Museale Erinnerungskultur in Halle (Saale)
Der städtische Beitrag

Diskussionspapier* der Initiative für Halle und den Saalekreis (IfHaS) e.V.
Verfasser: Norbert Böhnke, Vorsitzender der IfHaS e.V.


„ Ein Stadtmuseum ist Ausdruck der Stadtidentität.“


„ Die Arbeit des Stadtmuseums ist unabdingbarer Teil der Imagebildung der Stadt.“


„ Das Stadtgeschichtsmuseum soll den Bewohnern dieser Stadt eine Möglichkeit bieten, sich über sich selbst zu vergewissern. Es kann dabei Gemeinsinn fördern, ohne unterschiedliche Herkunft und Standorte zu verneinen. Ausgehend von der gewachsenen hallischen Museumslandschaft, ist es sinnvoll, Stadtgeschichte an mehreren authentischen Orten zu erzählen, die unterschiedlichen Erzählstränge aber an einem attraktiven Zentralort zusammenzuführen.“


Inhaltsverzeichnis
A. Einführung, Grundsätze 4

Zur Entstehungsgeschichte des Papiers
Stadtmuseum als Ausdruck der Stadtidentität
Museale Erinnerungskultur in Halle (Saale)
Aufgabe des Stadtmuseums: Präsentation städtischer Geschichte
Zusammenhang zwischen inhaltlichen Schwerpunkten und der Sammlung
Themen städtischer musealer Erinnerungskultur
Verhältnis Dauerausstellung – Sonderausstellung

B. Orte städtischer musealer Erinnerungskultur 11

C. Thematische Schwerpunkte (Sonderausstellungen) 19

2008: Beobachte Dich selbst! Halle (Saale) im Urteil der Umwelt
2009: 60/20 – Anfang und Ende der DDR in Halle (Saale)
2010: Rat, Bürgermeister, Oberbürgermeister. Die Verfassung der Stadt
2011: Mauritius – Ein Reichsheiliger und Stiftspatron in Halle (Saale)
2012: An der Saale hellem Strande – Die Stadt und ihr Fluß
2013: Natürlicher Reichtum (Salz, Braunkohle) und menschliche Kunst
2014: Nation Building // Der Beitrag einer Provinzstadt (1789-1870)
2015: Die Masse Mensch in der steinernen Stadt (1850-1920)
2017: Die Reformation in Halle (1517-1541)
2018: Eine Stadt wird manifest: Stadterweiterung unter W. von Groitzsch (1118ff)

> Pest und Epidemien – Krankheit und Tod im städtischen Raum
> Krieg, Plünderung, Besatzung: Wie eine Stadt auf den Ausnahmezustand reagiert
> Provinz und Hauptstadt: „Einmal Halle-Berlin und zurück, bitte!“

D. Zusammenfassung 29

A. Einführung, Grundsätze

Zur Entstehungsgeschichte des Papiers

Wer sich derart intensiv (im Ehrenamt) der Vergegenwärtigung und Veröffentlichung – nicht der Erforschung! – hallischer Stadtgeschichte widmet wie die IfHaS , wird es umso bedauerlicher finden, dass die institutionelle Vergegenwärtigung und Veröffentlichung hallischer Stadtgeschichte, d.h.: die museale städtische Erinnerungskultur, zur Zeit im Argen liegt. Seit der Zusammenführung der beiden großen städtischen musealen Einrichtungen (Stadtmuseum und Salinemuseum) vor dreieinhalb Jahren hat sich in diesem Bereich nichts getan. Auch die Impulse des großen Stadtjubiläums 2006 scheinen keinen Widerhall gefunden zu haben. Während die Stadtgeschichtsforschung dank eines rührigen Vereins (Verein für hallische Stadtgeschichte e.V.) nach Jahren der offiziellen Vernachlässigung vorankommt, wartet die interessierte Öffentlichkeit noch immer auf ein ideenreiches, eine „Zukunft für die Vergangenheit“ der Stadt bietendes Konzept für die Hallischen Museen.

