Marienkirche, Lichtenfelder-Bild

Rahmen (Schriften):
rechts unten:
Deut.32 Freut Euch Ir Heidn mit Seim Volck
Matth. 28 Gehet hin und leret alle Heidn (Missionsbefehl)
links unten:
Jesa 60 Hebe Deine Augen auf und siehe umb
Her diese alle versamelt komen zu Dir


Beschreibung des Bildes:

Vordergrund rechts:

Der rechte Vordergrund wird von einer architektonischen Struktur bestimmt. Die Männer um JC stehen auf einem fein gefügten Steinpodest, zu dem von rechts her zwei Stufen hinauf führen.

Die Männer um JC, rechts von der Orgel, sind in wallende Gewänder gekleidet. In der ersten Reihe steht ein Mann mit Schlüssel in der rechten und einem Dolch in der linken Hand. Er trägt ein weißes Gewand mit einem dunklen Bauchtuch. Er hat graue, krause Haare, davon nicht mehr zuviel. Neben ihm steht ein Mann, seine rechte Hand vor dem Oberkörper, der Zeigefinger deutet nach links. Es könnte sich hier um einen Verweis auf nebenstehende Szene handeln. Der Mann trägt ein braunes, golddurchwirktes Gewand und um Brust und Hals ein weißes Tuch. In seiner linken Hand hält er ein schweres, in Schweineleder gebundenes Buch. Leicht hinter ihm, ihm zugewandt, steht ein weiterer Mann, der mit seiner rechten Hand ebenfalls auf die nebenstehende Szene weist. Er scheint in einem Austausch mit dem buchtragenden Mann zu stehen. In seiner linken Hand umfasst er einen (Hirten-)Stab. Sein Gewand ist rot, über der Brust trägt er eine graue (Woll-)Decke. Er trägt, wie die drei Männer vor ihm, einen Bart, der allerdings spitz zuläuft. In der zweiten Reihe, zwischen den beiden erstgenannten Männern, sehen wir zwei Männerköpfe. Der größere von beiden, sich in den Vordergrund spielende, etwas „beleibte“ Kopf wird von einer schwarz gekleideten Büste getragen, die im Übergang zum Hals eine weiße Rüschenkrause (Kragen) aufweist. Der Künstler scheint hier einen Zeitgenossen (sich selbst?) dargestellt zu haben. Neben diesem Zeitgenossen taucht noch ein unscheinbarer Kopf auf, mit vollen Lippen und Bart.

Die restlichen Männer, die um JC gruppiert sind, werden von der Orgel verdeckt. Einer Fotografie, dass das Gesamtbild nach der Abnahme der Orgel zeigt, kann man entnehmen, dass sich neben JC und dem Zeitgenossen 11 Männer auf dem Podest befinden.

Deutung:
Matthäus 28 handelt von Jesu Auferstehung. Den beiden Maria wird die Auferstehung durch einen Engel verkündigt, sie treffen Jesus, der die Jünger nach Galiläa verweist. Die elf Jünger gehen dorthin, sehen ihn und fallen nieder. Jesus trat hinzu und sprach zu ihnen: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch bis an der Welt Ende.“

Tatsächlich sehen wir eine Gruppe aufrecht stehender Männer. Im Mittelpunkt der Szene JC und Petrus (Schlüssel), JC wird durch die Orgel teilweise verdeckt. JC, seine rechte Hand zur Segensgeste erhoben, weist mit seiner linken Hand auf den neben ihm stehenden Mann, Petrus. Da diese Szene die zentrale Szene ist (Bildvordergrund, erhöhtes Podest), könnte man annehmen, dass diese Szene Eingang zum Bild verschafft. Wird diese Szene verstanden, wird das gesamte Bild verstanden.

