Hallische Erinnerungsorte (Dezember 2008)

Der französische Historiker Pierre Nora hatte es sich zur Aufgabe gemacht, eine in die „Tiefe gehende Analyse der `Orte´- in allen Bedeutungen des Wortes“ zu unternehmen, „in denen sich das Gedächtnis der Nation Frankreich in besonderem Maße kondensiert, verkörpert oder kristallisiert hat.“

Diese `Orte´ können einfache Gedenkstätten (Statuen großer Männer, Kriegerdenkmäler, Gräber) und/oder Symbole und Embleme (Wappen, Lieder, Daten, Wahrzeichen, Gebäude) sein.

Bezogen auf Halle (Saale) geht es Kristallisationskerne des hallischen kollektiven Gedächtnisses.

Was wollen wir erinnern? Wir erinnern uns gerne an gute Erlebnisse. Unangenehmes verdrängen wir. Das ist menschlich. Wir uns müssen aber auch an die unangenehmen Dinge erinnern. Das gebietet die Vernunft. Woran erinnern wir uns? Wir erinnern uns an besondere, außergewöhnlich Ereignisse. Es sind nicht die täglich sich wiederholenden, gleichförmigen Ereignisse, an die wir uns erinnern. Das tägliche Aufstehen, zur Arbeit fahren, das Vollziehen eingeübter Handgriffe: Dinge, die uns in Fleisch und Blut übergegangen sind, ohne dass es möglich und sinnvoll wäre, jedes einzeln erinnern zu können.

Wer ist wir?Unterschiedliche Menschen machen unterschiedliche Erfahrungen. Bei den Erinnerungsorten kommt es auf das kollektive Gedächtnis an. Dabei handelt es sich für Halle um das Gedächtnis möglichst vieler Hallenser, alters- und schichtenübergreifend. Es fällt mir ein:

Das Laternenfest mit dem Feuerwerk über dem Giebichenstein. Einschränkend muss allerdings gesagt werden, dass sich das Laternenfest jährlich wiederholt und somit der Faktor der Einmaligkeit, des außergewöhnlichen Ereignisses wegfällt. Wir erinnern uns an das schöne Bild mit der von beleuchteten Schiffen befahrenen Saale, an die Musik und das Feuerwerk.

Buna wird für viele Hallenser ein Erinnerungsorte sein: 22.000 Menschen arbeiteten dort. Vom Buna-Pelzer bis zum Direktor. Mit Buna verbunden ist die Chemiearbeiterstadt Halle-Neustadt. Die Erinnerungen an Halle-Neustadt sind für Zehntausende mit verschiedenen positiven Merkmalen verbunden: Der Aufbruch ins Neue auf freiem Feld, die eigene Wohnung mit Fernwärme, das Großzügige der Gesamtanlage.

Die Straßenbahn gehört ebenfalls zu den kollektiven Gedächtnisorten. Selbst wenn man die Straßenbahn nicht selbst nutzt, hört man sie doch (das berühmte Quietschen der Räder auf den Schienen in Kurven) oder gerät mit ihr als Fahrradfahrer oder Autofahrer in Kontakt.

Das Stadtwappen ist vielleicht einer der bekanntesten Erinnerungsorte. Fast jeder Hallenser wird beschreiben können, wie es aussieht. Es ist zwar nicht allgegenwärtig, wird aber doch von vielen als Zeichen der Zugehörigkeit genutzt. Viele Vereine nutzen das Stadtwappen, die Stadt nutzt es auf Briefköpfen, es ist an prominenter Stelle am Ratshof angebracht.

Das sind Erinnerungsorte, die in das kollektive Gedächtnis der Hallenser übergegangen sind. Während Laternenfest und Stadtwappen wohl mit guten Erinnerungen verbunden sind, wird bei der Straßenbahn und Buna und Halle-Neustadt bereits eine Differenzierung einsetzen müssen.

Denn, wie gesagt, innerhalb der Stadtgesellschaft gibt es unterschiedliche Kollektive. Das eine Kollektiv verbindet Gutes mit einem Erinnerungsort, das andere Kollektiv Schlechtes und das nächste hat vielleicht überhaupt keine Erinnerung an das Geschehene. Der Kleine Trompeter ist so ein Erinnerungsort.

„Teddy saß hinter Kerkermauern, aber die Faschisten konnten ihn nicht brechen. Im Ferienlager — und zwar in dem Jahr, als ich über die wahren Pimmelgrößen aufgeklärt wurde — lernte ich das Lied vom Kleinen Trompeter. Ein herzerweichend trauriges Lied von einem kleinen lustigen Freund, der, als man in einer friedlichen Nacht so fröhlich beisammensaß, von einer feindlichen Kugel getroffen wurde, die sein Herz durchbohrte. Der Kleine Trompeter war — ich sage das zur Vermeidung von Kitsch mit heutigen Worten — ein Leibwächter Ernst Thälmanns, der sich bei einer Saalschlacht vor Thälmann stellte, als jemand mit der Pistole auf Thälmann zielte. Der Schuß fiel, der Kleine Trompeter wurde getötet, Thälmann passierte nichts. Danach wurde das Lied vom kleinen Trompeter geschrieben, der ein lustiges Rotgardistenblut war. Ich war klein, ich war lustig, und das Wort Rotgardistenblut war für mich eines der komplizierten Worte, die ich damals nicht verstand, ohne mir viel daraus zu machen. Warum also sollte ich mir unter dem Kleinen Trompeter nicht einen Knaben wie du und ich vorstellen? Ich mochte den Kleinen Trompeter, zumal dieses Lied bei einem Abendappell gesungen wurde, am 16. August, dem Todestag von Teddy. Ein zehnjähriger Pionier spielte nach der letzten Strophe ein Solo auf seiner Trompete, indem er die Melodie wiederholte, eine Melodie, die im Gegensatz zu den meisten Kampfliedern, mal nicht kämpferisch daherkam, sondern geradezu herzerweichend. Sommernacht, weiche Trompetenklänge, stilles Gedenken an Teddy, das Klirren der Stahlseile an den Fahnenmasten... Mein Gott, mir ist das alles noch so gegenwärtig. Mr. Kitzelstein, ich rede vom Menschenbild des Totalitarismus. Ich war acht Jahre und fand, daß es einen Menschen geben muß, der sich in die Bahn der Kugel wirft, die auf einen wertvolleren Menschen abgefeuert ist.“ (Thomas Brussig: Helden wie wir, 1995)

Felix Graf von Luckner ein anderer.

