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"Hallische
Helden"
Soll Halle herausragende hallische Soldaten des Ersten WK ehren? „Gegen den einzelnen Flieger haben wir ja nichts, Es war gerade am Tag des 20.7.44, am Tag der Erinnerung an den versuchten Tyrannenmord, eine Herausforderung, sich der oben genannten Frage zu stellen. Die Attentäter wurden in der Bundesrepublik geehrt, weil sie der Bundeswehr die Möglichkeit gaben, mit aufrechtem Kopf in die Vergangenheit zu schauen. Die Attentäter waren Soldaten – sie hatten erkannt, dass Adolf Hitler Deutschland in den totalen Untergang führen würde. Sie hatten sich – aus der Rückschau betrachtet – ermannt, gegen das „absolut Böse“ vorzugehen; die Attentäter stehen auch heute noch für eine Dienstauffassung, die sich nicht dem einzelnen Menschen (dem Befehlshaber), sondern dem Ganzen, dem Volk, dem Land, verpflichtet fühlt. Die Attentäter waren keine Demokraten; dafür werden sie auch nicht geehrt. Wie steht es nun um Oswald Boelcke, den Giebichensteiner, der als Vierjähriger mit seinen Eltern nach Dessau ging und sich dann seinen Traum erfüllte, Flieger zu werden? Auch Boelcke wird noch heute geehrt: Die Vorzeigejagdstaffel der Bundesluftwaffe (Jagdbombergeschwader 31) trägt seinen Namen. Warum wird er geehrt? Boelcke hatte eine hervorragende Persönlichkeit und war „Schöpfer von Luftkampftaktiken im Staffelverband“, wie es eine Pressemitteilung der Stadt Dessau zum 86. Todestag Boelckes ausdrückt. Oder mit den Worten Johannes Werners (1932): Die „überragende Bedeutung Boelckes in der Geschichte des Luftkampfes“ lag darin, dass in dessen Kampftaktik „das Grundgesetz für den Luftkampf der gesamten Jagdfliegerei gegeben war.“ (6) Zwei weitere Zitate aus Werners Buch: „Mit dem Instinkt des genialen Fliegers hat Boelcke als Erster die Kunst des Luftkampfs erfühlt, entdeckt und dann zu solcher Vollkommenheit ausgebildet, dass seine Taktik die Norm für den Einzelkampf in der Luft überhaupt geworden und bis zum Kriegsende geblieben ist. So hat Boelcke der ganzen Jagdfliegerei sein Gepräge aufgedrückt.“ (90, Hervorhebung im Text) „Boelcke ist der erste Jagdflieger gewesen in dem Sinne, dass er seine Gegner aufsuchte, während man bisher den Kampf nur mit einem Flugzeug, dem man begegnete, aufnahm. Damit hat er von vornherein den offensiven Luftkampf, für den die neue Waffe geradezu prädestiniert war, als ihre eigentliche Aufgabe erkannt.“ (91, Hervorhebung im Text) Manfred Freiherr von Richthofen, Schüler Boelckes, ist heute – so sagt es jedenfalls Hermann Freiherr von Richthofen, dessen Großneffe – ein Symbol für Ritterlichkeit. Hermann von Richthofen war deutscher Botschafter bei der NATO und in London. Siegfried Müller schrieb in der FAZ vom 1.4.2006 vom Mythos der „Ritter der Lüfte“, der mit dem Aufkommen der deutschen Jagdfliegerei über Frankreich und Flandern 1915 entstand. „Maßgeblich getragen wurde er vom Geschwader Oswald Boelcke, nach dem Krieg sprach man vom `Geist der Staffel Boelcke´, der sich auf seine Nachfolger übertragen habe.“ Jürgen Busche stellte in seinem Buch „Heldenprüfung“ (2004) die Überlegung an, warum „vielen Deutschen die einst als Helden gefeierten Soldaten des Ersten Weltkrieges“ aus dem Gedächtnis geraten sind. Seine Antwort lautete lapidar: „Der Erste Weltkrieg wurde von Deutschland verloren.“ (23) und: „Es war der Zweite Weltkrieg, der dann den meisten Deutschen die Begeisterung für Kriegshelden genommen hat.“ Der „Respekt vor einzelnen Persönlichkeiten“ (Soldaten) sei aber bestehen geblieben. Man solle jetzt eine „Heldenprüfung“ vornehmen, da nunmehr deutsche Soldaten „im Zusammenwirken mit den Soldaten der Nato-Partner“ weltweit in Einsatz seien. Im Gegensatz zu den Soldaten der Siegermächte der Weltkriege hätten deutsche Soldaten „nichts zu feiern“; sie hätten der militärischen Tradition der Engländer und Franzosen nichts an die Seite zu stellen. (25) Die Politik verlange von Soldaten militärische Leistungen. Ob die Bundeswehr ohne Vorbilder auskommen könne, entschieden weder Historiker noch Politiker: „Das wird irgendwann von den Soldaten selbst entschieden, und in Deutschland wäre dann diese Entscheidung Soldaten überlassen, die es in ihrem anforderungsreichen Dienst erleben, daß die Soldaten anderer Nationen, mit denen sie zusammenarbeiten, durchaus ihre Vorbilder haben und hochachten. Das wird einigen von ihnen zu denken geben.“ (26) Was man hier tun könne, sei, die Diskussion um Vorbilder „kenntnisreich,
politisch verantwortlich und intellektuell redlich“ zu führen.