Wer also war Petrus? Lukas 5, 4-11 erzählt die Geschichte des Simon, der später den Namen Petrus erhielt. Jesus, der vom Boot des Simon aus gepredigt hatte, schickt Simon erneut auf den See Genezareth, um zu fischen. In der Nacht hatten Simon und seine Leute nichts gefangen, jetzt aber, auf Jesu Geheiß, fingen sie so viel, dass die Boote zu sinken drohten. Als das Simon sah, viel er Jesu zu Füßen und bekannte sich sündig. Jesus aber sagte: „Fürchte Dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.“ Petrus war einer der ersten Jünger. Jesus sah in ihm den Felsen, auf dem die christliche Kirche zu bauen wäre (Mt 16,18). Ihm waren die „Schlüssel des Himmelreiches“ verheißen. Petrus leugnete nach der Gefangennahme Jesu seine Jüngerschaft ab. Nach dem Tode Jesu übernahm er dennoch die Führung der christlichen Gemeinde in Jerusalem. Die zentrale Eingangsszene verweist auf die Apostelgeschichte.

Vordergrund links:

Der linke Vordergrund wird von einer Naturlandschaft bestimmt. Ein flacher Fels, mit Kraut teils überwachsen, ragt in ein Gewässer, in dem ebenfalls Pflanzen wachsen. Weiter im Hintergrund schließt sich der Fels an eine Brücke an, die zu einer nächsten Szene überleitet.

Auf dem Fels kniet ein schwarzer Mann mit goldbesticktem schwarzem Gewand. Seine rechte Hand ist zu sehen, sie befindet sich auf Höhe des Gesichts, vor ihm. Der Mann wendet sich vom Betrachter ab, er ist von links hinten zu sehen. An seiner Seite liegen ein federgeschmückter Kopfputz und ein in der Scheide steckendes Schwert. Neben ihm sehen wir einen Mann, der sich zu dem Schwarzen herunterbeugt hat, seine linke Hand auf dessen Rücken legend und seine rechte geöffnete Hand über dessen Kopf haltend. Dieser Mann trägt ein weißes Untergewand und ein rotes Obergewand. Der Mann schaut dem Betrachter ins Auge. Es könnte sich um eine Taufszene handeln.

In einem Bildabstand von vielleicht einem Meter, rechts von der vorderen Taufszene, ist eine Kutsche zu sehen. In dieser Kutsche sitzen ein schwarzer Mann, schwarz gekleidet, und ein weißer Mann, ihm zugewandt, mit rotem Umhang. Der schwarze Mann hält ein Buch in der Hand. Beide schauen den Betrachter an.

Deutung:
Jahn nimmt an, dass es sich bei dieser Darstellung um die Geschichte des Kämmerers von Äthiopien handelt. Philippus, einer der der zwölf Apostel, wurde vom Engel des Herrn auf die Straße nach Gaza geschickt. Dort traf er auf einen Kämmerer aus Äthiopien, Verwalter des Gesamtschatzes der äthiopischen Königin. Der Kämmerer kam von Jerusalem zurück. Dort hatte er angebetet. In seinem Wagen sitzend, las er den Propheten Jesaja (53, 7-8). In diesem Abschnitt geht es um den Knecht Gottes. Der Knecht Gottes, so schreibt Jesaja, war der Allerverachtetste, der um der Missetat aller willen zerschlagen wurde. „Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wir; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.“ Philippus fragte den Kämmerer, ob er verstehe, was er lese. Da der Kämmerer es nicht verstand, erklärte der Apostel die Bibelstelle „und predigte das Evangelium von Jesus.“ Während der Fahrt kamen sie an ein Wasser und der Kämmerer wollte sich taufen lassen. Beide stiegen zum Wasser hinab und Philippus taufte den Kämmerer. Lukas schildert hier die erste Weichenstellung urchristlicher Missionstätigkeit.

Erhöhter Vordergrund rechts:

Hinter der vorderen Männergruppe schließt sich rechts eine Szene unter einem Torbogen an. Der Torbogen gehört zu einem dreistöckigen Renaissancebau. Über dem Torbereich folgt ein großer offener Saal, den eine Balustrade zum Bildvordergrund hin abschließt. Darüber folgt ein geschlossener Bereich mit drei ebenfalls geschlossenen Fenstern, darüber das Dach. Links neben dem geschlossenen Bereich steht eine Plastik. Sie stellt einen älteren, gewandeten Mann mit Stock in der rechten und Gesetzestafel in der linken Hand dar.

