Volkskundliche Kommission für Sachsen-Anhalt e.V. (Hrsg): `Aber auf den Frieden freue ich mich doch!´. Kriegsbriefe der Ella Neuß an ihren Mann Erich (Halle (S.) 1940 bis 1945), Beiträge zur Volkskunde für Sachsen-Anhalt, Bd. 1, bearb. und zus.-gest. von Werner Neuß, Halle (S.), 2004
Die Herausgeber der Kriegsbriefe verfolgen laut Vorbemerkung (S.8) zwei Ziele: Einerseits denken sie, dass die Briefe eine Antwort auf die Frage „nach den Hintergründen und Voraussetzungen für den Siegeszug des Nationalsozialismus und seiner Verankerung im Alltag“ geben können. Anderseits sind sie der Auffassung, dass die Briefe einen „Beitrag zur hallischen Stadtgeschichte“ darstellen. Neben den Herausgebern kommt im Nachwort ein Sohn des Ehepaars Neuß, Werner, zu Wort. Für ihn ist die Frage von Bedeutung, wie der „Antisemitismus des Naziregimes“ von den Eltern akzeptiert werden konnte. Auch fragt er sich, warum sich die Eltern nicht gegen das „Regime“ auflehnten.
Für IfHaS e.V. sind die Fragen nach Aufstieg und Fall des Nationalsozialismus im Allgemeinen nicht von Interesse; viel eher geht es mir um den angekündigten Beitrag zur hallischen Stadtgeschichte. Im Grund enttäuscht der Band die zu hohen Erwartungen, wobei die Erklärung auf der Hand liegt: Die Neußsche Familie wohnte im Saalkreis, in Nietleben. Eigentlich wäre der Band ein Beitrag für die Heimatgeschichtsforschung im Saalkreis, wäre Nietleben heute nicht Teil von Halle und die Familie Neuß „in Halle keine unbekannte“(7).

Ella Neuß lebte auf dem Land, unter ihren Kindern, mit Hühnern und Schweinen, den Nachbarn, die schon damals in der Stadt Halle ihrer Arbeit nachgingen. Immer wieder berichtete Ella ihrem Mann, dass sie oder die Kindern in die Stadt gefahren seien; ein weiter, beschwerlicher Weg, der immer die Überlegung voraussetzte: „Lohnt sich der Aufwand?“

Dennoch, trotz der Abgelegenheit, liefern die Briefe ins Feld einige Hinweise auf die hallische Stadtgeschichte, die hier ohne Wertung aufgelistet werden sollen.

Kriegsauswirkungen:
In Halle seien eine „Masse Leute“ eingezogen worden. (21.2.41, 54) Besuch mit dem Nietlebener Roten Kreuz im Luftwaffenlazarett in Dölau. (7.10.41, 74f) In der Neubertschen Buchhandlung gibt es keine Bücher mehr. (9.1.42, 83) Während Fliegeralarm ist, steckt das Hausmädchen in Halle im Kino, „im Bunker an der Haltestelle“. (16.1.42, 83) Zufällig gerät Ella in den Bunker „bei den Heidehäusern“, wo jede Hausgemeinschaft einen bequemen Raum für sich habe. (25.6.43, 99f) Flugblätter werden von alliierten Bombern abgeworfen: „Hallenser, bleibt in euren Betten – wir fliegen heute zu dem Fetten!“ (6.9.43, 109) Bombenabwürfe über Nietleben: „Von Halle aus hat man geglaubt, die Heide brennt; Gerüchte: Nietleben sei dem Erdboden gleichgemacht. Es kamen schon Schaulustige, die enttäuscht wieder umkehrten.“ (22.10.43, 115) Sie hört, dass Nietleben 1500 Evakuierte aus dem Rheinland erhalte. Die Gartenstadt solle 500 aufnehmen. (12.9.44, 146) Bericht über die Bombardierung des Zentrums, „vor allem das alte Rathaus“ sei betroffen. (31.3.45, 162) Halle solle nun doch keine Festung sein – Streit zwischen OB Weidemann und Gauleiter Eggeling zugunsten OB entschieden (8./9.4.45, 163) Halle sei nun doch befestigt worden, Weidemann abgerückt. (14.3.45, 164) „Graf Luckner führte die Verhandlung mit dem feindlichen Kommandeur und Halle hat ihm, glaube ich, viel zu verdanken. Zumindest weil er die völlige Pulverisierung der Stadt in letzter Minute durch die Übergabe abwendete. Dafür ist er vom Führer telefonisch zum Tode verurteilt worden, ebenso Tesche und Dr. Weins.“