Wir fühlen uns daher verpflichtet, mit unserem Papier die Diskussion um den Beitrag der Stadt zur musealen Erinnerungskultur in Halle (Saale) anzuregen. Denn: Wer die Tatenlosigkeit anderer kritisiert, sollte bereit sein, der Öffentlichkeit ein eigenes Angebot zu unterbreiten.

Stadtmuseum als Ausdruck der Stadtidentität

Jeder, der sich mit Halle (Saale) beschäftigt, weiß um ihre wechselhafte Vergangenheit. So war es im Vorfeld des Stadtjubiläums 2006 zu einer Grundsatzentscheidung zur Präsentation Halles im Jubiläumsjahr gekommen: Halle sollte als eine Stadt mit „Störungen“, im Sinne von diskontinuierlicher Entwicklungsgeschichte, dargestellt werden. Vor dem Hintergrund des Transformationsprozesses, den die Chemiearbeiterstadt des 20. Jahrhunderts aufgrund des politischen Umbruchs 1989 in Europa und Deutschland durchlief, war und ist diese Grundsatzentscheidung verständlich. Unterstützt wurde diese Entscheidung von regelmäßig stattfindenden Bürgerumfragen, die zuletzt eine 51%ige Bereitschaft der Einwohner Halles, sich mit der Stadt zu identifizieren, ergab. Das ist im Vergleich mit früheren Umfragen eine deutliche Steigerung, zeigt aber auch, dass nach wie vor die Einwohner ihrer engeren alltäglichen Umgebung distanziert gegenüberstehen.
Die Hallischen Museen tun gut daran, diese „gestörte“ Einstellung der Bürger zu ihrem Gemeinwesen zu reflektieren. Gleichzeitig muss eine mangelnde Bindung an das jetzige Gemeinwesen nicht auch eine mangelnde Bereitschaft bedeuten, sich mit „Vergangenheiten“ des Gemeinwesens auseinanderzusetzen oder sich für die „Zukunft der Vergangenheit“ städtischer Geschichte zu begeistern.
Neben den „Brüchen“ in der Geschichte der Stadt sind die Traditionslinien nicht zu vergessen; es ist notwendig, den hier Aufwachsenden wie den Zuwanderern zu verdeutlichen, woher sie kommen bzw. wohin sie gekommen sind. Wir haben in Halle (Saale) natürliche Faktoren, die die Bewohner der Stadt über Jahrhunderte, sogar Jahrtausende begleitet haben (Salz, Wasser, Lage). Damit ergeben sich Themen, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Stadt, wie auch ihre Identität, ziehen. Besondere Bedeutung kommt hier auch der politischen Gemeinde zu; der städtische Rat (`consules civitatis´) wurde 1158 erstmalig erwähnt, Jahrzehnte vor den Räten der Städte Lübeck (1201), Erfurt (1212) und Magdeburg (1244). Es ist eine wichtige Aufgabe auch der Hallischen Museen, den Hallenserinnen und Hallensern eine positive Identifizierung mit ihrer Heimatstadt zu erleichtern.

Museale Erinnerungskultur in Halle (Saale)

Erinnerungskultur kann sich auf alle Aspekte des öffentlichen, hier: städtischen, Lebens beziehen. Viele Akteure können Erinnerungskultur betreiben. Während Erinnerungskultur von Vereinen, Parteien und Betrieben immer einen Teilbestand städtischen Lebens betrifft, meist nicht kontinuierlich gepflegt wird (Jubiläen), ist städtische museale Erinnerungskultur ein kontinuierlicher Bestandteil öffentlichen Lebens, der an einen festen Ort gebunden ist („das Stadtmuseum“) und neben der Darstellung von Teilaspekten städtischen Lebens immer auch den Blick auf die Gesamtheit der Bürgerschaft und ihrer Aktivitäten richtet.

