Die Stadt und ihre auswärtigen Beziehungen
Ausgangslage: Keine offiziellen Beziehungen nach GB und USA

Die Stadt Halle (Saale) hat fünf Partnerstädte - davon zwei deutsche - und niemanden, der sich professionell um die Pflege der Beziehungen zum Ausland kümmert. Trotz der alljährlich stattfindenden Händelfestspiele gibt es keine Partnerschaft mit einer großbritannischen Stadt. Trotz amerikanischer Großinvestitionen im Süden der Stadt hat Halle keine Partnerstadt in den Vereinigten Staaten von Amerika. Allerdings wirbt die Stadt mit der amerikanischen Flagge für den eigenen Standort.

Ziel: Gründung von Städtepartnerschaften

IfHaS e.V. glaubt, dass der Aufbau von Partnerschaften nach Großbritannien und in die Vereinigten Staaten von Nutzen für die Stadt und ihre Bürger ist. IfHaS e.V. ist sich aber auch bewusst, dass Partnerschaften nur sinnvoll sind, wenn sie "von unten" wachsen; Städtepartnerschaften müssen von den Bürgern gepflegt werden.

Motto des DEKA:
"Erforscht, versteht und achtet die Eigenart der Völker!"

Blick zurück: Pflege internationaler Beziehungen früher

Sinnvoll erscheint es auch in diesem Zusammenhang, einen Blick in die Vergangenheit der Stadt zu werfen. Nicht nur wissen wir immer noch nicht, wie die Hallenser ihren großen Sohn, Georg Friedrich Händel, bei seinen Besuchen in Halle begrüßt haben - wenn sie es taten. Auch ist uns nicht bereichsübergreifend bekannt, wer welche internationalen Beziehungen pflegte.

Beispiel: Der Deutsch-Englische Kulturaustausch (DEKA)

Mit einem kleinen Beitrag zum ehrenamtlichen "Deutsch-Englischen Kulturaustausch (DEKA)" möchte IfHaS e.V. dazu beisteuern, dass wir uns Gedanken über die Stadt und ihre Außenbeziehungen machen.

Gert Richter über den DEKA

Gert Richter, stv. Direktor des Händel-Hauses und Vorsitzender des Freundes- und Förderkreises des Händel-Hauses e.V., berichtete in seinem Artikel "Deutsch-englische Bemühungen um Händel" (HHM 2001/1+2) auch über die Reichshändelfestspiele 1935. Die "redlichen Aktivitäten der Händelpflege und -Forschung dieser Zeit" ließ er dabei ausdrücklich außer Acht. Über den DEKA schrieb er:

"Eine `Deutsch-Englischer Kulturaustausch´ benannte `gleichgeschaltete´ Vereinigung unterstützte die Vorbereitungen, bereitete englischsprachige Texte vor u.a.m. (...) Einladungen wurden nach Großbritannien versandt, die Ehrung von englischen Persönlichkeiten mit einer Plakette wurde vorbereitet, wofür der `Deutsch-Englische Kulturaustausch´ Erkundigungen über vorgeschlagene englische Persönlichkeiten einholte u.a.m. (...) Man erwog, ein Fotoarchiv der Händel-Autographe anzulegen und diesbezüglich über den `Deutsch-Englischen Kulturaustausch´ mit britischen Bibliotheken in Verbindung zu treten." (S.20f)

R.S. Lambert über den DEKA

R.S. Lambert, Gründer des BBC-Radioprogramms "The Listener" und langjähriger Chef des Schulprogramms der Canadian Broadcasting Company sowie Autor von über 40 Büchern, hatte die Reichshändelfestspiele besucht und seine englischsprachigen Leser auf den DEKA aufmerksam gemacht. Im Artikel "Celebrating Handel at Halle" (The Listener, 6. März 1935) wies er darauf hin, dass die Festspiele trotz der nationalistischen Stimmung "both a Germanic and an international (Anglo-Saxon) character" gehabt hätten. Lambert führte dies auf das Engagement des DEKA zurück:

"The idea of this is traceable to an institution peculiar to present-day Germany, the Anglo-German Cultural Exchange (Deutsch-Englischer Kulturaustausch), founded by Frau Dr. Liebenam in 1930. This tiny voluntary society, growing up under the wing of Halle University, has had the faith which moves mountains; it symbolises the admiration and affection which the German of today feels for England and the English. Here a little English library and reading room and English correspondence are maintained. This society has supplied the impulse which has shaped the Halle Handel-fest into an international mould. Handel has never been honoured or performed in Germany as he has in England: hence, the celebrations gave an opportunity to popularise his music and the country of his birth, and at the same time to draw English visitors and students to Halle itself."