Im ersten Stock spielt sich folgende Szene ab: 12 Männer scharen sich um eine mit Kopftuch bedeckte Frau in ihrer Mitte. Die Frau hat die Hände zum Gebet gefaltet. Hinter ihr kann man zwei Hände sehen, die in lobpreisender Haltung nach oben weisen. Ein Mann, rot gekleidet, am rechten Rand der Szene, hebt ebenfalls die Hände hoch. Eine dritte Hand kommt aus dem Nichts. Sie alle weisen auf das Ereignis hin, das sich über ihnen und so auch unter ihnen (im selben Raum) abspielt. Schräg rechts über dem Kopf der Frau ist ein Vogel zu sehen, die Flügel im Flug ausgebreitet, umgeben von einem ovalen Lichtkranz, der fast die gesamte Breite des Raumes einnimmt.

Deutung:
Jahn sieht in dieser Szene das Pfingstwunder (Apg., 2). „Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer, und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in anderen Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.“

In Lichtenfelders Bild sind zwar alle 12 Apostel beieinander. Die zentral stehende Frau kann der Bibeltext aber nicht erklären. Auch der im Lichtkranz schwebende Vogel findet im Text keine Erwähnung. Die Frau könnte Maria darstellen, von deren Anwesenheit in keinem Evangelium die Rede ist. Sie ist aber „trotzdem auf einigen frühen Darstellungen mitten unter den Aposteln.“ Eine Miniatur des syrischen Rabula-Kodex zeigt Maria in der Mitte zwischen den Aposteln, die Taube als Symbol des Heiligen Geistes senkt sich auf ihr Haupt. Somit erklärt sich auch die Anwesenheit des Vogels. Vielleicht kannte Lichtenfelder Vorbilder für seine Darstellung; jedenfalls kann die Anwesenheit der Maria an zentraler Stelle der Szene als eine Ehrerbietung gegenüber der Namensgeberin des Ortes der künstlerischen Darstellung gedeutet werden.

Dem Pfingstwunder schließt sich in der Apostelgeschichte die Rede des Petrus an. Gott, so Petrus, hat Jesus, „den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht.“ Auf die Frage, was sie nun tun sollen, antwortet Petrus den Juden: „Tut Buße und jeder von euch lasse sich taufen…“ Am Tag des Pfingstwunders wurden dreitausend Menschen getauft.

Die Szene unter dem Torbogen lässt sich wie folgt beschreiben: Sechs Männer sind zu sehen, davon hockt einer auf dem Boden. Vor dem Hockenden liegen eine Schüssel und ein Krückstock auf dem Boden. Der Hockende schaut zu einem Mann auf, der seine linke Hand auf den Kopf des Hockenden gelegt hat, während er mit seiner rechten Hand einen Segensgestus macht. Der Segnende trägt eine weißes Gewand und ein Bauch-/Lendentuch. Hinter dem Hockenden steht ein Mann, der mit dem Zeigefinger der rechten Hand nach oben deutet. Dabei könnte es sich um einen Verweis auf die im oberen Stockwerk spielende Szene handeln. Es könnte aber auch eine belehrende Geste sein. Vier der Männer scharen sich um den Hockenden, rechts bleibt einer von der Gruppe ausgeschlossen. Er trägt ein rotes Untergewand mit einem dunkelblauen Obergewand. Seine Hände hält er vor die linke Brust, jedoch flach, nicht betend. Den Kopf leicht geneigt, den Betrachter anschauend, macht der junge, blondgelockte Mann einen fast trauernden, barocken Eindruck.

Deutung:
Jahn sieht in dieser Szene die Lahmenheiligung durch Petrus und Johannes (Apg. 3). Petrus und Johannes gingen zum Tempel in Jerusalem und trafen an der Tempeltür einen Lahmen „von Mutterleibe“. Dieser bat sie um ein Almosen. Statt ihm Geld zu geben, spricht ihn Petrus an und sagt: „Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!“. Diese Szene könnte im Lichtenfelder dargestellt sein. Es ist der Moment der Ansprache, bevor der Lahme aufgerichtet wird, seine Knöchel fest wurden und er erstmals gehen und stehen kann.

