Barockes Halle

Allgemeines: 18. Jahrhundert in Halle keine Blütezeit

Halle gegen Ende des 17. Jahrhunderts: 1680 besetzten brandenburgische Truppen das Erzstift, dass jetzt Herzogtum Magdeburg genannt wurde. Neuer Landesherr war „Hoffnungsträger“ Friedrich Wilhelm, der Sieger von Fehrbellin. Halle, seit 1478 Residenzstadt der Magdeburger Erzbischöfe und später brandenburgischer wie sächsischer Administratoren, erhoffte sich vom Großen Kurfürsten wirtschaftlichen Aufschwung. Der Kurfürst griff in die ohnehin schwache politische Autonomie der Kommune kräftig ein. Die Verschuldung der Stadt, 1688 betrug sie 4.692.817 Thl., führte zu 29jährigen Verhandlungen, die erst der Enkel FWs beendete. Schon 1685 hob der Kurfürst die Jurisdiktion des Rates durch einen Rezess auf. Halle, bis zum Wechsel des Landesherren „Hochburg der lutherischen Orthodoxie“, musste eine Einschränkung des Patronatsrechts erleben. Mit dem reformierten Landesherren endete „faktisch“ das Ende des konfessionellen Zeitalters. Wie schon 1662 in Berlin , wurde der städtischen Geistlichkeit verboten, gegen die Calvinisten zu predigen. 1718, ein Jahr nach Abschluss der Schuldenverhandlungen, wurde Dr. Andreas Bastineller, dessen Vater aus der Schweiz stammte, in das neueingerichtete Amt des OB eingeführt. Die Proteste des Magistrats gegen die Machtkonzentration eines von staatlicher Seite eingesetzten Stadtoberhaupts brachten nichts. 1729 erhielt der OB den Titel „Stadtpräsident“, dessen Amt nunmehr mit dem des staatlichen (Kriegs-) Kommissars verschmolz. Dadurch verloren die Ratsherren an Bedeutung. Reformwille der Regierung und Reformbereitschaft scheinen in Halle jedoch Hand in Hand gegangen zu sein. Ständische Kompetenzen wurden nicht sofort ausgeschaltet, sondern konnten noch über Jahrzehnte „mitwirken“. Der größte Aderlass der Stadt war bereits 1714 eingetreten. Mit dem Abzug der Provinzialregierung 1714 verlor die Stadt 100 Familien aus der Oberschicht. Als „Ausgleich“ erhielt die Stadt eine militärische Belegung, die dem Ruf der Universitätsstadt schadete. Oft wurde gesagt, dass Halle ohne die Garnison die erste Universität in Norddeutschland hätte bleiben können. So musste die Universität ständig um die Sicherheit ihrer Studenten besorgt sein, die durch Zwangsrekrutierungen in die Armee Aufnahme fanden. Die Salzstadt Halle verlor im 18. Jahrhundert weiter an Bedeutung. Die Selbstverwaltung des Tales wurde in die preußische Verwaltung und Gerichtsbarkeit eingegliedert. Die 1719-21 erbaute Kgl. Saline verschaffte der Pfännerschaftlichen Saline Konkurrenz, die sich aber erst spät befruchtend auswirkte.

Auch der Versuch, in Halle Manufakturen anzusiedeln, blieb letztlich erfolglos. Kurzzeitig schien es, als ob den französischen und Pfälzer Einwanderern „die zentralisierte Produktion in Form der Manufaktur“ gelingen würde. Die Impulse „verpufften“ jedoch. Schuld daran hatten die hohen Zollschranken, die den Absatz hallescher Ware nach Sachsen verminderten. Um 1750 war die Stadt von ihren Absatzmärkten abgetrennt. Zwar gründete sich in Halle 1712 die erste Strumpfwirkerinnung Preußens. 1730 liefen in der Stadt 241 Spinnstühle. 1756 arbeiteten 131 Strumpfwirkermeister und 239 Gesellen innerhalb der Stadtmauern. Dennoch überwiegt das traditionelle Gewerbe. In Halle, Glaucha und Neumarkt waren 1760 insgesamt 57 Stärkemacher ansässig. Synergieeffekte der Stärkeproduktion sind zahlreiche Branntweinbrennereien und tausende von Schweinen, die in die Stadt getrieben werden, um gemästet zu werden. Halle stank.

Als Ergebnis bleibt festzuhalten, dass Halle ein „Wirtschaftsbürgertum neuen Typs“, so wie es sich in Magdeburg und Leipzig herausgebildet hatte, fehlte. Das hallesche Bürgertum war im Vergleich arm. An der Spitze der Einkommenspyramide standen Beamte, Geistliche und Ärzte. Das 18. Jahrhundert stellt nicht die Blütezeit der Stadtgeschichte dar.

(Diese Einführung basiert im Kern auf Ergebnissen der Forschung v. Werner Freitag.)

Thema: Gräfin Cosel auf der Flucht in Halle
Zeit: 22.11.1716
Ort: Kleine Ulrichstraße 5 – Aktion: 0

Ein historischer Roman über das Leben der Gräfin Cosel ist besonders oft gedruckt worden: J.I. Kraszewskis: Gräfin Cosel. Ein Frauenschicksal am Hofe August des Starken (1952). Kraszewski nahm sich auch dem erzwungenen Aufenthalt der Cosel in Halle an. Er erweckte den Eindruck, als ob die Gräfin Berlins verwiesen wurde, weil sie dort zu frei über die Verhältnisse am Dresdner Hof gesprochen hatte. Trotz der Warnung eines „alten, bekannten Generals aus dem Kreise des Tabakkollegiums“ fuhr sie fort, August II von Sachsen zu schmähen. Wenige Tage später wurde der Gräfin mitgeteilt, dass König Friedrich Wilhelm ihre Überführung nach Halle befohlen hatte. Die Zeit in Halle beschrieb Kraszewski auf vier Seiten seines Buches. In Halle habe sie „im ersten Stock eines ärmlichen Hauses in einer engen Straße“ gewohnt, sie sei eine Gefangene gewesen. Hier soll die Gräfin von ihrem Kammerherrn van Tinen gebeten worden sein, das „Heiratsversprechen“ des Königs zurückzugeben. Gräfin Cosel blieb „starrsinnig“ und beauftragte ihren polnischen Diener Zaklika, sich aus Halle zu entfernen. Er sollte mit dem Bankier Berend Lehmann Kontakt aufnehmen, um Geld zu erhalten. Davon hätte Zaklika die Gräfin später retten sollen. Van Tiemen, der bei der Gräfin keinen Erfolg gehabt hatte, fuhr nach Dresden. Dort berichtete er von dem Entschluss der Gräfin, das Heiratsversprechen nicht herauszugeben. Der König glaubte, mit der Cosel zu einem Ende kommen zu müssen und befahl, vom preußischen König die Auslieferung zu verlangen. Durch einen Kurier wurde der Auslieferungsantrag nach Berlin gebracht. Sofort nach Erhalt schickte Friedrich Wilhelm Oberst von Treuenfels nach Halle, der die Gräfin dann an der Grenze den sächsischen Alliierten übergab.

Die Gräfin Cosel hatte auf der Flucht vor August II. in Halle Aufenthalt gefunden. Sie quartierte sich im Gasthof „Zur Preußischen Krone“ ein. Hier logierte sie seit der Michaelis-Messe 1716 beim hugenottischen Gastwirt Jean Michel. Aus einem Schreiben des preußischen Königs vom 5.11.16 an Fürst Leopold geht hervor, dass Friedrich Wilhelm von der Gräfin Geld gefordert hatte. Der Vermittler zwischen König und Gräfin, ein Jude, hätte berichtet, dass die Gräfin nur zahlen wolle, wenn sie königlichen Schutz erhalte. Der König konnte – so klingt es im Schreiben an – diesen Schutz nicht gewähren. Er stellte die Gräfin vor die Wahl: Entweder sie zahle und er werde sie aus Halle fliehen lassen. Oder aber sie zahle nicht. Dann müsse er sie, sobald des sächsischen Königs eigenhändiger Brief angekommen sei, an ihn ausliefern. Die Gräfin zahlte nicht. Sie wurde am 22.11.16 verhaftet und nach Leipzig gebracht. Von dort aus schrieb sie dem Lieutenant Karl Ludwig von Hautcharmoy (1689-1757) und bat ihn, auf ihren „Mantelsack“ zu achten. Von diesem Brief erhielt August II. Kenntnis. Er bat den preußischen König, seinen in Halle ansässigen Lieutenant nach Zahl, Inhalt und Verbleib des gräflichen Gepäcks zu befragen. Friedrich Wilhelm leitete diese Bitte an Leopold weiter. Sollte Hautcharmoy „nicht gestehen“, würde dies der König scharf an ihm ahnden und „er sich dadurch nur selbst unglücklich machen.“ Im Koffer sollen sich Kleinodien sowie eine Urkunde befunden haben, die Cosel als „legitime Epouse“ Augusts auswies. Fürst Leopold kam (durch Hautcharmoy?) in den Besitz eines Koffers der Fürstin. Es hat den Anschein, dass Leopold den Koffer jahrelang aufbewahrte. Am 26.4.29 – also 13 Jahre nach Cosels Verhaftung – verlangte der sächsische Kurfürst die Auslieferung eines Koffers aus dem Besitz der Gräfin. Fürst Leopold war gegenüber einem Tauschgeschäft sehr aufgeschlossen. Er forderte für die Aushändigung des Koffers die Belehnung mit der Gräfenhaincher Heide. Am 26.4.30 erreichte Leopold sein Ziel: Die Belehnung erfolgte als „erbliches Manneslehen unter Vorbehalt der landesfürstlichen Hoheit und des Widerrufs.“

Wer war der Jude?

Aus dem Brief des Königs an den Alten Dessauer geht lediglich hervor, dass er von „seinem“ Juden in Halle die Antwort der Gräfin erhalten habe. Der König hatte für die brisante Aufgabe, der Gräfin Geld als Gegenleistung für eine Aufenthaltsberechtigung abzufordern, einen jüdischen Bürger gewählt. Er stand dem König nahe. Der erste Jude, der sich 1688 in Halle ansiedeln durfte, war Salomon Israel. Er wurde der „Neubegründer und Stammvater“ der jüdischen Gemeinde in Halle. Aus einer Aufenthaltsliste vom 15.12.1700 geht hervor, dass Israel in sehr gutem Kontakt mit seiner Mutter Esther Liebmann, „der Berlinischen Hofjüdin“, stand. Esther Liebmann starb 1716; Israel war von 1688 bis 1733 in Halle tätig. Vielleicht ist es nicht zu unwahrscheinlich, dass Salomon Israel, erster jüdischer Bürger der Stadt Halle und Sohn der am Berliner Hofe gut bekannten Esther Liebmann, des Königs Jude in Halle war. Salomon Israel könnte mit der Gräfin Cosel im Auftrag des Königs verhandelt haben. Andere jüdische Bürger, die zu dem „Dutzend privilegierter Judenfamilien“ in Halle am Anfang des 18. Jahrhunderts gehörten, waren Assur Marx und Berend Lehmann. Mitbegründer der Gemeinde war Assur Marx, Geschäftsfreund und Buchhalter Berend Lehmanns. Lehmann stand als Hofjude im Dienst Augusts des Starken; später wurde Assur Marx „selbst Hoffaktor des Kurfürsten von Sachsen.“ Marx wurde 1701 in den königlich-sächsischen Schutz aufgenommen und erhielt die Erlaubnis, in Leipzig jederzeit Bankgeschäfte zu führen. In Universitätskreise hinein unterhielt Marx beste geschäftliche Beziehungen, so zu Samuel Stryk, Christoph Cellarius und Friedrich Hoffmann. Er kaufte für die jüdische Gemeinde einen Garten und ein Haus vor dem Galgtor, um dort einen Friedhof anzulegen. Berend Lehmann gelang es 1709, einen Schutzbrief für Halle zu erhalten sowie ein Haus zu kaufen. Der Aufenthalt der Gräfin in Halle mag nicht nur Salomon Israel, sondern auch den sächsischen Juden bekannt gewesen sein. Darüber wissen wir aber nichts.

Welche Rolle spielte Lieutenant Hautcharmoy?