DEKA über DEKA

Was sagen die Quellen über den DEKA? Ein Besuch im Archiv der Universität war bisher noch nicht möglich, wird aber sicherlich bald erfolgen. Vorerst ist mit den Meldungen des DEKA in der von Erwin Redslob herausgegebenen Zeitschrift "Der Kreis von Halle" vorlieb zu nehmen.

Grundgedanke

Wie Lambert richtig bemerkte, hatte sich der DEKA aufgrund der Initiative Frau Dr. Lore Liebenams 1930 gegründet. Der Grundgedanke des DEKA basierte auf der Feststellung, dass die "gegenwärtige Weltlage" eine "entschiedenere Steigerung des kulturellen Austausches zwischen den Völkern notwendig" gemacht habe. Insbesondere die "Pflege eines deutsch-englischen Kulturaustausches" stelle für Deutschland und die Länder englischer Kultur ein wertvolle gegenseitige Bereicherung" dar. Durch die Beschäftigung mit England und dem Commonwealth erwachse dem "kontinentalen, raumengen Deutschland eine geistige Stärkung und Erhellung der eigenen Art, die es in seinem gegenwärtigen Ringen um neue Lebensformen" brauche.

Aufgaben

"1. Sammlung, Verarbeitung und Verbreitung von Bildungs- und Anschauungsmaterial über das gegenwärtige England wie über die Länder englischer Kultur, Übermittlung von Bildungs- und Anschauungsmaterial über Deutschland und seine gegenwärtigen Kulturleistungen an englische Stellen;
2. Anregung zu Übersetzung und Verbreitung solcher deutscher bzw. englischer Schriften, die besonders geeignet sind, das Verständnis für die beiderseitigen Kulturen zu fördern;
3. Beeinflussung der beiderseitigen kulturellen Berichterstattung;
4. Schaffung einer Bibliographie über das England der Gegenwart, Anlage eines Sachkatalogs über die in den deutschen Bibliotheken vorhandene Gegenwartsliteratur und eines Pressearchivs über Deutschland und England in der Gegenwart;
5. Herstellung von unmittelbaren Verbindungen zwischen deutschen und englischen Persönlichkeiten, die für irgendwelche besonderen Fragen im anderen Land Interesse haben;
6. Unterstützung aller die kulturellen Auslandsbeziehungen fördernden Stellen, besonders auch durch Verarbeitung und Verbreitung der sich aus dem deutsch-englischen Kulturaustausch ergebenden Erfahrungen." (1/1930: 37)

Der DEKA, gegründet in den Nachwehen der Weltwirtschaftskrise und zur Zeit erstarkender politischer Extreme, lehnte "grundsätzlich (...) seinem Charakter entsprechend jede politische Erörterung ab." (2/1931:71).

Ort

Warum sollte gerade Halle diese Aufgaben übernehmen? Gründungsmitglied Hans Wehye schrieb in einem eigenständigen Aufsatz "Sachsen und Angelsachsen": "Was uns jedoch im Bilde unserer Landschaft an modernes Angelsachsentum erinnert, sind nicht mehr Weizenbreiten, auf denen der Segen heiliger Nächte ruht; es ist die Gehäuftheit der Bevölkerung, die ragenden Schlote, die Lichter der Gruben, an denen der nächtliche Zug vorrübereilt. Die Stadt aber, die im Mittelpunkt dieses Kreises liegt, Halle in Sachsen, hat allen Grund, die Beziehungen zur Welt der heutigen Angelsachsen sorglich zu pflegen." (2/32:42) Gerade die Universität sei Standortvorteil für den DEKA: Sie habe "die Nachbarschaft eines schönen Flußtales mit Burg und Fels und Wald, und eines Kreises von Menschen, die in dieser Stadt der Schulen bereit sind, offenen Herzens die Besucher aufzunehmen und ihre Blicke von dem kleinen Ausschnitt deutschen Bodens auf das große Ganze zu lenken." (8/31: 238)

