Struensee-Sonntag
11. Juli 2004
"...dass allzustrenge (...) Religionsmoral den armen Struensee zum Feind der Religion gemacht hat." Johann Wolfgang Goethe über J.F. Struensee

"...und wo bleibt Halle?"

Die Rezensenten und ihr Umgang mit der Geburts-, Jugend- und Studienstadt J.F.Struensees.

Film: Herrscher ohne Krone

"Die Geschichte des Altonaer Mediziners Johann Friedrich Struensee, der vom Leibarzt des dänischen Königs Christian VII. zum Geheimen Kabinettsminister aufstieg, mit der Gemahlin des psychisch labilen Monarchen eine Liebesbeziehung unterhielt, unter beider Protektion zahlreiche Reformen durchsetzte und nache einem vier Jahre währenden, leisen und hartnäckigen Kampf um die Herrschaft von Vernunft und Humanität auf dem Schafott endete, beginnt mit dem Auftritt seines siegreichen Kontrahenten, des Höflings und späteren `Staatsministers´ Ove Hoegh-Guldberg." Kristina Maidt-Zinke: Anprobe vor dem Seelenspiegel (Rezension des Romans `Der Besuch des Leibarztes´ von Per Olov Enquist), in: FAZ, 16.5.01. S.50

BIOGRAFIE

Johann Friedrich Graf von Struensee, Leibarzt Christians VIII., Aufklärer und dänischer Staatsmann. Geboren in Halle am 5.8.1737, hingerichtet in Kopenhagen am 28.4.1772.
Sohn des pietistischen Pastors Adam Struensee (1708-1791). Enkel Johann Samuel Carls, Leibarzt (1732-1742) Christians IV., König von Dänemark.
Halle: Schüler der Franckeschen Stiftungen, Aushilfe in der Medikamenten-Expedition, Student der Medizin. Dissertation 1757.

Per Olov Enquist
Der Besuch des Leibarztes, 2001

Rezensionen

Lutz Volke: Ein Seufzer der Vernunft,
in: Berliner Illustrierte Zeitung (11.2.01)

In seinem spannenden Roman "Der Besuch des Leibarztes" erzählt Per Olov Enquist die Geschichte des Mediziners Johann Friedrich Struensee.
Eine zeitgenössische Darstellung zeigt ein grausiges Bild: auf Wagenrädern liegen abgehackte menschliche Extremitäten, auf Stangen stecken zwei Häupter und Hände. Männer und Frauen in vornehmer barocker Kleidung betrachten mit hochgereckten Köpfen die makabre Szenerie. "Der ehemalige Graf Johan Frid. Struensee und Graf Enevold Brandt vorgestellt und abgebildet auf Rädern und Pfählen, d. 28. April 1772", lautet die Bildunterschrift. Am Morgen jenes Tages starben auf einem Schafott vor den Toren Kopenhagens zwei Edelleute, die zu den engsten Vertrauten des Königs zählten. Die Geschichte ist reich an derartigen Vorkommnissen. Was aber macht den Fall Struensee so interessant, dass er bis heute immer wieder als Vorlage für Abhandlungen, Dramen und Romane dient?
Der König jener Zeit hieß Christian VII., und er ist eine der markantesten Persönlichkeiten des dänischen Königshauses. Unter den Herrschern fällt er durch seine Zartheit auf, als empfindsamen, durchgeistigten Jüngling hat die Malerin und Goethe-Freundin Angelica Kauffmann ihn porträtiert. Und doch hat er ein Todesurteil unterschrieben, das mit einer kannibalischen Hinrichtungszeremonie endete.
Obwohl Christian VII. Jahrzehnte hindurch an der Spitze eines Großreiches stand, das von Altona bis zum Nordkap reichte, haftete ihm ein bedeutender Makel an. In einem dänischen Lexikon steht kurz und bündig: "Nach einer Auslandsreise Christians 1768 kam die Geisteskrankheit endgültig zum Ausbruch und verschlimmerte sich in den folgenden Jahren." Zu jener Zeit war der König 19 Jahre alt. War aber seine Geisteskrankheit wirklich festgeschrieben oder wurde sie ihm vom Hof anerzogen, um ihn hilflos zu machen? Die Auslandsreise jedenfalls, die ohne die erst siebzehnjährige Königin stattfand, sollte bestimmend werden für das Schicksal Struensees. Der wurde nämlich bestellt, um Christian als Leibarzt zu begleiten. Die Reise führte durch die Herrscherhäuser Europas, aber eigentlich war der König auf der Suche nach Stiefel-Caterine, einer Vertrauten aus einem Kopenhagener Hurenhaus. Ein zur Bewachung des Königs eingesetzter Berater hatte die Edelhure außer Landes geschickt.