Der hallesche Professor Carl Friedrich Pauli erwähnt Hautcharmoy in Beziehung zur Cosel nicht. Leopold habe – so Pauli – sich beim König Hautcharmoy auserbeten und am 26.11.1715 für sein Regiment erhalten. Hautcharmoy habe dann an der Belagerung von Stralsund und der Landung auf Rügen (4.11.15) als Adjutant teilgenommen. Was zwischen der Michaelis-Messe und November 1716 im Leben des Lieutenants passierte, können wir aus Paulis Lebensbeschreibung nicht erfahren. Am 17.11.17 wird Hautcharmoy Stabshauptmann, am 24.12.18 Chef einer Compagnie des neugebildeten 3. Bataillons des „Anhalt dessauischen Regiments“. Durch Pauli wissen wir aber, dass Hautcharmoy bereits am 14.7.14 „Beylager“ mit Marie Henriette von Schilling gehalten hat. Eine Tochter, Henriette Charlotte Marie, wurde Mitglied des Jenaischen Fräuleinstifts. In zweiter Ehe heiratete Hautcharmoy Dorothea Wilhemine Freifrau von Schmerzing. Zusammengefasst: Hautcharmoy war während der Gräfin Cosels Aufenthalt in Halle ein verheirateter Mann. Und hinter ihm lag ein für Preußen wie für Leopold siegreicher Krieg. Stoff für Legenden allerdings gibt Paulis aus dem Zusammenhang seiner Helden-Biographie gerissene Feststellung: „Nie hat jemand die Kunst, ein Geheimnis zu verbergen, vollkommener besessen als unser Held.“

Thema: Neuerungen im Alt-Anhaltischen Regiment
Zeit: 29.7.1726
Ort: Paradeplatz – Aktion: 0

A. Der Eiserne Ladestock (Schweizer Beobachtungen I)

Der auswärtige Besucher findet, dass das Regiment in „gutem Zustande“ ist. Der Schweizer Albrecht Haller beschrieb seinen Aufenthalt auf dem Paradeplatz (29.7.26) so: „10 Uhr ging (ich) auff den Paradeplatz, sah ein Bataillon exercieren. Sie machen ihre Exercitien alle schön, geschwinde, laden in einem Augenblick, andere mouvements machen sie langsam genug, doch mit Fleiß.“ Der „Alte Dessauer“ hätte sich über Hallers Beobachtungsgabe gefreut. Statt Piken und Luntenschlossmusketen führten brandenburgische Regimenter seit 1692 nur noch Steinschlossflinten mit sich. Der Kampf um die Feuerüberlegenheit wurde zu einem Kampf um die Feuergeschwindigkeit. Also bestand Leopolds „erstes und vornehmstes Ausbildungsziel“ in Schnellladen und Schnellschießen. 1699 wurde der eiserne Ladestock im gesamten Regiment eingeführt. Leopold hatte festgestellt, dass „die große Force der Infanterie hauptsächlich darin bestand, dass die Leute in Chargieren so geschwind laden als möglich, wodurch die meisten Ladestöcke während einer Chargierung entzwey gingen.“

Erst 1718 wurde der eiserne Ladestock bei der gesamten preußischen Infanterie, 1719 bei der gesamten preußischen Kavallerie verbindlich eingeführt. Damit wurde das in Halle stationierte Regiment Alt-Anhalt – neben dem Regiment des Königs – zum „Lehrregiment des preußischen Fußvolks“ . Oder anders ausgedrückt: „Sicherheit im Waffengebrauch und in den taktischen Bewegungen auf dem Gefechtsfeld (...) machten gerade dieses Regiments zum Vorbild für die gesamte preußische Armee.“

B. Spießrutenlauf (Schweizer Beobachtungen II)
Ort: Kleine Schlossgasse – Aktion: 0

Haller hatte sich die halleschen Soldaten genau angeschaut. Und sogar das Glück gehabt, einem Landsmann aus Bern zu begegnen. Der klagte, dass Strümpfe nur alle drei Jahre, Hüte nur „alle Jahre einmal“ ausgegeben würden. Zudem sei das Zeug, aus dem die Hüte fabriziert würden, „grausam grob“ . Und dann schrieb Haller den Satz: „Sie ( = die Soldaten) kriegen gute Schläge und dörfen nicht einmal umsehen, wo es herkommt.“ Haller beschrieb hier, wie Soldaten für bestimmte Vergehen bestraft wurden. Besonders unangenehm war der Spießrutenlauf. Der verurteilte Soldat musste z.B. durch zwei Reihen á hundert Mann gehen, die von seinen Kameraden gebildet wurden. Jeder Kamerad besaß eine Rute und hatte damit auf den entblößten Rücken des Delinquenten einzuhauen. Damit es nicht zum „Lauf“ kam, sondern beim „Gang“ blieb, ging dem Verurteilten ein Unteroffizier voraus. Ein Mittel, die Schlagkraft zu mindern, war das Knicken der Rute. Um dies zu verhindern, wurden die Routen vor dem „Lauf“ überprüft. Jahre später berichtete der in preußische Dienste geratene Schweizer Ulrich Bräker, wie 1756 in Berlin der Spießrutenlauf vor sich ging: „Da mussten wir zusehen, wie man (die Soldaten) durch 200. Mann, achtmal die lange Gasse auf und ab Spißruthen laufen ließ, bis sie athemlos hinsanken – und des folgenden Tages aufs neue dran mussten; die Kleider ihnen vom zerhackten Rücken heruntergerissen, und wieder frisch drauflosgehauen wurde, bis Fetzen geronnenen Bluts ihnen über die Hosen hinabhingen.“ Eine Radierung Chodowieckies „Spießrutenlaufen und sonstige Strafen“ wird 1782 so erklärt: „Einige hundert Soldaten haben, auf Befehl des reitenden Offiziers, von dem Profos Ruten empfangen, um den entblößten Rücken eines ihrer Kameraden zu zerhauen. Dieser war nur ohne Erlaubnis aus dem Wachhause weggegangen, um eine Kanne Bier im Wirtshause zu trinken (...) Der Trommler schlägt auf die gedämpfte Trommel, damit ein trauriger dumpfer Lärm entstehe.“

Thema: Isaak le Veaux und die Pfälzer Kolonie
Zeit:
Ort: Harz 51

Als „besonders wohlhabend und einflussreich“ wurde der Frankenthaler Isaak Le Veaux bezeichnet. Le Veaux hatte in seiner Pfälzer Heimat im Jahr 1686 das Amt des Bürgermeisters ausgeübt, darin Gregor Erpel, dem Vater des späteren Postmeisters in Halle, PEE, folgend. Vom Kurfürsten hatte er das Privileg erhalten, braunes Mannheimer Bier zu brauen und auszuschenken. Auf seinem Betriebsgrundstück an der Saale, der Kohlwiese, durfte die Pfälzer Kolonie 1704 ihren Schützenplatz anlegen.

Thema: Das Fremde und das Eigene: Anton Wilhelm Amo in Halle
Zeit: 9.6.1727
Ort: Amo – Denkmal am Robertinum – Aktion: 0

Anton Wilhelm Amo war der „erste akademisch gebildete Afrikaner nicht nur Wittenbergs oder der anderen deutschen Hochschulen, sondern Europas überhaupt.“ Amo stammte aus dem heutigen Ghana. Die Holländisch-Westindische Gesellschaft nahm Amo in Afrika gefangen und brachte ihn nach Europa. Hier wurde Amo 1707 dem Herzog Anton Ulrich von Wolfenbüttel-Brauschweig geschenkt. Der junge Schwarze wurde am Hofe systematisch und gut ausgebildet. Die guten Beziehungen des Herzogs zu den halleschen Frühaufklärern ermöglichten es Amo, sich am 9.6.1727 in Halle einschreiben zu lassen. Amo war ungefähr 20 Jahre alt. Vielleicht hatte er in Halle Kontakt mit Christian Thomasius, der erst ein Jahr nach Amos Ankunft verstarb. Für den Schweizer Albrecht Haller jedenfalls, der ein Jahr zuvor Halle aufgesucht hatte, war ein Besuch bei Thomasius unabdingbar. In seinem Tagebuch schrieb Haller über die Ereignisse des 27.7.1726:

„War bey Thomasio mit meinen Herren Compagnons. Ein höflicher alter grauer 72 jähriger Mann im Unterkleide: artigen Unterhalts. Er liest anders nichts mehr, als über die Weltgelehrtheit, öffentlich: von 9 bis 10, viermal die Woche.“

Sicherlich erfuhr Amo jedoch vom Tod August Hermann Franckes. Francke hatte am 15. Mai 1727 die letzte Vorlesung vor Studenten gehalten. Er lag dann vom 25. Mai bis zum 6. Juni unter größten Schmerzen im Bett. Hier sprach er mit seiner Lebensgefährtin Anna Magdalena und seinem Schwiegersohn über das Leiden Christi und die Himmelfahrt der Gerechten. Am Abend des Trinitatisfestes, dem 6. Juni 1727, starb Francke unter dem Gebet und Gesang der Familienangehörigen. Francke war ein weit über Deutschlands Grenzen bekannter Mann, der Tausende zum Glauben bekehrt, Tausende geistig und körperlich versorgt hatte. Amo schrieb sich drei Tage nach Franckes Tod in die Matrikel der Fridericiana ein. Im November 1729 erwähnten die „Wöchentlichen Hallischen Frage- und Anzeigungs-Nachrichten“ die erste Disputation Amos. Amo hatte über das Schwarzen-Recht in Europa, „De iure Maurorum in Europa“, disputiert. Wir wissen nichts über den Inhalt der Schrift; sie ist bis jetzt nicht aufgefunden worden. Ein knappes Jahr später treffen wir Amo in Wittenberg an; hier wird er fast fünf Jahre lernen, lesen und lehren. Die Wittenberger Jahre, so Brentjes, seien Amos „glückliche“ Jahre gewesen. Er schloss sie mit einer Dissertation ab. 1735 kehrt Amo nach Halle zurück, beantragt hier im Sommer des nächsten Jahres „in Halle so lehren zu können, wie er es in Wittenberg getan“ habe. 1739 verließ Amo Halle und versuchte, in Jena eine Lese- und Disputiererlaubnis zu erhalten. Ob die Thronbesteigung Friedrich II. und der 1. Schlesische Krieg im Jahr 1740 entscheidend für die Rückkehr des „schwarzen Philosophen“ nach Afrika wurden, liegt im Bereich der Spekulation.

Jedenfalls scheint das Interesse des Herzogs, Amo nach Halle zu schicken, nicht in erster Linie mit dessen Ruf, die „fortschrittlichste“ Universität im Sinne der Frühaufklärung zu sein, zusammengehangen haben. Schließlich hatten A.H. Francke und dessen Umfeld schon 1723 den Auszug Christian Wolffs – unter Androhung des Strangs bei Nichtbefolgung des Befehls – aus Halle erreicht ; 1735, im Jahr der Rückkehr Amos nach Halle, hatte sich die Situation nicht grundlegend gewandelt: Wolff war immer noch in Marburg, Gotthilf August Francke setzte das Werk seines Vaters ohne Unterbrechung fort. Erst mit dem Tod des „Soldatenkönigs“ verloren die Hallenser Pietisten ihre kräftige Unterstützung durch den Berliner Hof. Mit der Thronbesteigung seines Sohnes, Friedrich II., kehrte Wolff, der wohl berühmteste Frühaufklärer, nach Halle zurück. Das Theater wurde wieder zugelassen. Friedrich II. befahl Francke, das Theater zu besuchen und sich seine Anwesenheit durch einen Schauspieler bestätigen zu lassen.

(Spottgedicht, Plastik: G. Geyer)

Thema: Die Franckeschen Stiftungen und das Regiment (I)
Zeit: 21.04.1720
Ort: Schulkirche (Universitätsplatz) – Aktion: 0

Seit 1714 lag der Oberstab des Regiments „Alt-Anhalt“ des Fürsten Leopold I. in Halle. Anfangs stand Leopold im Zentrum der „antipietistischen Haltung“ . Dies änderte sich, nachdem er 1717 das Waisenhaus besichtigt hatte. 1718 verlangte Leopold einen „exemplarischen Prediger“ für sein Regiment; 1720 bat Leopold den Stiftungsgründer, vor dem Regiment zu predigen. In einem Brief aus dieser Zeit (23.4.20) zeigte sich Friedrich Wilhelm erfreut über Leopolds Gesundheit. Er zweifelte nicht daran, dass das Regiment Nr. 3 „in sehr gutem Zustande“ ist und hoffte, dass Regiment gegen Ende August oder Anfang September in Halle besichtigen zu können. Besonders interessiert zeigte sich der König an August Hermann Franckes Predigt „Vom Heldenmut der Gläubigen“, die der Gründer der Stiftungen vor dem gesamten halleschen Regiment am 21.4.20 gehalten hatte : „Ich hoffe Euer Lieben bald zu sprechen und zu hören was Herr Francke geprediget – die wird Kürrieus sein.“ Vor wie vielen Soldaten Francke predigte, wissen wir nicht. Er wird aber nicht nur vor Offizieren und Unteroffizieren gesprochen haben, sondern auch vor einfachen Soldaten. Zu Beginn der Predigt, noch bevor er den Bibeltext zitierte, verdeutlichte Francke, dass er das Wort des Herrn „nach dem Willen Gottes (aber) auch auf Erforderung und Hohen Befehl“ Fürst Leopolds vortrage. Die Predigt fand in der alten Schulkirche, die seit 1718 als Garnisonkirche diente, statt.