In Halle existieren fünf Landeseinrichtungen, die die museale Erinnerungskultur stark prägen: Die Franckeschen Stiftungen (FS), die Stiftung Moritzburg (SM), das Landesmuseum für Vorgeschichte (LV), die Universität (MLU) und die Gedenkstätte `Roter Ochse´ (RO) . Die FS beteiligen sich mit Ausstellungen rund um AHF an der musealen Erinnerungskultur in Halle; sie beziehen städtische Geschichte dabei jedoch nur dann ein, wenn sie für die Geschichte der FS eine besondere Bedeutung hat. Die SM prägt die museale Erinnerungskultur durch einen Teil ihrer Bestände, die Bezug zur Stadtgeschichte haben. Diese Bestände spielen jedoch für das hier vorliegende Konzept nur insofern eine Rolle, als dass sie nicht den HM angehören; die Einbeziehung städtischer Geschichte in das Ausstellungsgeschehen der SM findet – funktional begründet – kaum statt. Ebenso verhält es sich beim LV: Ausstellungen zu archäologischen Themen haben kaum städtischen Bezug (Dauerausstellung, Himmelsscheibe, Luther). Die MLU mit ihrer Kustodie beschränkt sich auf universitäre Erinnerungskultur; die Stadt spielt auch hier nur insofern eine Rolle, als dass Professoren und Studenten die Stadt als Bewohner prägten (Professoren als Konsumenten, aber auch Träger politischer Verantwortung; Studenten als Konsumenten). Vergessen werden sollte allerdings nicht, dass universitäre Bauten das Gesicht der Stadt über die Jahrhunderte prägten. Die Gedenkstätte RO thematisiert neben der Geschichte des Gebäudes diktaturenübergreifend den Umgang des totalitären Staates mit dem Individuum; in erster Linie geht es um den Durchgriff des Staates, nicht der Kommune, auf den (politisch) missliebigen Bürger.

Aufgabe des Stadtmuseums: Präsentation städtischer Geschichte

Vor diesem Hintergrund ist es Aufgabe einer städtischen Einrichtung, die zur musealen Erinnerungskultur in Halle beitragen soll, sich auf städtische Themen der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Geschichte zu konzentrieren. Da die Landesinstitutionen auch die städtische Gemeinschaft geprägt haben, kann es bei der Pflege städtischer musealer Erinnerungskultur immer wieder zu Überschneidungen, sprich: (idealer- und anstrebenswerterweise) Kooperationen, kommen. Es ist jedoch entscheidend, immer aus Perspektive der Stadt zu fragen: „Welchen Einfluss hatten die Landeseinrichtungen auf das städtische Gemeinwesen? Wie stellten sich die Landeseinrichtungen aus Bürgersicht dar?“ Ein städtisches Museum präsentiert städtische Geschichte, nicht Landes (-institutionen) geschichte! Mit anderen Worten: Klares Profil und eigene Schwerpunkte sind notwendig.

Das kann am Beispiel Christian Wolffs gut erklärt werden. Für die Stadt Halle war Christian Wolff ein Professor unter vielen, wenn auch ein bedeutender. Er hatte ein Haus, er nutzte die Straßen der Stadt, aß die Früchte der Landwirtschaft der städtischen Umgebung, führte vielleicht auch Unterredungen mit der städtisch-staatlichen Obrigkeit – das ist für ein städtisches Museum von Interesse. Alles, was darüber hinausgeht, seine wissenschaftliche Arbeit, seine Beziehungen zu Kollegen, zum preußischen Königshaus, fällt in die Sphäre der Universitäts- und Landesgeschichte. Hier würde ein städtisches Museum vergeblich arbeiten und sich übernehmen; einerseits fehlten die Bestände, andererseits durchbräche es die „Zuständigkeitsverteilung“ der musealen Erinnerungskultur in Halle. Christian Wolff gehört der Universität, das Umfeld in dem er lebte, der Stadt.