Bartmann: Der Besuch, in: Deutschland Radio (Manuskript vom 18.2.01)

Baumgart: Das dunkle Licht, in: Die Zeit, 10/2001

Breitenstein: Schwarze Fackel der Vernunft, in: NZZ, 1.3.01

Halter: Alter Schwede, fit for fun, in: DER SPIEGEL 15/01

Hansen: Den danske revolution, in: Berlingske Tidende, 7.4.00

Heidbüchel: Machtvakuum, in: TAZ, 8.3.01

Jahn: Wirklichkeit (Interview), in: Kieler Nachrichten, 20.3.01

Levi: Mad Prince, in: Book Review, 30.12.01

Maurer, in: BRonline, 29.4.01

Volke: Seufzer der Vernunft, in: BIZ, 11.2.01

Siblewski: Tollhaus der Geschichte, in: Die Welt, 17.2.01

LITERATUR

E.v.Hohenheim: Karoline Mathilde, Königin von Dänemark (1824) I H. Franck: Kanzler und König (1926) I Robert Neumann: Struensee (1935) I E.W. Möller: Der Sturz des Ministers (1937) I E. Maas: Der Arzt der Königin (1950) I Per Olov Enquist: Der Besuch des Leibarztes (2001)

Die Königin
Auf der langen strapaziösen Reise wurde der Altonaer Arzt Struensee in Ermangelung einer tröstenden Seele zum Vertrauten, zumal Herrscher wie Mediziner leidenschaftliche Anhänger der Aufklärungsidee waren. In Paris wollte Christian mit Voltaire zusammentreffen. Das klappte zwar nicht, aber der dänische König führte mit Diderot und den anderen Enzyklopädisten einen Disput und verblüffte sie durch seine Scharfsichtigkeit. Geisteskrank?
Der König und sein Leibarzt waren Geistesverwandte. Infolgedessen beging Struensee einen verhängnisvollen Fehler: Er verließ nicht in Altona die königliche Kutsche, sondern begleitete Christian an seinen Hof. Der war wohl der verkommenste unter den Herrscherhäusern. Die Staatsschulden waren immens, die Intrigen- und Vetternwirtschaft groß. Ganz zu schweigen von Vergnügungssucht und Hurerei. Hatte nun Struensee als Aufklärer und in Anbetracht seines Einflusses auf den König nicht die Pflicht, das Licht der Vernunft in das rückständige, verarmte Land zu tragen?
Das ist der Ansatzpunkt für Per Olov Enquist, der in seinen Romanen ("Die Ausgelieferten", "Auszug der Musikanten", "Kapitän Nemos Bibliothek") häufig reale Vorkommnisse nutzt, um historische Fakten und Fiktion phantasievoll zusammenzuführen. Johann Friedrich Struensee ist für ihn der idealistische Weltverbesserer schlechthin. Und er war es wohl - entgegen frühen Darstellungen - tatsächlich. Kirche, Adel und Beamte hatten eine unbändige Wut auf ihn. Und diese Kreise verstanden auch im Volk den Zorn auf den Deutschen zu schüren, der das Land mit reformerischer Unruhe überzog. Der im Zeichen des Absolutismus gekrönte Christian VII. war regierungsuntüchtig geworden. Er spielte auf dem Fußboden mit seinem Negerknaben Moranti, während Struensee am Schreibtisch des Regenten die Regierungsgeschäfte führte, Meinungs- und Pressefreiheit verkündete und die Folter abschaffte. Das erregte 20 Jahre vor der Französischen Revolution Aufsehen in Europa. Voltaire feierte Christian - in Unkenntnis des wahren Urhebers - als Licht des Nordens.