Der Bibeltext lautete:

„Fürchtet euch nicht vor denen / die den Leib tödten/ und darnach nichts mehr thun können. Ich will euch aber zeigen / vor welchem ihr euch fürchten sollet: Fürchtet euch vor dem / der / nachdem er getödtet hat / auch Macht hat / zu werfen in die Hölle.“

Soldaten, sagte Francke, hätten sich nicht vor ihrem Gegner auf dem Feld – vor dem leiblichen Tod - , sondern allein vor Gott – vor dem Tod der Seele – zu fürchten. Oder umgekehrt: Der Soldat, der Gott fürchtet, braucht den Gegner auf dem Feld nicht zu fürchten.

Francke stellte dann die Frage: „Wie wird den Gläubigen Helden-Muth gegeben?“ . Es ist eine rhetorische Frage, wie sich wenig später herausstellt. Denn die Antwort lautete: Den „Gläubigen (wird) der rechte Heldenmuth“ gegeben. Francke konzentrierte sich im folgenden darauf, diesen Satz nachzuweisen. Francke stellte christliche Märtyrer als Vorbilder für den Soldaten dar: „Denn bey denen fand man den rechten Helden-Muth; da war keine Furcht des Todes.“ Einige Minuten später kleidete er das Bibelzitat in eigene Worte: „Und was schadet mir das, so die Welt meinen Leib tödtet, wenn der Herr meiner Seelen Helfer ist?“ Francke griff in die Geschichte der Reformation zurück und zitierte Martin Luther, der wiederum das Alte Testament, Jesaja, 41 (30), im Munde führt:

„Die Knaben werden müde und matt und die Jünglinge fallen. Aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie die Adler...“

Damit hatte der Gründer des Waisenhauses Leitmotiv genannt: Wer glaubt, bekommt Kraft, wer´s nicht tut, Furcht vor dem Leben. Franckes zweite Frage: „Wie überwinden die Gläubigen alle Furcht?“ beantwortete er mit zahlreichen Belegen der Kirchengeschichte. Klar ist, dass Francke die Furcht vor der Welt und insbesondere die vor dem Kriegsdienst überwinden wollte: Der Heiland wolle,

„dass die Furcht vor dem lebendigen Gott vollends alle Furcht vor Menschen und natürliche Zaghaftigkeit aus ihrem Hertzen vertilge, und sie sich vor nichts fürchten sollen, ohne allein davor, dass sie den großen und Majestätischen Gott nicht beleidigen wollen.“

Die Menschenfurcht wird dadurch überwunden, dass die Gottesfurcht umso größer ist. Die dritte Frage drang in den Bereich der Nutzanwendung vor: „Wie kann man sich die Gabe des Helden-Muths zunutze machen?“ Francke sprach nunmehr die Soldaten direkt an. Die bereits gegebenen Antworten gälten nicht nur für die Märtyrer, sondern auch für „jeden in seinem Stande“ – also auch für den gemeinen Soldaten. Jeder müsse „Freund des Herrn JESU“ werden, um die Furcht vor dem Leibestod zu überwinden. Francke forderte wiederholt Entsagung vom „epicurischen und heuchlerischen Wesen“. Genauso wie der Soldat im Äußeren auf Ordnung und Sauberkeit achte (Lob!), sollte er auch im Inneren darauf achten: Er hoffte, dass die Soldaten „die rechten Waffen des Geistes erlangen und den Harnisch Gottes anziehen“ würden. Hatte Francke in seiner Predigt vor den Soldaten bisher so gewirkt, als ob er vor Gläubigen spreche, brachte er jetzt die „Gottlosen“ ins Spiel. Nach alledem, was Francke bisher gepredigt hatte, würde der Gottlose, fände er den Tod im Kriegsdienst, zur Hölle fahren. Francke hielt dem Gottlosen, selbst dem größten Sünder, jedoch ein Schlupfloch offen: „Er kann, sage ich, gewiß sein, daß unser Herr Gott froh seyn wird, wenn er ihn nur noch kriegt.“ Die Vorraussetzung dafür, dass Gott die Leiter vom Himmel herablässt, um den reuigen Sünder zum empfangen, ist „ungeheuchelter Glaube“ . „Das soll denn auch ein jeder Kriegs-Mann zu Hertzen nehmen, und bey sich dencken: Siehe, so will ja Gott auch dich selig haben.“

Ganz zum Schluss, nach der Erbauung und dem Hinweis auf die jederzeit mögliche Umkehr, lässt Francke es sich nicht nehmen, die Sitten der Soldaten zu kritisieren:

„So ich denn, wie anfangs gesaget ist, daß es der Text mit sich bringe, ohne Heuchelei reden soll, so kann ich ja freylich nicht leugnen, daß bishero manche Dinge unter Euch vorgegangen sind, die mit Gottes Wort nicht überein kommen, und manche Sünden begangen worden, weswegen ihr einmal werdet müssen, so ihr euch nicht bekehret, vor Gericht kommen, und von Gott gestrafet werden. Das sage ich euch jetzt unverholen, daß auch mein Herz oft dadurch gekräncket und betrübet worden, so, daß ich darüber seufzen müssen, wenn ich dergleichen böse Dinge von manchen gehöret habe.“

Die Frage, ob der preußische Soldat guten Gewissens den Gegner töten darf, schneidet Francke nicht an. ? 1723 wird Christian Wolff (unter Androhung des Strangs) mit der Begründung der Stadt verwiesen, seine Philosophie erlaube den Soldaten die Desertion.
(Begriffe „Wahrheit“ und „Heuchelei“ bei Francke)

Thema: Johann Christoph von Dreyhaupt (I)
Zeit: 1727-1768
Ort: Große Ulrichstrasse 42 - Aktion: 0

Schultze-Galéra berichtet: „Auf dieser Stelle stand das alte Patrizierhaus, in dem unser großer Historiker Dreyhaupt gewohnt hat und gestorben ist. Aus Anlass seines hundertjährigen Todestages hatte der Thüringisch-Sächsische Geschichtsverein eine Gedenktafel an diesem Haus anbringen lassen: `Hier starb J. C. v. Dreyhaupt den 12. Dezember 1768.´ Sie ist in das neue Haus eingefügt worden.“ (Wie beschreibt Dreyhaupt die eigene Wohnumgegend? Ist dort zu seinen Lebzeiten Wichtiges passiert? Hatte sich in seiner Nähe eine christliche Gemeinde angesiedelt? Auf dem Grund des Hauses Nr. 13 stand das Predigerhaus der französisch-reformierten Gemeinde ( seit 1749). Das Haus brannte 1797 nieder, wurde größer wieder aufgebaut. 1809 wurde die französische mit der deutsch-reformierten Gemeinde vereint. Das Haus wurde 1885 verkauft, worauf die Gemeinde ein Haus in der Kleinen Klausstrasse 12 erwarb.) Johann Christoph von Dreyhaupt wurde am 20. April 1699 in Halle geboren. Er selbst berichtet über seinen Erzeuger: „Mein Vater ist gewesen H. Christoph Dreyhaupt, Bürger, Gastwirth, Braunschweigischer Land Kutscher, Braueigen und Handelsmann alhier zu Halle, gebohren zu Michlitz den 11. Nov. 1659 und gestorben den 23. Juny 1734 gegen Mittag, nachdem ihn 2 Tage vorher der Schlag gerührt gehabt.“ Dreyhaupt wurde von seinem Vater in die Kaufmannslehre geschickt, die er in Leipzig absolvierte. Der junge Mann hatte aber kein Interesse an der Ausübung seines Berufes, so dass er sich mit 19 Jahren an der Friedrichs-Universität einschrieb. Er wollte Rechtsanwalt werden. (Die Studentenunruhen im Jahr 1719, von denen wir vor der Residenz noch hören werden, erlebte der spätere Chronist der Stadt und des Saalkreises hautnah mit.) 1725 schloss Dreyhaupt das Studium ab, wurde Kommissionsrat, 1729 Assessor des Schöppenstuhls und 1731 Schultheiß und Salzgraf. Dreyhaupt hat seine Karriere dem preußischen Staat und nicht der Kommune verdankt, der seine Familie erst seit der Ankunft seines Vaters angehörte.

Thema: Französisch-Reformierte Gemeinde und Französische Kolonie
Zeit: Gründung (1686) – Schenkung des Predigerhauses (1749) – Verschmelzung (1809)
Ort: Grosse Ulrichstrasse 12 oder 13 – Aktion: 0

Wir befinden uns hier an der Stelle, an der sich seit 1749 das Predigerhaus der französisch-reformierten Gemeinde befand. Das Haus wurde 1885 von der reformierten Domgemeinde verkauft. Noch bevor sich in Halle die aus Frankreich geflohenen Hugenotten in einer Glaubensgemeinde zusammenfanden, wurde die „französische Kolonie als bürgerliches Gemeinwesen“ gegründet. Diese Institutionalisierung fand ihren Ausdruck in der Einsetzung des Franzosen Paul Lugandi aus Montauban als Richter der Kolonie am 30.9.1686. Um die Einhaltung der Rechte und Pflichten der Neubürger zu kontrollieren, setzte der brandenburgische Staat einen Fiskal ein. Ab 1725 war der sechsundzwanzigjährige Johann Christoph von Dreyhaupt Hoffiskal der Französischen Kolonie. (Gründe für die Flucht der Franzosen und die Aufnahmebereitschaft Brandenburgs)

Die französisch-reformierte Gemeinde erhielt im November 1686 das Jägerhaus neben der Moritzburg als Gotteshaus zugewiesen. Schon ein halbes Jahr später stellte der Kurfürst der Gemeinde die Kapelle im Torturm der Moritzburg zur Verfügung. Im darauffolgenden Jahr durfte die Gemeinde morgens von sieben bis neun und nachmittags von vier bis sechs Uhr die Domkirche für ihre Zwecke nutzen. Am 26.10.1690, also nach zweieinhalb Jahren, wurde den Franzosen entgültig die Magdalenenkapelle in der Moritzburg übergeben. Die letzte französische Predigt wurde am 16. Juli 1809 im Dom gehalten. Danach verschmolz die Gemeinde mit den Deutsch-Reformierten. Die Franzosen brachten 1000 Thl. Kapital, das Armenhaus auf dem Strohhof, das Predigerhaus Gr. Ulrichstrasse 12 und die Magdalenenkapelle in die neue reformierte Gemeinde ein. Das Predigerhaus schenkte der Kaufmann Hurlin, Sohn des Tabakpflanzers David Hurlin, 1749 der Gemeinde.

Thema: Kindsmord im Haus des Postmeisters
Zeit: 7. April 1717
Ort: Große Steinstrasse 79/80

Hier stehen wir vor dem Haus des Kriegskommissars, Obereinnehmers bei der Accise, Pfänners, Hofrats und Postmeisters Philipp Ernst Erpel. Wann das Haus entstand, konnte nicht festgestellt werden. Wir wissen jedoch, dass Erpel das Gesamtgrundstück 1708 kaufte. Erpels Vater wurde am 27.9.1656 im pfälzischen Frankenthal am Rhein geboren. Nach der Zerstörung der Festung Frankenthal durch die Franzosen im Jahr 1688 verliess Erpel senior mit seiner Frau Barbara die Heimatstadt „als ein verwüstetes Jammerthal, in Ruinen und Asche liegend“ . So hatte es der Konsistorialrat und 1. Prediger der Domgemeinde, Friedrich Wilhelm von Scharden 1730 in seiner Trauer- und Gedächtnisrede auf Erpel senior gesagt. Vier Jahre lang lebte die Familie in Heidelberg. 1693 fielen die Franzosen erneut in die Pfalz ein. Erpel suchte jetzt „süße Ruh in einem andern Lande“; ihm „stand nach Preußens Schirm und Schutz“ sein „gantzer Sinn“ . Davon waren bei seinem Tod die Offiziere der Pfälzer Kolonie in Halle überzeugt. Am 26. August 1693 kam Erpel mit seiner Familie in Halle an. „Hier“, so der Sohn Philipp Ernst Erpel, „hat Sein müder Fuß vollkommen ausgeruhet, so bald Er Seinen Stab in diese Stadt gesetzet (...) Sein König nahm ihn hier mit Gnade an, Und ließ die Colonie durch sein Willkommen bauen.“ Erpel Sen. Leben, „ein Zusammenhang von Mühe und Arbeit, von Elend und Eitelkeit“, wie Scharden schreibt, verlor vor seinem Tod acht von neun Kindern und seine Ehefrau. Scharden rühmt Erpels „zwiefache Eingezogenheit und Stille“. Einerseits habe ihn ein „stilles Leiden, ferne von dem ungestümen Wesen, welches bey manchem zur Zeit der Trübsahlen sich zu äußern pflegt“ ausgezeichnet. Andererseits konnte sich Erpel still und heimlich mitteilen, „ferne von einem äußerlichen Pharisäischen Gepräge.“

Erpel Senior legte nach erhaltenem Kgl. Privileg (1696) den „Gasthof und Weinschank zum Cronprintz“ in der Kleinen Klausstrasse an. Sein Enkel, Philipp Johann, führte den Betrieb nach dessen Tod fort. Bis 1776 blieb der Gasthof in der Hand der Familie Erpel. Die nach Halle ausgewanderten Erpels wurden in der Pfälzer Heimat übrigens nicht vergessen. 1724 nahm in Frankenthal ein Johannes Erpel an einer Taufe als Pate teil. Der Taufeintrag erwähnt dessen Verwandte „Hall im Brandenburgischen“, Philipp Ernst Erpel „der ältere und der jüngere dieses Namens“. Am 7. April 1717 ereignete sich im Haus des Postmeisters ein Kindsmord. Erpel hatte einige Zimmer im Haus an Studenten vermietet. Ein Studentendiener lockte das Kind der Aufwärterin des Hauses in seine Kammer. Er hatte dem Kind versprochen, ihm Kuchen zu geben. Das Kind ließ sich auf das Angebot des Studentendieners ein. Nachdem das Kind im Zimmer war, schloss der Diener die Tür. Er nahm ein Stück des bereitstehenden Kuchens und gab es dem Kind. Das Kind aß den Kuchen. Nachdem es den letzten Bissen hinuntergeschluckt hatte, hielt der Diener das Kind fest und schnitt ihm mit einer einzigen Bewegung die Kehle durch. Der Diener wurde gefangen genommen und zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Warum der Studentendiener das Kind ermordete, teilte uns Johann Christoph Dreyhaupt nicht mit.