Nun stellt sich noch die Frage, was der Mann, der den Zeigefinger ausstreckt, bezweckt. Ein Verweis auf die im Obergeschoss stattfindende Handlung (Pfingstwunder) wäre vom chronologischen Ablauf der Apostelgeschichte her widersinnig. Denn das Pfingstwunder geht der Pfingstpredigt und der Heilung des Gelähmten voraus. So ist in dem Fingerzeig wohl lediglich eine belehrende Geste zu sehen: Nicht Silber und Gold führen zum Heil, sondern der Glaube an Jesus Christus. „Und durch den Glauben an seinen Namen hat sein Name diesen, den ihr seht und kennt, stark gemacht; und der Glaube, der durch ihn gewirkt ist, hat diesem die Gesundheit gegeben vor euer aller Augen.“ (Apg.3,16)

Wie schon im linken Bildvordergrund die Geschichte des Kämmerers von Äthiopien chronologisch von hinten nach vorne verläuft, haben wir ein ähnliche Anordnung: Es muss, wenn chronologisch richtig erzählt werden soll, bei der Szene im Obergeschoss angefangen werden (Pfingstwunder – die Galiläer werden durch den Heiligen Geist befähigt, in anderen Sprachen zu predigen).

Mittelgrund, rechts

Wiederum auf einer steinernen Plattform sehen wir im rechten Mittelgrund, zwischen einer Ruine links und dem Renaissancebau von rechts nach links folgende Szene: Aus dem Bau tritt ein bewaffneter, bärtiger Mann heraus. Er hat seine linke Hand am Griff des noch in der Scheide steckenden Schwertes. Die Scheide ist per goldener Kette an seinem Gewand befestigt. Der Mann trägt ein graues, edles Gewand, eine weiße Halskrause und eine Kopfbedeckung. Diesem Mann steht eine Gruppe von vier Männern gegenüber. Sie tragen Kopfbedeckungen mit Federschmuck. Einer der vier, im Vordergrund stehend, ist mit einem schwarzen, goldbestickten Rock, der bis zum Boden geht, bekleidet. Er hat weiße Hautfarbe. Seine linke Hand vor der Brust, die rechte offene Hand am ausgestreckten Arm rechts neben dem Körper, könnte man eine erklärende Geste vermuten. Er ist dem Hauswächter zugewandt, schaut aber theatralisch an ihm vorbei.

Weiter links knien zwei Frauen. Die vordere Frau scheint ihre Hände zum Gebet zu falten. Diese Frau trägt ein einfaches Untergewand, aber ein schweres goldbesticktes Oberteil. Am Hals tragen beide große Rosetten- oder Fächerkragen. Die Gesichter sind frei, auf dem Kopf erkennt man weiße Hauben. Sie wirken wie Holländerinnen. Rechts neben ihnen liegt ein Hund mit goldfarbenem Halsband, der sie anschaut.
Noch weiter links ist ein Paar zu sehen, rechts eine junge Frau, dem Betrachter zugewandt. Ihre linke Hand scheint in abwehrender Position zu verharren. Neben der Frau ein Mann, ebenfalls kniend, in Seitansicht. Er scheint die Frau anzusprechen, gar, um sie zu buhlen. Er trägt eine Kopfbedeckung mit Federschmuck.
Den Abschluss der Szene bildet ein Mann, stehend, zur Szene aufsteigend. Sein rechtes Bein steht noch auf der vorletzten Stufe, sein linkes Bein bereits auf dem Plateau. Er trägt ebenfalls eine Kopfbedeckung mit Federschmuck. Sein Gewand wallt, er hat seine beiden Arme hochgerissen und schaut Richtung Renaissancebau.

Deutung:
Diese Szene wird von Jahn in der Gliederung des Bildes (S.33) mit einer eigenständigen Nummer (11) versehen. Sie beschreibt die dort abgebildeten Personen als „Zeitgenossen“. Sie sieht „zwei kniende Frauen mit Mühlradkrause und Haube, dahinter ein Kind und eine kniende Person sowie ein Mann mit Hut und Mantel a la mode.“ Es handele sich aufgrund der zeitgenössischen Kostüme nicht um „Staffagefiguren“. Jahn verbindet diese Figurengruppe mit dem Zeitgenossen in der Apostelgruppe auf dem Steinpodest im Vordergrund, bringt aber keine näheren Erläuterungen. Die Federhut tragende Männergruppe rechts von der „Zeitgenossen“-Gruppe und den Hauswächter erwähnt Jahn nicht. Brecht beschreibt die Männergruppe als „Gruppe von drei Männer, denen eine einzelne männliche gegenübersteht.“ Jahn habe diese Gruppe „als weitere Szene isoliert und als Portraits unter anderem von Johann Olearius und dem gleichfalls zeitweilig in Halle tätigen Theologen Tilman Heshusius gedeutet.“ Das mute unwahrscheinlich an. Brecht sieht in der „Schlussgruppe“ die Anstiftung der Denunzianten des Stephanus (Apg. 6,11f.).

