![]() |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| "...dass allzustrenge (...) Religionsmoral den armen Struensee zum Feind der Religion gemacht hat." Johann Wolfgang Goethe über J.F. Struensee | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
"...und wo bleibt
Halle?" |
"Die Geschichte des Altonaer Mediziners Johann Friedrich Struensee, der vom Leibarzt des dänischen Königs Christian VII. zum Geheimen Kabinettsminister aufstieg, mit der Gemahlin des psychisch labilen Monarchen eine Liebesbeziehung unterhielt, unter beider Protektion zahlreiche Reformen durchsetzte und nache einem vier Jahre währenden, leisen und hartnäckigen Kampf um die Herrschaft von Vernunft und Humanität auf dem Schafott endete, beginnt mit dem Auftritt seines siegreichen Kontrahenten, des Höflings und späteren `Staatsministers´ Ove Hoegh-Guldberg." Kristina Maidt-Zinke: Anprobe vor dem Seelenspiegel (Rezension des Romans `Der Besuch des Leibarztes´ von Per Olov Enquist), in: FAZ, 16.5.01. S.50 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
BIOGRAFIE Johann Friedrich Graf von Struensee, Leibarzt
Christians VIII., Aufklärer und dänischer Staatsmann. Geboren in
Halle am 5.8.1737, hingerichtet in Kopenhagen am 28.4.1772. |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Per Olov Enquist Der Besuch des Leibarztes, 2001 Rezensionen |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Lutz Volke: Ein Seufzer der Vernunft, In seinem spannenden Roman "Der Besuch des Leibarztes"
erzählt Per Olov Enquist die Geschichte des Mediziners Johann Friedrich
Struensee. |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Bartmann:
Der Besuch, in: Deutschland Radio (Manuskript vom 18.2.01) |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
LITERATUR E.v.Hohenheim: Karoline Mathilde, Königin von Dänemark (1824) I H. Franck: Kanzler und König (1926) I Robert Neumann: Struensee (1935) I E.W. Möller: Der Sturz des Ministers (1937) I E. Maas: Der Arzt der Königin (1950) I Per Olov Enquist: Der Besuch des Leibarztes (2001) |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
![]() |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Die Königin |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
![]() |
Auf
der langen strapaziösen Reise wurde der Altonaer Arzt Struensee in Ermangelung
einer tröstenden Seele zum Vertrauten, zumal Herrscher wie Mediziner leidenschaftliche
Anhänger der Aufklärungsidee waren. In Paris wollte Christian mit
Voltaire zusammentreffen. Das klappte zwar nicht, aber der dänische König
führte mit Diderot und den anderen Enzyklopädisten einen Disput und
verblüffte sie durch seine Scharfsichtigkeit. Geisteskrank? Der König und sein Leibarzt waren Geistesverwandte. Infolgedessen beging Struensee einen verhängnisvollen Fehler: Er verließ nicht in Altona die königliche Kutsche, sondern begleitete Christian an seinen Hof. Der war wohl der verkommenste unter den Herrscherhäusern. Die Staatsschulden waren immens, die Intrigen- und Vetternwirtschaft groß. Ganz zu schweigen von Vergnügungssucht und Hurerei. Hatte nun Struensee als Aufklärer und in Anbetracht seines Einflusses auf den König nicht die Pflicht, das Licht der Vernunft in das rückständige, verarmte Land zu tragen? |
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Das ist der Ansatzpunkt für Per Olov Enquist, der
in seinen Romanen ("Die Ausgelieferten", "Auszug der Musikanten",
"Kapitän Nemos Bibliothek") häufig reale Vorkommnisse
nutzt, um historische Fakten und Fiktion phantasievoll zusammenzuführen.
Johann Friedrich Struensee ist für ihn der idealistische Weltverbesserer
schlechthin. Und er war es wohl - entgegen frühen Darstellungen - tatsächlich.
Kirche, Adel und Beamte hatten eine unbändige Wut auf ihn. Und diese
Kreise verstanden auch im Volk den Zorn auf den Deutschen zu schüren,
der das Land mit reformerischer Unruhe überzog. Der im Zeichen des Absolutismus
gekrönte Christian VII. war regierungsuntüchtig geworden. Er spielte
auf dem Fußboden mit seinem Negerknaben Moranti, während Struensee
am Schreibtisch des Regenten die Regierungsgeschäfte führte, Meinungs-
und Pressefreiheit verkündete und die Folter abschaffte. Das erregte
20 Jahre vor der Französischen Revolution Aufsehen in Europa. Voltaire
feierte Christian - in Unkenntnis des wahren Urhebers - als Licht des Nordens. Die Liebesgeschichte mit der Königin, die Struensee schließlich zum Verhängnis wurde, setzt erst nach der Hälfte des Buches ein. In früheren literarischen Darstellungen stand das pikante Dreiecksverhältnis zwischen König, Königin und Leibarzt oft im Mittelpunkt. Obwohl es gar kein Dreieckverhältnis im eigentlichen Sinne war. Die unglückliche englische Prinzessin Caroline Mathilde war im Alter von fünfzehn Jahren mit Christian verheiratet worden. Christian hat sie - laut Enquist - nur ein einziges Mal "gedeckt". Immerhin wurde ein Erbprinz geboren. Das zweite Kind der Königin, ein Mädchen, stammte von Struensee. Christian wusste es und tolerierte es, ja, es schien, als habe er seinen Leibarzt gedrängt, ihm die ehelichen Pflichten abzunehmen. Die "Herabwürdigung seiner Majestät" und ein konstruierter Mordplan gegen den König waren dann aber der offizielle Grund, Struensee aufs Schafott zu bringen und seinen Vertrauten Brandt gleich mit. Der in Kopenhagen lebende schwedische Schriftsteller Per Olov Enquist ist ein leidenschaftsloser und ein leidenschaftlicher Berichterstatter zugleich. Leidenschaftslos referiert er die historischen Fakten, an ihnen ist sowieso nichts mehr zu ändern. Leidenschaftlich wird er dort, wo es um das Engagement eines Menschen geht, sei es in der Liebe oder für eine Idee. Dieser Roman ist ein Bekenntnis des 65 Jahre alten Schriftstellers zu einem so aufrechten Menschen wie Struensee, der als Intellektueller über die Fallstricke der Macht stolpern musste. "Der Besuch des Leibarztes" ist kein Historienschinken, sondern - auch dank der hervorragenden Übersetzung - ein spannender Roman, bei dem aufschlussreiche Recherche europäischer Geschichte und sinnliche Darstellung von Lebensgeschichten eine literarische Einheit eingehen. Ein Roman voller Leidenschaft und ein Stoßseufzer der Vernunft in einer unvernünftigen Welt. |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Das marode dänische Königreich im Ausgang des Ancien
Régime; ein halb schwachsinniger junger Regent in der Hand eines deutschen
Leibarztes und Aufklärers, der seine revolutionären Ideale per Dekret
durchpeitscht und obendrein als Geliebter der Königin ein Kind zeugt;
Widerstand von Adel und Volk; Putsch, Folter, Hinrichtung. - Der schwedische
Schriftsteller Per Olov Enquist ist keineswegs der Erste, der sich dieses
irrlichternden historischen Stoffes angenommen hat. Die kometenhaft in die
Sphären der Macht aufgestiegene und dort verglühte Gestalt des Johann
Friedrich Struensee (1737-1771) hat seit dem frühen 19. Jahrhundert eine
ganze Reihe von literarischen Bearbeitungen erfahren, wobei zum einen der
Ehebruch, zum andern die Politik im Zentrum des Interesses stand. Die Usurpation
von Herrschaft im Dienste des Guten indes rückte erst mit den tristen