Zusammenhang zwischen inhaltlichen Schwerpunkten und der Sammlung

Nur wenn die inhaltlichen Schwerpunkte der städtischen musealen Erinnerungskultur klar umrissen sind, vielleicht sogar von vielen wichtigen nur die wichtigsten hervorgehoben werden können, kann das Museum sich auf eine klare Erwerbspolitik für die Sammlungen ausrichten. Es ist nicht entscheidend, soviel wie möglich zu haben, sondern zu den entscheidenden Epochen der Stadtgeschichte die wichtigsten „Dinge“ präsentieren zu können. Da die Finanzen immer knapp sein werden, ist es für einen dauerhaften und soliden Aufbau der Sammlung wichtig, nur die „Dinge“ zu erwerben, die Halles strukturelle (funktionale) wie personale Besonderheiten in außergewöhnlicher Weise darzustellen vermögen.

Davon unabhängig sind Schenkungen zu betrachten: Schenkungen, die einen klaren Bezug zur politischen, gesellschaftlichen, kulturellen oder sonstigen Geschichte der Stadt und ihrer Bürgerschaft haben, sind in aller Breite – auch jenseits der inhaltlichen Schwerpunkte – anzunehmen, zu identifizieren, dokumentieren, inventarisieren und zu magazinieren. Das materielle Gedächtnis der Stadt – jenseits der Aufgaben des städtischen Archivs – sind die HM; eine bestandserhaltende Aufbewahrung unter Beachtung konservatorischer Grundsätze ist unabdingbar.

Dem Bremer Modell eines für den Bürger zugänglichen Schaumagazins ist beizupflichten; es eröffnet dem Bürger die Möglichkeit der Partizipation aber auch des nachvollziehenden Verstehens. Die Leipziger Idee, große Bestandteile des Magazins virtuell in das Internet zu stellen, ist ebenfalls vollumfänglich zu begrüßen.

Exkurs: Alleinstellungsmerkmale und Sammlung

Inhaltliche Schwerpunkte haben meist auch mit Alleinstellungsmerkmalen der Stadt zu tun. Dazu gehört das Salz, aber auch die Kombination verschiedener Elemente der Stadt(-geschichte). Ein Beispiel: Universität, zentrale Lage in Deutschland, Nähe zu Leipzig und Jena dürften dazu beigetragen haben, dass Halle eine bedeutende Rolle in der Formung der deutschen Nation gespielt hat (Turnvater Jahn, Gründung der ersten deutschen Burschenschaft, Wohn- und Arbeitsort Rudolf Hayms). Alleinstellungsmerkmale als inhaltliche Schwerpunkte städtischer musealer Erinnerungskultur bedürfen besonderer Herausarbeitung (Veredelung). Hierzu können Sonderausstellungen dienen.

Themen städtischer musealer Erinnerungskultur

Vertikale Themen
Unter vertikalen Themen versteht der Autor Themen, die über die Jahrhunderte Begleiter städtischen Geschehens waren: Das sind die geologischen (Bodenreichtümer: Salz, Braunkohle), geografischen (Stadt am Fluss) und geostrategischen (Festland, Grenzland, Beziehung zu anderen mitteldeutschen Städten, Einbindung in Erzbistum, Preußen, Nation, Europa) Gegebenheiten. Es handelt sich hier um den Rahmen der Erinnerungskultur; Koordinaten, die Stadtgeschichte prägen, ohne dass der Mensch allzu großen Einfluss auf sie nehmen konnte. Jenseits dieser unverrückbaren Koordinaten gibt es weitere vertikale Themen, die durch Menschenhand geformt wurden, so z.B. die Verfassung des Gemeinwesens.