Staatliche Repressionen, Willkürmaßnahmen
Eine große Verhaftungswelle sei über Halle weggegangen, darunter sieben Großschlächter und ein Schauspieler. (7.11.41, 77)

Soziale Gegensätze
Ella berichtet über eine Brandbekämpfungsübung, bei der „mit einem merkwürdigen Unterton“ gesagt worden sei, „dass man Villen trotz kostbarer Möbel, Teppiche, Kronleuchter ruhig abbrennen lassen und dafür Arbeiterhäuser retten solle.“ (25.11.42, 92) Reaktionen der Bevölkerung auf Bombenangriffe in Bremen und Halle im Vergleich: „Es muß dort recht erheblich sein, aber die Leute dort (…), meckerten und schimpften weniger als hier, wo die ehemaligen Kommunisten wieder die Köpfe zu heben scheinen.“ (20.6.43, 99) Ein Wandervogelkamerad Erichs, Kosmetschke, wohne in der Villa von „Farben-Hartmann“ am Neuwerk, der wegen Devisenvergehens im Gefängnis sitze: „Trotzdem haben sie noch zwei Hausmaiden und eine Aufwartefrau – da werden also doch mächtige Ausnahmen gemacht.“ (25.7.43, 103) Ella wundert sich über die „Zuversicht und Ohnesorge, mit der die meisten Leute die Invasion begrüßen, während ein anderer Teil sich in Wühlereien verstrickt: da ist doch tatsächlich eine kommunistische Jugendgruppe in Halle aufgedeckt worden…“ (8.6.44, 133)

Bekanntenkreis
(Rolf) Hünicken müsse Luther zu einem „politischen Revolutionär“ umbilden. (21.2.41, 54) Zitiert ihren Lieblings-Philosophen, der meinte, „er habe nur vor zwei Landschaften ein Grauen, die eine sei die Po-Ebene, die andere die Gegend um Halle! Letztere sei noch lähmender, weil dort zusätzlich sächsisch gesprochen würde!“ (10.2.42, 85f)

Fazit
Von besonderem Interesse sind die nach den ersten Misserfolgen der Wehrmachtsführung auftretenden Hinweise auf „kommunistische Wühlarbeit“ in Halle. Sie bestätigen, dass der im Jahr 1933 aufgekommene Eindruck, die ehemals kommunistischen Arbeiter hätten sich mit der Machtübernahme der NSDAP in lupenreine Parteigenossen verwandelt, falsch ist. Vielmehr handelte es sich wohl 1933 um eine Mischung aus Gleichgültigkeit, Anpassungswilligkeit aber auch taktischem Verhalten, die ein Untertauchen, ein Aufgeben der Identität auf Zeit, angeraten erscheinen ließen.

Dem Band beigefügt ist ein Aufsatz Elisabeth Schwarze-Neuß´, der Tochter des Ehepaars Neuß, über ihre Mutter: „Die andere Ella“, eine Kurzbiographie. Insbesondere Ellas Liebesbeziehungen und ihr Verhältnis zu zwei „geistigen Freunden“, Hans Blüher und Hartmut Bock, stehen im Mittelpunkt des Interesses dieser kurzweiligen Arbeit. Der Band schließt mit biographischen Anmerkungen zu ausgewählten Personen, die der Feder des Bearbeiters entstammen. Personen- und Ortsregister runden die Veröffentlichung ab.

Leider wurden die erhaltenen Antwortbriefe Erichs nicht mit abgedruckt. Nur einige wenige Zitate (ab S.70) deuten an, dass die Briefe hochinteressante Aufschlüsse über Erich Neuss´ militärisches, politisches und historisches Denken enthalten. Werner Neuss sagte bei der Präsentation des Buches im hallischen Stadtarchiv, dass man sich zwar noch mit der Edition der Briefe des Vaters zurückhalte, jedoch damit in Zukunft zu rechnen sei.

Norbert Böhnke, 2./10.7.2005

(Mittlerweile - 2.9.07 - sind die Briefe Erich Neuss´ aus dem Kurlandkessel (1944/45) im Netz nachlesbar.)