Die Liebesgeschichte mit der Königin, die Struensee schließlich zum Verhängnis wurde, setzt erst nach der Hälfte des Buches ein. In früheren literarischen Darstellungen stand das pikante Dreiecksverhältnis zwischen König, Königin und Leibarzt oft im Mittelpunkt. Obwohl es gar kein Dreieckverhältnis im eigentlichen Sinne war. Die unglückliche englische Prinzessin Caroline Mathilde war im Alter von fünfzehn Jahren mit Christian verheiratet worden. Christian hat sie - laut Enquist - nur ein einziges Mal "gedeckt". Immerhin wurde ein Erbprinz geboren. Das zweite Kind der Königin, ein Mädchen, stammte von Struensee. Christian wusste es und tolerierte es, ja, es schien, als habe er seinen Leibarzt gedrängt, ihm die ehelichen Pflichten abzunehmen. Die "Herabwürdigung seiner Majestät" und ein konstruierter Mordplan gegen den König waren dann aber der offizielle Grund, Struensee aufs Schafott zu bringen und seinen Vertrauten Brandt gleich mit.
Der in Kopenhagen lebende schwedische Schriftsteller Per Olov Enquist ist ein leidenschaftsloser und ein leidenschaftlicher Berichterstatter zugleich. Leidenschaftslos referiert er die historischen Fakten, an ihnen ist sowieso nichts mehr zu ändern. Leidenschaftlich wird er dort, wo es um das Engagement eines Menschen geht, sei es in der Liebe oder für eine Idee. Dieser Roman ist ein Bekenntnis des 65 Jahre alten Schriftstellers zu einem so aufrechten Menschen wie Struensee, der als Intellektueller über die Fallstricke der Macht stolpern musste.
"Der Besuch des Leibarztes" ist kein Historienschinken, sondern - auch dank der hervorragenden Übersetzung - ein spannender Roman, bei dem aufschlussreiche Recherche europäischer Geschichte und sinnliche Darstellung von Lebensgeschichten eine literarische Einheit eingehen. Ein Roman voller Leidenschaft und ein Stoßseufzer der Vernunft in einer unvernünftigen Welt.

Andreas Breitenstein: Die schwarze Fackel der Vernunft.
Per Olov Enquists Roman "Der Besuch des Leibarztes", in: NZZ, 1. März 2001

Das marode dänische Königreich im Ausgang des Ancien Régime; ein halb schwachsinniger junger Regent in der Hand eines deutschen Leibarztes und Aufklärers, der seine revolutionären Ideale per Dekret durchpeitscht und obendrein als Geliebter der Königin ein Kind zeugt; Widerstand von Adel und Volk; Putsch, Folter, Hinrichtung. - Der schwedische Schriftsteller Per Olov Enquist ist keineswegs der Erste, der sich dieses irrlichternden historischen Stoffes angenommen hat. Die kometenhaft in die Sphären der Macht aufgestiegene und dort verglühte Gestalt des Johann Friedrich Struensee (1737-1771) hat seit dem frühen 19. Jahrhundert eine ganze Reihe von literarischen Bearbeitungen erfahren, wobei zum einen der Ehebruch, zum andern die Politik im Zentrum des Interesses stand. Die Usurpation von Herrschaft im Dienste des Guten indes rückte erst mit den tristen Erfahrungen dieses Jahrhunderts in den Vordergrund.
Wenn sich nun Per Olov Enquist dieser Tragödie der Freiheit annimmt, darf man Grosses erwarten. Der 1934 geborene Autor hat sich seit seinen Anfängen in den sechziger Jahren mit Romanen, Dramen und Essays als Archäologe ungestillter Vergangenheiten einen Namen gemacht. Enquists akribisch recherchierte und komplex komponierte, mittels Montage und Collage, Kommentar und Selbstreflexion als fortlaufende Verhandlung stets offen gehaltene historische Exkurse haben immer wieder den Nerv der Zeit getroffen - ob es nun um das Schicksal der grossen sozialistischen Utopie oder den Mythos der schwedischen Humanität ging. In Enquists Texten verbindet sich Ideologiekritik mit Trauer, Skepsis mit Einfühlung. An den Schlüsselszenen nordischer Geschichte interessieren den Autor insbesondere menschliche Grenzerfahrungen. Wo einer sich abhanden kommt, hakt Enquist ein: Das Beharren auf dem Nichtverstehen ist der Antrieb seines Schreibens.

