Wiprecht von Groitzsch als Stadterweiterer?
Blick in die hallische Stadtgeschichtsschreibung

Dreyhaupt (1749)

Im 13. Buch des zweiten Teils seiner Geschichte des Saalkreises berichtet Dreyhaupt von den Schulheissen- oder Berggerichten zu Halle. Nachdem er im ersten Kapitel auf das Burggrafenamt (Schultheiss = Statthalter des Burggrafen) eingegangen ist, geht er im zweiten Kapitel auf die Schult-heissen- oder Berggerichte ein. Der von den Erzbischöfen, die die weltliche Gerichtsbarkeit

innehatten, eingesetzte (Straf-) Richter war anfangs der Burggraf. So hatte, nach Dreyhaupt, Wiprecht von Groitzsch "als Burggraf selbst zu Halle Gericht" gehalten. Dreyhaupt verweist hier auf den ersten Teil (Bd.2) der Geschichte des Saalkreises, nämlich auf die Gründung der Kapelle St. Jakob auf dem Sandberg.

Die Kapelle sei durch Wiprecht dem Hl. Jakob gestiftet worden. Dreyhaupt ist der Auffassung, dass Wiprecht die Kapelle 1117 erbaut hat, "als er Burggraff zu Magdeburg" wurde. Denn erst mit der Erlangung des Burggrafentums habe sich Wiprecht "öffters zu Halle" aufgehalten. In einer Fußnote ergänzt Dreyhaupt, dass Wiprecht, "wenn er zu Halle war, auf dem schartzen Schlosse" Quartier bezog. In Halle sei er auch, und zwar durch ein ausgebrochenes Feuer, gestorben.

Zum Thema Stadterweiterung findet bei Dreyhaupt im ersten Teil (Bd.2) nur die Aussage: "Wann aber die Stadt bis zu jetziger Größe erweitert worden, ist unbekannt: doch vermutlich, dass solches nach und nach geschehen." Wiprecht von Groitzsch hat für Dreyhaupt keine Bedeutung als Stadterweiterer.

Schultze-Galléra (1930)

Galléra widmet der Stadterweiterung in seinem Buch "Die Stadt Halle: Ihre Geschichte und Kultur" ein ganzes Kapitel. Vor dem Hintergrund der "Slavengefahr" sieht Galléra Halle als "Bollwerk, einen Damm, einen Riegel für das deutsche Hinterland". Die von Galléra selbst in Anführungsstriche gesetzte Stadterweiterung der Jahre 1115-1125 sei Beweis für "das Aufblühen des Handels- und Salzplatzes" gewesen. Der Urheber des Plans der Stadterweiterung sei "leider" unbekannt. Galléra erwähnt die Gründung der Jakobskapelle 1118 durch Wiprecht "hart an der neuen Stadtgrenze und Befestigung".

Galléra kommt dann auf die Zeit der Stadterweiterung und den Namen des Urhebers zurück. Die Geschichtsschreiber hätten weder das eine noch das andere überliefert. Galléra sieht aus "bestimmten Gründen" Wiprecht als den Erbauer und 1118 als die Zeit der Erweiterung an: Er deutet an, dass die Magdeburger Erzbischöfe, als "Glied in der Kette der Verschwörer gegen den Kaiser" (Heinrich V.), 1118, bei Rückkehr ihres Feindes aus Italien, die "Stadterweiterung und neue Befestigung" vorgenommen haben könnten.

Schlüter (1940)

Mit Schlüters Arbeit "Die Grundrissentwicklung der hallischen Altstadt" erfolgte die für die Frage der Stadterweiterung grundlegende Arbeit. Schlüter beschäftigt sich im dritten Kapitel mit der Stadterweiterung im 12. Jahrhundert.

Wiprecht kommt schon auf der ersten Seite des Kapitels ins Spiel. Er ist der Errichter der Jakobskapelle (Bezug auf Dreyhaupt und Urkundenbuch der Stadt Halle - H.U.B.). Der nahe der Kapelle genannte Turm soll Bergfried eines Adelshofes gewesen sein. Schlüter zitiert dann ausgiebig die Pegauer Annalen hinsichtlich Wiprechts Tods in Halle. Schlüter nimmt an, da er das sagenumwobene "Schwarze Schloß" als Todesort ausschließt, dass Jakobskapelle und Turm "die Reste eines Hofes Wiprechts" sind, in denen sich das Geschehen ereignet hat.

Als frühestes Datum für das "Heiligtum am Markt" (die spätere Marktkirche) könne das Jahr 1137 angeführt werden. Schlüter scheint das nicht unwichtig für die Frage nach dem Zeitpunkt der Stadterweiterung. Entgegen Galléra und auf der Grundlage der Forschungen von Neuss sieht Schlüter in der neuen Stadtmauer keine Notlösung, die schnell zum Schutz gegen Heinrich V. erbaut wurde, sondern die "Verwirklichung (…) der (…) besten Möglichkeit". Schlüter kommt zu dem Schluß, dass die Zeit "von etwa 1170 bis etwa 1180" für die Stadterweiterung angegeben werden kann.