Erfahrungen dieses Jahrhunderts in den Vordergrund. Wenn sich nun Per Olov Enquist dieser Tragödie der Freiheit annimmt, darf man Grosses erwarten. Der 1934 geborene Autor hat sich seit seinen Anfängen in den sechziger Jahren mit Romanen, Dramen und Essays als Archäologe ungestillter Vergangenheiten einen Namen gemacht. Enquists akribisch recherchierte und komplex komponierte, mittels Montage und Collage, Kommentar und Selbstreflexion als fortlaufende Verhandlung stets offen gehaltene historische Exkurse haben immer wieder den Nerv der Zeit getroffen - ob es nun um das Schicksal der grossen sozialistischen Utopie oder den Mythos der schwedischen Humanität ging. In Enquists Texten verbindet sich Ideologiekritik mit Trauer, Skepsis mit Einfühlung. An den Schlüsselszenen nordischer Geschichte interessieren den Autor insbesondere menschliche Grenzerfahrungen. Wo einer sich abhanden kommt, hakt Enquist ein: Das Beharren auf dem Nichtverstehen ist der Antrieb seines Schreibens. Historische Meditation Fast eher denn als Roman möchte man den "Besuch des Leibarztes" als Meditation bezeichnen. Mit Vorgriffen und Rückblenden, Einschüben und Leitmotiven umkreist der Text den Stoff, ohne im Ganzen die Chronologie aufzuheben. Enquist leuchtet das Geschehen in vielfacher Hinsicht explizit aus: individual- und sozialpsychologisch, historisch-politisch, kulturanthropologisch, ideengeschichtlich, existenziell. Hinzu kommen subkutane Deutungsmuster nach dem Alten und Neuen Testament sowie - unvermeidlich fast - nach Shakespeares "Hamlet". Da ist zunächst das Drama des Kindkönigs Christian VII., der am Ende eines desaströsen moralischen Verfalls des dänischen Herrscherhauses steht. Kleinwüchsig und verwachsen, von labiler psychischer Gesundheit, ist Christian von seinen Erziehern systematisch entmündigt und seelisch zerbrochen worden. Seine Berufung ist ihm eine "ständige Qual", Scham sein "natürlicher Zustand": "Er war Gottes Auserwählter. Er stand über allem und war zugleich der Erbärmlichste." Vor der Verachtung des Hofs flüchtet sich Christian in Apathie, deren Aggressivität sich in periodischer Zerstörungswut nach aussen kehrt, sowie in einen apokalyptischen Wahn, in dem Verwechslungs- und Verschwörungstheorien, Ohnmachts- und Allmachtsphantasien zusammenlaufen. Sein Königsein begreift er als Theaterrolle,seinen Text als gottgegeben. Der Wunsch nach Selbstbestrafung verschmilzt mit dem Bedürfnis nach Rache: Die "Reinheit des Tempels" soll wieder hergestellt werden. Tagtraum und Nachtmahr Die arrangierte Heirat mit der dreizehnjährigen englischen Prinzessin Caroline Mathilde macht die Sache nicht besser. Zwar gelingt den verstörten Teenagern ein einziges Mal der gebotene Beischlaf (mit den erwünschten Folgen), doch ist die Ehe von Beginn an zerrüttet. Caroline Mathilde will kein "Zuchttier" sein, Christian in seiner Melancholie verfällt der Onanie, bevor ihm mit der "Stiefel-Catherine" eine Prostituierte aus dem Kopenhagener Hafenviertel präsentiert wird, die ihn in seinem Anderssein erkennt. Sie wird für ihn fortan als utopische "Herrscherin des Universums" über dem "strafenden Gott" firmieren -auch nachdem sie durch eine Intrige ausser Landes geschafft worden ist. Allein ihrer Suche gilt denn auch Christians Plan einer "Bildungsreise" durch Europa mit grossem Gefolge. Ein junger, schweigsamer Arzt aus dem freigeistigen Altona soll ihn begleiten: Johann Friedrich Struensee. So hebt alles an: ein Tagtraum und ein Nachtmahr der Vernunft, eine Vater-Sohn-Geschichte und ein Amour fou, der Machtkampf zweier Parvenus, die Emanzipationsgeschichte einer Frau. Struensee ist ein Mann der Praxis, die Versuchungen der Theorie liegen ihm ebenso fern wie jene der Macht. Doch wo es anfangs das Mitleid ist, das ihn an die Seite des "Jungen mit dem Frostschaden in der Seele" zieht, wächst das Bewusstsein der Auserwähltheit. Entscheidend ist die Begegnung mit den Enzyklopädisten in Paris: Diderots Beschwörung der einzigartigen Situation, als Mann der Aufklärung das natürliche Vertrauen eines Königs gewonnen zu haben. Und Voltaires Diktum, "dass die Geschichte manchmal, durch einen Zufall, einen einzigartigen Spalt in die Zukunft öffnet", durch den man sich hindurchzwängen müsse. Es ist "eine Art Verantwortung", die Struensee einen Weg einschlagen lässt, von dem er weiss, dass er ihm nicht gewachsen sein wird - seinen Idealen und dem kleinen König gegenüber, auf den in Kopenhagen die "Wölfe" warten. Sein Auftauchen erscheint diesen als "nationales Unglück", und in der Tat sieht sich Struensee bald mit absoluter Macht ausgestattet. Er zögert nicht, das "verrottete Reich" auf den Kopf zu stellen mit Einführung von Presse- und Religionsfreiheit, Aufhebung der Leibeigenschaft, Abschaffung der Adelspfründe, Reform des Gesundheitswesens und vielem mehr. Auch Struensee handelt im Namen der Reinheit - und diese schliesst selbst Gewalt gegen die Feinde aus. Sein Spiel ist lebensgefährlich, und er weiss es. Im Zentrum seiner Selbstsicherheit lauert die Angst. Der Verzicht auf allen Machiavellismus und die Ménage à trois werden Struensee das Genick brechen. In der Königin lässt Enquist ihn eine in ihrer Fremdheit Verwandte erkennen. Während Christian mit seinem Negerpagen und seinem Hund Kinderspiele treibt, kommt es im Zeichen eines neuen Lebenshungers und Körpergefühls zum grösstmöglichen Vergehen an der Würde des Königtums. Es ist eine Revolte des Sexus, und diese wirft ein Schlaglicht auf die Aporie der Aufklärung, Selbstbestimmung und Kontrolle, Gefühl und Vernunft, Theorie und Praxis zur Deckung zu bringen. Was im englischen Garten als technische Vollendung der Natur ästhetisch aufgehen mag, bedroht die Gesellschaft. Tief im Inneren der Maschine unfähig, die Mechanik des Ganzen zu erkennen, beginnen die Befreiten gegen ihre neue Freiheit zu rebellieren. Es ist die Stunde, da Struensees reaktionärer Gegenspieler Guldberg, der Informator von Christians debilem Halbbruder, aus dem Hintergrund tritt. Als Sohn eines Leichenbestatters ein Emporkömmling wie Struensee, vorzeitig gealtert und körperlich missgestaltet, ist auch er ein Mann der Reinheit, jedoch einer, der sich von Gott berufen fühlt, die Würde des Königtums selbst des geisteskranken Regenten zu verteidigen. Als Taktiker der Macht besitzt Guldberg das, was Struensee abgeht: Geduld, Kälte, Zynismus. In der Dekadenz des Hofes erkennt er ebenso das Böse wie im Humanismus der radikalen Aufklärer. Die neue Gleichheit sieht er in Chaos enden. "Sie redeten vom Licht (. . .) Aber aus ihren Fackeln fiel nur Dunkel." Dass seine Gegner sich "das klare politische Spiel von der Leidenschaft verdunkeln liessen", macht er sich als Schwäche zunutze. Doch hat auch er die Versuchung kennengelernt - in der "kleinen englischen Hure" und der Sehnsucht nach ihrem sündhaft-heiligen Körper. "Das erregte ihn, und er hasste seine Erregung." Mythische Pole Der Rationalist und der Gläubige, der Suchende und der Vollstrecker, der Lebensfromme und der Entsagende - mächtig wie einst Dostojewski in seinem "Grossinquisitor" setzt Enquist mit Struensee und Guldberg zwei Figuren in Szene, die für die mythischen Pole menschlicher Existenz zwischen Religion und Vernunft, Tabu und Freiheit stehen. Beide sind sie unbestechlich, beide treffen sie sich in der Pflicht gegenüber einer höheren Idee - und über beide geht am Ende die Historie hinweg. Was beide trennt, ist der Glaube an die Möglichkeit, Geschichte zu gestalten: Wo Struensee futuristisch vorprescht und als "Schreibtischtäter" endet, hilft Guldberg dem Lauf der Dinge effizient nach. Ironischerweise ist die Demenz des Königs der Raum, in dem beider progressive und restaurative Utopie blüht. "Der Besuch des Leibarztes" ist kein moralischer Traktat. Enquist unterlässt es konsequent, Partei zu ergreifen. Der Komplexität dient der Gebrauch unterschiedlichster historischer Quellen (von Porträts über Schriftstücke bis zu diplomatischen Noten), aber auch das ständige auktoriale Räsonnement. Dass diese Metaebene da und dort interpretatorisch forciert und sprachlich überdeterminiert erscheint, mag man dem Text vorhalten - etwa wenn der Autor die sich sexuell bewusst werdende Königin im Jargon der Kulturanthropologie denken lässt, sie sei ein "Jucken am Glied des Hofes". Höchstes Lob gebührt dem Übersetzer Wolfgang Butt. Dass Enquist ein erfahrener Theaterautor ist, kommt dem Roman vielfach zugute: Aufs Essenzielle reduziert erscheint das epische Moment, die Figuren sind konsequent modern gehalten, die Szenen setzen in Dialog und Handlungsführung ein Glanzlicht nach dem andern. Jede einzelne Nebenfigur (wie Struensees Freund Brandt, der Aufklärung hedonistisch als "Sex, Rausch und Flötenmusik" begreift) ist ein Wurf, wobei sich die dramatis personae in ein subtiles System von Spiegelungen fügen. Wie das Gute durchsetzen, ohne zu den Mitteln des Bösen zu greifen? - Per Olov Enquists Roman ist ein elegischer Abgesang auf das 20. Jahrhundert und seinen demiurgischen Traum von der Weltvollendung. Wo es sich dem Prinzipiellen ergibt, verwandelt sich das Licht der Aufklärung in jene "schwarze Fackel der Vernunft", wie sie der Irrsinn König Christians verkörpert. Ohne das vermittelnde Spiel der Politik gerät der utopische Moralismus leicht zum Desaster. Der Preis des letzten utopischen Liebessommers auf Schloss Hirschholm ist ein Blutbad. Es ist die Ästhetik des Untergangs in Reinheit, die Struensee am Ende leitet, sich von Guldbergs Schergen wie ein Lamm zur Schlachtbank führen zu lassen. Doch da ist jemand, der gelernt hat, den "Hebel am Haus der Welt" anzusetzen. Eine Frau ohne Eigenschaften sollte sie sein - und wuchs als Liebende in einen anderen Zusammenhang hinein: Caroline Mathilde und ihre Zivilcourage weisen den Weg in die Zukunft. Und so ist "Der Besuch des Leibarztes" zuletzt auch ein feministischer Roman. |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| >> Seitenanfang | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Die Lebensgeschichte des Arztes und Frauenhelden Struensee plündert
der Dichter Per Olov Enquist in seinem neuen Roman - mit dem realen Vorbild
hat sein Held wenig zu tun. Struensee beschrieb als Erster die - später so benannte
- Maul- und Klauenseuche Zumindest hat der alte Schwede, er steht im 67. Lebensjahr,
die dichterische Freiheit souverän ausgeschöpft. Mit den biografischen
Einzelheiten seines Helden geht er großzügig um - lieber eine Wahrheit
verlieren als eine Pointe. Ein Roman ist ein Roman? |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| >> Seitenanfang | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Schwer lässt sich ein historischer Stoff denken, der romanhafter
wäre als die Geschichte von Aufstieg und Fall des Leibarztes Friedrich
Johann Struensee am königlichen Hof zu Kopenhagen. Kaum zwei Jahre, von
1770 bis 1772, dauerte das Regime des Reformers aus Altona, und wenn es Struensee
auch nicht gelang, den Wahnsinn des Kindkönigs Christian VII. zu kurieren,
so avancierte er doch binnen kurzem zum Liebhaber der Königin, der englischen
Prinzessin Caroline Mathilde und zeugte mit ihr ein Kind, das der Volksmund
"la petite Struensee" taufen sollte. Wer den König zum Patienten
und die Königin zur Geliebten hat, darf auf politischen Einfluss hoffen.
Struensee nutzte diesen Einfluss zu einer anderen Kur, einer Radikalkur am
dänischen Staat und Hof. In mehr als 600 selbst verfassten und unterschriebenen
Verordnungen revolutionierte er das feudale und marode Staatswesen auf eine
so radikale Weise, dass ihn die herrschende Adelskaste zum Todfeind erkor
und ihn schließlich mit Hilfe einer Intrige aufs Schafott beförderte.
Doch selbst Struensees Feinde konnten nicht verhindern, dass jene Begebenheit
am dänischen Hof als "Struenseezeit" in die Geschichte einging
und von Voltaire bis Goethe die Geister erregte. Ein anderes Wort für
"Struenseezeit" ist Aufklärung. Hätte Struensee seine
Aufklärung nur etwas weniger kühn, rasch und rücksichtslos
betrieben, dann hätte die europäische Geburtsstunde von Freiheit,
Gleichheit und Brüderlichkeit wohl schon 1772 in Kopenhagen geschlagen.
|
>> Seitenanfang | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Nach Kapitän Nemos Bibliothek wollte er keinen Roman
mehr schreiben. Glücklicherweise überlegte er es sich noch einmal
anders. Als Der Besuch des Leibarztes 1999 in Schweden erschien, überschlugen
sich sowohl Presse als auch Leserschaft. Per Olov Enquist zählt seit
vielen Jahrzehnten zu den absolut herausragenden schwedischen Autoren, wovon
man sich dank der gewohnt makellosen Übersetzung von Wolfgang Butt auch
hierzulande abermals überzeugen kann. Kapitän Nemos Bibliothek erzählt
die tragische Geschichte von zwei Jungen, die bei ihrer Geburt verwechselt
und nach einigen Jahren zurückgetauscht werden - ein Thema, das sich
auch im Leibarzt wiederfindet. Als König von Gottes Gnaden tritt Christian
VII. 1766 die dänische Thronfolge an, glaubt aber ständig, ein vertauschter
Bauernsohn zu sein. Enquist zeichnet ihn als hochsensiblen Jungen, der unter
der Last des Regierenmüssens zerbricht. Systematisch getrieben von den Herrschaftshungrigen am tollhausgleichen Hof, stürzt Christian immer tiefer in einen psychotischen Zustand, während sich andere im entstehenden Machtvakuum ausbreiten. Weniger aus Eigennutz als aus seiner Verpflichtung gegenüber dem aufklärerischen Ideal schlüpft Christians Leibarzt Johann Friedrich Struensee in den sich öffnenden "Spalt der Geschichte". Dass der Altonaer Arzt Christians Vertrauen gewinnt, macht ihn bei den inoffiziellen Regenten nicht gerade beliebt. Noch weniger tun das die Hunderte von Schreibtischdekrete, mit denen Struensee in kürzester Zeit die so genannte "dänische Revolution" in Bewegung schreibt. Eine Bewegung für das unterdrückte und dem Leibarzt doch so unbekannte Volk, die ein Ende hat, bevor sie in der Wirklichkeit angekommen ist. Ernsthaft kritisch wird die Situation nämlich, als die weibliche Hauptfigur in diesem Königsdrama auftritt. Die blutjunge englische Königin Caroline Mathilde entpuppt sich von einem Mädchen ohne Eigenschaften zu einer jungen Frau, die ihren Weg durchaus kennt: Struensee wird ihr Geliebter. "Sie hatte keine Angst, und das füllte ihn mit einer plötzlichen Furcht." Aber nicht nur die verbotene Liebschaft mit der Königin und sein freisinniger Geist werden Struensee zum Verhängnis: Sein Besuch endet 1772 nach nur vier Jahren vielmehr an seiner fatalen Unlust am "großen Spiel der Macht". Ohne Verbündete steht er am Ende auf dem Schafott. Seine Ideale jedoch bleiben auch nach dem Köpfen. Nicht zuletzt durch Enquists fulminanten Roman über die Geschichte eines Arztes, dessen Schicksal es war, Revolutionär zu werden. |
>> Seitenanfang | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Ein Stück, in dem der Wahnsinn regiert und die Vernunft.
