| Bertram
Otto: „Wußten wir auch nicht, wohin es geht...“, München:
Universitas, 2000 Zusammenfassung und Bemerkungen |
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Bertram spricht einleitend von seiner Beteiligung an der Rettung der Stadt vor dem Untergang 1945. (8) Darauf ist später zurückzukommen. In den Jahren 1918-21 habe „Panik und Lähmung (...) die Saalestadt überfallen.“ Mitte März 1921 konnten Regierungstruppen die prekäre Lage wieder in Ordnung bringen. (11) Die Arbeitslosigkeit in Halle und Gewaltausbrüche zwischen verfeindeten politischen Lagern werden erwähnt. An Samstagabenden (1931) habe es Demonstrationen von Kommunisten auf dem Marktplatz gegeben. „Die Provinz Sachsen – das schien ausgemacht – stand kurz vor der Machtübernahme durch die Kommunisten.“ (51) |
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| Otto
verweist auf den Eintritt des großväterlichen Friseurs in
die NSDAP. (Begründung: Vernunft und Ordnung notwendig, 52) Hitlers
Auftritt auf der Passendorfer Rennbahn hat er so in Erinnerung: Die „Menschen
weinten vor Rührung: der Retter!“ (55)
Der Mord an dem Kommunisten Pietruch in Potemba (Schlesien) habe zur Einsetzung
eines
Sondergerichts durch RK von Papen geführt; das Urteil am 22.8.32 lautete: Tod.
Wurde es vollstreckt?
Nein, die Mörder wurden nach 1933 von Röhm aus dem Gefängnis geholt
(75). Ottos Eindruck der Stadt 1935: „Halle war nicht mehr mulmig
und muffig. Die Stadt bekam Farbe. Überall
wurde gebuddelt und gebaut.“ (81) Als Beispiel erwähnt er die Luft-/Heeresnachrichtenschule.
Seine Schule, das Reform-Real-Gymnasium kommt ihm in Erinnerung; er
erwähnt Schüler: Reinhard Heydrich und Hans Dietrich
Genscher.
(85)
Der 1933 ausgelöste Umbruch zeigte sich auch im Proletariat: „Sogar
die röteste Arbeiterschaft, vor deren Aufmärschen
ich mich als Kind fürchtete, hatte die geballten Fäuste zum Hitlergruß gestreckt.“ (98)
1941 tauchten dann die ersten Anti-Hitler-Parolen auf: „Die Partei wurde nervös. Nachts gingen Streifen durch die verdunkelten Straßen und spürten jedem verdächtigen Geräusch nach.“ (136) Nach der Musterung (138) erfolgte im März 1942 Ottos Einberufung (143); der Junior-Chef der Fäkalienbeseitigungsfirma Banse, sagte ihm vor Antritt des Wehrdienstes: „Merk dir eens, Kleener, lieber fünf Minuten feije als das janze Läben dod.“ (147) Nach seiner Rückkehr nach Halle gegen Kriegsende (231) wurde Otto Adjutant des Standortarztes Dr. Seeland (232). Die Bildung einer inneren Front gegen die Nazis (234) war ihm bekannt, so machte er sich auf die Suche nach der Anti-Nationalsozialistische-Bewegung. (ANB) Er fand sie in der Moritzburg und nannte sich „Gruppe Lieser“. (20 Männer inklusive OB Weidemann + Luckner + Dr. Seeland) Von Graf Luckner schreibt er: „In Halle wußte jeder – auch die Nazis – , daß er Hitler aus tiefstem Herzen verabscheute.“ (104, 235) Interessant ist Ottos Differenzierung der Feindbilder: In der Nacht des 15./16. April wurden Flugblättern („Übergabe oder Vernichtung“) über Halle abgeworfen, das sei Graf Luckners Stunde gewesen: „Er hatte sich nicht vorgedrängt.“ (238). Luckner sei am 16.4. vormittags mit Begleitern zu Radtke gegangen, der sich geweigert habe ihm eine Verhandlungsvollmacht zu geben: „Ich will damit nichts zu tun haben. Tun Sie, was Sie wollen.“ Luckner sei daraufhin direkt zu den Amerikanern gegangen. (238). Nachmittags sei Luckner von der Victoria-Apotheke im Wagen des Rotkreuzpräsidenten Dr. Weins mit Weidemann und Huhold ins Feindgebiet gefahren: „Nach bangen Stunden kamen sie zurück: der whisky-selige Count hatte die Rettung der Stadt in der Tasche.“ (238) Nach dem Einzug der Amerikaner meldete sich Otto bei Luckner und wurde auf dessen Vorschlag Luckners Bewacher. (Angst vor dem Wehrwolf, 241). Otto kam dann zur Kriminalpolizei; ab Mai 1945 war er in der Politischen Abteilung: „Auf der Tagesordnung: Denunziationen, Anschuldigungen übelster Gemeinheit, Rachegelüste gegenüber Vorgesetzten, `Reichen´, feindlichen Brüdern, Kollegen und Nachbarn – eine unbeschreibliche Stickluft.