Gerade in der Blickrichtung des Mannes mit dem wallenden Gewand, vor dem Renaissancebau und hinter dem Hauswächter, steht auf einem runden Podest ein Mann, den rechten Arm erhoben, die Hand offen, um Ruhe bittend, segnend oder grüßend. In der linken Hand hält er ein Buch. Vor ihm, unterhalb und hinter der steinernen Plattform ist eine Menschenmenge zu sehen, die sich bis zu dem keifenden Pärchen hinzieht. Die Menschenmenge ist allerdings nur zweireihig aufgebaut, nicht tief gestaffelt. Die nur schlecht zu erkennenden Gesichter, man könnte sie auch für Felsblöcke oder Kohlköpfe halten, blicken in Richtung des Mannes. Sie scheinen einer Rede/Predigt zu lauschen.

Jahn sieht in dieser Szene die Verteidigung des Paulus vor Agrippa, Berenice und Festus. Seine theologischen und politischen Kontrahenten befänden sich „in einer Art Throngestühl in der gegenüberliegenden Ruine“. Paulus´ Position werde gestützt durch die Statue des Moses, die „genau über ihm in der bauplastischen Ausschmückung des Baus platziert ist.“ Auch Brecht sieht eine Gerichtsszene in dem Bild: „Ein schwarz gewandter Redner mit Schärpe steht einem Hochgestellten auf einer Art Balkon, bei dem sich noch zwei weitere Personen befinden, gegenüber.“ Die Szene spiele nicht in Cäsarea, sondern in Jerusalem. Beweis dafür sei die Plastik des Moses am Tempel. Brecht kommt daher zum Schluss, Stephanus vor dem Hohepriester (Apg. 7) sei dargestellt.

Gegen die Gerichtsszene spricht allerdings, dass die Vermutung, auf der Ruine befinde sich der Sitz des Hohen Rates, auf wackeligen Füßen steht. Soweit erkennbar, sind es nur einige rasch hingeworfene Striche, die vielleicht Schaulustige darstellen sollen. Weiterhin spricht gegen die Gerichtsszene, dass der Redner vor und über einer Menschenmenge spricht. Die Rede des Stephanus findet vor dem Hohen Rat statt. Es wäre ungewöhnlich, wenn der zu Richtende über den Richtern stände. Auch wäre die Zulassung einer großen Menschenmenge ungewöhnlich.

Es könnte sich um die Verteidigungsrede des Paulus vor dem jüdischen Volk in Jerusalem, handeln (Apg. 22). Paulus war schon auf dem Weg nach Jerusalem, im Hause des Philippus in Cäsarea, gewarnt worden: „Den Mann, dem dieser Gürtel gehört werden die Juden in Jerusalem so binden und überantworten in die Hände der Heiden.“ Paulus erzählte in Jerusalem den Ältesten, „was Gott unter den Heiden durch seinen Dienst getan hatte.“ Sieben Tage später wurde ihm vorgeworfen, er lehre „gegen unser Volk, gegen das Gesetz und gegen diese Stätte“. Paulus wurde aus dem Tempel herausgezogen, geschlagen und von einem Obersten in die Burg geführt. Paulus bittet den Obersten, ihn vor dem Volk predigen zu lassen. In der Rede bekennt Paulus, ein „Eiferer für Gott“ und ein Feind der neuen Lehre, also des Christentums, gewesen zu sein. In Damaskus sei er von einem „großen Licht vom Himmel“ (Jesus) zu Boden geworfen und geblendet worden (Apg. 9) Der HERR habe ihn dann „in die Ferne zu den Heiden“ geschickt. Hier muss Paulus seine Rede abbrechen, weil das Volk seine Stimme erhob und seinen Tod forderte.

Warum sollte Lichtenfelder also nicht Paulus dargestellt haben, den „Heidenapostel“? Das würde gut in den Gesamtkontext (siehe nächster Abschnitt) und auch in die im Bildrahmen enthaltenen Bibelzitate passen.

