100 Jahre Volkspark Halle

Die große Versammlungsstätte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Stadtverband Halle (Saale), wird 100 Jahre alt. Mythenüberwuchert ist er, der Volkspark: Wer sich die Artikel, die in den letzten Wochen in diversen Zeitungen erschienen, anschaut, wird feststellen: Die SPD hat zwar den Volkspark gebaut, sie ist auch eine der Veranstalterinnen des 100. Geburtstags, aber: Die Kommunisten haben die Lufthoheit über Tinzers Garten behalten. Kaum ein Artikel, der nicht auf den Kleinen Trompeter hinweist, oder auf ältere Bürger, die damals (1925) als sehr kleine Kinder "dabei" waren. Dieser "Überlagerung" wird ein Symposium zur Geschichte des Volksparks am 4.7.07, 18:00 Uhr, Volkspark, Kleiner Saal, nachgehen.

Freitag, 6. Juli 2007
Deutschlandfunk, 20.10 Studiozeit

Feature

Getanzt wurde immer
Der »Volkspark« in Halle an der Saale

Von Anselm Weidner

"Im Ferienlager — und zwar in dem Jahr, als ich über die wahren Pimmelgrößen aufgeklärt wurde — lernte ich das Lied vom Kleinen Trompeter. Ein herzerweichend trauriges Lied von einem kleinen lustigen Freund, der, als man in einer friedlichen Nacht so fröhlich beisammensaß, von einer feindlichen Kugel getroffen wurde, die sein Herz durchbohrte. Der Kleine Trompeter war — ich sage das zur Vermeidung von Kitsch mit heutigen Worten — ein Leibwächter
Ernst Thälmanns, der sich bei einer Saalschlacht vor Thälmann stellte, als jemand mit der Pistole auf Thälmann zielte. Der Schuß fiel, der Kleine Trompeter wurde getötet, Thälmann passierte nichts. Danach wurde das Lied vom kleinen Trompeter geschrieben, der ein lustiges Rotgardistenblut war. Ich war klein, ich war lustig, und das Wort Rotgardistenblut war für mich eines der komplizierten Worte, die ich damals nicht verstand, ohne mir viel daraus zu machen. Warum also sollte ich mir unter dem Kleinen Trompeter nicht einen Knaben wie du und ich vorstellen? Ich mochte den Kleinen Trompeter, zumal dieses Lied bei einem Abendappell gesungen wurde, am 16. August, dem Todestag von Teddy. Ein zehnjähriger Pionier spielte nach der letzten Strophe ein Solo auf seiner Trompete, indem er die Melodie wiederholte, eine Melodie, die im Gegensatz zu den meisten Kampfliedern, mal nicht kämpferisch daherkam, sondern geradezu herzerweichend. Sommernacht, weiche Trompetenklänge, stilles Gedenken an Teddy, das Klirren der Stahlseile an den Fahnenmasten... Mein Gott, mir ist das alles noch so gegenwärtig. Mr. Kitzelstein, ich rede vom Menschenbild des Totalitarismus. Ich war acht Jahre und fand, daß es einen Menschen geben muß, der sich in die Bahn der Kugel wirft, die auf einen wertvolleren Menschen abgefeuert ist."
(Auszug aus Thomas Brussig: Helden wie wir, Berlin: Verlag Volk & Welt, 1995, S. 96 - 98.)