Mitglieder

Die Mitgliedschaft setzte sich aus Professoren, Industriellen, Kommunalpolitikern und Anglophilen zusammen. Unter anderen waren Mitglied:

  • Gustav Aubin, Prof. der Nationalökonomie
  • Otto Eißfeldt (1887-1973), Prof. der Theologie, Rektor der Vereinigten Friedrichs-Universität (1929/30)
  • Curt Steckner (1863-?), Präsident der Industrie- und Handelskammer Halle
  • Hans Vaihinger (1852-1933), Prof. der Philosophie, Gründer der Kant-Gesellschaft und Herausgeber der "Philosophie des Als Ob" (1911)
  • Bernhard Hieronymus Velthuysen, Bürgermeister
  • Felix Weise (1876-1961), Pumpenfabrikant, Kunstsammler und Freund des Bildhauers Gerhard Marcks
  • Hans Weyhe, Prof. der englischen Philologie, Ordinarius des Seminars für englische Philiologie (1920-1949)
  • Lore Liebenam, Gründerin des DEKA

Dr. Lore Liebenam, die am englischen Seminar studiert und wohl bei Weyhe ihre Dissertation geschrieben hatte, war es gelungen, einen einflussreichen und gelehrten Kreis im DEKA zusammenzuführen.

Mitglieder des DEKA (v.l.n.r.):
Vaihinger, Weyhe, Eißfeldt

Aufgabenerfüllung

Zusammenarbeit mit dem Akademischen Auslandsdienst (ab 1931: DAAD)

Der DEKA kündete bereits wenige Monate nach seiner Gründung an, dass er die Zusammenarbeit mit dem `Anglo-German Academic Bureau´ in London suche. Der Leiter des Londoner Büros, Dr. Deissmann, besuchte Halle am 5. Januar 1931. Das 1927 eingerichtete Londoner Büro war ein Ableger des 1925 vom Heidelberger Studenten Carl Joachim Friedrich gegründeten Akademischen Austauschdienstes. Schwerpunkt der Arbeit war anfangs der Austausch zwischen Deutschland und Amerika im Bereich der Sozial- und Staatswissenschaften. 1933 unterhielt der DAAD Beziehungen zu zehn Ländern mit 101 Austauschstipendien.

Die Auswahl der deutschen Austauschstudenten erfolge, so DEKA im Kreis von Halle, nach "persönlichen Charaktereigenschaften wie außerwissenschaftlichen Fähigkeiten und Leistungen". Diese Auswahl führe zu "einer Kerntruppe auslandgeschulter Akademiker".

Gemeinsam mit Dr. Deissmann wurde für den August 1931 ein Deutsch-Englischer Ferienkurs für nicht-deutschsprachige Lehrer aus England in Halle vorbereitet. Im Willkommens-Gruß des DEKA hob der Autor das Ungewöhnliche der Veranstaltung heraus: Es sei das erste Mal, "daß ein Ferienkurs über `Deutschland und deutsche Kultur´ in einer deutschen Stadt in der Muttersprache der Ausländer und unter großer Beteiligung deutscher Kreise" stattfinde. Halle repräsentiere hier Deutschland "schlechthin" und werde sich als "Exponent Deutschlands und deutscher Kultur sicherlich ausgezeichnet bewähren."

Hauptaufgabe des Ferienkurses werde es sein, den englischen Gästen zu vermitteln, "auf welch schweren Platz das Schicksal uns Deutsche gestellt hat - in Europas Mitte (...), unermüdlich stets auf Posten zu sein." Wie gut es Liebenam gelang, diese Botschaft dem englischen Gast zu vermitteln, beweist R.S. Lamberts Artikel aus dem Jahr der Reichshändelfestspiele: "It is an educative process for any individualistic islander, with his assured sea-frontiers, to visit a place like Halle, where he finds himself placed in the midst of an illimitable plain streching out hundreds of miles to the very gates of Russia and the beginning of the Orient. The spiritual agoraphobia of the German people cannot be understood without experiencing what it is to live in a rich fertile land with frontiers that Nature never chose and cannot guarantee."