Die Menschenmenge wird durch eine Hecke von der hinter ihr gemalten Szene getrennt. Hier sehen wir einen See, an dessen Ufer aus dem Bildhintergrund eine große Menschenmenge nähert. Ihr Ziel könnte die Predigtstätte sein. Die Menschenmenge teilt sich, von der Ferne her beschrieben, in folgende Gruppen auf. Eine Gruppe von 10 in rosa und blau gewandte Menschen, gestikulierend. Ihre Körper spiegeln sich im See wider. Dann folgt eine Vierergruppe: Zwei auf vierbeinigen Tieren sitzende Menschen, zwei, die davor gehen. Dann kommt eine unüberschaubare, stillstehende Menschenmenge, an deren Spitze ein Mann geht, der ein Buch in seiner Hand hält. Vor ihm reiten zwei Herrschaften auf Kamelen, vor diesen geht ein Mann, ebenfalls in einem rosafarbenen Gewand, ein Buch tragend. Vor diesem, bereits um eine Kurve auf den Renaissancebau zureitend, zwei weitere Männer auf Kamelen. Der rechte hält einen Bogen in die Höhe, der linke, Zügel haltend, in Rüstung (?) und hohem Hut.

Deutung:
Es könnte sich hier um die bildliche Darstellung von Jesaja 60,4 handeln. Im Vers 59 wird über die Schuld Israels berichtet und angekündigt, dass der HERR kommt, um Gerechtigkeit zu schaffen. Der HERR werde für Zion als Erlöser kommen. Zu Beginn des 60. Verses wird unterschieden zwischen Zion und den „Völkern“. Während über den Völkern Dunkel ist und Finsternis das Erdreich bedeckt, wird über Zion der HERR aufgehen und seine Heiligkeit über Zion erscheinen. Die Heiden werden dem Licht Zions entgegen ziehen und die heidnischen Könige zu dem Glanz, der über Zion aufgehe. Jetzt folgt die Textstelle, die auch auf dem Rahmen des Lichtenfelder-Bildes, links, steht: „Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind versammelt und kommen zu dir.“ Es würden die Söhne kommen und „deine Töchter auf dem Arme hergetragen“ werden. Wenn sich die „Schätze der Völker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der Völker zu dir kommt“ werde Zions Herz erbeben und weit werden. Die Menge der Kamele werde Zion bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Die Völker würden aus Saba kommen „Gold und Weihrauch“ bringen und des HERRN Lob verkündigen. Die Herden von Kedar würden zu Zion gebracht werden und „die Widder Nebajots sollen dir dienen.“

Wir erkennen auf Lichtenfelders Bild den Jesaja-Text wieder: Der See stellt das Meer dar, an dem die Völker leben, die ihre Schätze nach Zion bringen. Der Mann an der Spitze des Zuges könnte einer der Heiden-Könige sein. Die Kamele auf dem Bild sind die Kamele aus Midian und Efa. Selbst die vierbeinigen Tiere können nun zugeordnet werden: Es sind die Widder Nebajots. Vor uns eine Szene, die die Zeit der Erlösung, die Zeit des Aufgangs der Herrlichkeit des Herrn darstellt. Zion ist Licht geworden und zieht die (heidnischen) Völker magisch an. Ihr Ziel ist Jerusalem und der vor dem Tempel sich verteidigende Paulus.

Mittelgrund, links

Vor dem See erhebt sich eine Ruine. Sie ist im Erdgeschoss von einem großen Torbogen geprägt, der den Blick auf den See freilässt. Das erste Geschoss ist nur noch auf der rechten Seite in Form einer aufgehenden Mauer erhalten. Die Stirnseite der Mauer schmücken zwei übereinander angebrachte Skulpturen, wohl ein bekleideter Mann unten und eine nackte Frau oben. Zum ersten Geschoss führt eine Treppe hinauf, die wohl auch einige Männer genutzt haben, um zu Fensterhöhlen zu gelangen, von denen aus sie die Rede vor dem Renaissancepalast anschauen. Die aufgehende Mauer hat bildaufteilende Funktion, sie trennt die linke von der rechten Bildhälfte mit ihrer rechten Außenseite genau in der Mitte. Die Ruine könnte auch ein zerstörtes Stadttor darstellen.