Horizontale Themen
a. Unter horizontalen Themen versteht der Autor Themen, die für die Stadt epochenspezifische Bedeutung hatten, die durch die handelnden Personen, ob vor Ort oder auf anderen Ebenen, beeinflusst oder beherrscht wurden. Es sind zeitgebundene Themen: Der Bau des großen Befestigungsrings um 1200 (überhaupt Bauten und ihre Funktionen allgemein), zeitgemäßer Umgang mit den vertikalen Begebenheiten: Wie nutzt die Stadt im 15. Jahrhundert das Salz? Wie die Saale? Welche Lage nimmt Halle im mitteldeutschen Raum im 30jährigen Krieg ein? Es handelt sich also hier um den Umgang des Menschen mit den die Stadtgeschichte prägenden Koordinaten.

b. Zu den horizontalen Themen städtischer musealer Erinnerungskultur gehören natürlich auch diejenigen inhaltlichen Schwerpunkte, die seit je von der Bürgerschaft hervorgehoben und gefeiert wurden: Hier ist es besonders leicht, Ansatzpunkte für Erinnerungsarbeit zu finden. Auch erschließt sich durch die Orientierung an diesen gefeierten Schwer- und Höhepunkten städtischer Geschichte bzw. städtischer Inszenierung von Geschichte das Selbstverständnis der Stadtgesellschaft im Wandel der Zeiten (Bsp.: Reformationsjubiläen ).

Verhältnis Dauerausstellung – Sonderausstellung

Der klassische Typ der Dauerausstellung setzt sich aus zwei Elementen zusammen: Einerseits des Elements der Ausstellung, andererseits des Elements der Zeit. Die Ausstellung ist auf Dauer angelegt, sie wird meist über Jahre, manchmal über Jahrzehnte gezeigt. Die Ausstellung präsentiert eine Gesamterzählung. Die Geschichte der Stadt wird von ihren Anfängen bis in die Zeitgeschichte hinein präsentiert. Diese Präsentation besteht meist in einer Kombination aus Texten, Bildern und musealen Objekten.

Objekte können die Erzählung, fußend auf schriftlichen Quellen und auf jeweils aktueller Literatur, vergegenständlichen; dann sind sie Beiwerk. Objekte können aber auch im Mittelpunkt einer Ausstellung stehen. Es ist in erster Linie Aufgabe eines Museums, Objekte in den Mittelpunkt zu stellen. Nicht Texte über Stadtgeschichte stehen im Mittelpunkt städtischer musealer Erinnerungskultur, sondern Gegenstände, die Stadtgeschichte beispielhaft vergegenwärtigen. Das Museum ist kein Literaturbüro; es arbeitet immer am „Ding“, am Objekt. Diese Arbeit kann und sollte objektgebundene Fachliteraturproduktion (Forschung ) zur Folge haben; sie ist auch Maßstab für die Einschätzung der Leistungsfähigkeit eines städtischen Museums. Texte über Stadtgeschichte in der Ausstellung haben a) einführenden und b) erläuternden Charakter.