Thema: Amtseinführung Johann Christoph Dreyhaupts vor dem Roland (II)
Zeit: 28. September 1731
Ort: Roland, Marktplatz – Aktion: 0

Um mit Heiner Lück zu sprechen: Wir haben es beim halleschen Roland mit dem „eigenwilligsten und ältesten“ Roland zu tun, den es in Deutschland gibt. Hiermit meine ich die äußere, romanisierende Gestalt und nicht den Stein, aus dem der Roland erst 1719 gehauen wurde. Sein hölzernen Vorgänger musste dem Bau der Hauptwache des Anhaltischen Regiments weichen. Er wurde auf dem Gelände des städtischen Bauhofs eingelagert, wo er am 15. November 1719 verbrannte. Die Kopie wurde am Schöffengericht aufgestellt, in der Nähe des Trödel. Nach dem Abbruch des aus der Spätrenaissance stammenden Gebäude des Schöffengerichts gelangte der Roland 1854 an die Südostecke des neugotischen Umbaus. Die teilweise Zerstörung des Umbaus 1945 und die Abtragung der Reste und der Neubau der jetzigen Stahlkonstruktion ließen „Roland“ erst 1976 an seinen ursprünglichen Standort zurückkehren. Der Roland repräsentierte im späten Mittelalter die staatliche Gerichtsherrschaft über die Stadt, nicht die Vorrechte der Stadt gegenüber dem Stadtherrn. Nach dem Übergang des säkularisierten Erzstifts an Brandenburg war der Roland Ort des (hochnot)peinlichen Halsgerichts. Am 28. September 1731 wurde Johann Christoph Dreyhaupt vor dem Roland in das Amt des Schultheißen und Salzgrafen eingeführt. Kurz zur Vorgeschichte: Unter Friedrich Wilhelm war es zu einer Konzentration richterlicher Macht in Halle gekommen. Am 25.5.1716 war der Schöppenstuhl mit den Berggerichten zusammengelegt worden. Nunmehr waren die Schöffen beständige Beisitzer des Berg, der Senior des Schöppenstuhls gleichzeitig Schultheiß und Präsident des Berggerichts. Gut sechs Jahre später (5.2.1722) wurden die Thalgerichte mit dem Schöppenstuhl vereinigt. Dreyhaupt war nach Johann Franz Berndes der zweite Mann, der diese Ämter in einer Person vereinigte. Bevor es hier, bei herrlichem Wetter und mitten im Markttreiben, zur Installation oder Introduktion Dreyhaupts kam, hatte er bereits in Magdeburg den Lehnsbrief erhalten. Die Regierung in Magdeburg beauftragte den halleschen Prof. Peter von Ludewig, die Einführung Dreyhaupts vor dem halleschen Roland vorzunehmen. Ludewig setzte als Termin den 28.9.31 fest und informierte Schöppenstuhl und Magistrat in Halle. Am festgelegten Tag fuhren von Ludewig und der Regierungssekretär Stockhausen mit der Kutsche zum Rathaus. Ihnen folgte Dreyhaupt in einer eigenen Kutsche. Vor der Treppe des Rathauses wurden die drei Männer durch Ratsmeister in Empfang genommen. Ludewig stellte daraufhin den sicherlich allseits bekannten Sohn des Wirtshausbesitzers dem Rath und Magistrat vor. Dreyhaupt hatte den Gerichtsbediensten „den Handschlag“ abzustatten.

Nach Vorstellung und Handschlag bewegte sich die versammelte Gesellschaft die Treppen hinunter und begab sich „zu Fuß vom Rathause über dem Marckt nach dem Rolande am Schöppenhause“ . Eine mit 300 bewaffneten Mann doppelt besetze Gasse schützte die ehrenhafte Runde vor allzu starkem Gedränge des Marktvolkes. Auf dem von Nickel Hoffmann erdachten und erbauten Rathausgang standen die Stadtpfeiffer und bliesen ihre Instrumente zum Ruhme des Tages. Die im Alltag für Hinrichtungszwecke genutzte Bühne am Roland war an diesem Septembertag fein herausgeputzt. Für Rath und Magistrat waren die Bänke mit blauem Stoff ausgeschlagen, der Lehnstuhl stand auf erhöhter Position. Nachdem sich alle bis auf Ludewig und Dreyhaupt gesetzt hatten, hielt Ludewig eine einstündige Rede über die „Ursachen dieser Ceremonien und denen Vorrechten des Burggrafenthums und Hällischen Schöppenstuhls.“ Jetzt hörte Dreyhaupt nochmals jene beiden Eidesformeln, die er schon in Magdeburg geleistet hatte:

Eid zum Amt:
„ Ich gelobe und schwere, daß ich das Ampt, dazu ich gesatzt bin, getreulich verhegen, ein gemein Bestes, des Guths im Thale, nach meinem Vermögen fürnehmen und thun, und mich in meinem Ampte in allen Stucken halten will, als mein Gnädigster Herr von Magdeburg das gesatzet, und geordnet hat, als mir Gott, so wahr helffe, und sein heiligstes Wort.“

Eid zum Gerichte:
„ Ich schwure zum Salzgräfenampte, dazu ich gekoren bin, daß ich daran will getreu und gewehr sein, recht richten, dem Gaste als der im Gerichte wohnhaft ist, als ferne ich das erkenne und weiß, nach meinem besten Sinn, und will das nicht lassen, weder durch Liebe noch durch Leyd, Gifft noch Gabe, durch Freundschaft noch Magschafft, noch durch keinerley Hand-Sachen willen, als mir Gott helffe, und seine Gerichte, daß er am Jüngsten Tage über mich und alle Welt sitzen will.“

Ludewig gab daraufhin dem zukünftigen Schultheißen und Salzgrafen die Hand und führte ihn auf die Estrade zu dem Lehnsstuhl. Hier wurde er an den Roland gewiesen und ihm der Blutsbann verliehen.

Thema: Wilhelm Friedemann Bach: Organist der Mariengemeinde
Zeit: 1746-1764
Ort: Marktkirche – Aktion: Orgelanspiel

(...)

Thema: Johann Christoph Dreyhaupt entgeht dem Tod (III)
Zeit: 11. Mai 1736
Ort: Salzkothe auf der Halle – Aktion: Blick ins Thal

Unten im Thal, auf der Halle, befanden sich ungefähr 100 Salzkothen, Hütten, in denen Salzlauge gekocht und damit das Wasser vom Salz geschieden wurde. Dreyhaupt war Eigentümer einer halben Kothe. Er musste also auch dafür sorgen, dass Holz zum Brennen und Salzwirker zum Sieden vor Ort waren. Am 11. Mai 1736 arbeitete der Tagelöhner Johann Christoph Finger für Dreyhaupt. Finger musste eine Karre beladen, ob mit Holz, Abfällen oder Salz: Wir wissen es nicht. Zur gleichen Zeit saß unweit in seiner Kammer ein Soldat. Er war am Vortag von einem Unteroffizier geschlagen worden. (Was das heißt, wissen wir seit der Kleinen Schlossgasse). Voller Wut, wohl weil er glaubte, ungerecht behandelt worden zu sein, nahm er sich vor, den Unteroffizier zu erschießen. Er wartete am frühen Morgen des 11. Mai 1736 in seiner Stube, hoffte, der Unteroffizier würde die Treppe in das erste Geschoss heraufkommen, um die Soldaten zum Morgenappell zu rufen. Sobald der Unteroffizier die Tür öffnete, würde er schießen. Das hatte er sich vorgenommen. Der Unteroffizier kam auch, machte sich aber nicht die Mühe, hinaufzugehen, sondern schrie den Weckruf von unten nach oben hinauf. Der Soldat wurde noch wütender. Jetzt nahm er sich vor, „den ersten, der ihm begegnen würde, zu erschießen“. Der Soldat rannte die wohl recht enge Treppe hinab und sah den Tagelöhner Finger. Er ging schnellen Schritts auf Finger zu und fragte ihn, in welcher Salzkothe heute gesiedet würde. In diesem Moment traf unser Dreyhaupt, der vom Regierungsviertel entlang der Stadtmauer zur Halle gegangen war, auf der Szene ein. Als er auf der rechten Seite der Salzkothe ankam, die an diesem Tag unter Feuer stand, also betrieben wurde, knallte ein Schuss. Dreyhaupt, in seinen Gedanken längst auf dem Rathhaus, seinem eigentlichen Ziel, überhörte den Knall und ging am Thalamt vorbei in Richtung Marktplatz. Leute, die gesehen hatten, was passiert war, liefen dem Schultheissen und Salzgräfen hinterher, hielten ihn an und erzählten, was passiert war. Finger hatte gerade noch Zeit gehabt, die Frage des Soldaten zu beantworten. Dann hob er die Büchse, drückte ab und erschoss den Tagelöhner. Dreyhaupt ging dieses Ereignis so nahe, dass er es in seine Chronik des Saalkreises und der Stadt Halle aufnahm.

Thema: J. F. Struensees Kindheit und Jugend (I)
Zeit: 1737-1752
Ort: Ulrichskirche

Adam Struensee; Schatz der Ulrichskirche (1726 Geschenk der Königin Sophia Dorothea)

Thema: Mord in der Märkerstrasse
Zeit: 12. August 1737
Ort: Große Märkerstrasse 14

Hier stehen wir vor dem Dürfeldschen Haus . Heinrich Dürfeld, 1611 in Halle geboren, von 1644 bis 1656 Ratsmeister, stand ab 1655 im Dienst Herzog Augusts. Seit 1660 war Dürfeld Gesandter des Herzogs an die niedersächsischen Kreis- und Conventstage. Er starb am 20. November 1682 inmitten der Pest. Das Haus brannte mitsamt 24 anderen Häusern ein Jahr darauf ab. Vierzehn Jahre lag die Gegend um den Kleinen Berlin brach, dann – wohl auch als Folge der Universitätsgründung – regte sich die Bautätigkeit. Christoph Katsch, Mitglied einer seit 1470 in Halle ansässigen Familie aus dem Böhmischen, hatte 1662 Dürfelds Tochter Maria Elisabeth geheiratet. Dadurch kam er 1696 in den Besitz des Grundstücks und vollendete wohl schon im nächsten Jahr den Neubau. Drei Jahre später starb Katsch.