Was ist im Torbogen zu sehen? Der Bogen ist vollgepackt mit Menschen, Männern. Sie stehen so, als ob es draußen regnen würde, darauf achtend, dass sie nicht nass werden. Also bleiben alle genau unterhalb des Bogens, keiner steht vor dem Bogen. Die erste Reihe zeigt sieben Männer. Im Mittelpunkt ist ein Mann zu sehen, dessen Oberkörper entblößt ist. Er schaut gen Himmel und scheint nach hinten umzukippen. Vor ihm, rechts von ihm, ein bärtiger Mann, mit gelbem Gewand und roter Schärpe. Die linke Hand zeigt mit dem Zeigefinger knapp an dem Mann vorbei. Die rechte Hand wirkt ein wenig abwehrend. Über der Männermasse heben sich vier Hände gestikulierend vor dem Hintergrund des weißen Sees hoch, auf dem zwei Schwäne schwimmen. Der eine Schwan hebt den Hals hoch und neigt den Kopf nach hinten, der andere Schwan duckt sich und berührt mit seinem Schnabel die Brust des anderen Schwans.

Deutung:
Jahn konnte diese und die darauf folgende Szene „noch nicht“ interpretieren. Es scheine jedoch schlüssig zu sein, „dass sie sich ebenso wie die anderen aus den verschiedenen Sendungsvollmachten oder Tätigkeiten der Apostel herleiten lassen.“ Brecht sieht in dieser Szene die Vision des Petrus, „in der ein weißes Tuch – denn das soll die weiße Fläche über den Personen darstellen – von oben herabkommt, das unreine Tiere, nach der freien Vorstellung des Malers schwanenartiges Geflügel, enthält, das Petrus schlachten und essen soll, weil es von Gott rein gemacht ist (Apg. 10,9-16).“ Brecht will in dieser Szene auch die beiden Boten des Kornelius erkannt haben.

In der Apostelgeschichte steigt Petrus auf das Dach, „zu beten um die sechste Stunde.“ Er wird hungrig, seine Gastgeber bereiten ihm Essen zu und da geschieht es: Er gerät in Verzückung und „sah den Himmel aufgetan und etwas wie ein großes Tuch herabkommen, an vier Zipfeln niedergelassen auf die Erde. Darin waren allerlei vierfüßige und kriechende Tiere der Erde und Vögel des Himmels. Und es geschah eine Stimme zu ihm: Steh auf, Petrus, schlachte und iss! Petrus aber sprach: O nein, Herr, denn ich habe noch nie etwas Verbotenes und Unreines gegessen. Und die Stimme sprach zum zweiten Mal zu ihm: Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten.“

Diese Verzückungsszene ist in ihren Details nicht auf dem Lichtenfelder Bild wieder zuerkennen. Das weiße Tuch, das Brecht ausgemacht hat, ist der durch das Tor begrenzte Ausschnitt des großen Sees oder Meeres im Hintergrund. Statt vieler Tiere sind nur zwei Schwäne zu sehen, die in der christlichen Ikonographie immerhin für Reinlichkeit stehen. Petrus scheint in der Apostelgeschichte alleine auf dem Dach zu sein; im Bild ist der Mann mit dem nackten Oberkörper inmitten einer Menge von Dutzenden Leuten zu sehen. Es wäre Lichtenfelder leicht gefallen, einen einsam auf der Ruine sitzenden Mann zu malen, dem sich ein weißes, vom Himmel herunterschwebendes Tuch mit „allerlei“ Tieren offenbart.

Die Suche nach dem halbnackten Mann in der Menschenmenge geht weiter. Eine Überprüfung der übrigen Apostel und ihrer Martyrien ergab, dass keiner der Apostel sich dadurch auszeichnet, mit freiem Oberkörper in einer ansonsten bekleideten Menschenmenge aufzutreten.