Nicht von Shakespeare, auch nicht von Schiller. Es spielt am dänischen
Hof zwischen 1768 und 1772. In den Hauptrollen: ein geisteskranker Kinderkönig,
eine unglückliche Königin und ein sanfter Revolutionär der
Aufklärung, der Leibarzt des Königs. |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| >> Seitenanfang | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Wir schreiben die 60er, 70er Jahren des 18. Jahrhunderts.
Der Hof von Kopenhagen beschäftigt sich - so scheint es in Per Olof Enquists
neuem Roman "Der Besuch des Leibarztes" - vor allem damit, den jungen
Monarchen Christian VII. in den Wahnsinn zu treiben. Mit Christian kann man
eigentlich nur Mitleid haben. Damit er sich nicht endgültig abhanden
kommt, muss er sich unablässig betasten und sich seiner Körperlichkeit
versichern. Er "befühlte mit den Fingerkuppen seinen Bauch, schlug
mit den Fingerspitzen auf seine Haut und murmelte, dass er ,Fortschritte machen'
werde, die es ihm erlaubten zu werden wie die ,italienischen Schauspieler'."
Ohne seine Befühlrituale würde er nur noch aus den Sprachbrocken
bestehen, die ihm seine Lehrer eintrichtern. Auch seinen Stolz und zähen
Überlebenswillen, das letzte Königliche an ihm, hätte er sonst
schon lange verloren. Enquist erkundet aber nicht nur das Innere seiner Figuren jenseits des falschen Abglanzes, den ihre Rollen werfen, jenseits der hohlen Souveränität, die ihre Macht vorspiegelt. Er geht auch auf Distanz zu ihnen und erzählt, warum ein sich fürchterlich rechtschaffen gebender Hofstaat sich darauf konzentriert, den König als Menschen auszulöschen: Dynastien müssen verteidigt, die Monarchie darf nicht angetastet werden, und die Bauern sollen sich auch weiter in die Leibeigenschaft fügen; irgendjemand muss dieses Tollhaus finanzieren. Ein eigenständiger König wäre dabei nur im Weg. Enquist beschäftigt sich diesmal mit einem interessanten Fall, der zu Unrecht als unbedeutend eingestuft wurde. Er erzählt von jenen Jahren, als am dänischen Hof ein deutscher Arzt aus Altona per Tinte eine Art französischer Revolution lange vor dieser selber dekretieren wollte. Johann Friedrich Struensee, 1772 wurde er hingerichtet, vergoss keinen Tropfen Blut; im Geist der Aufklärung versuchte er, die Wirklichkeit umzukrempeln, doch selbst jene Verfechter aufgeklärten Denkens, die auf Seiten von Struensees schönen Vorhaben hätten stehen müssen, trugen kräftig zu dessen Scheitern bei. Dass Enquist auf Struensee und dessen fehlgeschlagenes Unternehmen gestoßen ist, hängt mit seinen Überlegungen zur Geschichte zusammen, die er 1997 in seinem Buch "Die Kartenzeichner" ausgebreitet hat. Dort ist nachzulesen, dass Enquist gerne ein fortschrittlicher, schwedischer Sozialdemokrat wäre, dem sich die Geschichte als eine ineinandergreifende Abfolge von Ursachen und Wirkungen hin zum Guten präsentiert. Allerdings kann er keine Anzeichen dafür finden. Enquist geht also nicht aus trivialer Lust an musealem Dekor in die Geschichte zurück. Sein Roman ist ganz der Gegenwart verpflichtet. Ihn beschäftigt die Frage, weswegen aufgeklärte Menschen scheitern. Ohne Zweifel steht Enquist auf der Seite Struensees. Dieser stille Mann hat eine Arbeit "Über die Risiken bei falscher Bewegung der Körper" geschrieben. Er hat sich von Rousseau aufputschen lassen, aber im Grunde ist er ein besonnener Arzt, für den nicht nur der Körper nach mechanischen Grundsätzen arbeitet, sondern die Gesellschaft insgesamt. Beides müsste also, was Enquist auch gerne glauben würde, zu beherrschen sein. In Struensees Denken nehmen Überlegungen allerdings nur einen geringen Raum ein, was geschieht, wenn die Mechanik des eigenen Handelns durch falsche Bewegungen anderer gestört wird. Genau damit aber bekommt er es zu tun. König Christian flüchtet sich zunehmend in den Wahn. Er vertraut sich einer Herrscherin des Universums an und bittet seinen Leibarzt, sich um die Königin zu kümmern. Die junge Königin wäre dagegen gerne eine Herrscherin, vorerst aber macht sie sich nur Struensee untertan. Damit hat Enquist das Szenarium für eine schillernde Dreiecksbeziehung ausgebreitet. Doch Enquist wäre nicht jener erzählende Kartograf der europäischen Geschichte, als den wir ihn kennen, wenn sein Erkundungswille nicht deutlich über melodramatische Zuspitzungen hinausginge. Der König überlässt Struensee neben seiner Frau auch die Staatsgeschäfte, und plötzlich steht dieser Arzt an der Spitze des Staates und kann handeln. Eine größere Chance wurde einem Aufklärer nie eingeräumt. Zu den gelungensten Passagen gehört der Sommer, den Enquist im zweiten von drei großen Kapiteln seines Buchs schildert. König, Königin und Struensee verbringen die wärmeren Monate auf einem Schloss, das im hintersten Winkel der dänischen Provinz liegt. Dort kann der König spielen, die Königin Struensee lieben und Struensee aufgeklärte Verordnungen schreiben. Fernab von der Welt und mit einer Frist versehen, lassen sich die Träume leben - auch jener schöne und unbefleckte Traum von der Aufklärung. Aber nur unter strengen Voraussetzungen. Struensee wird mit Guldberg - Tragik und Farce werden von Enquist kräftig durchmischt - eine Art Bruder an die Seite gestellt. Auch Guldberg kann seine niedere Herkunft nie ganz abstreifen, hat sich aber für einen anderen Lebensweg entschieden. Dieser finstere Lutheraner, der die Sünde ausrotten möchte, würde das Zentrum der Macht nie verlassen. Er denkt strategisch, sucht Verbündete, würde gerne wie Struensee lieben, ist aber mit Intrigen beschäftigt - und wird zum Schluss als grausiger Sieger dastehen. Das erschreckendste Bild zeichnet Enquist von dem einzigen Intellektuellen am Hof, dem Grafen Rantzau. Der war als Spion unterwegs, hatte ein lässiges Verhältnis zu Geld und musste in Italien vor Gläubigern und Ehemännern fliehen. Ihn umgibt zunächst der Charme eines sehr beweglichen Menschen und Glücksritters. Je weiter sich der Kampf zwischen Struensee und Guldberg zuspitzt, desto weniger bleibt von Intellektuellenromantik übrig. Als schlotternder Verräter steht der Graf am Ende da, allerdings als einer, der - und das hat er Struensee voraus - im schamlosen Überleben trainiert ist. Allen anderen Figuren erweist Enquist mehr Mitgefühl. Struensee darf staunen, als er die Presse endlich von der Zensur befreit und mit ansehen muss, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung dazu benutzt wird, entschlossen gegen ihn zu schreiben. Die Königin freut sich zwar darüber, dass sie von Struensee ein Kind empfangen wird, erschrickt jedoch, weil das Kind ihre verbotene Liebe öffentlich macht und sie erpressbar wird. Auch dem König billigt Enquist zu, dass er, wenn er dem Irrsinn des Hoflebens entflieht, das Richtige zu tun glaubt, aber damit nur noch rettungsloser in die Widersprüche seiner Epoche verwickelt wird und am Ende den Tod der Königin und den Struensees beklagen müsste, der beiden Menschen also, die ihm am nächsten stehen. Auch in der deutschen Literatur hinterließ der Fall Struensee Spuren, wenn auch nur schwer aufzufindende. Goethe ereiferte sich in einer seiner Jugendschriften darüber, dass einem vernünftigen Mann wie Struensee ein Glaubensbekenntnis abgepresst wurde. Er ahnte den Skandal, der in dieser abgebrochenen Revolution lag, und wollte Struensees Gegner wenigstens im Nachhinein bloßstellen. Später jedoch, als Goethe zu Ruhm gekommen war, interessierte ihn nur noch, womit sich bis heute alle beschäftigen: die Französische Revolution. Das so aussichtsreiche Vorspiel, das die Ereignisse in Frankreich mit ihren Brutalitäten hätte überflüssig machen können, war vergessen. Nur Robert Neumann ist 1935 noch einmal auf Struensee zu