Vorträge

Der DEKA veranstaltete 1931 eine Vortragsreihe in Zusammenarbeit mit dem Englischen Seminar. Dr. Science (!), der englische Lektor an der Universität, berichtete über "The Growth of the Imperial State" (28.1.), Dr. Funke sprach zum "Kriegserlebnis in der englischen Literatur der Gegenwart" (9.2.), Prof. Morgan versuchte sich an einer "Analyse des afro-amerikanischen Volksliedes" (26.2.) und E. Porter stellte den German Circle in Richmond vor. Vom 19. auf den 20. März 1931 war Rammanohar Lohia, Sekretär des Verbandes der Inder in Zentraleuropa, Gast des DEKA. In deutscher Sprache referierte Lohia über die Notwendigkeit der vollkommenen Unabhängigkeit Indiens von England - sie sei "wichtig gerade auch für Deutschland". Lohia habe sich "wegen der symbolischen Bedeutung der Salzgewinnung für Indiens Freiheitsbewegung in der Salzstadt Halle besonders heimisch" geführt.

DEKA organisierte das Rahmenprogramm für englischsprachige Gäste zu den Reichshändelfestspielen 1935. Halle als Stadt mit vielseitigem kulturellen Leben im Herzen Deutschlands, so Liebenam, sei gut geeignet, um deutsches Leben und deutsche Kultur in der Vergangenheit und Gegenwart zu studieren. Das 14-tägige prallgefüllte Programm (15.-29.8.35) ist interessant genug, um es hier ins Deutsche übersetzt in seinen Höhepunkten zusammenzufassen:

Besuch der Universität, Empfang im Rathaus (16.) I Vorträge zu Mitteldeutschland, Besuche von Händel-Orten, Tee im Wittekind (17.) I Vortrag: England und Deutschland zu Händels Zeit, Abendessen bei Broskowski (19.) I Vortrag: Deutsche Musik vor und nach Händel, Besuch der Saline, Tour durch die Stadt per Bus (20.) I Vortrag: Nationale Charakteristik der Deutschen, Kulturfilm über Deutschland, Besuch der Burg Giebichenstein (21.) I Vorträge: Deutsche Sprache, Schule und Erziehung in Deutschland, Händel-Konzert (22.) I Besuch von Naumburg, Bad Kösen, Weimar (24.) I Weiterfahrt nach Eisennach, Besuch der Wartburg (25.) I Vortrag: Neue Ideale in der deutschen Kultur, Bootfahrt auf der Saale, Gemütliches Beisammensein auf der Bergschenke (26.) I Besuch des Geiseltalmuseums und des Geiseltals, Bad Lauchstädt (27.) I Ansprachen: Englisch-Deutsche Beziehungen in Vergangenheit und Gegenwart, Rückblick auf die Händel-Festspiele (28.)

Publikationen

Bekannt sind lediglich die Broschüre `Handel and Halle´ (1935) und das erste Heft der `Schriften des Deutsch-Englischen Kulturaustausches´ namens "Engländertum" (1938). Angekündigt wurden weitere Hefte: `The Englishman´s England´, `So ist England´, `Halle und England im 18./19. Jahrhundert´, `England and Music´, `Wettbewerb und Erziehung in England´ sowie `Old English Customs´.

Desiderate

Das Beispiel des DEKA hat einige Fragen aufgeworfen, die zu beantworten sind. 1932 berichtete der `Kreis von Halle´ nicht mehr über die Aktivitäten des DEKA. Stellte DEKA bereits nach einem Jahr Aktivität seine Arbeit ein? Vor welchem Hintergrund erfolgte dann aber die Reaktivierung 1935? Hatte es zwischen dem Herausgeber, Erwin Redslob, und der Vorsitzenden des DEKA, Lore Liebenam, (politischen) Streit gegeben? Welchen Einfluss nahm das Propagandaministerium auf Organisation und Verlauf der DEKA-Veranstaltungen (Richter: "Wichtige Entscheidungen liefen immer über die NSDAP oder gar über das Goebbels-Ministerium.")? Welchen Bewegungsfreiraum hatten die Gäste der Stadt während der Festspiele 1935? Was sahen sie, was durften sie nicht sehen? Wohin ging Liebenam nach 1945? Wurden die durch den DEKA geknüpften Beziehungen fortgeführt und durch wen?