Gehen wir also ab von der Idee, der halbnackte Mann könnte einer der Apostel sein. Begreifen wir ihn als Heiden, über den gerade der Heilige Geist kommt. Der vor ihm stehende bärtige Mann könnte dann einer der Apostel sein. Wir müssten also nach einem Apostel suchen, der inmitten einer Menschenmenge predigt und dadurch den Heiligen Geist „beschwört“. Zu dieser Interpretation würden auch die nach oben geworfenen Hände passen, die wir bereits aus dem Pfingstwunder-Bildnis kennen. Dieser Apostel könnte nun doch, wie Brecht andeutete, Petrus sein. Es könnte Petrus sein, der nach der Verzückungserfahrung auf dem Dach von Joppe nach Cäsarea gebracht wurde, um Kornelius zu besuchen. Hier spricht Petrus: „Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm.“ Petrus predigt unter den „Verwandten und nächsten Freunden“ des Kornelius das Evangelium. Während er redet, fällt der Heilige Geist auf die versammelten Menschen, die „in Zungen redeten und Gott hoch priesen.“ Nachdem Kornelius und sein Umkreis den Heiligen Geist empfangen hat, kann Petrus ihm und den Seinen die Taufe nicht mehr verwehren. Es ist also durchaus möglich, dass hier eine Taufhandlung zu sehen ist. Fraglich nur, warum der Mann (Kornelius) seinen Oberkörper entblößt, statt den Kopf zu beugen, wie es der Kämmerer aus Äthiopien macht.

Nun sind wir wieder bei der Brücke angelangt, die sich an die Taufszene auf dem Felsplateau anschließt. Über die Brücke, aus Steinen gebaut, bewegt sich eine Gruppe aus acht Männern, davon sitzen zwei auf Eseln oder Pferden. Die Tiere haben goldenes Zaumzeug. Einer der Reiter, in gelbem Gewand und mit weißem Turban, trägt ein Kind auf seinem Schoß. Vor den Tieren sieht man einen schwarzen Mann, in goldgelbes Tuch eingehüllt. Die Gruppe hat einen Anführer, bärtig, zum Beobachter blickend, gelbes Untergewand, roter Umhang. Mit seinem rechten Arm weist der Zeigefinger der zugehörigen Hand auf die Szene unterhalb des Torbogens.

Oberhalb der Brückenszene sehen wir zwei Männerpaare. Das erste Paar besteht aus einem Mann in Gewand mit Buch und Stock, der vorangeht und einem Mann mit schwarzen Hosen, grauem Gewand, weißem Kragen und gelbem Hut (Kopfbedeckung). Das zweite Paar zeigt zwei mit Federschmuck ausgezeichnete Männer, die dem ersten Paar folgen. Hinter dem zweiten Paar ist wieder der See zu sehen, durch den nun eine Brücke führt, auf der eine Menschengruppe sich bewegt, an den Händen verbunden. Vor der Gruppe steht eine einzelne Person.

Hintergrund, rechts
Hinter den schon benannten Gruppen am Seeufer ist bis zum Horizont eine Vielzahl von Gebäuden zu sehen. Die Landschaft könnte eine italienische sein.

Hintergrund, links
Hinter dem See ist eine Gruppe Berittener zu sehen, die zum Bildrand hinaussprengt. Weiter rechts sieht man Infanterie, mit Speeren bewaffnet. Noch weiter rechts sieht man ein davon sprengendes Pferd, das gerade seinen Reiter abgeworfen hat. Der Reiter, rücklinks auf dem Boden liegend, wird von einem Doppelstrahl getroffen, der von dem „Mann in den Wolken“ auszugehen scheint. Der Mann in den Wolken wird umhüllt von einem roten, wallenden Stoff. Er selbst trägt ein graues Gewand und einen langen Bart. Seine rechte Hand zum Segensgestus ausgestreckt, hält seine linke Hand eine Kugel, die von einem Goldkreuz bekrönt wird. Die Kugel wird von einem mit Edelsteinen besetzten Goldstreif umfangen.

Deutung:
In Jesaia 60 wird von der Herrlichkeit des Herrn berichtet, die über Zion, wie eine Sonne, aufgehe. Im 19 Vers heißt es: „Die Sonne soll nicht mehr dein Licht sein am Tage, und der Glanz des Mondes soll dir nicht mehr leuchten, sondern der HERR wird dein ewiges Licht und dein Gott wird dein Glanz sein.“ Der HERR werde Zions ewiges Licht sein.

Hinter der Reitergruppe erhebt sich eine Architekturszene. Auf einem Berg stehen Häuser, über denen eine Vogelschar aufsteigt.

Böhnke 14.11.08