Joseph von Eichendorff:
Tagebücher, September 1805 bis Juli 1806

27.9.1805

Kamen wir endlich gegen Mittag wieder in dem freyen Halle an, wo wir alsobald in unserem neuen Logis: den 3 Königen auf der kleinen Ulrichstraße einkehrten.

Dieses Semester hatten wir folgende Collegia: Von 8-9 des Morgens: Institutionen bei Woltaer. Von 9-10 Staatsrecht beim Geheimde-Rath Schmaltz. Von 10-11 Ciceros Tusculanen bei Geheimde-Rath Wolf. Von 11-12 Naturrecht bey Hofbauer. Nachmittags: Von 2-3 Erfahrungsseelenlehre bei Kayssler. Von 3-4 Griechische Alterthümer bey Wolf. Von 5-6 Philosophische Enzyklopedie bei Kayssler. Mittwoch und Sonnabend auch: philologische Enzyklopedie bei Wolf, publicum als Fortsetzung für diejenigen, die das Collegium voriges Halbjahr bey ihm gehört, wobey auch die dazugehörigen Werke, alte Kunst-Werke, Müntzen und Gemmen vorgezeigt wurden.

Im December hatten wir das Vergnügen, eine große Menagerie, die in dem Hofe unserer 3 Könige lag, zu sehen. Sie bestand aus einem Löwen und einer Löwin, einem bengalischen Tiger, einem Leopard, Hyäne, Schakall, Waschebär, einem jungen Strauße einem afrikanischen Geyer, und einer Menge von Affen, Aras und Papageyen. Besonders war das entsetzende Wüthen des Löwen, wenn ihm zu essen gereicht, oder sein Strohlager geraubt wurde, das Sprudeln des Schakalls, die Wildheit der Hyäne, die Aeffchen von der kleinsten Art, die wir mit Mandeln fütterten, und die ein zwittscherndes Gelispel, wie Kanarienvögel von sich gaben (der Capuciner und Sapajou) und ein sprechender Papagey sehenswert.

Pro Memoria

Für den Monath: Januar: 1806.

Dat:
1. Der Uebergang vom alten zum neuen Jahre wurde durch eine bachantische Condition, die H. Nessel stieß, gefeyert. Winters Predigt. Commersch in nuce. Ball. Wilhelms Desertion durchs Fenster. Tumult und Händel mit einem sich einfindenden Hallorentrupp etc.
2. Stöckels, Vorbrodts und Meitzens Masquerade mit Triangel und Guitarre. -
12. Flog die Gesellschaft Studenten mit 6 Pferden durch die Straßen. Auf den ersteren 2 Pferden kutschirte ein Student im Burschenwiks, auf den letzteren 2 wieder einer, eben so. Hinten am Wagen standen ebenfalls 2 Studenten in der kostbarsten Bedienten-livré verkleidet, und so gieng es singend die Stadt auf und ab.
19. Im Concert (Titus) gewesen.
25. Besahen wir uns die Sale, welche die Wiesen bey Passendorf überschwemmt hatte.

Pro Memoria

Für den Monath: Februar: 1806

D:
9 Rükte unser Regiment wieder in Halle ein.
12 Traten 33 hiesige Studenten zusammen, u. gaben auf dem Kronprintzen einen Ball, welcher 500 rth. Kostete.
Um diese Zeit auch: (Bild einer Peitsche und einer Pistole) Tanke, Laurentz etc.
18 Eine Punschcondition beym Grafen Matuschka gestoßen.
28 Reißte Proff. Kayssler von Halle ab.