sprechen gekommen. Es musste wohl jemand mit ganz eigenem Talent sein, der ein Sensorium für das Pikante der Situation besaß und als Emigrant auch für das politisch Unerledigte dieses historischen Ereignisses. Mit literarischen Parodien von Schriftstellern hatte sich Neumann in den 20er-Jahren einen Namen gemacht, und auch sein Struensee ist ein Mann, der die Konventionen seiner Zeit benutzt, sich über sie hinwegsetzt und auf seinen Gefühlen beharrt. Neumann liebte an Struensee das Provokative, Anstößige. Enquist geht einen entscheidenden Schritt weiter als Goethe und Neumann. Das Merkwürdige, Widersinnige wird als ein wesentliches Element der Geschichte selber angesehen und untersucht. Die Situation, in der sich Struensee befindet, ist eine einzige Merkwürdigkeit: Eigentlich gehörte Struensee in ein Kloster und nicht unter Politiker und machtbewusst handelnde Adelige. Struensee geht Auseinandersetzungen, wenn sie nicht auf dem Papier stattfinden, lieber aus dem Weg. Die Wirklichkeit erträgt er nur in schwachen Dosierungen. Am liebsten, und darin ist er ein Schriftsteller wie Enquist, spitzt er seine Gänsekiele und schreibt durchdachte Sätze nieder. Ausgerechnet dieser Mann hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine neue Zeit auszurufen. Das ist zwar folgerichtig, denn wer außer ihm könnte sich derart dem reinen Denken nahe fühlen, aber was dieser Realitätsabstinenzler unternimmt, kann nur schlimmste Verwirrungen nach sich ziehen. Bewundernswert, mit welcher Ruhe Enquist die Fantasieräume seines konfusen Personals durchschreitet, wie leicht er seine geschichtsphilosophischen Überlegungen auszubreiten versteht und beides in feinster Balance hält. Obwohl wir lieber ein Buch gelesen hätten, das der Aufklärung größere Chancen einräumt, stellen wir Enquists Roman doch äußerst zufrieden ins Regal. Wann haben wir das letzte Mal ein Lesevergnügen geschenkt bekommen und gleichzeitig etwas Beunruhigendes über unser Herkommen erfahren? |
>> Seitenanfang | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Historien er sand, men så højdramatisk og kulørt,
at den mest af alt ligner en roman. Danmark regeres enevældigt af den
afsindige kong Christian VII. Den person, der - mere eller mindre tilfældigt
- får galningens tillid kan gøre sig til den reelle enehersker.
Den tyske læge Johann Friedrich Struensee vinder positionen og udnytter
den til fulde. Ikke kun fordi han søger magten, men også fordi
han er inspireret af de franske oplysningsfilosoffer og ikke kan sige nej
til den enestående mulighed, tilfældet har spillet ham i hænde:
at få foræret et lille kongedømme, der kan tjene som laboratorium
for samfundsreformer. Men hvad siger alle de hofsnoge, der nu må se
sig udmanøvreret, og hvilken rolle har den unge dronning Caroline Mathilde
tiltænkt sig selv i det store spil? I forhold til dette stof, der også rummer både kærlighed og død, er opgaven for en seriøs forfatter at dæmpe tonen fremfor at lade sig rive med. Og den svenske forfatter, Per Olov Enquist, der er teateraktuel i Danmark netop nu, rystede ikke på hånden i romanen "Livläkarans besök", der høstede Augustprisen for den bedste svenske roman i 1999. Romanens ry er løbet den i forvejen, og det er på ingen måde overdrevet. Det er en fremragende roman, der i dag udkommer på dansk. At skrive en historisk roman rummer altid risiko for en overbroderende bredde, der skal garantere ægtheden, men helt modsat kan komme til at virke "gemacht". Enquist viger elegant uden om denne risiko ved at iscenesætte sig selv som en dokumentarisk forfatter. Han skriver i perioder, som sidder han bøjet over kilderne - dagbøger, erindringer, øjenvidneskildringer - og blot formidler dem med en diskret meddigtende levendegørelse. Hele dialoger er f.eks. holdt i en sproglig form, der illuderer en tilstedeværendes mundtlige gengivelse længe efter. Romanen rummer ikke noget noteapparat eller kilderegister, og fagfolk må afgøre den historiske akkuratesse, men ud fra mit beskedne kendskab til de historiske fremstillinger, virker det som om Enquist benytter det materiale, der faktisk foreligger. Men i endnu højere grad bruger Enquist dramatikerens teknik. Som på en scene drejer han de få afgørende aktører mod hinanden i skiftende konstellationer. Dette er ikke blot en teknik, han har valgt sig - den ligger også i sagen selv. Livet ved et enevoldshof var på mange måder ceremonielt og indstuderet. Både skræmmede og rørende er f.eks. den scene, hvor den 17-årige konge præsenteres for sin 15-årige tilkommende, og de to store børn, for andet er de jo ikke, med tilkæmpet ro fremfører deres tillærte replikker. Den sceniske fremstilling er endvidere velvalgt, fordi spillet om magten ved hoffet er begrænset til meget få mennesker og deres gensidige ageren og intrigemageri. Den sociale logik er skildret så grumt og præcist, at man under læsningen med gru sender en tanke til vor tids totalitære regimer, der sikkert ikke har fungeret meget anderledes bortset fra, at der ikke har været så mange dronninger til at komplicere tingene yderligere. "Livlægens besøg" kan læses på flere niveauer: spændingsroman, kærlighedshistorie, psykologisk kammerspil og en politisk-filosofisk roman, der kredser om forholdet mellem oplysning, galskab, illusion og magt i en historisk brydningstid. Men dens styrke er, at niveauerne hænger sammen; den er det hele, på én gang, hele tiden. En enkelt detalje illustrerer Enquists sproglige økonomi, hvor der kan siges meget med enkle midler. Struensees regeringstid omtaler han konsekvent som "den danske revolution". Først studser man: sådan noget har vi da vist ikke haft i Dannevang. Men som ved en brecht'sk fremmedgørelsesteknik åbner betegnelsen gradvis éns øjne for dimensionerne, ambitionen - og galskaben - i Struensees projekt. Efterhånden som romanen skrider frem, antager betegnelsen en mere ironisk valør: Struensee troede alt var gjort med en strøm af skrivebordsdekreter. Han undervurderede - i en art oplysningens blindhed - den modstand han nødvendigvis måtte fremprovokere. Mit eneste forbehold over for romanen angår en tolkning, Enquist lægger ind i såvel plot som persontegning. Både kongen, dronningen og Struensee ses - alle deres forskelle ufortalt - til en vis grad som troskyldige børn, der gøres fortræd af omstændighederne, og ikke mindst af Enquists superskurk, Ove Høegh-Guldberg, der er styret af religiøs og seksuel forkvaklethed. Dette set up smager af kulturradikal vanetænkningog forfatterens eget mellemværende med svensk pietisme. Den historiske og menneskelige virkelighed var givetvis mere kompliceret end denne naive skematisme lægger op til. Men lad Enquist have sin holdning. Uden den var han måske ikke gået i lag med emnet. Og han har formået at skrive en historisk roman i den bedste betydning af ordet: han formidler nogle begivenheder i deres konkrete kødelighed og perspektiverer dem samtidig i deres mest vidtrækkende implikationer. Historien lever og vibrerer, så man tænker: måske var det sådan, måske var det det ikke, men hvordan i alverden var det så, og tænk at vores danmarkshistorie rummer dette, og at det er en svensk forfatter, der skal minde os om det. |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| >> Seitenanfang | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Mixing reportage with philosophy, barbarity with eroticism,
the masterful Swedish writer Per Olov Enquist has fashioned an extraordinarily
elegant and gorgeous novel, "The Royal Physician's Visit." "On
April 5, 1768, Johann Friedrich Struensee was appointed Royal Physician to
King Christian VII of Denmark, and four years later he was executed."