Mrusek (1961/1976), Neuss (1961), Programm zum Festzug (1961)

Mrusek, Schlüters Arbeit im Literaturverzeichnis erwähnend, rückt Wiprecht wieder in die bereits von Galléra vorgezeichnete Position: Halle sei bereits "um 1120 nach vorgefaßtem Plan großzügig verändert" worden. Mit "besonderem Nachdruck" habe Wiprecht "die Entwicklung der Stadt" gefördert. Wiprecht habe dabei "als Fremdling" dynastische "Sonderinteressen" verfolgt, die ihm in Halle eine "eigene Machtgrundlage" verschaffen sollten. In der Legende zum "Grundriß der Altstadt mit Vorstädten" (Schlüters Titel!) markiert Mrusek weite Teile der Stadt als "Stadtgründung (!, NB) Wiprecht von Groitzschs (um 1120)". Neuss schreibt in den `Beiträgen zur Tausendjahrfeier´, dass Wiprecht "den neuen Mauerbau (…) inauguriert" (lat. = eingeweiht) habe. "Bald nach 1120" sei die Stadterweiterung "um das Vierfache" durch ökonomische und Bevölkerungsverhältnisse "erzwungen" worden. Das 12. Bild des großen Festumzugs zeigt Wiprecht als Stadterweiterer: "Um 1120: Burggraf Wiprecht von Groitzsch leitet die zweite, erweiterte große Ummauerung der Stadt Halle."

Piechocki (`69), Könnemann (`79/`82), Brülls/Dietzsch (2000), Dolgner (`01)

In der Nachfolge Galléras und insbesondere Mruseks befinden sich Piechocki, Könnemann, Brülls/Dietzsch und Dolgner. Der "bedeutende Burggraf Wiprecht von Groitzsch" habe im "ersten Viertel des 12. Jahrhunderts schließlich den Plan einer großartigen Stadterweiterung" durchgesetzt (Piechocki). Könnemann bringt die "günstige wirtschaftliche Entwicklung" in einen Zusammenhang mit Wiprechts "Plan" einer "grundlegenden Neugestaltung" der Stadt. In der Einleitung ihres Architekturführers schreiben Brülls/Dietzsch: "Ein neuer, sehr viel größerer Markt entsteht auf Betreiben des von 1118 bis 1124 amtierenden Burggrafen Wiprecht von Groitzsch ab ca. 1120…". Gleichzeitig sei eine "neue Stadtbefestigung" entstanden. Dies wird unter Rundgang I Nr.1 (Markt) wiederholt. Dolgner schreibt, dass die "Erweiterung des Stadtgebiets (…) vermutlich auf eine hausmachtpolitische Initiative" Wiprechts zurückgehe.

Bienert (2002)

Bienert wandelt den von Schlüter so benannten "Hof" Wiprechts am Sandberg in die Residenz bzw. den Hof der Burggrafen um: "Hier befanden sich ein großes Wohnhaus, ein mächtiger Rundturm und eine dem Heiligen Jakob geweihte Rundkapelle." Über Wiprechts Anteil an der Stadterweiterung schreibt Bienert: "Bereits unter dem 1118 bis 1124 tätigen und fähigen Burggrafen Wiprecht von Groitzsch wurde die wirtschaftliche Entwicklung Ausgangspunkt für die grundlegende Neugestaltung der Stadt. Sie umfasste nunmehr ein Territorium, welches um das Fünffache vergrößert wurde."

Fazit:

Der genaue Aktenkenner Dreyhaupt konnte für eine Beteiligung Wiprechts an der Stadterweiterung keine Beweise vorlegen. Er ist aufgrund der schlechten Quellenlage noch nicht einmal fähig, den Namen des Stadterweiteres zu nennen.

Galléra vermutet Wiprecht, ohne Beweise vorlegen zu können. Schlüter schließt aufgrund topografischer Untersuchung, dass eine Stadterweiterung keinesfalls bereits um 1120, sondern erst im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts, vorgenommen wurde. Mrusek ist derjenige, der ohne auf Schlüters Argumentation einzugehen, wieder auf Galléras unbewiesene Vermutung zurückkommt. Mrusek erweitert sogar Galléras Vermutung zur Versicherung, Wiprecht habe die Stadt "gegründet". Alle anderen, ob vorsichtig (Neuss, Dolgner) oder unvorsichtig (Piechocki, Könnemann, Brülls/Dietzsch, Bienert) stützen sich auf Galléra/Mrusek, ohne Schlüters Ergebnis zu beachten. Solange uns keine über Schlüter hinausgehenden Untersuchungen vorliegen, lautet das Fazit: Wiprecht von Groitzsch hat mit der großen Stadterweiterung im 12. Jahrhundert nichts zu tun.

Norbert Böhnke M.A.

Literatur:
Bienert, Thomas: Halle an der Saale, Erfurt: Sutton, 2002
Brülls, Holger, Thomas Dietzsch: Architekturführer Halle an der Saale, Berlin: Reimer, 2000
Dolgner, Angela, Dieter Dolgner u. Erika Kunath: Der historische Marktplatz der Stadt Halle/Saale, 2001
Innocenti, Marco: http://www.bautz.de/bbkl/w/wiprecht_i_v_g.shtml
Könnemann, Erwin (Lt. Autorenkollektiv): Halle, Berlin: VEB Dt. Verlag der Wissenschaft, 1983
Meißner, Uwe (Hrsg.): Dreyhaupt, Johann Christoph von: Pagus Neletici et Nudzici, Halle: fliegenkopf, 2002
Mrusek, Hans-Joachim: Halle/Saale, Leipzig: Seemann, 1976
Piechocki, Werner: Kleine Stadtgeschichte, 1969
Schlüter, Fritz: Die Grundrissentwicklung der Hallischen Altstadt, Halle: Neimeyer, 1940
Schultze-Galléra, Siegmar Baron von: Die Stadt Halle, 1930