Assur Marx, dessen Name schon im Zusammenhang mit Gräfin Cosels Aufenthalt in Halle fiel, folgte Katsch als Eigentümer des Hauses. Nach seinem Tod blieb das Haus „noch viele Jahrzehnte in den Händen seiner Nachkommen“ . Soweit zur Vorgeschichte des Ortes, an dem sich in der Nacht vom 12. auf den 13. August 1737 ein brutaler Mord ereignete. Das Opfer war der aus Cleve stammende Jude Elias Ruben Gumperts . Erstmalig wird Gumperts in einem Reskript des Soldatenkönigs vom 24.12.1720 erwähnt. Der Schutzjude Gumperts, so Friedrich Wilhelm, sei der Magdeburgischen Regierung und nicht dem Magistrat der Stadt Magdeburg Untertan:

„Wie nun Unsers in Gott ruhenden Herrn und Vatern Majestät, auch Wir selbst nicht gewollt, daß die Juden zu Halle der Unterobrigkeit unterworfen sein, sondern immediate unter Euch ( = die Regierung in MD) stehen sollen, so kann auch der dortige Magistrat keiner Jurisdiktion über den dortigen Juden Gumperts sich anmaßen, sondern es soll derselbe immediate unter Euch stehen, wornach Ihr auch den Magistrat zu bescheiden habt.“ Gumperts bat 1727 die Regierung, ihm die Ansiedlung in Halle zu erlauben. Das Gesuch wurde abgelehnt. Zwei Jahre später wurde er dennoch zugelassen und privilegiert. Mehr ist über Gumperts nicht bekannt. Der Täter wurde nie geschnappt.

Was passierte in der Nacht vom 12. auf den 13. August 1737?

Elias Ruben Gumperts war am 12. August 1737, einem sonnigen Samstag, gemeinsam mit seiner Frau, seiner Tochter, Herrn Coppel Magnus und der Familie Kleino nach Bad Lauchstädt – wohl zur Promenade oder zur Kurzkur – gefahren. Die Gesellschaft traf am Abend um 21:00 Uhr (gut gelaunt) wieder in Halle ein.

Bereits eine Stunde vorher hatte der Tischler Heydenreich das Haus in der Großen Märkerstrasse 14 aufgesucht. Heydenreich, Bürger der Pfälzer-Kolonie, wurde vom Gesinde in das Haus gelassen. Das Gesinde vertrieb sich seine Zeit im Hausflur, dort wurden „Schminckbohnen zum Einmachen kleingeschnitten“. Heydenreich ging in das Kinderzimmer und hobelte dort eine Wiege zurecht, die er (wohl) am Tag zuvor abgeliefert hatte. Mama Gumperts war hochschwanger. Als seine Arbeit erledigt war, setzte sich Heydenreich zu den Gumpertschen Kindern, die beim Gesinde spielten.

Die Heimgekehrten kamen durch den hofseitigen Eingang in das Haus und verteilten sich in den Räumen. Gumperts und sein Freund Magnus setzten sich sofort an einen Tisch, um „Brett“ zu spielen. Ungefähr um 22:00 Uhr verabschiedete sich Heydenreich vom Gesinde und verließ das gastfreundliche Haus durch den straßenseitigen Eingang. Magnus vertrieb sich noch eine Stunde Zeit beim Spiel, ging dann heim. Gumperts, ein achtsamer Hausvater, verschloss die Haustür, hing den Haustürschlüssel – wie jeden Abend – unter einen großen Spiegel in der Wohnstube und sicherte jeden einzelnen Fensterladen. (Sicherheitsbedürfnis 1737)

Gumperts ließ sich von seinem Dienstjungen in die Schlafkammer im zweiten Stockwerk ( = 1.OG). Der Junge kleidete seinen Herren aus und – kurz nachdem Gumperts sich ins Bett gelegt hatte – löschte das Licht. Er schloss die Tür und liess, wie üblich, den Schlüssel im Schloss stecken. Das Haus versank im Schlaf. Nach Mitternacht, vielleicht um 2 Uhr, wurde die Schwester des Vorstehers der jüdischen Gemeinde („des Schutzjuden Israel Aarons Ehefrau“) aus dem Schlaf gerissen. Ihr Zimmer befand sich im Nebengebäude, ebenfalls im zweiten Stockwerk, und wurde „nur durch eine Scheidewand von Gumperts Schlaffkammer“ getrennt. Laute Geräusche, die aus Gumperts Zimmer zu ihr drangen, hatten sie geweckt. Frau Aaron kannte das; Gumperts drosch ab und zu, auch mitten in der Nacht, auf seinen Sohn ein. Frau Aaron, geborene Assur, klopfte mit beiden Händen gegen die dünne Trennwand. Als der Lärm nicht aufhörte, trat sie an das Fenster, lehnte sich hinaus und beschimpfte Gumperts lauthals, dass sie wegen des Krachs keine Ruhe haben könne. Als sie Luft holte, um ihr Schreien fortzusetzen, hörte sie, dass ein Fensterladen gegen die Sternstrasse aufgeschraubt wurde.

Der vierzehnjährige Sohn des Clever Juden und der Rabbi der jüdischen Gemeinde schliefen ebenfalls in einem Zimmer, dass direkt an Gumperts Schlafstube angrenzte. Der Sohn war nicht, wie es Frau Aaron angenommen hatte, verprügelt worden. Sohn und Rabbi sagten am nächsten Tag aus, dass sie ein „Ächtzen“ aus Gumperts Schlafstube vernommen hätten. Sie hatten aber nichts unternommen, da beide fest glaubten, es handle sich um Spuk. (Geisterglaube 1737) Mittlerweile hatte der Rote Turm die dritte Stunde nach Mitternacht geschlagen. Die Judenmagd stand auf, ging ins erste Geschoss ( = Erdgeschoss) und fand Unordnung vor. Der Haustürschlüssel, noch am Abend unter den Spiegel gehängt, steckte im Schloss und ein Fensterladen stand gegen die Sternstrasse sperrangelweit offen. Diese Unordnung schien aber nicht weiter für Aufregung gesorgt zu haben. Die Judenmagd nahm an, dass Gumperts Sohn vergessen hatte, den Laden zu verriegeln. Als sich Gumperts um 9:00 Uhr noch kein „Lebenszeichen“ von sich gegeben hatte, außerdem die Tür zu dessen Schlafzimmer verschlossen war, liess Frau Gumperts einen Schlosser holen. Der Schlosser öffnete die Stube und begriff als erster, warum die Nacht im Hause Assur so laut gewesen war. Gumperts lag tot, im eigenen Blut schwimmend, auf seinem Bett. Er hielt das Kopfkissen vor der Brust, so als ob er sich vor dem Täter hatte schützen wollen. Wie die Obduktion – vielleicht sogar vom Hausherren durchgeführt – ergab, hatte dass das Opfer 50 Wunden im Gesicht, in den Armen, Händen, am ganzen Körper und sogar in den Schenkeln aufzuweisen. Die Mordwaffe dürfte ein stumpfes Instrument gewesen sein, den Wunden nach zu urteilen. Der Juwelenkasten, der auf dem Nachttisch Gumperts gestanden hatte, blieb unversehrt.

Dreyhaupt, der große Jurist und Geschichtsschreiber der Stadt, mit dem Fall als Präsident des Berg- und Talgerichts befasst, schlussfolgerte: Eine Person drang nach Mitternacht, aber vor 2 Uhr, in das Zimmer Gumperts ein und brachte ihn in seinem Bett um. Gumperts, der ein kräftiger Mann gewesen sein soll, verteidigte sich mit allen Kräften, worauf auch das vor die Brust gehaltene Kopfkissen deutete. Die vom Kampfeslärm aufgeweckte Frau Aaron trieb den Täter durch das Trommeln ihrer Fäuste in die Flucht; hierbei vergaß er womöglich das Juwelenkästchen. Schon hatte der Täter den Schlüssel in das Schloss der Haustür gesteckt, als er über sich Frau Aaron zum Fenster hinaus schimpfen hörte. Um nicht gesehen zu werden, entschied er sich, durch ein Fenster zur Sternstrasse zu fliehen. Er schraubte den Verschluss des Ladens auf, sprang auf die Fensterbank und ließ sich an der Außenmauer herab. Hier hatte Dreyhaupt Blutspuren sicherstellen lassen. Ein aus Berlin hinzugekommener Kriminalist ließ sämtliche Juden festnehmen und den Tischler Heydenreich befragen. Die Befragung ergibt keine neuen Fakten. Heydenreich wurde entlassen, die Juden blieben – trotzdem Dreyhaupt protestierte – in Haft. Wenige Wochen später wurde die Hausmagd Doblerin festgenommen. Sie hatte ihr uneheliches Kind vergiftet und war dabei erwischt worden. Die Magd berichtete nun sehr unangenehme Dinge über den Tischler Heydenreich. Heydenreich, bei dem sie zuvor Magd gewesen sei, habe sie geschwängert, dies aber vor seiner Frau verborgen halten wollen. Deshalb sperrte er die Magd in einer Dachkammer ein, verabreichte ihr Mittel, die sie zum Schwangerschaftsabbruch führen sollte und ließ ihr Blut ab. Ein Tag nach dem Mord an Elias Ruben Gumperts sei Heydenreichs Frau auf den Dachboden gekommen und habe ein gewaschenes Hemd dort aufgehängt. Heydenreich, den sie durch eine Dachluke in seinem Garten habe beobachten können, sei dort händeringend hin und her gelaufen. Die Doblerin wurde wegen der Abtreibung zum Tode durch Ersäufen in der Saale verurteilt. Sie bekräftigte ihre Aussage gegen Heydenreich kurz bevor sie am 8. Mai 1739 hingerichtet wurde.

Heydenreich wurde zum zweiten Mal festgenommen, sagte nicht aus, wurde daraufhin gefoltert und sagte trotzdem nicht aus. Heyenreich, dem der Mord an Gumperts nicht nachgewiesen werden konnte, wurde wegen Ehebruchs und versuchter Abtreibung auf die Citadelle nach Magdeburg geschickt. Die Juden wurden, da auch ihnen nichts nachgewiesen werden konnte, freigelassen.

Thema: Johann Christoph von Dreyhaupt (IV)
Zeit: 1699 (Geburt JCvD) – 1734 (Tod des Vaters)
Ort: Gasthof zum Guldenen Stern

Sein Vater hatte dreimal geheiratet und mit seinen Ehefrauen insgesamt 19 Kindern auf die Welt gebracht. Trotzdem kümmerte er sich um das Wohlergehen seiner ärmsten Mitbürger, wie ein Brief an August Hermann Francke aus dem Jahr 1720 beweist. Nach seinem Tod (1734) musste der Nachlass geregelt werden: Johann Christoph, der in seiner Heimatstadt bereits mit 32 Jahren die vielleicht einflussreichsten Ämter innehatte, erhielt den kleinsten Erbanteil. Ihm vermachte der Vater eine Brauexpektanz im Wert von 270 Rthl. Der Bruder Johann Christian, später als Schwarzes Schaf der Familie bezeichnet, erbte den Gasthof zum Goldenen Stern. Die Immobilie wurde damals auf 4000 Rthl. geschätzt. Schwester Catharina Rosenberg und Schwager Johann Stucken wurden Eigentümer von Braugerechtigkeiten (560 respektive 690 Rthl.).

Schon ein Jahr nachdem Dreyhaupts Bruder den Gasthof geerbt hatte, bot er ihn in der halleschen Presse zum Verkauf an. Der Gasthof umfasste „wohlgebaute Stuben, Kammern, Küchen, Boden, einen großen Hofraum, drei gute Keller, ein Waschhaus, zwei Gärten, zwei Scheunen, acht Ställe, einen großen Heustall, eine Rauchkammer und Inventar“ . Es fand sich jedoch kein Käufer. Über die nächsten Jahre erscheinen in den Nachrichtenblättern weitere Verkaufsangebote. 1753 wurde der Gasthof durch das Städtische Almosen Kollegium angekauft. Das hier geplante Armenhaus wurde nicht eingerichtet. Bis 1772 blieb der Gasthof verpachtet.

