Roland Hildebrandt: Preußens Ende - Was übrig bleibt.
60 Jahre nach dem Auflösungsbeschluss

Franckesche Stiftungen, Amerika-Zimmer, 25.2.2007

Wie soll man Preußen und dem Preußentum gerecht werden? Wie soll man eine Vergangenheit bewerten, ohne gleich wieder in die allseits bekannten Stereotypen der beiden Extrempositionen bezüglich der historischen Beurteilung zu verfallen. Einerseits als Hort des Militarismus, der ständig zur Kriegstreiberei motivierten staatlichen Eliten und des im obrigkeitshörigen und unkritischen verhafteten Staatsbürger – und andererseits die als Preußische Tugenden gefeierten Eigenschaften von Eliten und Bevölkerung sich aus größter Hungersnot und gesamtgesellschaftlicher Rückständigkeit zu eines der modernsten Gemeinwesen seiner Zeit wandeln zu können.

Auch wenn die Farben Preußens Schwarz-Weiß sind, ist doch die geschichtliche Dimension Preußens weitaus differenzierter. Sicher sind seine gesellschaftlichen Folgen vielleicht nicht unbedingt als ein unerschütterliches Vermächtnis mehr zu sehen, aber sicher mehr als nur irgendein rudimentärer Abschnitt der deutschen Geschichte.

Bei der Auseinandersetzung mit unserem Staat, der Bundesrepublik Deutschland, und unserer Gesellschaft haben sich aus unterschiedlichsten Gründen Errungenschaften oder Überkommenes aus preußischer Zeit erhalten.

Ohne Preußen keine deutsche Einheit! Mit der Überwindung des Dualismus zwischen Preußen und Österreich durch den Sieg Preußens und seiner Verbündeten im „Bruderkrieg“ sollte Preußen die Vormachtstellung in Deutschland einnehmen. Bis heute haben sich der preußische Wappenadler und das Eiserne Kreuz als Hoheitszeichen der Bundesrepublik Deutschland und der Bundeswehr erhalten. Auch das Berlin die deutsche Hauptstadt wurde und seit der Wiedervereinigung erneut ist, führt zurück auf die Entscheidungen des preußischen Königshauses und der politischen Eliten Preußens. Auch ist das preußische Regierungs- und Verwaltungsmodell von Ministerpräsidentenamt, Regierungsbezirke (Landesverwaltungsamt), Landräte, Kreise, Ämter oder die Landschaftsverbände erhalten geblieben. Auch hat Preußen eines der größten und universellsten Kultursammlungen der Welt hinterlassen. Verwaltet in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin. Es benennen sich Sportvereine nach Preußen: wie z. B. Borussia Dortmund und Borussia Mönchengladbach oder Preußen Münster. Und das die deutsche Fußballnationalmannschaft in Schwarz-Weiß auftritt, ist ein Verweis auf Preußen. Auch hätte sich das Hochdeutsche nicht ohne das überlandsmannschaftliche Staatsterritorium durchsetzen können. Auch ist der frühe Aufbau und Ausbau der preußischen Kommunikations- und Verkehrswege eine herausragende Leistung.

Weit umstrittener ist das unter Preußen intensivierten Berufsbeamtentum, und im Wesentlichen ist es in ganz Deutschland als weltweit einmalig erhalten geblieben, trotz das die Alliierten es versuchten nach dem Zweiten Weltkrieg abzuschaffen. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass die Unabhängigkeit der Staatsdiener eine entscheidende Rolle einnahm beim Aufbau einer tragfähigen und allgemein akzeptierten Staats- und Rechtsordnung.

Neben diesen greifbaren Überbleibseln sind für mich trotzdem andere Aspekte des Preußentums ausschlaggebender, sowohl im Positiven wie im Negativen.
Einer der Leistungen des preußischen Königshauses und der preußischen Eliten war es in einer Zeit größter Not zu erkennen, dass trotz des absolutistischen Machtanspruchs ein Mindestmaß an Einsicht zur Veränderung und Verantwortung gegenüber der untergebenen Bevölkerung bestand und dies nicht gleich als Angriff auf die Unfehlbarkeit des absolutistischen Königsstuhls angesehen wurde, wie es im zaristischen Russland oder im zentralköniglich-absolutistischen Frankreich der Fall war. Friedrich der Große hat die notwendige Einsicht, dass die Hungersnöte und die gesamtgesellschaftliche Rückständigkeit in Preußen des 18. Jahrhunderts Maßnahmen notwendig machten, etwa durch die Einführung des Kartoffelanbaus und der Einräumung des freiheitlichen Auslebens und staatlich geschützten Betreibens von Kunst, Kultur, Religion Wissenschaft und Forschung, der in dem bekannten Ausspruch Friedrichs des Großen „Jeder soll nach seiner Façon selig werden“ sich manifestiert. Einführung der allgemeinen Schulpflicht oder der Aufbau sozialer Einrichtungen wie der Franckeschen Stiftungen sind Zeugnis für die frühe Überzeugung zu einer gesellschaftlichen Verantwortung gegenüber Hilfebedürftigen, angetrieben durch eine protestantisch-pietistische Überzeugung als gelebte christliche Nächstenliebe. Gewiss Friedrich der Große war kein Demokrat, die gab aber es in Europa zu dieser Zeit nur wenige, aber die folgende Aufklärungsbewegung war für Preußen kein Kulturschock, stellt auch nicht die Machtlegitimation der Hohenzollern in Frage, weil so manche Ansätze der Aufklärung in ihrem Geltungsbereich im Gegensatz zu Frankreich schon verwirklicht worden waren.