The passive historical voice of that opening sentence gives no hint of the
remarkable tale that follows. Struensee is only the latest in a line of overseers to the disoriented Christian, who "understood the court to be a theater, that he had to learn his lines, and that he would be punished if he didn't know them by heart." There is not only method to the madness of this Danish prince but a little bit of the wisdom of Shakespeare and "The Truman Show" to the confused victim of protocol who travels through Copenhagen in a glass coach and sees all the world as a stage. In his attempt to make sense of things, Christian writes to one of the French Encyclopedists, beginning "the correspondence which to posterity would seem so peculiar ... between Voltaire and the deranged King Christian of Denmark; the correspondence best known by the poem of homage that Voltaire wrote in 1771 to Christian, whom he heralded as the prince of light and reason in the North." Ten years earlier, Voltaire proved that he himself knew a little bit about madness and innocence when he wrote his novel "Candide." The Scandinavian court didn't seem too far removed--Christian, his young English queen Caroline Mathilde and Dr. Struensee a Danish mirror of Voltaire's French trio of Candide, Cunegonde and Dr. Pangloss. The horrors that Candide and Co. witness, from earthquakes to autos-da-fe, are no less rotten than the state of Denmark. The Danish peasants live in a state of slavery; public executions, dismemberments and disembowelings are the popular entertainment; and the Danish navy is several years into a disastrous war with Algeria. The king is mad, his half-brother is a hydrocephalic invalid and the court is filled with a deadly combination of whores and religious zealots. But Enquist is writing nearly 250 years after Voltaire, and modern readers demand more than the cartoons of "Candide." Enquist, whose nearest English-language equivalent may be the glorious philosopher-poet John Berger, mixes social history with gentle psychology, the tools of police investigation and the voyeurism of the National Enquirer, to paint three-dimensional BBC-style documentaries of Christian and Caroline Mathilde. Like many royals, this pair was brought up without mothering, fathering or a sense of the people and places of their kingdom. Caroline had been cloistered for her first 13 years, and Christian suffered beatings and psychological tortures throughout his childhood. Upon the arrival of Struensee, Christian very happily dismisses the rest of his councilors and turns over the keys of power to his physician. Struensee, a quiet man plucked from his medical practice in the German town of Altona, gradually comes to see that, although Christian may be incurable, his own task as an enlightened man is to rescue Denmark from the disease of its medievalism. In the space of only two years, he creates a paper revolution consisting of 632 decrees--dismantling the navy, enfranchising free speech--to pull the country toward the golden orb of rationalism and freedom. Like Voltaire's God, Struensee imagines himself as a watchmaker, or at least a repairman. "Sometimes he saw his life as a series of points lined up on a piece of paper, a long list of numbered tasks, that someone else had tallied up, someone else!!! His life enumerated in order of priority, with number one through twelve, like on a clock face, as the most important .... And next to every single number, after completing the work, he was supposed to put a double checkmark: the patient has been treated." But playing doctor has its dangers. Content to pass the day petting his lapdog and his black slave, Christian also turns over the keys to his queen--to disastrous effect. Caroline Mathilde has grown, since her arrival as an eternally weeping girl of 13, into an assured young woman fueled by a rage that finds its deepest expression (and some of Enquist's most magnificent writing) in loving the bewildered Struensee. In 1771, Denmark is still, however, 200 years shy of celebrating free love. And when Caroline Mathilde becomes quite obviously large with Struensee's child, the enemies descend. Chief among them is Guldberg, like Christian a short man in a court of Scandinavian giants and, like Struensee, mortifyingly captivated by the queen's charms. Guldberg, an ally of Christian's evil stepmother, the dowager queen, is Struensee's worthy opponent for the soul of Denmark, but Guldberg is a puritan, a true believer. Guldberg plots. Caroline Mathilde and Struensee are accused of planning the death of the king. In an age of much torture and little communication, trials are merely protocol. On April 28, 1772, Struensee is executed, his head and right hand are displayed on a pike and the 632 decrees are rescinded. And yet the doctor's brief visit left indelible traces. "It was quite obvious," Enquist writes in an Epilogue, "that everything would revert back during [Guldberg's] era. It was equally obvious that of Guldberg's era nothing would remain." But Enquist is loath to let politics have the last historical word. The little daughter who survived both Struensee and Caroline Mathilde went on to marry and produce and produce until "today there is hardly any European royal house, including the Swedish, that cannot trace its lineage back to Johann Friedrich Struensee, his English Princess, and their little girl." And even the bewildered Christian manages to find love with a gentle prostitute whom he deems "the Sovereign of the Universe," believing that "she was his benefactress, that she had time for him, that she had all time, and that she was time." Love conquers all, as it seems, even the kings and the watchmakers. |
>> Seitenanfang | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
"Am 5. April 1768 wurde Johann Friedrich Struensee als
Leibarzt des dänischen Königs Christian VII. angestellt und vier
Jahre später hingerichtet." Mit dieser Notiz öffnet Per Olov
Enquist in seinem Roman Der Besuch des Leibarztes einen Ereignisraum, in dem
ein deutscher Aufklärer aus Altona dem hochsensiblen, labilen Dänenkönig
beigeordnet wurde, in einer sexuell offensiven Liaison der aus England herangeheirateten
Königin Caroline Mathilde sich zuneigte und aus einem Machtvakuum heraus
mit über 600 Reformerlassen eine Schreibtischrevolution anzetteln wollte.