Ist eine Dauerausstellung als Gesamterzählung notwendig? Oder kann die Dauerausstellung auch als eine Aneinanderreihung von Teilerzählungen an unterschiedlichen Orten (CWH, OG, RT, LT, HMT ) angeboten werden? Um diese Frage beantworten zu können, muss nach dem Bedarf gefragt werden. Jeder, der sich über die Geschichte der Stadt Halle (Saale) rein literarisch informieren möchte, kann die Kleine Stadtgeschichte von Freitag (2006)/Tullner(2007) zur Hand nehmen.
Vor dem Hintergrund dieser literarischen Gesamterzählung kann eine Dauerausstellung zusätzlich a) authentische Objekte und b) eine ansprechende Inszenierung in den Vordergrund stellen. Historiker haben, um Geschichte „ordnen“ zu können, immer wieder nach Epochengrenzen gesucht bzw. Epochengrenzen festgesetzt. Allgemein bekannt ist die Abgrenzung in Mittelalter, Neuzeit und Zeitgeschichte. Wenn eine Dauerausstellung sich an Epochengrenzen halten soll – und das wird hier vorausgesetzt –, ist jeder Ausstellungsteil einer Dauerausstellung in sich bündig und abgeschlossen zu gestalten. Der Besucher verlässt eine Epoche, in dem er von einem Raum in den nächsten, von einer Etage in die nächste schreitet.
Wer ist nun daran interessiert, eine Gesamterzählung im Rahmen einer Dauerausstellung (örtlich zentriert: CWH) geliefert zu bekommen? Einerseits ist das die Bürgerschaft, die ihren Gästen die Geschichte der Stadt von A bis Z vorstellen möchte. Dabei soll diese Vorstellung nicht einen ganzen Tag in Anspruch nehmen, indem man vom CWH zum RT und zu den HMT, vielleicht noch zum LT wandert und im Anschluss die Straßenbahn zur OG nimmt. Andererseits sind es die Städtetouristen. Die Vorstellung soll an einem Ort stattfinden, Objekte der Stadtgeschichte klug inszenieren und Appetit auf mehr (Vertiefungsorte) machen. Insofern scheint eine Dauerausstellung als Gesamterzählung tatsächlich notwendig.

Inwiefern muss die Dauerausstellung jedoch von Dauer sein, d.h. über mehrere Jahre oder Jahrzehnte hinweg dasselbe ausstellen? M.E. gibt es hier keine Notwendigkeit. Die Dauerausstellung als Architektur (Schränke, Beleuchtung, Inszenierungselemente) sollte tatsächlich dauernden Charakter haben. Sie muss von überzeugender Qualität, einfacher Handhabbarkeit und großer Zurückhaltung bestimmt sein. Qualität gewährt Dauer, einfache Handhabbarkeit gewährt Flexibilität, Zurückhaltung gewährt den Objekten die Hervorhebung, die sie verdienen. Auch sollte die Dauerausstellung als „Rückgrat der Stadtgeschichte“, als Vergegenwärtigung von vertikalen und horizontalen Themen dauernden Charakter haben. Es ist nicht anzunehmen, dass durch neue Quellenfunde oder neue Literaturproduktion eine völlig neue Interpretation der bisherigen Ergebnisse der Stadtgeschichtsforschung zu Tage tritt. Es bleibt also für eine Belebung der Dauerausstellung nur die „Rotation“ der Objekte. Eine Daueraustellung gewinnt dann an Aktualität, wenn in demselben architektonischen Rahmen und in derselben Gesamterzählung unterschiedliche Objekte präsentiert werden („Hallische Rotation“). So ist es durchaus vorstellbar – eine Gesamtplanung müsste hier detailliert erarbeitet werden – , dass alle Objekte der Dauerausstellung einmal im Jahr insgesamt ausgetauscht werden. Auszunehmen davon sind natürlich „Unikate“, d.h. Objekte, die nur einmal vorhanden sind und zur Vergegenwärtigung der Gesamterzählung unbedingt ihren dauernden Ort in der Dauerausstellung beanspruchen. Andere Objekte, z.B. Objekte der Mittelalter-Abteilung, Unterabteilung Romanik, könnten jedoch – je nach Bestand! – ausgetauscht werden. Der Austausch könnte z.B. öffentlichkeitswirksam in Szene gesetzt werden. Zu diesem Zeitpunkt wäre dann auch ein Vergleich der Objekte, eine Zustandsbeschreibung und eine Beschreibung konservatorischer Maßnahmen vor interessiertem Publikum angezeigt.