Die toten Helden seien „schwülstig gefeiert“ worden, ihre
Tat habe man verklärt, sie erfuhren „überbordende Heldenverehrung“.
Die überlebenden Helden „haben es trotz mancherlei Anerkennung
schwer, zu einer normalen Rolle im Alltag zurückzufinden“. (Bsp.:
Karl von Müller, Kpt. Emden) a) Die heutige Dessauer Straße hieß zeitweilig Boelcke-Straße;
womöglich, weil sie zu den Siebel-Flugzeugwerken führte. Fragen Als was und für wen hat Boelcke gekämpft? Boelcke hat als Soldat für das Deutsche Kaiserreich gekämpft. Das Kaiserreich war eine konstitutionelle Monarchie und Rechtsstaat. Der Reichstag wurde vom Volk (nur Männer) in freier und geheimer Wahl gewählt. Der Reichstag hatte weder rechtliche noch faktische Möglichkeiten, die Regierung zu bestimmen. Die Regierung wurde vom Kaiser eingesetzt. (Kaiserliche Regierung) Wichtigste Aufgabe des Reichstags war die Verabschiedung und Kontrolle des Haushalts. Entsprachen seine Methoden dem Regelwerk? Boelcke hielt sich nicht an den „Comment“ – während seine Kameraden nur hinter den eigenen Linien feindliche Flieger angriffen, wartete Boelcke nicht, bis die Feinde kamen, sondern flog in Feindesgebiet, um dort auf feindliche Flieger Jagd zu machen. Ergebnis dieser offensiven Taktik waren „hervorragende Leistungen im Beseitigen feindlicher Flieger“. (Begründung f.d. Verleihung des Hohenzollern-Ordens f.d. 6. Sieg) Kann Boelcke Vorbild für heutige Jagdflieger sein? Boelcke ist Vorbild für heutige Jagdflieger. Das Jagdbombergeschwader 31, Vorzeigegeschwader der Bundesluftwaffe, trägt seit 1961 den Namen „Boelcke“. Das Geschwader pflegt auch das Andenken an Boelcke; 2002 legten Vertreter des Geschwaders an Boelckes Grab in Dessau einen Kranz ab. Kann Boelcke darüber hinaus Vorbild für die heutige Jugend sein? Das kommt darauf an, wie man Boelcke – ausgehend von den vorhandenen Quellen, insbesondere seinen „Feldberichten“ an die Eltern – darstellt. Entweder man stellt ihn, wie es auch damals schon geschah, Oder man überhöht ihn als nationalen Märtyrer, der sich „freiwillig (...) freudig dem Tode“ (Werners „Boelcke-Geist“, 216) darbot und sieht in ihm eine „Verkörperung der Sieghaftigkeit und des Siegeswillens“, eine „Verheißung des deutschen Endsiegs“, die nicht durch den Feind, sondern durch „blindes Verhängnis“ von der Bildfläche verschwand. Diese Alternative ist vielleicht keine, sondern zeigt nur beide Seiten einer Medaille. Auf der einen Seite, den Menschen Oswald Boelcke, der in einer besonderen historischen Situation besondere Leistungen an den Tag legte. Auf der anderen Seite die deutsche Gesellschaft (vom Kaiser bis zum Boulevardblatt kaufenden Rentier), die, frustriert vom Fehlschlag des Schlieffen-Plans (schneller Sieg im Westen), Erfolge verkörpert durch Menschen sehen wollte. Ähnliches erlebten wir 2006 während der Fußballweltmeisterschaft; einerseits die Spieler, die nur durch hartes Training und eisernen Willen nach oben gekommen sind, andererseits die Gesellschaft, teilweise durch die veröffentlichte Meinung repräsentiert, die den „Siegeswillen“ der Spieler voraussetzt und „gnadenlos“ Leistungen einfordert. Nach der ehrenhaften Niederlage (niemand hatte damit gerechnet, dass die dt. Mannschaft solange siegen würde) wurden die Spieler in Berlin jubelnd empfangen; noch lange Zeit veröffentlichte die BILD-Zeitung großformatige Abbildungen der Spieler, die als Poster genutzt werden konnten. Der Unterschied liegt natürlich darin, dass es sich bei Boelcke um einen „Kriegshelden“ handelt, im Fall eines beliebigen Nationalspielers „nur“ um einen Helden auf dem Spielfeld. Während der Soldat auf das Kampffeld geht, weiß er, dass der Gegner im Fall einer Kampfhandlung durch seine Hand sterben kann; während der Fußballspieler auf das Kampffeld geht, weiß er, dass der Gegner im Fall einer Auseinandersetzung um den Ball durch seine Hand (seinen Fuß) allenfalls eine Verletzung davontragen kann. Boelcke kann Vorbild für die Jugend sein; es kommt aber darauf an,