Pro Memoria

Für den Monath: Maertz 1806

D:
14. (Bild zweier gekreuzter Klingen) (griechische Wörter)
15. Zum Coffé beim Grafen Matuschka.
18. Große Masquerade aus unserem Hause: Meitzen als diker Stutzer en Schapeau bas. Stoekel als Spielmann mit der Guitarre. Vorbrodt als diker Hausvater. Ewert als Hallore. Ewerts Betteley bey der benachbarten Minke.
19. Brachte unsere gesammte Hausburschenschaft an mehreren Orten der Stadt und endlich unseren 3 Königen ein Abendständchen, aus Guitarre Violin und Gesang bestehend. Zum Beschluß wurde der Canon: `Liebes Weibchen´ etc. auf der Straße gesungen, und A. Fritsch spielte den Alten zum Fenster hinaus.
24. Ueberfiel mich eine Unpässlichkeit, an der ich mehrere Tage sehr langweilig laborierte.
28. Besuchte ich das leztemal das Collegium bei Woltaer.
29. Erfolgte für dieses Halbejahr der Schluß aller unserer Collegien, indem nemlich von 10-11 Wolf seine Encyclopaedie, und von 11-12 seine Tucalanen mit einem flüchtigen Handreverentz beendigte.

Pro Memoria

Für den Monath Aprill: 1806.

Dat.
1. Verewigten wir beyde uns in das edle Hosenstammbuch des H. Ewerts.
5. Das famose Comitat unseres abgehenden Hausburschen: Vorbrodt, um 12 Uhr des Mittags. Der Zug über die Landstraße mit Trompeten, Trommeln, Triangeln, Hörnern, Violinen etc. etc. Der wohlgeordnete Quickmarsch durch das staunende Trotha mit klingendem Spiele. Vivat bey der Ewertsbank. Bier- Coffee- u. Wein-Kommersch in der Kneipe zu Beydersee. Ein Theil begleitete Vorbrodten auf Nachtquartier. Wir anderen erreichen Abends wohlbebartet Halle.
8. Ich und Wilhelm an einem warmen Nachmittag allein nach Brukdorff. Die großen Hunde.
30. Kamen die Füchse: Klein, Müller und Münnich hier an. Diesen Monath: Nach dem Essen Spazierengehen. Dann Kayssler et Novalis, und Eingeschloßen. Die angenehm zugebrachten Abende bey Sauern, wobey theils Novalis, theils Spaß mit Münnich etc.

Pro Memoria

May. 1806.

D:
2. Mit Wilh., Wedell und Matuschka einen angenehmen Nachmittag im Garten zu Reideburg verlebt. Erinnerungen an Marienau.
3. War der erste (und zwar schlesische) Fuchsencommersch in Passendorff. Das schöne Schauspiel der, den Markt durchkreuzenden Ritter.
5. Die ersten Collegia für dieses Halbjahr. Dieses Semester hörten wir: bey H.G.A. Müller privatissime auf unserer Stube Dienstags, Donnerstags und Sonnabends von 8-9 früh: Englische Sprache. Bey Prof. Dabelow: Rechtsgeschichte von 9-10 und Privat-Recht von 10-11. Bey Doctor Schmieder: Bergbau und Hüttenkunde publ. Mittwoch und Sonnabends von 11-12. Französ. Sprechübung bey Seelmann, von 7-8 Abends. Beym Geheymen-Rath Schmaltz: Völkerrecht, Mittwoch und Sonnabend 4-5.
11. Gaben die Westphalen ihrem abgehenden Baron von Himm ein solennes Commitat. Das bunte Gewühle auf dem großen Berlin. Die anführenden Burschen mit blanken Hiebern. Langer Zug von ebenfalls reitenden Begleitern. Der Wagen mit der Hauptperson mit 6 Pferden bespannt, und von Burschen, ebenfalls in Burschenwiks, kutschirt. Langer Zug von Wagen, von jeder Landsmannschaft einer oder mehrere, mit 4 Perden, und auch von Burschen-wiksianern kutschirt. Vorn und hinten und zu den Seyten Flankeurs en petit, Helme, und Göttinger Hieber blank. - Herrlicher Anblik -
12. Das erste Mal (mit Thiel und Fritsch) geschwommen.
17. Abends auf der Moritz-Straße ein kleiner Studenten-Scandal mit angesehen. - Bloß Hosen und Kanonen - Den Knoten bey der Brust gerüttelt und zu Boden geworfen Tumult.
19. Mit Wilhelm und der kleinen Blondine Nachmittags einen einsamen Spaziergang. Aussicht auf den Broken vom Ochsenhaubte bey Krellwitz.
Diesen Monath: Früh: um halb 5 Aufstehen - Pfeif Tabak Akademische Vorlesungen von S. - Nachmittags Moliere. Schwimmen. Englisch.