Sonderausstellungen reagieren auf spezifische Bedarfe städtischer musealer Erinnerungskultur. So können Sonderausstellungen zu städtischen Jubiläen (z.B. 125 Jahre Straßenbahn), aber auch als städtischer Beitrag zu regionalen oder nationalen Jubiläen stattfinden. Das setzt eine thematische Auswahl, Abstimmung und Festlegung voraus, die planend die Relevanz von erinnerten Ereignissen für die heutige und zukünftige Zeit erkennt. Selbstverständlich haben die HM die Aufgabe, ihre eigene Rolle realistisch einzuschätzen: Die HM müssen sich jeweils entscheiden, ob sie Jubiläen jedweder Art – Höhepunkte der Erinnerungskultur! – untersetzen (d.h. im Falle eines nationalen oder regionalen Erinnerns, um den städtischen Aspekt ergänzen), oder ob sie frontal gegensteuern und damit – Aufmerksamkeit erringen.
Denn: Natürlich geht es bei der Planung von Sonderausstellungen immer um die Frage, wie es die Ausstellungsleitung schaffen kann, die Ausstellung so zu platzieren, dass sie Aufmerksamkeit erfährt. Eine Sonderausstellung, mag sie noch so gut sein, verliert ihre Bedeutung, wenn sie keiner besucht, weil ihr Thema keinen interessiert. Das kann der Fall bei mangelnder Relevanz aber auch bei Übersättigung sein!

Eine weitere Unterscheidung ist zu treffen: Es gibt Pflichtaufgaben städtischer musealer Erinnerungskultur. Dazu gehören die Erinnerung an „klassische“ Ereignisse und Personen. Hierzu zählen in Halle z.B. der Untergang der städtischen Autonomie und der Übergang an Brandenburg; Luther/Albrecht, Händel (gemeinsam mit Händel-Haus), Francke (gemeinsam mit FS), Wolff/Thomasius (gemeinsam mit MLU), Luckner, Rive. Sonderausstellungen zu diesen Themen müssen stattfinden. Die Frage nach dem „Muss“ ist eine politische Entscheidung (z.B. Luckner); städtische museale Erinnerungskultur kann einen wesentlichen Anteil zur Imagebildung einer Stadt (Ottonen- und Reichsaustellung in MD – „Kaiserstadt“) sowie zu ihrer Identitätsfindung beitragen.
Ebenfalls von Bedeutung für die Wahl eines Sonderausstellungsthemas ist die gesellschaftliche Relevanz: Was interessiert die Bevölkerung in Halle und im Umland, was im Land und in der Republik? Sonderausstellungen zu „auratischen Persönlichkeiten“ (Hl. Elisabeth) oder „auratischen Ereignissen“ (Varus-Schlacht) können Bedürfnisse (Sehnsüchte) weiter Publikumskreise befriedigen.

Mehr als eine Sonderausstellung im Jahr erscheint je Haus (CWH, Saline) weder finanziell noch personell machbar.

Sonderausstellungsarchitektur sollte derselben Gestaltungsform wie die Dauerausstellungsarchitektur entstammen. Um die Architektur der Sonderausstellung von der Architektur der Daueraustellung abzuheben ist ggf. eine farbliche Abweichung der Sonderausstellungsarchitektur zuzulassen. Statt der farblichen Abweichung ist auch an eine materielle Abweichung zu denken. Inszenatorische Elemente einer Sonderausstellung (Pappen) sollten so hergestellt werden, dass sie nach Beendigung der Sonderausstellung in die Dauerausstellungsarchitektur eingepasst werden können. Es ist zu beachten, dass inszenatorische Elemente nach Beendigung einer Ausstellung Bestandteil der Geschichte des Hauses werden. Sollte also aus Gründen mangelnder Einpassungs- bzw. Magazinierungsmöglichkeiten eine Verwendung inszenatorischer Elemente nicht erfolgen, ist ein Satz Planungsunterlagen zzgl. fotografischer Aufnahmen der Ausstellungsdokumentation beizufügen und zu archivieren. (...)

* Die hier wiedergegebenen Ausschnitte sind Teil des im Buchhandel für 3,-€ erhältlichen Papiers (ISBN 978-3-89812-584-0).