Warum entschied sich Peter Sodann für eine sächsische Kandidatur zum Bundestag?

Dieser Frage ist im Zuge der aufgeregten Debatte um Peter Sodanns erwogene Kandidatur kaum nachgegangen worden. Nur die `Junge Welt´ schrieb: "Warum er in Sachsen, anstatt in Halle antritt, wo er ca. 90 Prozent geholt hätte, konnte am Sonntag nicht mehr geklärt werden." Tatsächlich ist das eine scharfe Frage, handelt es sich doch letztlich um "Fahnenflucht". Sodann hatte in Halle über 25 Jahre einen (sicheren) Arbeitsplatz, trotz des politischen Umbruchs. Kaum wurde er entlassen, entschied er, sich im haßgeliebten Sachsen, seiner Geburtsheimat, politisch zu engagieren. Womöglich in emotionaler Überhitzung, die aber auch als ein direktes und offenes Bekenntnis zur wahren Heimat gedeutet werden könnte. Ganz praktisch könnte die Antwort aber auch lauten: Die Sachsen-PDS hatte den ersten Listenplatz für einen Kandidaten von außerhalb freigehalten, bei der Sachsen-Anhalt-PDS war klar, dass Petra Sitte auf Platz 1 antreten würde. Jedenfalls hat Peter Sodanns Kandidatur den Hallensern gezeigt, wo ihre Heimatstadt im Städtevergleich wirklich steht: "Sodann wohnt nicht in der Boomtown Leipzig, sondern in deren vernachlässigter Nachbarstadt Halle, unter den ärmeren der armen Brüderchen also."
(A. Platthaus, in: FAZ, 6.7.05)

W E I T E R E
P R E S S E S T I M M E N

„Es ist auch eine schmerzhafte Enttäuschung, die Sodann treibt: Seit vergangenem Jahr weiß er, dass sein Vertrag als Intendant des `neuen theater´ in Halle nicht mehr verlängert wird. Sodann, der sich praktisch als unkündbarer Hausherr fühlte, muss seinen Posten zum 31. Juli für einen jüngeren Nachfolger räumen, und er tut dies tief verbittert. `Ich werde vor die Tür gesetzt´, klagt der Schauspieler. (…) Halles Oberbürgermeisterin Ingrid Häußler (SPD), die ihn zwangsweise aufs Altenteil schickte, ist Sodann in tiefster Abneigung verbunden. Insofern fügt er sich verblüffend gut in die Phalanx der `Linkspartei´ ein: Er ist wie Gregor Gysi und Oskar Lafontaine ein aus dem Amt Gestolperter, der sich zu jung fürs Pensionärsdasein fühlt.“
Focus-Online, 5.7.05

„Er wäre gern später gegangen, hätte einen anderen Nachfolger gewollt und hat jedem offen gesagt, dass er sich von der Stadt vor die Tür gesetzt fühlt. Dennoch hat die Oberbürgermeisterin Ingrid Häußler ihm einen großen Abend gewidmet. Die Sozialdemokratin hat ihn als einen Unbeirrbaren gepriesen, der unermüdlich gegen die Dummheit kämpft und dabei die Realität nicht aus den Augen verliert. (…) Wenn der nicht uneitle Sodann hektisch durch seine Hallenser Kulturinsel führte, war da nichts, was er nicht bestimmt hatte.“
SZ vom 5.7.2005

„Die Saalestadt Halle wurde für Sodann ab 1980 zu einem Ort, wo er sein Lebenswerk schuf - die Kulturinsel. Das Areal rund um das neue theater (nt), welches Sodann mit seinem Ensemble aus einem heruntergekommenen früherem Kino schuf, gilt mit seinen verschiedenen Spielstätten, einer Galerie, Bibliothek und Gastronomie als bundesweit einzigartig.“
dpa, 4.7.2005

„Da war einer zu laut, zu unbequem, zu wenig anpassungsbereit, zu sperrig, und man hat wohl nicht vertragen, dass da nicht nur Theater gespielt wurde, sondern inzwischen, wo sich in der Gesellschaft rigide reaktionäre Kälte offenbarte, immer ein kleines Imperium linker Denkungsart zurückschlug.“
Neues Deutschland, 4.7.05

„Die Stadt konnte den Vertrag beim besten Willen nicht verlängern, Sodann war zu mächtig. Ein ehemaliges Kino hatte der Kleinstadtpatriarch zur mächtigen Kulturfestung wertgesteigert (…) Sodann soll, munkelt man in Halle, an allen Unternehmungen irgendwie familiär beteiligt sein. Sein Kulturkombinat dominiert die Hallenser Innenstadt. (…) Gegen den neuen Intendanten führte er einen fiesen Kleinkrieg, und verlor. (…) Warum er in Sachsen, anstatt in Halle antritt, wo er ca. 90 Prozent geholt hätte, konnte am Sonntag nicht mehr geklärt werden.“
Junge Welt, 4.7.05

“Das neue theater war eines der wenigen ostdeutschen Häuser, das Anfang der neunziger Jahre keinen Besuchereinbruch verzeichnen musste. Derzeit liegt die Platzausnutzung bei weit überdurchschnittlichen vierundachtzig bis fünfundachtzig Prozent. Die daraus resultierende relativ hohe Eigeneinnahme hilft, die recht bescheidene Subvention von etwa fünf Millionen Euro zu verkraften. Das neue theater steht somit eigentlich glänzend da. Den Stadtvätern aber erscheint es nicht modern genug, zu wenig überregional beachtet. Also gaben sie Sodann, der gern noch die Früchte seiner Arbeit ernten würde, den Laufpass. Im Juli endet sein Vertrag nach fünfundzwanzig Jahren. Nichts in seinem Leben hat ihn so getroffen.“
Rheinischer Merkur Nr. 26, 30.6.2005

Zweites Bild: Sodann lacht in der Maske. Oder: Was die Kulturinsel der Stadt Halle gebracht hat.
`Hm, … ich denke mehr, als die Stadt denkt. (lacht) Also die behauptet zwar was anderes, weil sie das runterspielen muss, also nicht die Stadt, einige Stadtverordnete behaupten etwas anderes. Ich denke, dass durch die Kulturinsel die Stadt erstmal wesentlich bekannter geworden ist. Zumindest fahren wir im Jahr 50 Städte ungefähr im Westen unseres Vaterlandes an. Da weiß man nun schon, wo Halle liegt. Sonst immer, Halle liegt bei Leipzig. Da hat die Kultur mit zu beigetragen, dass man nicht mehr `bei Leipzig´ sagt.´
Deutschlandradio Kultur, 28.6.05

„Daß ich vor die Tür gesetzt werde, tut schon sehr weh, schließlich habe ich diese Kulturinsel mit meinen Leuten selbst aufgebaut; jeden Nagel, jedes Brett habe ich besorgt. In einem Jahr wäre ich doch sowieso gegangen. Ich habe alles für diese Stadt getan, was ich konnte, aber manchmal habe ich den Eindruck, daß es einige Stadtväter und -mütter gibt, die das gar nicht bemerkt haben. Wahrscheinlich haben einige den Sinn von Bildung und Kultur noch nicht begriffen, weil sie gar nicht wissen, wie wichtig das ist.“
(http://www.petersodann.de/, eingestellt vor März 2005, entnommen am 7.7.05)