Der Aufstieg Preußen vom Kurfürstentum Brandenburg zur Großmacht in Europa hatte es der Fähigkeit zu verdanken, dass Veränderungen und Reformen nicht Schwäche, sondern Stärke sind. So beispielsweise die Stein-Hardenbergschen Reformen nach der Niederlage 1806 gegen das napoleonische Frankreich. Auch wurde in Preußen früher erkannt als anderswo, dass für eine Beschleunigung der wirtschaftlichen Produktivitäts- und Wertschöpfungsentwicklung zur Verbesserung des Lebensstandards auch eine entsprechende allgemeinverbindliche Gewerbe- und vor allem Eigentumsordnung geschaffen werden musste, wie sie zu diesem Zeitpunkt nur in England bestand. Damit hatte Preußen den Grundstein gelegt für seine stark beschleunigte Industrialisierung, die dazu aus einem dünn besiedelten Landstrich eine der einwohnerstärksten Regionen Europas machte.

Der Untergang Preußens von 1947 beginnt nicht erst am 1. September 1939, oder am 30. Januar 1933, auch nicht am 9. November 1918 – sondern aus meiner Sicht beginnt der Untergang 1871 – also auf dem Höhepunkt preußischer Macht. Mit der Annexion von Elsass-Lothringen war der Weg zu einer nachhaltigen Friedensordnung in Kontinentaleuropa versperrt. Der erste Kanzler des norddeutschen Bundes und des Deutschen Kaiserreiches, Otto von Bismarck, erkannte zwar als einer der ersten aber dennoch zu spät, dass dies ein Fehler war. So viel Einsicht hatte er, was den Kulturkampf und die Sozialistengesetze angeht, aber später nicht mehr. Es flammte auch der Verfolgungswahn, der schon die Zeit um die Märzrevolution 1848 prägte und danach sich gegen die Liberalismus- und Einheitsbewegung und für die Einführung einer konstitutionellen Monarchie richtete und sich nun im Kulturkampf gegen die Katholiken und gegen die Arbeiterbewegung fortsetzte. Es war die Zeit in der die System stützenden Kräfte zum ersten Mal notwendige Reformen und Veränderungen unterließen. Für Bismarck war die Einführung der vollständigen Demokratie das Mittel Preußen zu zerstören. Bis weit ins 19. Jahrhundert waren Reformen in Preußen immer Reformen von oben. Das ändert sich mit der Reichseinigung 1871. Das Deutschland, das entstanden war, war ein Deutschland nach preußischem Vorbild und preußischen Vorstellungen und wenn dieses Deutschland unfähig wurde, Lösungen für die bürgerlichen und republikanischen Bestrebungen und den Machtteilhabeanspruch der Arbeiterbewegung anzubieten, war der Machtverlust des Preußischen Könighauses einhergehend mit dem verloren Krieg 1918 unvermeidlich, trotz einer fortschrittlichen Sozialgesetzgebung; die Zeit von 1871 bis 1914 war die Zeit des Kampfes gegen so genannten inneren und äußeren Reichsfeinde.

Die Machterschleichung Hitlers und des Nationalsozialismus war nicht die originäre Schuld Preußens, sondern Resultat vielerlei Ursachen wie das unzureichende Demokratiebewusstsein der deutschen Eliten, die schlechte Nachkriegsordnung des Versailler Vertrages, aber vor allem wirtschaftlicher Folgen von vorrangig Hyperinflation, der Massenarbeitslosigkeit, beschleunigt durch die Weltwirtschaftskrise, und denen wie ich finde zwei wichtigsten Gründen: Erstens dem weitgehenden Zusammenbruch des Welthandels und des Eintretens des Protektionismuses mit dem Beginn des ersten Weltkrieges, der bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges andauert. Der Verlust der Absatzmärkte deutsch-preußischer Güter hatte schwerwiegende ökonomische und damit soziale Konsequenzen – zunehmende Armutswellen –, die die Weimarer Republik nicht mehr Herr wurde und der ihr damit in den Augen der Bevölkerung die Legitimation nahm. Die Lebensstandardzuwächse der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg werden in den 1920er Jahren nicht mehr erreicht, teilweise waren sie so gar zurückgegangen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird unter Führung der USA mit dem System von Bretton Woods, Weltbank und Internationalen Währungsfond eine weltwirtschaftliche Ordnung installiert, wie sie bis zum Ersten Weltkrieg schon bestanden hatte. 1951 erreicht die westdeutsche Bundesrepublik das Außenhandelsvolumen am Bruttoinlandsprodukt, dass das Deutsche (Kaiser-)Reich 1911 schon einmal gehabt hatte. Ein Land wie Deutschland, welches seinen Wohlstand die durch breite Volksbildung erzeugte Innovations- und Absatzfähigkeit exportierter Güter verdankt, dass Deutschland sich seit Jahrzehnten beständig zu den größten Exportländern zählen kann und sich neuerdings den etwas eigenwilligen Titel des Exportweltmeisters gibt, ist trotz alledem eine Erbe und eine Vorleistung Preußens. Der zweite schwerwiegende Grund ist der Umstand, dass Deutschland bis Anfang der 1930iger Jahre eine so genannte youth bulge-Nation war. Also eine Bevölkerung, die aus einen Drittel von bis zu 15-Jährigen getragen wird. In einer Zeit von ökonomischer Stagnation und Rückfall und gleichzeitiger Bevölkerungsexplosion konnte den gewaltig zunehmenden jungendlichen Massen – vor allem junge Männer – das bestehende System keine Perspektive geben. Diese youth bulges findet man heute vorwiegend in den arabischen und afrikanischen Ländern vor.