was man daraus macht. Warum sollte Boelcke der Jugend als Vorbild dienen? Wenn man einen kaiserlichen Soldaten, der im Kaiserreich als Märtyrer gefeiert wurde, der heutigen Jugend als Vorbild hinstellt, muß es dafür gute Gründe geben. Busche hat sie genannt: Die alte Handelsnation Bundesrepublik beteiligt sich immer öfter an friedenssichernden/militärischen Aktionen im Rahmen der UN/NATO . Deutsche Soldaten sind im Einsatz und treffen auf Soldaten anderer UN/NATO-Staaten. Ein Teil der Soldaten wird historisch nicht interessiert sein, ein anderer – und wohl eher der zur Führungsgruppe gehörige – Teil wird historisch interessiert sein. Dieser historisch interessierte Teil könnte sich nach Vorbildern umschauen – im Fall Boelcke wäre das allerdings nicht nötig, hier ist das Vorbild vorgegeben. Es stellt sich also nicht die Frage: „Welches Vorbild wählen wir für die Angehörigen der Bundesluftwaffe aus?“ Es stellt sich vielmehr die Frage: „Präsentieren wir Boelke, der ein Vorbild für die Angehörigen der Bundesluftwaffe ist, auch der hallischen, männlichen Jugend als Vorbild?“ Nun darf man sich den Vorgang nicht so vorstellen, dass die Stadt der gesamten hallischen, männlichen Jugend nur ein einziges Vorbild, nämlich den Soldaten Boelcke, vorstellt. Viel eher stellt sich die Frage, ob die Stadt Boelcke in den Kanon der Vorbilder aufnimmt. Aus dieser Perspektive relativiert sich die Schärfe der Frage. Hallenser sind Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Die Bundesrepublik als Handelsnation sieht ihre Aufgabe nicht vorrangig im Kriegshandwerk. Sie stellt sich gerne als friedliebende Nation dar, die per GG einen Angriffskrieg nicht führen darf. In der Wirklichkeit ist die Bundesrepublik allerdings an militärischen Aktionen auf der ganzen Welt beteiligt. Das ist kein Abstraktum. Die Beteiligung der Bundesrepublik an militärischen Aktionen auf der ganzen Welt bedeutet, dass auch Hallenser, die in der Bundeswehr dienen, Kriegshandwerk ausüben. Diese Hallenser verdienen Anerkennung; Anerkennung für die Ausübung eines Handwerks, das zwar „dreckig“ sein kann, aber in jedem Fall notwendig ist für die Anerkennung der Bundesrepublik innerhalb der Staatengemeinschaft. Wir erinnern uns an das böse Wort von der „Scheckbuchdiplomatie“ Helmut Kohls. Aus der Geschichte lernen heißt nicht: „Nie wieder darf ein Deutscher eine Waffe in die Hand nehmen, um im Auftrag des Staates zu töten!“, sondern: „Ein Deutscher darf nur eine Waffe in die Hand nehmen, um im Auftrag des Staates zu töten, wenn sich dieser Auftrag des Staates maximal am Kernsatz des GG („Die Würde des Menschen ist unantastbar.“) orientiert. Der Teil der Hallenser, der das Kriegshandwerk im Namen der Bundesrepublik ausübt, hat ein Recht auf Anerkennung – wie jeder andere Teil der Hallenser ebenfalls ein Recht auf Anerkennung in seinem Beruf hat. Anerkennung liegt auch darin, dass die Herkunft des Handwerks anerkannt wird – immer gemessen an unserer Verfassung. Um die gestellte Frage („Was bezweckt man damit, der hallischen,
männlichen, wehrfähigen und –willigen Jugend Boelcke als
Vorbild hinzustellen?“) zu beantworten: Zu berücksichtigen bleibt, dass eine Ehrung Boelckes in Halle nicht dazu führen wird, dass junge Männer, die durch ihre Eltern oder andere peer-groups eine grundsätzliche Abneigung gegen „das System“ empfinden, sich zu Demokraten wandeln. Es geht im Kern darum, dass das Thema Boelcke (mit dem die oben genannten
Assoziationen verbunden sind) durch Demokraten besetzt wird. Um zu vermeiden,
dass sich Demokraten durch die Besetzung des Themas in „Faschisten“ wandeln,
ist die von Busche empfohlene „Heldenprüfung“ (Die Diskussion
um Vorbilder „kenntnisreich, politisch verantwortlich und intellektuell
redlich“ zu führen.) anzuwenden. |
Biografisches zu Boelcke, JBG... | |||