Pro Memoria

Für den Monath: Juny. 1806

Dat:
Gleich zu Anfang logirte hier ein Obrist mit seiner schönen Tochter, wobey denn die mannigfaltigen Fensterparaden, die Guitarrenständchen bis 12 Uhr in der Nacht, Comersch mitten auf der Straße nicht zu vergessen.
14. Wurde das lauchstädter Theater mit Fiesko eröffnet.
19. Stürtzte unsere little bitsh, unvorsichtig, leichtgesinnt, auf einsamen Spaziergange in die Sale, aus der sie wegen des abschüssigen Ufers nicht wieder herauskonnte. Meine halsbrüchige Farth - mit den Füßen im Wasser, an der einen Hand von einem Manne gehalten -
24. Begleitete ich nebst Klein und Sauer nach Mittag H. Buchmann, der wieder nach Leipzig zurükkehrte. Unser Versteken unter einer Chauseebrüke vor einem Regengusse.

Während meiner Abwesenheit hatte unsere Hausburschenschaft aus dem benachbarten Hause aus dem 2t Stoke bis auf das Dach des gegenüberstehenden Hauses ein großes Seil über die Straße gezogen, und statt Blumen-kräntzen, welche man hier am Johannistage so auszuhängen pflegt, Kanonen mit Pfundsporen, Stürmer, Helme, Hetzpeitschen, Unterziehhosen, mehrere Boutellen Bier, leere Geldbeutel etc. daran befestigt, welches dann
Die beiden Leute links gehen am `Gelben Hirschen´, Geburtshaus G.F. Händels, vorbei in Richtung `Drei Könige`, Eichendorffs Logis

auch den gantzen Tag den Vorübergehenden einen herzrührenden Anblik gewährte, bis es endlich gegen 11 Uhr Abends mit Sang und Flötenklang im feyerlichen Umzuge wieder abgenommen wurde. Abends auch in einem Klavierkonzerte gewesen, das H. Forche auf dem Rathskeller gab, und wobey das Publikum aus lauter Studenten, und 4 Damen bestand.
Diesen Monath: um halb 5 Uhr Aufstehen. Englisch. Introduction dans le Voyage du jeune Anacharsis. Fast gar kein Bad.

Pro Memoria

Für den Monath : July : 1806

Dat :
5. Den schönen Abend mit Klein und Thiel auf dem giebichensteiner Felsen zugebracht. Die Clarinette aus dem Thale in den Ruderschlag des Kahnes unter uns.
9. Fuhren wir beyde und Schöpp (kutschierend) um 12 Uhr zu Mittag auf einem einspännigen Cabriolet nach Lauchstaedt, wo eben Eugenie von Göthe gegeben wurde. Im Fluge salutirten wir mit fröhlichen Tabakswolken die Freunde-Wolken, die neben und vor und hinter uns zogen. Im Lauchstädt. Coffeé und Tabak unter den Linden bey Ekerlein, Abraham, Baron von Lüttwitz. - Matuschka, Scheliha etc. kommen nach - Weymarischer Chasseur. - Eifriges Plätzebeschlagen mit den Schnupftüchern im Theater. Das Trauerspiel wurde herrlich gegeben, besonders Eugenie durch Mad. Wolf. Baron von Lüttwitz in der Loge - liegend. Mein schönes kleines vis-a-vis oder vielmehr dos a vis. Professorin Schütz (junior) et v. Scheliha. Bald nach der Commedie verließen wir mit noch mehreren Studenten-Wagen Lauchstaedt, und kamen um halb 12 in der Nacht wieder in Halle ein.