Die Verbrechen des Nationalsozialismus, insbesondere der Mord an den europäischen Juden wurde von Deutschen begannen, nicht nur von Preußen, aber Preußen waren auch dabei. Die Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg und des in ihm eingebetteten Jahrtausendverbrechens hatten alle Deutschen zu übernehmen. Im Grunde genommen war die schwere aber dennoch betriebene Aufarbeitung der Geschichte des Dritten Reiches, unter die kein Schlussstrich gezogen werden darf, auch eine Leistung der ethisch-moralischen Sittlichkeit Preußischer Tugenden. Nämlich die Pflicht für die selbst verursachte Verantwortung einzustehen. Tugenden, die die Nazis nicht verstanden hatten, ansonsten hätte sie diese Politik nicht betreiben können, die sie betrieben haben. Der Missbrauch, die Verquickung Preußischer Tugenden und nationalsozialistischer Verbrechenspolitik ist eine schwere Bürde – selbst wenn es Preußen nicht gerecht wird. Auch wenn diese Tugenden keine Schuld tragen, haben die Nazis sie trotzdem vereinnahmt und wer wie ich vor kurzem in Auschwitz war und die bekanntesten Tugenden auf den Dachstützbalken der Baracken der dort einst eingeferchten KZ-Opfer lesen muss, wird die Emotionen der Opfervölker und der Alliierten verstehen, die auch im Preußentum die Schuld für die unsäglichen Verbrechen ausmachten. Das durch die Teilung Deutschlands, der Abtretung der Ostgebiete und dem Übrigbleiben des preußenskeptischen Rheinlands Preußen ohnehin am Ende war, war absehbar – auch ohne Auflösungsbeschluss der Alliierten. Vermutlich hätte es auch einer völligen und notwendigen Neuausrichtung Deutschlands ohnehin im Wege gestanden, wurde doch von Konrad Adenauer die Aussöhnung mit Frankreich gesucht, wurde doch auch ein wirklich neuer föderaler Aufbau gesucht. Ein Preußen, das aufgrund seiner Bevölkerungsgröße Zweidrittel der Stimmen im Reichstag und Reichsrat einnahm, war kein wirklich föderaler Staat möglich. Nicht ohne Grund haben die Mütter und Väter des Grundgesetzes festgelegt, dass ein Land minimal 3 und maximal 6 Stimmen haben darf, egal welche Größe es hat.

Marion Gräfin Dönhoff, die Granddame der Wochezeitung „Die Zeit“ und überzeugte Preußin brachte es auf den Punkt, dass das, was von Preußen bleibt, die Idee eines Staates, die Idee von Werten, von sehr großen Werten sind. Preußen wird nicht wieder auferstehen, muss es auch nicht. Je mehr wir uns zu einer differenzierten Betrachtung einlassen, desto sicher bin ich mir, dass Preußen lebendig bleibt in Staat, Gesellschaft und Verfassung.

Für mich persönlich bedeutet Preußentum im Sinne von Immanuel Kants Kategorischen Imperativ seine Pflichten und Verantwortlichkeiten zu erkennen und diesen nachzukommen – auch in schweren Zeiten. In bester Tradition großer preußischer Reformer und Modernisier wie Friedrich der Große, Scharnhorst, Hardenberg, Francke und mit Abstrichen Otto von Bismarck. Zu erkennen, dass das gesellschaftlich Notwendige im Zweifel Vorrang vor dem persönlich-individuellen Zielen genießen sollte, auch wenn, das gebe ich unumwunden zu, dies hehre Werte sind, die in der Tat und nicht im Wort ihre Wahrhaftigkeit suchen. Preußische Tugenden entfalten ihre positive Wirkung in Verbindung mit Zielen, die im Einklang stehen mit der ethisch-moralischen Sittlichkeit.


Roland Hildebrandt
Halle, 25. Februar 2007