„Wir beabsichtigen die Errichtung eines Denkmales in der Stadt Halle a.d. Saale, weil es in dieser Stadt – der Stadt, bei deren Rettung vor völliger Zerstörung der Graf maßgeblich mitwirkte – bislang kein offizielles Zeichen der Ehrung gibt. Im Moment tragen wir „nur“ die Idee eines Denkmales in uns; spezielle Vorstellungen hinsichtlich Design etc. gibt es noch nicht. Denkbar sind eine „herkömmliche“ Statue wie jede andere Art der Würdigung. Wir hoffen allerdings, ein international orientiertes Denkmal errichten zu können, das der Rolle des Grafen als Weltbürger am ehesten gerecht wird.
Graf Luckner reiste durch die Welt: nach Tahiti, Neuseeland, die Vereinigten Staaten von Amerika und andere Länder. Seine Ehefrau war Schwedin. Wir bauen auf finanzielle und ideelle Hilfe der Menschen aus den Teilen der Welt, die der Graf einst besuchte. Der „Seeteufel“ brachte Nationen näher zueinander, indem er Menschen zusammenführte und für seine Idee begeisterte. Dies war ein wichtiger Punkt in seinem außergewöhnlichen Leben. Das Denkmal soll die internationale Anerkennung des Grafen einbeziehen.“ (Homepage der Felix Graf von Luckner Gesellschaft)


Die Meinungen zu diesen beiden Erinnerungsorten könnten in Halle nicht unterschiedlicher sein. Jede Gruppe verbindet mit dem jeweiligen Namen andere Erinnerungen. Für die einen ist der „Kleine Trompeter“ eine positive Erinnerung, für die anderen eine negative. Dasselbe gilt für den „Seeteufel“.

Hier stellt sich die Frage, wie eine Stadt mit derart gespaltener Erinnerung umgeht. Es scheint das Beste zu sein, diese Erinnerungsorte nicht in den Kanon der städtischen Erinnerungsorte aufzunehmen. Das hätte zur Konsequenz, die Erinnerung an den „Trompeter“ und den „Seeteufel“ den jeweiligen Gruppen zu überlassen. Die Stadt würde sich auf die Erinnerungsorte konzentrieren, auf die man sich einigen kann.

Auch hier ist eine unterscheidende Herangehensweise notwendig. Wenn der Kanon der Erinnerungsorte eine „Liebeserklärung an Halle“ sein soll, dann gehören hier nur die Orte herein, die man gemeinsam lieben kann, mit denen über die Gräben der Gruppen und Kollektive hinweg gemeinsam erinnert werden kann.

Daneben könnte es einen Kanon der für Halle wichtigen, aber eben polarisierenden Erinnerungsorte geben. Man würde sich dann darauf einigen, was im jeweiligen Kollektiv als erinnerungswürdig erachtet wird, aber keine allgemeine Gültigkeit beanspruchen kann. Das wäre eine Einigung über das potentiell Scheidende. Jede Gruppe würde danach auch quasi offiziell wissen, dass es jeweils vermintes Gelände bei den anderen gibt: „Betreten wir dieses Gelände, krachen die Minen.“ Wem an der Friedenswahrung im Bereich der Erinnerungspolitik liegt, wird die jeweils verminten Erinnerungslandschaften nicht betreten.

Die Stadt könnte sich dann, vor dem Hintergrund dieser zwei Listen der Erinnerung an die Erinnerungsarbeit machen. Während sie sich beim „Liebeskanon“ der Unterstützung aller sicher sein kann, wird sie bei der Negativliste Parität wahren müssen. Sie würde aber nicht gehindert sein, sich des Trompeters oder des Seeteufels mit gebotener kritischer Distanz in Form von Forschungsaufträgen oder Ausstellungen anzunehmen.

Die Negativliste würde im Kern nämlich doch eine Einigung bringen: Achtung der jeweiligen Seiten dafür, dass dem anderen an dem jeweiligen Erinnerungsort etwas liegt. Darüber hinaus sollten der Erstellung beider Listen Kriterien zugrunde gelegt werden, die verschiedene Standards berücksichtigen: Fachwissenschaftlicher aber auch durchaus marketingtechnischer Natur.

So kann und muss ich, um beim Beispiel zu bleiben, als Mitglied der Felix Graf von Luckner Gesellschaft zugeben, dass die Bekanntheit des „Trompeters“ in der DDR rein zahlenmäßig größer war als die des „Seeteufels“. Stände nun jemand auf der anderen Seite des Erinnerungsgrabens, könnte und müsste er wiederum zugeben, dass die Bekanntheit des „Seeteufels“ in Übersee größer ist die des „Trompeters“.

Da es zum gemeinen Besten der Stadt ist, die Aufmerksamkeitspotentiale der Außenwelt maximal auszuschöpfen, wäre es kontraproduktiv, einen Erinnerungsort nur deshalb nicht zu „bewerben“, weil er zum positiv besetzten Erinnerungsbestand der anderen Gruppe gehört.