verwüstung oder wohl gar Greuelscenen in ihrem väterlichen Hause sahen, von denen sich ihre Augen in Halle abgewendet hatten.

Bis gegen Abend dauerte die Ausfertigung der Passports auf dem großen Saale des Rathhauses.

Schwer wird die Erinnerung dieser Tage auf Halle ruhen. Es verlor auf einmahl alle Aussicht in eine bessere Zukunft, alle Gelegenheit zum Erwerb eines beträchtlichen Theils seiner Einwohner. Bald hörten die Durchmärsche auf, und nur einige Invaliden und ein Hospital blieben in der jetzt ausgestorbenen Stadt. Und wenn nun auch ein günstiges Schicksal eine bessere Zeit über Halle heraufführt, wird es ihm Ersatz für diese Tage der Trauer geben können?