Thema: Der Universalgelehrte und der Kurfürst
Zeit: 1681-1705
Ort: Großer Berlin, „Riesenhaus“

In seiner „Kurtzen Nachricht von der Stadt Halle und absonderlich von der Universität“ aus dem Jahr 1709 beschreibt der unbekannte Verfasser, wie die Stadt nach dem Dreißigjährigen Krieg das Brandenburgische Regiment erwartete. Nach den Ausplünderungen, Durch- und Abzügen schwedischer und kaiserlicher Truppen, Hunger, Preissteigerungen und weiteren Unglücksfällen schien der Übergang an Brandenburg im Jahr 1680 mit Hoffnung auf bessere Zeiten verbunden worden zu sein:

„Dieser eintzige Trost war noch vor sie übrig, daß sie unter Brandenburgischem Schutze zu ihrer größten Glückseligkeit gelangen sollte. Ihre Hoffnung ward auch bey zeiten erfüllet.“ Die Stadt Halle, so der Autor, könne sich „absonderlich rühmen, daß sie vor allen andern die Churfürstliche Protection und Gnade bißher genungsam genossen habe.“

Der Große Kurfürst, Friedrich Wilhelm, hatten fünf Jahre vor dem Übergang des Stifts an Brandenburg bei Fehrbellin die eingefallenen Schweden vom Boden der Mark vertrieben. Der Fehrbelliner Sieg wurde eingehend gefeiert, Flugschriften machten den Namen des Brandenburgers bekannt. Ein kurzer Feldzug hatte Friedrich Wilhelm geholfen, einen großen Prestigegewinn einzufahren. Drei Jahre später unterzeichneten die Generalstaaten (=Niederlande) mit Spanien den Nijmegener Vertrag. Darin wurde die Wiederherstellung der Verhältnisse des Westfälischen Friedens anerkannt. Für Brandenburg hieß dies die Rückgabe Vorpommerns an Schweden. Im Winter fielen schwedische Truppen in Preußen ein, die nur durch Gewaltmärsche der Brandenburger wieder vertrieben werden konnten. Hierbei kam es zu der berühmten und oft in allen Formen der Kunst dargestellten Übersetzung der Infanterie und Artillerie über das zugefrorene Kurische Haff im Januar 1679. Als im Frühjahr das Reich aus dem Brandenburgisch-Schwedischen Krieg ausschied, sah der Kurfürst „keinen Sinn mehr in einer Weiterführung der Kampfhandlungen.“ Sein Ruf als Kriegsheld korrespondierte mit einem erschöpften und aus gezehrten Land. Als der Kurfürst am 4. Juni 1681 die Huldigung der Stadt entgegennahm, zeigten sich die Erwartungen von Rat und Bürgerschaft. Die gesamte Stadt, Rat, Pfänner, Bürgerschaft und Pfarrer huldigten dem Kurfürsten vor dem Rathaus, nicht auf der Residenz. Man versprach sich einen wirtschaftlichen Aufschwung ; weshalb, ist allerdings unklar. Die Eidesleistung schloss mit einem dreimaligen „Vivat Brandenburg“.

Nur vier Tage später, und jetzt sind wir auch historisch vor dem „Riesenhaus“ angelangt, berief der Kurfürst den Konrektor des Berlinischen Gymnasiums zum Grauen Kloster, Friedrich Mateweis, nach Halle. Mateweis, 33 Jahre alt, hatte in Jena studiert und war 1672 nach Berlin geholt worden. In Halle richtete Mateweis in den Jahren nach 1681 den Postverkehr ein und baute sich im Geburtsjahr G.F. Händels auf den Grundmauern des alten Trotha´schen Schlosses ein geräumiges Landhaus. Mateweis kannte 14 Sprachen, war in der Mathematik bewandert und galt als Erfinder von „machines und Instrumenta“ . Seine besondere Nähe zum kurfürstlichen Haus zeigte Mateweis, indem er dessen „Ehrentage“ feierte. Mit dem Bau des Riesenhauses bewies Mateweis seinem Beförderer Friedrich Wilhelm 1697 eine posthume Huldigung. Dreyhaupt schrieb:

„Er bauete auf dem Berlin ein kostbahres Haus von eigener Invention, daran so aus- als inwendig pansophia, polihistoria, tam sacra quam profana besonders res gesta magna Churfürst Friedrich Wilhelms zusehen gewesen...“

Noch heute können wir die Huldigungsgeste sehen und uns fragen, ob die Verwendung des Portraits Kurfürst Friedrich Wilhelms nicht so etwas wie eine trotzige Geste darstellte. Der seit neun Jahren verstorbene Grosse Kurfürst wurde so zum „Schutzheiligen“ der von Mateweis geplanten Privatakademie. Hier spielte der 49jährige Universalgelehrte den Vater gegen den Sohn aus, der drei Jahre zuvor mit großem Aufwand die Universität offiziell gegründet hatte. Die Professoren stellten Mateweis´ Privatakademie kein gutes Zeugnis aus; sie sollte sich er Universität unterordnen. Die in der Stadt „einzigartige“ Portalarchitektur mit zwei Riesenfiguren hat „residenzstädtischen, ja fürstlichen Charakter“ und zeigt darin, so Dietzsch, den „wirtschaftlichen und politischen Einfluß“ Mateweis´.

Beschreibung des Portals

Links neben dem Portal steht eine Atlas-Figur. Sein Spielbein ruht auf dem weitgeöffneten Maul eines geschuppten, schlangenartigen Tiers. Das Tier lebt, die Schwanzspitze liegt eng an der Hüfte des Atlas an. Ein einfaches Lendentuch ist das einzige Kleidungsstück des muskelbewehrten Mannes. Die Architektur scheint auf seinem Nacken so schwer zu lasten, dass er seinen Kopf nach unten beugen muss. Rechts neben dem Portal steht eine Herkules-Figur. Auch Herkules Spielbein steht auf dem Maul eines schlangenähnlichen Tiers, dessen stark knochen- oder knorpelförmiges Innere sich auf der Haut abzeichnet. In seiner linken Hand, deren Finger gut ausgeformt sind, hält Herkules seine Keule. Der Körper des Tieres windet sich um Standbein und Keule. Im Gegensatz zur Atlas-Figur schmückte der Bildhauer Herkules mit einem Lendentuch, dessen Enden mit krallenbewehrten Pfoten bestückt sind.

Das Portal des Hauses, so Richwien, zeige paradigmatisch die Einheit von freimaurerischer Werk- und Tempelsymbolik: „In den Bogenzwickeln des Portals breitet ein Adlerpaar seine Flügel aus. Diese Adler präsentieren, heiligen Waffen gleich, je ein Paar Messzeuge in ihren Fängen. Es sind rechts das Richtscheit und ein Stellzirkel, links ein Winkelmaß und ein Tastzirkel zu sehen.“ Richwien versucht, das Beschriebene einzuordnen: „Da es vier Werkzeuge sind, könnten sie auf die "Quator Coronati" anspielen, die Schutzpatrone der Bildhauer- und Steinmetzzunft. Unter den mehrschichtigen Interpretationsmöglichkeiten sollte aber auch auf die Vierheit der Neu-Aristotelesschen „Organon" hingewiesen werden, des „Erkennens", des „Definierens", des „Urteilens" und des „Schließens", wie Albertus Magnus klassifizierte. Gelten lassen aber könnte man auch aus der Form resultierende Deutungen. Könnte sich etwa in dem Stellzirkel das Alpha und hinter dem Tastzirkel das Omega verbergen ? Das würde, entsprechend dem Wort der Offenbarung: „Ich bin das A und O, der Anfang und das Ende.", dem Ganzen einen christlichen Aspekt unterlegen.“

Dreyhaupt erwähnt, dass am Haus auf dem Berlin „res gesta magna“ des Kurfürsten dargestellt worden seien. Warum Dreyhaupt in der Vergangenheit spricht, ist nicht klar. Vielleicht gab es im Gebäude Andenken an die großen Taten des Kurfürsten. Über dem Scheitel des Portals jedenfalls befindet sich eine Ganzkörperdarstellung FWs. Er wird als adlerreitender Held (darauf deuten die Flügel an seinen Waden?!) gezeigt, der in seiner rechten Hand ein Zepter, in seiner linken Hand einen Palmwedel zeigt. Auffallend ist ein achtstrahliger Stern, der dem Kurfürsten umhängt. Dem Stern ist ein Rechteck vorgesetzt, auf dem ein senkrecht durch ein I gekreuztes S eingeschrieben ist. Vielleicht handelt es sich bei dem Amulett um die Darstellung eines Ordens. Die 1617 auf der Wilhelmsburg gegründete „Fruchtbringende Gesellschaft“ hatte die Kokospalme zum Sinnbild. Ihre sämtliche Bestandteile (Nüsse, Rinde, Blätter, Holz) waren verwertbar, also nützlich. Ebenso sollten auch die Mitglieder der Gesellschaft „nützlich“ sein. FW war Mitglied der „Fruchtbringenden Gesellschaft“.

Der Adler greift mit der Linken einen Helm und mit der Rechten einen Zweig, an dem Früchte hängen.

Thema: Die Franckeschen Stiftungen und das Regiment (II)
Zeit: 1724-26
Ort: Franckesche Stiftungen
(Francke erhält Bittschreiben)

Trotz der Annäherung Leopolds an die Stiftungen, bleibt das Verhältnis gespannt. Immer wieder versuchen Väter, ihre jungen Söhne in den Stiftungen unterzubringen, um deren zwangsweise Aufnahme in die Armee zu verhindern. Hier zwei Beispiele:

1) Am 21.3.24 fragte der Propst von Berlin-Cölln, Johann Gustav Reinbeck, an, ob ein 16 jähriger Junge vor der Zwangsrekrutierung im halleschen Waisenhaus sicher sei:

„Übrigens ist hier ein Bürger, dessen Sohn von 16 Jahren sich wegen seiner Länge bisher eine geraume Zeit hat verborgen, und außer dem Hause seiner Eltern aufhalten müssen. Dieser wollte ihn wohl in die Schule des Waisenhauses tun, wenn er daselbst für Werbungen sicher wäre. Euer Hochehrwürden belieben doch ohneschwer mir mitzuberichten, ob in den Anstalten der Schulen des Waisenhauses die jungen Leute bisher sicher gewesen, und was alles ohngefähr kosten würde, wenn er auch den Tisch zahlet, dabei auf die geringste Sorte des Tisches, weil die Eltern wenig haben, wohl müsste reflectieret werden.“

2) Am 11.5.26 fragte der Hofprediger bei Königin Sophie Luise und Konsistorialrat Johann Porst bei Francke an, ob er einen neunjährigen Jungen aufnehmen könne:

„Hochwürdiger Herr, In Christo Theuerster Vater, Ihr Prediger in Arenburg, Herr Göhl, dessen Euer Hochwürden sich noch wohl erinnern werden, hat einen Sohn von 9 Jahren, welcher ein gut Gemüt und Lust zum Studieren haben soll. Weil er aber alle Stunden in Gefahr, daß ihn die Soldaten wegnehmen möchten, so wollte er gerne das Kind in Sicherheit bringen. Da nun sein Vermögen nicht fürreichet auf viel Jahre denselben zu erhalten, so bittet Euer Hochwürden Er durch mich, daß wenn es möglich, Sie denselben für 30 Reichstaler ins Waisenhaus aufzunehmen geruhen wollen.“

Die Ergebnisse der Anfragen sind nicht bekannt. War jedoch die Not des „Alten Dessauers“, Rekruten zu werben, hoch, scheinen die Franckeschen Stiftungen den Kampf um das junge Menschenkind verloren zu haben. Es ist wieder Albrecht Haller, der uns ein Bild von den Franckeschen Stiftungen in diesem Jahr verschafft. Nach einer ausführlichen Baubeschreibung, die den Respekt des Schweizers für die Arbeitsleistung des Gründers ausdrückt, kommt er auf Wesentliches zu sprechen:

„Alles aber steht unter Herrn Franck. Man wird biß ins 20te Jahr und zwar ganz lutherisch aufgezogen, in großer Eingezogenheit (...) Wiewohl es gefährlich ist, reformierte hinzusenden, weil sie meistens lutherische oder pietistische principia mitbringen.“

Leopold wandte sich Jahre später, am 7.9.1738, an den König. Ein Schulmeister habe seinen Sohn in das Regiment Alt-Anhalt geben wollen, vorausgesetzt er erhalte „die nächste offene Schulmeisterstelle im Dessauischen, die ihm anstünde.“ Der Sohn, der Waisenhausschüler sei, werde jedoch nicht aus dem Waisenhaus entlassen – weder auf Wunsch des Vaters noch auf Forderung eines Offiziers. Die Herren des Waisenhauses seien der Auffassung, dass der Sohn im Waisenhaus „besser“ versorgt werde, als dies im Königlichen Kriegsdienst der Fall sein könne. Auch ein persönliches Schreiben des Feldmarschalls brachte keinen Erfolg. Erst ein königlicher Befehl auf Herausgabe des Sohnes scheint dann die Übergabe des Sohnes an die Leibcompagnie ermöglicht zu haben (22.9.38).

Thema: Heinrich Melchior Mühlenberg – Patriarch der Lutherischen Kirche
Zeit: 1738-39
Ort: Franckesche Stiftungen, Waisenhaus

Kennen Sie Heinrich Melchior Mühlenberg? Nein? Vielleicht erinnern Sie sich an die amerikanische Flagge, die im November 2001 in drei ostdeutschen und drei westdeutschen Städten für Halle warb? Auf dieser Flagge befinden sich fünfzig weiße Sterne, jeder Stern steht für einen amerikanischen Bundesstaat. Einer der amerikanischen Bundesstaaten heißt Pennsylvania. In Pennsylvania lebte seit 1742 der Pietist Heinrich Melchior Mühlenberg, hier gründete er seine Familie, von hier sandte er seine Söhne zum Studium der Theologie nach Halle. Einer der Söhne Mühlenbergs hieß Friedrich August Conrad (1750-1801). Er hatte in Halle studiert und war von 1773 bis 1776 Prediger der German Christ Lutheran Congregation in New York City. Wegen seiner patriotischen – separatistischen – Umtriebe wurde er aus der Stadt gewiesen. Als Delegierter hatte Mühlenberg am Continental Congress teilgenommen. Der Congress hatte in der Independence Hall in Philadelphia getagt.