In Hamburg, wo der schwedische Schriftsteller seinen Roman vorstellte, trafen
die Kieler Nachrichten Enquist zum Gespräch. KN: Sie greifen für Ihren Roman die sogenannte "Struenseezeit" heraus. Ist diese Episode ins Geschichtsbewußtsein der Dänen eingesenkt? Enquist: Alle Kinder in Dänemark kennen diese Geschichte. In Kopenhagen liegen alle Dokumente und Quellen, die habe ich studiert. Die dramatischen Geschehnisse in so kurzer Zeit haben mich verblüfft - dass ein Mann allein eine solche Rolle spielen konnte. Haben Sie sich auch mit den zahlreichen literarischen Gestaltungen des Stoffes befasst, ich nenne beispielhaft Laube, Neumann, Sven Clausen? Ich habe mir die Bearbeitungen angesehen, es gibt auch einen englischen Roman von 1790, er ist sehr lang. Aber das ist völlig ohne Kontakt mit der Wirklichkeit. In Ihrem Essayband "Die Kartenzeichner" haben Sie auch Überlegungen zur Geschichte angestellt. Wie artikuliert sich dies im Roman? In dieser vordemokratischen Zeit gab es aufklärerische Tendenzen erst in einer kleinen Elite, Gustav III. in Schweden, Katharina von Russland und andere, es waren sehr belesene Herrscher. Es war eine experimentelle Zeit, man versuchte, von oben ein neues Denken einzuführen, Struensee ist gescheitert, es gab eine Zeit der Reaktion, aber schon 1788 wurde die Leibeigenschaft abgeschafft. Ein Auf und Ab wie bei einer Sinuskurve. Das entspricht meinem Verständnis von Geschichte: Alles ist möglich. Warum haben sich die Reformen Struensees gegen ihn gewendet, warum gelang es dem Gegenspieler Guldberg, die Massen gegen ihn aufzuwiegeln? Das Volk war illiterat, Medien im heutigen Sinn gab es nicht, so wusste man kaum von seinen Reformen. Man verzieh ihm nicht seine leidenschaftliche Affäre mit der Königin. Stellen Sie sich vor, ein deutscher Arzt käme heute zu Königin Silvia von Schweden und machte ihr ein Kind. Da gäbe es ein wenig Irritation bei der schwedischen Bevölkerung. Struensee hat das zu Fall gebracht. Er konnte die politische Lage nicht analysieren. In der Figur Christians haben wir einen Narren, dem Sie sehr viel Sympathie entgegenbringen, man ist erinnert an das Lob der Ursprünglichkeit, das Kleist im "Marionettentheater"-Aufsatz gesungen hat. Welche Rolle weisen Sie der Irrationalität zu vor dem Hintergrund der Aufklärung? Christian war eine vielseitige Figur, man hat ihn in seiner Erziehung systematisch verdorben, unterdrückt. Das war die Grundlage dafür, dass er am Ende im Schwachsinn starb, aber er war sehr klug, korrespondierte mit Voltaire und traf die Enzyklopädisten in Paris, er hätte ein Aufklärer werden können, aber man hat ihn zerstört. Auffällig ist die Stärke der beiden Frauengestalten, die Königin, anfangs eine Frau "ohne Eigenschaften", wird immer selbstbewusster, während Christian eine Hure für die Herrscherin des Universums hält. Am Anfang dachte ich, Caroline sei süß, aber uninteressant. Aber es gibt viele Zeugnisse für ihre Klugheit, sie beherrschte viele Sprachen und verstand das große Spiel der Politik. Man hat sie nach der Struensee-Affäre nach Celle verbannt, wo sie weiter agitierte. Es gibt viele Indizien dafür, dass sie vergiftet wurde. An einer Stelle wirft Christian im Park alle Statuen um. Es scheint das theaterhafte Zerrbild einer ikonoklastischen Geste zu sein. Welche Rolle spielt die Theatermetaphorik? Christian erlebte sein Leben als Theaterstück, seine Erziehung war das Erlernen einer Rolle, nur einmal, als er selbst in einer Aufführung von Voltaires Zaire mitspielte, war er natürlich und schien durch den Text über sich selbst zu sprechen. Er suchte die Wirklichkeit, aber er fand sie nicht. Ebenso wenig wie Struensee. |
>> Seitenanfang | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Reinhard Baumgart: Das dunkle Licht. |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| >> Seitenanfang | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Ein großes Buch, ein mächtiges Buch, souverän
und selbstbewusst überragt es die landläufige Produktion der Belletristen.
Und das ohne allen Ehrgeiz, einen Meilenstein zu setzen in die Literaturgeschichte,
also mit neuen, unerhörten Methoden die Grenzen des Erzählbaren
nach vorn zu verschieben. Denn sicher, gelassen bewegt sich der schwedische
Altmeister Enquist in der Tradition des historischen Romans. Er lädt
sie sogar auf mit älteren, ja archaischen Tönen und Gesten, mit
Bibelzitaten, Märchenmotiven, dem feierlichen Klang der nordischen Saga,
aber auch mit Opernemphase und Kinoblicken und nutzt zugleich alle Erfahrungen,
die er als Grenzgänger zwischen Reportage, Essay, Autobiografie, Fiktion
sich erarbeitet hat. Und vor allem: Geschichte erzählt er mit hellwachem
politischen Kopf, unermüdlich fragend nach den Möglichkeiten einer
Gesellschaft, die alle Grenzen der jeweils gegebenen und vorgefundenen aufsprengt
ins Unabsehbare, in Richtung auf Utopie. Wie lässt sich das alles unterbringen in einer Episode der dänischen Geschichte, drei, vier Jahre lang oder kurz, zwei Jahrzehnte vor der Französischen Revolution? Struensee, ein Deutscher aus Altona bei Hamburg wird 1768 dem labilen, ja geistesgestörten Kindkönig Christian VII. zugeordnet als Leibarzt. Ein Leibarzt wird er dann eher für die aus England herbeigeheiratete blutjunge Königin Caroline Mathilde und regiert im Machtvakuum des Königreichs als ein einsamer Aufklärer, der mit einer Flut von 632 Verordnungen ein Programm der Vernunft durchzusetzen versucht. Dass seine Sache wie seine Liebe schon 1782 scheitern werden, mit einem Putsch, Prozess und seiner Hinrichtung, verkündet der Erzähler in seinem ersten Satz. Erzählt wird also gegen den Strom. Es ist, wie im Mythos, alles entschieden, bevor es noch einmal zur Sprache kommt. Programmatisch setzt Enquist ein mit einem Porträt von Struensees Gegenspieler und Exekutor, dem Höfling Guldberg. Dann postiert er die anderen Protagonisten aufs Spielfeld. Das Tableau des Konflikts ist eingerichtet, das Ende ist klar. Alle Spannung konzentriert sich nun auf das Wie und Warum des Ablaufs. 