“ (245). Otto versenkte Parteiakten über seinen Vater und alle Bekannte sowie die Akte Liesers in der Saale. Bereits für den 1.7.45 stellt Bertram fest: „Aus demokratischen Anlernlingen wurden wieder Furchtmenschen.“ (247) Und: „Der Eingriff schnitt tiefer als zwölf Jahre zuvor bei den Nazis.“ (250) Das Landratsamt wurde umgebaut zur „streng bewachten, gespenstischen Zwingburg“, von der „fast 40 Jahre lang Schrecken über Halle und Umgebung ausging.“ (251) Von der Politische Abteilung der Kripo wechselte Otto zur Mordkommission. Verabschiedet wurde er durch Fritz Brachvogel, dem Gründer der „Stasi“ in Halle. (259) Am 18.7.46 tauchten Fahndungsplakate mit dem Foto Liesers auf. (260) – Vorgeschichte: Absetzung, Gefangennahme, Flucht mit Unterstützung Ottos. Lieser: „Ich habe Halle gerettet, und nun werde ich wie ein Verbrecher gejagt.“ (263) Otto wurde Mitglied der CDU. (265) Die Begründung des Antifa-Ausschusses
gegen eine Zulassung Ottos zum Studium: „Ehemaliger
aktiver Offizier, katholisch, Mitglied der CDU, kapitalistisches Elternhaus“ (271)
Während einer Dichterlesung Friedrich Wolfs, der sich als Propagandaleiter
gegen die Deutschen zwischen Dnjepr und Wolga vorstellte (271) verließ Otto
verärgert den Saal und wurde zu einem Protokoll (Verhör) mit auf das
Polizeipräsidium
gebracht. Im Februar 47 folgen Befragungen in der Luisenstraße (ehem.
Landratsamt) durch Sowjets; das Anliegen der Besatzer: Otto solle Spitzeldienste
leisten (Aufderbeck); Otto
lehnte
ab: „Hätten Sie Ihre Landsleute ausgehorcht, wenn ich Sie
als deutscher Offizier darum gebeten hätte?“ Am
1.5.47 wird er zum dritten Mal zu den Sowjets bestellt. Ein Vopo warnt: „Mehr
als dreimal habe ich niemanden zu den Russen bestellt.“ (284) Flucht. 1. Was will das Buch sein? Welchen Anspruch erhebt es? Der Klappentext kündigt an, dass das Buch die Erinnerungen eines Mannes, eines „kritischen Beobachters seiner Umgebung“, „exemplarisch für Millionen seiner Generation“ bringe. Auf folgende Fragen wolle es antworten: > Wie haben diese Millionen gelebt, gedacht, gespielt? In dem Buch, so der Klappentext weiter, würden sich „viele Zeitgenossen des Autors“ wiederfinden; Jüngere würden „vielleicht nachdenken über die heute alten Kinder von damals.“ Das Buch hat außerdem den Anspruch, authentisch zu berichten: „Als alles vorbei war, (...) wurden Hunderte von Büchern darüber geschrieben: authentische, zornige, sachliche, vorgefaßte. Es erschienen wissenschaftliche Abhandlungen in allen Weltsprachen. Doktoranden versuchten sich, zum Zwecke von Dissertationen, an Orakeln im Nachhinein. Keiner der Stubengelehrten lebte – wie ich – zur Tatzeit in der Kefersteinstraße. Bei uns aber spielte sich die Geschichte ab.“ (Kursivschrift im Original, 65f.) Die persönliche Begründung des Autors, seine Erinnerungen zu verfassen, lautet denn auch wie folgt: Otto ging im September 1989 mit seinem Enkel durch eine Stadt. Irgendwann sah er den Schatten seines Kopfes auf einer Wand: „Als Umriß ohne Gesicht. Das war der Augenblick, in dem mir der Gedanke kam, diese Geschichte aus dem Kopf zu erzählen, alles was er sah, hörte, dachte, fühlte, glaubte und im Gedächtnis behielt: die Geschichte eines kleinen Ichs im großen Ganzen, die zugleich eine Fußnote der deutschen Geschichte ist. Ich meinte, es tun zu müssen, meines Enkels wegen und aller, die das Nebeneinander von Beschaulichkeit und Schrecken in unserer Kindheit und Jugend aus erster Hand kaum je erfahren. Denn die Zahl der Zeitzeugen nimmt mit jedem Jahr mehr ab.“ (111) Das Buch will ein Zeitzeugen-Dokument sein. Es erhebt den Anspruch, deutsche Geschichte aus der Perspektive „eines kleinen Ichs“ wiederzugeben. 2. Inwieweit sind Ottos Erinnerungen für die Stadtgeschichte nützlich? Otto schrieb keine Memoiren für die Heimatstadt, konnte das auch nicht,
da er nicht auf Tagebuchnotizen zurückgreifen konnte. Er schrieb aus
dem Kopf heraus. Auf den ersten 147 Seiten berichtet er über Halle.
Für die Stadtgeschichte von Interesse: |
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