„Muhlenberg-Legend“

Hier stellten am 13. Januar 1795 deutsche Delegierte aus Carolina den Antrag, sämtliche Bundesgesetze in deutscher und englischer Sprache drucken zu lassen. Kennen Sie die Legende, die sich aus diesem Antrag und der darauffolgenden Abstimmung entwickelte? Ich weiß nicht, wo ich die sogenannte „Mühlenberg-Legende“ zum ersten Mal hörte. Ihr Inhalt lässt sich kurz zusammenfassen: „Um ein Haar – nämlich eine Stimme – wäre Deutsch als offizielle Sprache der Vereinigten Staaten eingeführt worden.“

Jede Legende hat ihren wahren Kern. Was also ist wahr an dieser Legende? Kurz bevor es zur Unabhängigkeitserklärung kam, wurde im Continental Congress über die Sprachenfrage diskutiert. Ursache dieser Diskussion waren anti-britische Gefühle, die eine andere als die englische Sprache als Symbol der Unabhängigkeit und des Trotzes sahen. Hebräisch (Sprache des Landes Eden), Griechisch (Sprache des Landes der Demokratie) und Französisch (Sprache des Landes der Logik und Vernunft) wurden in Erwägung gezogen. Und Deutsch. Neben den aus dem anglo-sächsischen Sprachgebiet nach Amerika Ausgewanderten, stellten die deutschsprachigen Neubürger die größte ethnische Gruppe in den Staaten dar. Über die Abstimmung am 13. Januar 1795 liegen keine Unterlagen vor. Es scheint aber, dass die Legende, Deutsch habe „bei einer Stimme“ verloren (lost by one vote), auf einen Antrag auf Vertagung der Entscheidung zurückgeführt werden kann. Dieser Vertagungsantrag wurde mit einer Stimme Mehrheit niedergestimmt. Friedrich August Mühlenberg, ehemals Student der Friedrichs-Universität Halle, könnte diese „Nein“-Stimme abgegeben haben. Aber auch hierüber gibt es keine Aufzeichnungen.

Drei Jahre später (2.3.1779), nach dem die Unabhängigkeit der dreizehn Staaten erreicht war, wurde Friedrich August in den Kongress gewählt. Er war insbesondere Vertreter der Deutschen in den Vereinigten Staaten. In den darauffolgenden Jahren war Friedrich August zweimal Sprecher des Repräsentantenhauses. Wer aber war der Stammvater der amerikanischen Mühlenbergs? Warum ist er es wert, auf einem Rundgang durch das barocke Halle erwähnt zu werden? Mühlenberg, der aus dem niedersächsischen Einbeck stammte, wurde in Nordamerika der Vater ( = Patriarch) der Lutherischen Kirche. Er organisierte den Bau von Kirchen, schlichtete Streitigkeiten und konnte im Lauf der Zeit mit Unterstützung der Halleschen Pietisten Georgia, die beiden Carolina, Maryland, Pennsylvania, New Jersey und New York für die Lutherische Kirche gewinnen.

In seinen Göttingen Studententagen hatte Mühlenberg gemeinsam mit Kommilitonen eine Armenschule gegründet. Wenig später (1738) gelangte er nach Halle. Hier lehrte er an der Mittelwachischen Schule, der Weingartischen Schule und am Waisenhaus. „Etwas Einsicht in die menschlichen Krankheiten und Arzneimittel“ erhielt er bei Prof. Johann Juncker, dem Leiter des Krankenhauses der Stiftungen. Über drei Jahre war er Diakon und Inspektor der Waisenanstalt in Grosshennersdorf in der Oberlausitz. Hier in Halle und insbesondere hier in den Franckeschen Stiftungen erreichte Mühlenberg (sen.) durch Gotthilf August Francke der Ruf zu den „zerstreuten Lutheranern in Pennsylvanien.“ (6.9.1741). Der Kontakt Mühlenbergs mit Halle riss nie ab. Schon ab 1744 konnten in den „Halleschen Nachrichten“ Mühlenbergs Berichte aus der Neuen Welt gelesen werden. 1787 erschienen sämtliche Berichte in einem Band.

Thema: J. F. Struensee als Student der Medizin am Krankenhaus der FS (II)
Zeit: 1752-57
Ort: Franckesche Stiftungen, Krankenhaus

(Bedeutung und Kindheit Struensees vor der Ulrichskirche, dann „Schulweg“ zu den FS, vorbei an Wolffs Haus)

Mit vierzehn Jahren bezog Johann Friedrich Struensee die Universität Halle. Er schrieb sich als Student der Medizin ein. Hier, im Krankenhaus der Stiftungen, ließ Johann Jucker (1679-1759), Professor der Medizin, ältere Kandidaten der Medizin Kranke untersuchen. Juncker hatte hier das „Collegium clinicum hallense“ gegründet. Neu war damals, dass auch an natürlichem Tod Verstorbene untersucht wurden. Ansonsten und andernorts war es üblich, durch den Galgen oder das Beil getötete Straftäter der Anatomie zukommen zu lassen. Da die Straftäter zu Lebzeiten jedoch meist gesunde Menschen waren, konnten an ihnen Krankheiten oder außergewöhnliche Erscheinungen nicht nachgewiesen werden.

Stefan Winkle, Struensee-Biograph, urteilt: „Junckers praxisbezogener klinischer Unterricht mit der ambulanten Versorgung armer Patienten muß auch auf den jungen Struensee einen ungeheueren Einfluß ausgeübt haben, der für ihn auch später als Altonaer Physikus und Armenarzt richtungweisend blieb.“ Der junge Struensee kannte die Gegend, das Gelände der Franckeschen Stiftungen, aber nicht nur durch die Untersuchungen, die er bei Juncker durchführte. Schon 1742 war der Fünfjährige in den Stiftungen eingeschult worden. Seinem Vater, dem strengen Adam Struensee, begegnete er hier als Lehrer. Außerdem hatte er schon vor Beginn seines Hochschulstudiums in der Medikamentenexpedition (Versandabteilung der Waisenhausapotheke) mitgeholfen.

Thema: Dorothea Erlexleben: Erste promovierte Ärztin Deutschlands
Zeit: 6. Mai 1754
Ort: Medizinischer Hörsaal der Universität (Residenz?)

Mühlenberg hatte bei Juncker 1738 „Einsicht in die menschlichen Krankheiten und Arzneimittel“ erhalten, Struensee war seit 1752 Student der Medizin unter dem Begründer der deutschen Polikliniken. 1754 erlebte Juncker und mit ihm die Fakultät wie die Universität eine ausserordentliche Promotion. Dorothea Christane Erxleben, geborene Leporin, wurde am 6. Mai 1754 der öffentlichen und mündlichen Doktorprüfung unterzogen. Der Saal soll übervoll gewesen sein, die Studenten anderer Fachbereiche wollten sich solch ein Ereignis nicht entgehen lassen. Während der Prüfung waren die Professoren Juncker, Alberti, Büchner, Böhmer und Hoffmann anwesend. Büchner sollte drei Jahre später Doktorvater Struensees sein. Ob Struensee die Verteidigung der Quedlinburgerin erlebt hat, ist nicht bekannt.

Dorothea wurde 1715 in Quedlinburg geboren. Ihr Vater, Christian Polykarp Leporin, war Doktor der Medizin und praktischer Arzt. Leporin konnte über die Grenzen seines Fachbereiches hinausschauen und hatte Zeit genug, 1724 eine Beschreibung deutscher Gelehrtenleben herauszugeben (Germania literata vivens). Auch das Leben des halleschen Gelehrten Christian Thomasius fand Aufnahme in Leporins Literaturschau. 1687 hatte Thomasius in seinem Franzosen-Diskurs die These aufgestellt, dass es leichter sei, „ein Frauenzimmer mit gutem Verstande, welches kein Latein versteht, zu unterrichten...“, als eines, dass durch das scholastische Latein der damaligen Zeit verdorben worden sei. Allein der Gedanke des Frauenstudiums wirkte damals revolutionär. Die kleine Dorothea Leporin soll bereits als Vier- und Fünfjährige gelesen und geschrieben haben. Was also liegt näher, als anzunehmen, dass sie die neueste Schrift des Vaters 1724 oder später zur Hand nahm und dort von dem berühmten halleschen Professor Thomasius las, der das Frauenstudium nicht verteufelte? Schon früh wird Dorothea vom ausgezeichneten Ruf der Universität im achtzig Kilometer entfernten Halle gehört haben.

Dorothea half ihrem Vater in der Praxis. 1740, als der neue König im ganzen Land Soldaten ausheben ließ, versuchten sich der Vater und beide Brüder dem Militärdienst zu entziehen. Dorothea leitete in dieser Zeit die Praxis des Vaters in eigener Verantwortung. Nach der Rückkehr des Vater fiel die Entscheidung, beim König um Zustimmung zum Studium für Dorothea zu bitten. Der König erlaubte nicht nur Dorotheas Studium, sondern genehmigte ihr auch einen Freitisch. Die auf der Desertion gefangen genommenen Brüder ließ Friedrich der II. frei. Am 18.8.42 heiratete Dorothea den Pfarrer Johannes Erxleben. Rückblickend, im Anhang zur Doktorschrift, schrieb sie über die Folgen der Heirat:

„Ob ich gleich durch die Erfahrung überzeuget wurde, daß der Ehestand das Studieren des Frauenzimmers nicht aufhebe, sondern daß es sich in der Gesellschaft eines vernünftigen Ehegatten noch vergnügter studieren lasse, wurde dennoch die vorgehabte Promotion durch meine Heirat vorerst verzögert, da die mir nunmehro obligierende Sorgfalt für die Erziehung fünf annoch unerzogener Kinder, deren Anvertrauen ich als das erste Pfand der Liebe meines Mannes anzusehen hatte, meine Abwesenheit nicht wohl verstattete.“

Der Vater starb wenige Jahre später, so dass Frau Erxleben nunmehr völlig auf sich gestellt war. Der Tod einer Patientin rief die ortsansässigen Ärzte auf den Plan. Sie erwirkten beim Stiftshauptmann Freiherrn von Schellersheim ein „Verbot des Kurierens“, unter das auch die Erxlebin fiel. Von Schellersheim, dessen Gattin die Heilkunst unserer Protagonistin schon des öfteren geholfen hatte, empfahl der Pfarrersfrau, die Arbeit an der Doktorarbeit aufzunehmen. Nur so könne sie die alteingesessenen Ärzten befriedigen. Auch ein zweites Gesuch an den König fiel auf fruchtbaren Boden. Die Erxlebin absolvierte die mündliche Prüfung mit Auszeichnung; die Prüfungskommission sah sich jedoch nicht in der Lage, der Absolventin den Doktortitel sofort auszuhändigen. Nach dem Eingang der königlichen Bestätigung wurde Dorothea Erxleben am 12. Juni 1754 in der Wohnung Johann Junckers der Titel verliehen. Auf eine öffentliche Verleihung glaubte man, ebenso wie dies bei jüdischen Doktoranden der Fall war , verzichten zu müsse.

Thema: Die Universität und das Regiment
Zeit: 12.4.1718 und Ende 1734
Ort: Residenz

Das Regiment Alt-Anhalt zwang auch Studenten und immatrikulierte Universitätsverwandte in seine Reihen.

1) Am 12.4.1718 und in den darauffolgenden Tagen wurden in Kalbe, Dodendorf (MD) und Wansleben drei Studenten bei Nacht aus den Betten geholt, in Kutschen geschafft und nach Halle gebracht. Die Universität, besorgt um ihren Ruf, wurde durch drei Vertreter auf der Residenz vorstellig.

Heinrich von Bode, seit 1693 Professor und seit 1694 Konsistorialrat in Halle. Bode hatte 1703 einen Fürstenspiegel geschrieben: „Fürstliche Machtkunst, oder unerschöpfliche Goldgrube, wodurch sich ein Fürst mächtig und die Untertanen reich machen kann.“ Johann Heinrich Michaelis, hielt seit 1694 Kollegien im Griechischen, Hebräischen, Chaldäischen in Halle. Für kurze Zeit folgt er der Einladung Hiob Ludolfs nach Frankfurt, um dort äthiopisch und amharisch zu lernen. Seit 1698 ist Michaelis wieder in Halle, editiert hier über 18 Jahre lang die Hebräische Bibel. 1717 wird er zum Doktor der Theologie „creiret“ ( = erschaffen) und später zum Senior der Theologischen Fakultät gewählt. Michael Alberti (1682-1757) wurde 1710 zum Professor extraordinarius, 1716 zum Professor ordinarius der Medizin berufen. 1717 erhielt er den Titel eines Königlichen Hofrats, zwei Jahre später wird er Konsistorialrat. Er war Nachfolger Georg Ernst Stahls und Arzt in der Krankenanstalt des Waisenhauses (> Struensee).