1769, in Schillers Geburtsjahr, beginnt das dänische Drama sich aufzuladen, und in Umrissen meint man in ihm wiederzuerkennen, was Schiller später als Tragödie eines Aufklärers und der Aufklärung zurückprojizieren wird an den spanischen Hof. Christian also heißt der neue Don Carlos, mehr als nur vage begeistert, nämlich geistig verwirrt, Struensee agiert als sein Marquis Posa, und wieder steigern die verbotene Liebe zu einer Königin und ein Gegenspieler in der kalten Maske der Reaktion den Konflikt in ein altes, unerschöpfliches Muster: Die Maschinerie der politischen Welt stößt zusammen mit dem rebellischen, regellosen Gegenreich eines ungebändigten Glückverlangens. Solche Eros-contra-Thanatos-Duelle hat Verdi nach Schillerschen Vorlagen komponiert, hat Wagner im Musikdrama ins Metaphysische transzendieren wollen, und auch Enquists Roman baut immer wieder Szenen, Konfrontationen, Seelenspannungen von Opernformat. Auch weil er die Psychologie seiner Figuren nicht ins bürgerlich Filigrane treibt, sondern seine Akteure mit holzschnitzhaften Umrissen kräftig koloriert, auf die Geschichtsbühne stellt. Sie sind Repräsentanten, die also für etwas stehen und nicht nur für sich, und auch der Erzähler macht kein Hehl daraus, für wen er selbst steht und gegen was, sosehr er sich auch bemüht, die politischen und psychischen Motive der Anti-Struensee-Kamarilla aus dem Inneren der Figuren zu verstehen. Das schafft tödlich klare Fronten. Ein kalter Schatten fällt auf alles Licht, allen Glanz, alle Wärme, die aus dem Zentrum des Romans ausstrahlen, aus dem Körper- und Seelenbündnis zwischen dem Leibarzt und seiner Königin. Ein Roman, der sich verwandelt in Gedankenmusik Die Mitspieler der beiden, gnadenlos scharf gezeichnet, sind entweder wölfisch, kalt, fanatisch oder schwach, labil, geborene Verräter oder scheu und klug und sehnsüchtig, aber vorsichtig. Doch diese entschiedene Zeichnung der Figuren lässt sie nicht erstarren, sondern markiert ihre Position im Drama und damit auch ihre Nähe oder Distanz zum Erzähler. Der Leser wird provoziert, diese Personen für sich zu entdecken, sie vollständiger zu imaginieren, als der Roman sie zeigt, und sich ihnen zu stellen mit seinem eigenen Urteil. Unverkennbar also die Brechtsche Energie in Enquists Erzählverfahren, als Gegenkraft zur heftigen Emotionalisierung seiner Leibesgeschichte und Haupt- und Staatsaktion, dieses ständige Vorzeigen, Hinhalten, Kommentieren der Geschichte und Kombattanten, diese scharfe Mischung aus Moritatengesang und Geschichtslektion. Geht es doch hier um mehr als nur ein trist privates Glück und Unglück, nämlich um das "große Spiel", um das, was durch Politik die Geschichte bewegt, sie springen oder aber erstarren, aufleuchten oder verdämmern lässt. Es geht vor allem darum, was Menschen angeboten oder angetan werden kann in diesen Geschichten, aus denen Geschichte sich zusammenfügt, und zielt, wie fast immer bei Enquist, in letzter Konsequenz auf den Ort der Utopie, und das heißt ja, den Ort einer ortlosen Hoffnung. Ein ungeheures Pensum, und um es zu inszenieren, bietet Enquist ein reiches Repertoire an Bildmotiven auf, mit denen er seinen Roman immer wieder verwandelt in Gedankenmusik, die Motive variierend, modulierend, repetierend: so den Park als Versöhnung von Wildnis und Kultur, so ein Flötenspiel als tönende Lockung, so die vermuteten Träume, das geheime Innenleben von Tieren und Pflanzen oder, wahrhaft federführend von Anfang bis zum Ende, das Motiv der schwarzen Fackel der Aufklärung, ihr auch dunkles Licht, das nicht nur blenden und reinigen, sondern auch schützen sollte. Denn der arme kleine König Christian, gebrochen, zerstört durch eine brutale Zurichtung zum Herrscher von Gottes Gnaden, diese zerfallene Personen mit den inneren Stimmen, die erst das Machtvakuum bereitstellt, auch im Schlafzimmer seiner Königin, in dem der Leibarzt sich einrichtet - gerade er stellt immer wieder die bange Frage, ob das Reich der Vernunft auch für ihn und seinesgleichen eingerichtet würde oder nur für Menschen "aus einem Guss". Was human ist, an welcher Grenze der Mensch aufhört, wie er also sich definiert, das hat den Erzähler Enquist immer wieder bewegt. Hier stellt er nun die Foucault-Frage: Wird und muss das Reich der Vernunft nicht alles Nichtrationale und Nichtnormale ausgrenzen? Kann es den Narren, Irren mehr als nur tolerieren? Der Königsnarr Christian jedenfalls wird von beiden Parteien nur freundlich benutzt, "stillgestellt", auch von den Reformern und Rousseauisten, die doch selbst die Einheit von Gefühl und Vernunft sehr wohl leben und genießen und in ihrem kurzen Sommer der dänischen Anarchie, kurz vor der Katastrophe, die Versöhnung der "harten" mit der "weichen" Aufklärung feiern. Frauen hat Enquist deshalb als selbstbewusst, stark und den Männern überlegen ins Zentrum gerückt, für den Leibarzt die märchenhaft von ihm wachgeküsste Königin, für den zerstörten Christian sogar eine blühend plebejische Hure mit ihrer "gliederlösenden Liebe", wie es im wahlverwandten Dantons Tod von Büchner heißt. Tatsächlich liest sich Enquists Roman in seiner Endphase wie ein Vorspiel und Nachspiel zum Büchnerschen Revolutionsspektakel. Auch Struensee wird nun befallen von Dantonscher Lähmung, Melancholie und Todesbereitschaft. Was hat er falsch gemacht, wenn sein Scheitern nicht nur Leichtsinn oder historisches Pech war? Hätte er das kalte Spiel seiner Gegner mitspielen müssen? Kannte er überhaupt die dänische Wirklichkeit, die er von weit oben her verändern wollte, die der Unterdrückten, der anonymen Massen? Sie werden ihm, als er aufs Schafott steigt, dreißigtausendfach stumm gaffend diese Frage stellen. Zu spät. Nicht für Enquist, der das trostlose Ende nicht beglaubigen möchte als das Ende aller Hoffnungen darauf, dass Geschichte einmal die Geschichte von allen sein könnte und nicht nur die der wenigen auserwählten Spieler und Gegenspieler. "Der Traum von den Möglichkeiten des Menschen", so weiß der Erzähler im Epilog, er lässt sich nicht "abschlagen" wie Struensees Kopf. Und überlässt dann die Hoffnung auf eine ganz andere Zeit den Fantasien des armen irren Christian, der König spielen musste und keiner sein durfte. Ein mächtiges Buch, ein großes Buch, von Wolfgang Butt bewundernswert übersetzt, und nicht zum ersten Mal reibt man sich nach einer Enquist-Lektüre die Augen und wundert sich über das Stockholmer Nobelpreiskomitee. Das wird bald wieder die Augen schweifen lassen von Polynesien bis Andorra, um einen zweit- oder drittklassigen Lyriker oder hoch verdienten Gaukler als Preiskandidaten zu entdecken. Und beflissen übersehen, wie nah vor Augen einer schreibt, der uns Buch um Buch davon überzeugt, dass es in Literatur nicht nur um Literatur geht - was sich auch der Preisstifter wünschte. |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
"...und
wo bleibt Halle?"
Breitenstein lässt JFS aus dem "freigeistigen Altona" kommen, bei Heidbüchel ist JFS "der Altonaer Arzt", bei Maurer "ein medizinischer Reformer aus Altona", bei Siblewski ein "deutscher Arzt aus Altona", Levi lässt ihn aus "the German town of Altona" kommen und Jahn hält ihn für einen "deutschen Aufklärer aus Altona". Nur Halter, der sich mit Stefan Winkle unterhalten hat, weiss, dass JFS aus Halle stammt und dort an der Fridericiana Student der Medizin sowie deren promovierter Absolvent war. Bartmann - und das spricht für Enquist - nennt JFS ebenfalls "Reformer aus Altona", zitiert aber den König: "Sie sind in Altona geboren?", dem Struensee antwortet: "In Halle. Aber ich bin sehr früh nach Altona gekommen." Darüber lässt sich streiten. IfHaS e.V. wird sich kümmern - der große Aufklärer und Liebhaber war Hallenser!!! |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||