Gesichter
einer Winternacht Renaissancefiguren: Aufnahmen von Eberhard Zwicker aus Nachkriegszeit aufgetaucht VON GÜNTER KOWA Halle/MZ. Nicht alle Tage gibt es in der Redaktion Besuch wie diesen: Eine Frau mit Namen Dorothea Berberich stellt sich vor als Fotografin aus dem fränkischen Gerchsheim und legt eine Mappe auf den Tisch. Darin zur Ansicht einige Abzüge aus einer ungewöhnlichen Foto-Serie aus Halle, die dort seit 58 Jahren mit wenigen Ausnahmen keiner mehr gesehen hat. Was wir aufblättern, sind keine lokalen Nachkriegsszenen, wie sie in diesen Tagen in allen Medien zu sehen sind. Vielmehr hielt der Fotograf dieser |
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MZ, 21.4.05 | ||||||
| Christus
mit Weltkugel aus dem Dom von Halle, im Winter 1947 fotografiert mit Holzkamera
und im Schein einer geborgten Fotolampe. (Foto: Eberhard Zwicker/ Kunstschätze
Verlag Gerchsheim) |
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Bilder,
der Vater Dorothea Berberichs, Eberhard Zwicker, in Halle einen Gegenstand
leidenschaftlicher Verehrung fest. Er ahnte nicht, dass er ihn bald für
immer hinter sich lassen würde. "Schon von Jugendjahren an" liebte
Eberhard Zwicker die Apostelfiguren im halleschen Dom. So hat es seine Frau
aufgeschrieben. Durchaus ein Blick
für entlegene Schönheit, denn die 17 Skulpturen des wenig erforschten
Renaissancebildhauers Peter Schro zieren die Pfeiler des Langhauses hoch über
dem Kopf des Betrachters. 1522 holte ihn Kardinal Albrecht aus Mainz nach Halle.
Nur mit Geduld und Fernglas rückt das filigran gemeißelte Detail,
das lebhafte Agieren der Figuren in den Blick. Aufgewachsen in Halle und ausgebildet in Leipzig an der damaligen Akademie der Grafischen Künste, war Zwicker nach dem Krieg Mitarbeiter an einer Druckerei in Halle. Er war 32 Jahre alt, als er im Januar 1947 heiratete: eine Würzburgerin namens Katharina Gareis. Sie half mitten in diesem bitterkalten Winter an seinem Traumprojekt mit. Zwicker wollte die Apostelfiguren aus der Nähe fotografieren und in einem Buch veröffentlichen. Harte Probe Der Idealismus des Paars sollte auf eine harte Probe gestellt werden. In diesen Tagen von Not und Entbehrung und sowjetischer Militärherrschaft versetzte Zwicker beim Optiker die goldene Taschenuhr des Großvaters für ein Objektiv, beim Trödler fand er ein Stativ und bei einem alten Fotografen eine Holzkamera von 1895. Eine Baufirma lieh ihm ein Gerüst. Das war Kinderspiel verglichen mit der Arbeit im Dom. "Feuer und Flamme" für das Vorhaben "war der Domprediger Wind", erinnerte sich Zwicker viele Jahre später. Das half freilich wenig gegen 30 Grad Kälte im ungeheizten Dom. Den Strom für die kleine Fotolampe, die die Druckerei ausgeborgt hatte, gab es, wenn überhaupt, nur nachts. "Wenn wir", schreibt Katharina, nach zwei bis drei Stunden Nachtarbeit mit sechs bis zehn belichteten Glasplatten - oder nur zwei bis drei Stück - heimgingen, weil die Stadtwerke den Strom abgestellt hatten, dann mussten wir heimlaufen, zitternd, trippelnd, frierend, eifrig die Hände reibend, damit sie uns nicht erfroren." Unter derart abenteuerlichen Bedingungen entstanden rund 150 Fotos, die heute anmuten wie die verspäteten Erben der berühmten expressionistischen Fotos Walter Heges, der in den 20er Jahren die Naumburger Stifterfiguren in eine Aura genialischen Künstlertums tauchte. Vielleicht hätte Zwicker zu früherer Zeit die halleschen Figuren zu ähnlich übersteigertem Ruhm geführt. Gedanken in diese Richtung machte er sich jedenfalls: "Jeder Steinmetz wird zum Künstler, wenn er den Stein lebendig werden lässt. . .Der Fotograf muss sich in die Phantasie des Künstlers versetzen, um das Menschliche der Figur ans Licht zu bringen." Ausstellung denkbar Aber 1948 floh das Paar mitsamt Glasplatten und Abzügen nach Würzburg, und dort "gab es kein Interesse für Renaissancefiguren in Halle / Saale." Zwicker starb 1999. Ob sein Traum posthum in Erfüllung geht? Zur 1 200-Jahrfeier Halles im kommenden Jahr will die Moritzburg in einer Ausstellung die Ära Kardinal Albrechts aufleben lassen. Denkbar wäre eine gesonderte Schau der Fotos. Verhandelt wird über die Kosten für neue Abzüge, Rahmen und einen Katalog, vorerst mit ungewissem Ausgang. Doch dass Eberhard Zwickers Winternacht-Fotos aus dem Dom nach einem Menschenleben in Halle wieder bekannt werden, ist nur noch eine Frage der Zeit. |
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