Der Regimentschef, Fürst Leopold, betonte nach den Ausführungen der Professoren, dass er das Königliche Privileg, das Studenten vor Pressungen schützte, selbstverständlich achte. Das Privileg gelte jedoch nur innerhalb der Ringmauern; wer außerhalb der Ringmauern erwischt werde, könne dem Kriegsdienst zugeführt werden. Leopold teilte den Professoren mit, dass die drei Studenten der Universität nicht zurückgegeben würden. Der König wisse von dieser Entscheidung. Basta!

2) Im nächsten Jahr kam es zu Randalen von Teilen der Studentenschaft wegen der Pressung des Studenten Johann Christian Großmanns in Löbejün. Sein Bruder soll den studentischen Unwillen geschürt haben. Eine studentische Meute zog vor das Haus des Prorektors Nicolaus Hieronymus Gundling.

Gundling (1671-1729), der in Altorff, Jena und Leipzig studiert hatte, kam 1698 als Hofmeister mit „etlichen Nürnbergischen Patriciis“ nach Halle. Hier lernte er Christian Thomasius kennen und disputierte vor ihm im Jahr 1700 (Lieblingsschüler Thomasius´, Kataloge 5: 238). 1705/6 erhält er auf Vorschlag Danckelmanns einen Ruf an die Philosophische Fakultät. Seit 1707 ist er Professor für Natur- und Völkerrecht. Gundling ist Herausgeber der gelehrten Zeitschrift „Gundlingiana“, die zwischen 1715 und 1732 erscheint. Sein Bruder, Jacob Paul, ist „Hofnarr“ am Hof des Königs.

Die Studenten drangen in das Haus ein und forderten von Gundling die Herausgabe Großmanns. Das sie hier an der falschen Adresse waren, merkten sie bald. Der Kommandeur des Regiments Alt-Anhalt, Henning von Alexander Kleist, wohnte nebenan. Er hatte den Lärm bemerkt und den Studenten gedroht, die Wache rufen zu lassen. Daraufhin zogen die Studenten ab. Allerdings endete damit der studentische Aufruhr nicht. Am nächsten Tag (11.8.19) zogen mit Stöcken bewaffnete Studenten durch die Schmeerstraße. Sie hatten sich teils verkleidet, teils Kohle in die Gesichter geschmiert. Scheiben gingen zu Bruch. Wie sich nach einer eingehenden Untersuchung herausstellte, hatte nicht der Bruder Großmanns, sondern ein gewisser Zittrich die Meute angeführt. König Friedrich Wilhelm befahl, die Urheber „auf ewig cum infamia“ der Universität zu verweisen. (Wo haben Gundling und Kleist 1719 gewohnt?)

3) Ende 1734 hören wir von einem weiteren Aufstand der Studenten gegen die Rekrutierung durch das Regiment Alt-Anhalt. Ein Student namens Pfau sollte gewaltsam geworben worden sein. Daraufhin wurde am Schwarzen Brett der Universität ein Zettel diesen Inhalts gefunden:

„Messieurs! Wers mit der Universität patriotisch meynet, wolle nicht eher ins collegium gehen, biß das uns die furchtsamen professores satisfaction zu schaffen sich bemühen. Wer aber eine Käse-Seele sein will, solchen dummen Jungen wird unsere verschworene Compagnie, die noch Eiffer und Courage hat, für die Ehre der Universität eins zu wagen, zu begegnen wissen. Es lebe die Freyheit hoch. Minerva Bellona.“

Die Studenten hofften, durch Fernbleiben vom Studium die Professoren unter Druck zu setzen. Aus Sicht der Studenten war es die Aufgabe der Professoren, sich für die Befreiung Pfaus aus dem Regiment einzusetzen. Gleichzeitig drohten sie denjenigen Kommilitonen, die trotzdem zu den Vorlesungen gehen würden, mit unbekannten Konsequenzen. Die Anhänger der „verschworenen Compagnie“ riefen Minerva, die Beschützerin des Handwerks und der gewerblichen Kunstfertigkeit, und Bellona, eine altrömische Kriegsgöttin, an. Teile der Studentenschaft blieben nicht nur den Vorlesungen fern, nein, sie fuhren nach Sachsen und insbesondere nach Leipzig, um dort zu studieren oder sich zu vergnügen. Die Universität schien den Auszug der Studenten sehr ernst zu nehmen. Sie wurde beim Königlichen Ministerium in Berlin und bei Fürst Leopold vorstellig.

Leopold stellte gegenüber den Vertretern der Universität wiederholt fest, dass Pfau kein „rechter Student“, sondern ein Copist (= Schreiber) beim Assessor des Berggerichts Fraustadt sei. Überhaupt habe er Pfau schon längst überzeugt, in die Leibcompagnie des Regiments Alt-Anhalt einzutreten. Auf ein zweites und drittes Beschwerdeschreiben versichert der „Alte Dessauer“, dass er „gewiss keinen rechten Studenten kränken oder demselben jemals zu einigem Missvergnügen Anlaß geben werde.“ (13.1.35) Kein Student werde „eher beym Regiment (...) eingestellt (...), als bis er seine Studia gänzlich absolvieret und Doctor-mäßig ist.“ (23.1.36).

Leopold war als Landesherr in Dessau ansässig. Seit 1720 kommandierte sein Sohn Dietrich das Regiment. Über ihn und vielleicht auch über den Stadtpräsidenten (1728-48) Rudolf Schäffer kannte er die lokalen Begebenheiten in Halle gut. Erstens – so antwortete er auf das zweite Beschwerdeschreiben der Universität – wisse er, dass die Vorlesungen seit zwei bis drei Tagen wieder besucht würden. Zweitens sei das Auslaufen der Studenten nach Leipzig nicht ungewöhnlich: Schließlich finde dort die Messe statt. Die Universität gab jedoch nicht auf. Ein viertes Mal setzte sie sich für Pfau und damit auch für die Ziele der „verschworenen Compagnie“ ein. Der Fürst reagiert ungehalten. Die Universität, so Leopold, immatrikuliere Kinder nicht nur, um sie der Werbung durch das ortsansässige Regiment zu entziehen, sondern um dadurch Geld einzunehmen. Am 24.8.37 setzt der König dem Schlagaustausch zwischen Universität und Regiment ein formelles Ende: Er sichert der Universität die Jurisdiktion über die Studenten zu und gewährt den Studenten die Befreiung von der Werbung bei ihrer Reise nach Halle und zurück.

(Mussten die Studenten die Kollegien der Professoren bar bezahlen?
War die Immatrikulation für die Universität eine wichtige Einnahmequelle?)

Thema: Das Regiment und die Desertion
Zeit: Juli 1719ff
Orte: Grenze zu Kursachsen I Hauptwache I Würfelwiese

Immer wieder berichtete Leopold an den König über Desertionen aus dem Regiment. 1713 schrieb der König, dass er Leopold wegen der „Abreise“ von 30 Mann aus dem Alt-Anhaltischen Regiment bedauere. Dies sei bei seinem Regiment auch der Fall gewesen; erstaunt zeigte sich Friedrich Wilhelm, dass von 50 Deserteuren 47 Landeskinder waren. Erleichtert wurde den Soldaten die Flucht vor den drakonischen Disziplinierungsmaßnahmen des Alten Dessauers durch die nahe gelegene kursächsische Grenze:

Der König bestätigt dem Fürsten am 4.7.19, von der Desertion aus dem Regiment gehört zu haben: „Ich bin aber versichert, dass die Leute von die Herren Saxen verführet werden und die Saxen fragen nit nach große Leute. Sie tun es ( = Abwerbung der Soldaten) aber Sie und mir Verdruss zu machen. Also werden Euer Lieben wohl tun das alle Saxen Offzier und Soldaten die in Ihre Garnison kommen, alle arretieren. Sie mögen Pässe haben oder nit. Schreiben die Kommandeurs an Kleist, so soll er sie nach Berlin weisen. (...) Man muß Repressalie tun – sie wollen es nit besser haben. Da lieget ein Kornet von die Saxen ohnweit Halle, ein halbe Stunde davon in Quartier. Wenn Kleist durch Huren oder Studenten Ihm ( = das Kornet) in die Stadt locken könnte und sobald er da wird kommet, Ihm arretieret auf die Hauptwache auf Pretext, dass er wollte werben. Sollen Ihm aber doch wie ein honnetten Offizier tractieren, dass er darüber nit zu klagen haben Ursache. Wenn wir nur ein paar Dutzend Offiziere und Gemeine von die Herren arretieren, so müssten sie resonabler werden.“

Der König stellt fest, dass sächsische Militärs in Halle „Leute“ für die Armee werben. Um die Werbung zu verhindern, befiehlt er dem Fürsten, sämtliche sächsischen Offiziere und Soldaten, die sich im Bereich der Garnison aufhalten, festzunehmen. Durch die Umleitung der erwarteten Nachfragen sächsischer Kommandeure nach Berlin, erhebt der König die Fremdwerbung zur Staatsangelegenheit (>Kartell). Der König geht aber einen Schritt weiter. Er will den sächsischen Kurfürsten zwingen, die Abwerbung preußischer Landeskinder durch sächsische Soldaten einzustellen. Dazu möchte er als Lockmittel „Huren oder Studenten“ einsetzen. Sind die sächsischen Offiziere dem Lockmittel nach Halle gefolgt, sollen sie auf der Hauptwache festgehalten werden. Fragten die Sachsen nach einem Grund für die Festnahme, so der König, solle man ihnen Soldatenwerbung auf fremdem Territorium vorwerfen.

Noch im selben Monat (26.7.19) erwidert der König auf ein Schreiben Leopolds, dass die festgenommenen Sachsen auf der Festung Magdeburg gut behandelt und versorgt werden sollen. Eine Erklärung für die anhaltende Desertion seiner Landeskinder nach Sachsen sieht der König in den hohen sächsischen Werbegeldern.

Bereits ein Jahr zuvor hatten Preußen und Kursachsen in Leipzig ein Kartell geschlossen, dass die gegenseitige Auslieferung von desertierten Soldaten regulieren sollte. Die Desertion nach Sachsen hörte aber nicht auf. Der König war ratlos. 1726 ging eine Ordonanz nach Sachsen über, die 12 Jahre in einem preußischen Regiment gedient hatte. „Wenn man könnte etwas erdenken, dass die Sachsen besser desertieren wollten als sie tun, würde es mir sehr lieb sein.“ Im April 1737 schien es, als ob Sachsen sich vom Kartell lossagen mochte - 1740 wurden dennoch wieder Deserteure ausgeliefert. 1739 teilte Leopold mit, dass vor einem Jahr zwei Soldaten beim Exercieren „aus Reihe und Glied nach dem nächsten sächsischen Dorf“ zu fliehen versucht hätten. Um diese Möglichkeit zu verhindern, habe er einen neuen Exercierplatz in der Nähe der Moritzburg, auf der Kleinen Wiese ( = Würfelwiese), anlegen lassen.

(Welche Attraktion stellte ein hallescher Student für einen Werbeoffizier der sächsischen Armee dar? Wie warb Kleist im sächsischen Kornet für einen Besuch der Stadt?)

Thema: Französische Einwanderer als aktive Wirtschaftsbürger (III)
Zeit: 1687-1750
Ort: Robert-Franz-Ring 20

Die Mitglieder der französischen Kolonie waren aktive Wirtschaftsbürger. Paradebeispiel dafür ist Abraham Valéry, ein „reicher Tuchfabrikant aus Bédarieux“ im Languedoc. Er gehörte zum letzten Schub von Einwanderern, die für einige Zeit in Frankreich mit Gewalt zurückgehalten worden waren. Anfang 1687 in Halle angekommen, war er der „eigentliche Begründer der französischen Kolonie.“ Valéry setzte sein Gewerbe in der Kleinen Klausstrasse fort, eine Walkmühle hatte er an der Mühlpforte eingerichtet. Im Jahr seiner Ankunft beschäftigte er 50 Arbeiter und 300 Spinnerinnen. 1691, nach dem Tod seiner Frau, heiratete er die Tochter Philipp Meuniers, schenkte seinem Schwiegervater Haus und Fabrik und arbeitete nunmehr in dessen Werk als Angestellter. Meunier bankrottierte vier Jahre später. Der aus Metz stammende Jean Figuier , Strumpfwirker (`Fouleur de Bas´), übernahm die Mühle, „um vor allem den französischen Tuchmachern zu dienen, deren Gewerbe damals den Höhepunkt erstieg.“

Andere französische Neubürger engagierten sich als Strumpfwirker, Samt- und Spitzenfabrikanten, Glasschleifer, Juweliere, Handschuhmacher, Hutmacher, Buchhändler und Brauer.

Norbert Böhnke, Juni 2002