12. Wurde dem H. Proffessor Maass, der dießmal Prorector blieb, und Schmalz ein feyerliches Vivat gebracht, wobey Zug etc. gantz so war, wie bey der vorjährigen Prorectorswahl (Siehe 12 July 1805) nur mit dem Unterschiede, dass dießmal die Schlesier zum erstenmale statt den gewöhnlichen schwartzen in neuen rothen Colletts, mit schwartzen Kragen Rabatten und Aufschlägen mit Gold gestikt, und die Westphalen in weißen Colletts, dunkelgrün mit Silber erschienen. Die Schlesier übertrafen alle Landsmannschaften an Pracht und Glantz. Der Märker von Lettow als Adjutant. - Aus des Prorectors Hause die Schauspielerin Brandt und Göthes Vulpius herausgukend. Unten unter den Studenten der junge Göthe, in grüner polnischer Jake mit Quasten, nicht groß, jung und zart und - geschminkt.

Der große Studentenkreiß über den gantzen Markt, der innere bunte Kreis der Burschen in Wiks, ihr Blitzen und Zusammenschlagen der Hieber, die wankenden Federn, das einstimmige Vivat, mit Trompeten und Pauken der akademischen Freyheit gebracht, das alte Lied: "ein freyes Leben führen wir" etc. mit Musikbegleitung von vielleicht mehr als 6-700 Studenten auf offenem Markte gesungen, machte einen fürchterlich schönen Eindruk. Darauf wurde die Nacht hindurch wie gewöhnlich auf dem Rathskeller in Wein kommerschiert, wobey auch der Schauspieler Unzelmann, aus Weymar, und der Sohn des Ministers von Göthe tapfer mittranken.
Links: August von Goethe (1823)
13. Ritten und fuhren alle gestrigen Adjutanten, gantz in ihrem gestrigen Paradewiks nach Lauchstaedt hinüber. Ich mit Wilhelm et Möpschen Nachmittags im gibichensteiner Kirschgarten gewesen, und einen angenehmen Nachmittag verbracht.

17. Fuhren wir beyde nebst Schöpp wieder in einem einspännigen Phaeton (der freilich nicht sehr an den Sonnengott erinnerte) nach Lauchstaedt. Das Wttrennen fast die Hälfte des Weges durch - Schon schmauchten wir bey Coffé et Zubehör unter der Lindenallee bey Ekerlein unser pipe of tobacco, als unsere Freunde Thiel, Klein, Fritsch, Krause, Sauer etc., und bald nachher zu unser aller Ueberraschung auch H. Heinke aus Leiptzig ankamen. Nach den gewöhnlichen botanischen Gartenumseglungen durch das Blumenland der Minkenwelt, und mancher fröhlichen Aus- und Ansicht (mein letzthin erwähntes Theater vis à vis) landeten wir endlich im Theater, wo heute Egmont von Göthe gegeben wurde, und wo ich auch während den Kneipereyreichen Zwischenakten H. Mahlmann kennen lernte. Das Trauerspiel wurde durchaus herrlich gegeben, besonders die Volksszenen und Clärchen durch Mad. Wolf (sonst Mad. Becker) unbeschreiblich schön. Clärchens Erscheinung als Freyheit durch Rosenwolken und Regenbogen war wahrhaft himmlisch. - Göttlicher Genuß - Um halb 11 Uhr Abends waren wir, da wir schnell fuhren, wieder in Halle.

18. Nachmittag mit Wilhelm im giebichensteiner Kirschgarten. Unser Ausruhen dem Felsenthale gegenüber an Reichardts Garten. - Romantische Erinnerungsblike nach Tost -
23. Wurden in Lauchstaedt gegeben: die Freyer von Kalydon, und die Gefangenen nach Plautus, lezteres besonders ächtantiek mit Prologus und Masken unter der Direktion und Aufsicht unseres Geheimraths Wolf.
30. Fideler Schmauchabend mit Müller, Klein, Thiel etc. bey Sauer.
31. Abschiedsvisiten über Abschiedsvisiten.