Historische Meditation

Fast eher denn als Roman möchte man den "Besuch des Leibarztes" als Meditation bezeichnen. Mit Vorgriffen und Rückblenden, Einschüben und Leitmotiven umkreist der Text den Stoff, ohne im Ganzen die Chronologie aufzuheben. Enquist leuchtet das Geschehen in vielfacher Hinsicht explizit aus: individual- und sozialpsychologisch, historisch-politisch, kulturanthropologisch, ideengeschichtlich, existenziell. Hinzu kommen subkutane Deutungsmuster nach dem Alten und Neuen Testament sowie - unvermeidlich fast - nach Shakespeares "Hamlet".
Da ist zunächst das Drama des Kindkönigs Christian VII., der am Ende eines desaströsen moralischen Verfalls des dänischen Herrscherhauses steht. Kleinwüchsig und verwachsen, von labiler psychischer Gesundheit, ist Christian von seinen Erziehern systematisch entmündigt und seelisch zerbrochen worden. Seine Berufung ist ihm eine "ständige Qual", Scham sein "natürlicher Zustand": "Er war Gottes Auserwählter. Er stand über allem und war zugleich der Erbärmlichste." Vor der Verachtung des Hofs flüchtet sich Christian in Apathie, deren Aggressivität sich in periodischer Zerstörungswut nach aussen kehrt, sowie in einen apokalyptischen Wahn, in dem Verwechslungs- und Verschwörungstheorien, Ohnmachts- und Allmachtsphantasien zusammenlaufen. Sein Königsein begreift er als Theaterrolle,seinen Text als gottgegeben. Der Wunsch nach Selbstbestrafung verschmilzt mit dem Bedürfnis nach Rache: Die "Reinheit des Tempels" soll wieder hergestellt werden.

Tagtraum und Nachtmahr

Die arrangierte Heirat mit der dreizehnjährigen englischen Prinzessin Caroline Mathilde macht die Sache nicht besser. Zwar gelingt den verstörten Teenagern ein einziges Mal der gebotene Beischlaf (mit den erwünschten Folgen), doch ist die Ehe von Beginn an zerrüttet. Caroline Mathilde will kein "Zuchttier" sein, Christian in seiner Melancholie verfällt der Onanie, bevor ihm mit der "Stiefel-Catherine" eine Prostituierte aus dem Kopenhagener Hafenviertel präsentiert wird, die ihn in seinem Anderssein erkennt. Sie wird für ihn fortan als utopische "Herrscherin des Universums" über dem "strafenden Gott" firmieren -auch nachdem sie durch eine Intrige ausser Landes geschafft worden ist. Allein ihrer Suche gilt denn auch Christians Plan einer "Bildungsreise" durch Europa mit grossem Gefolge. Ein junger, schweigsamer Arzt aus dem freigeistigen Altona soll ihn begleiten: Johann Friedrich Struensee.
So hebt alles an: ein Tagtraum und ein Nachtmahr der Vernunft, eine Vater-Sohn-Geschichte und ein Amour fou, der Machtkampf zweier Parvenus, die Emanzipationsgeschichte einer Frau. Struensee ist ein Mann der Praxis, die Versuchungen der Theorie liegen ihm ebenso fern wie jene der Macht. Doch wo es anfangs das Mitleid ist, das ihn an die Seite des "Jungen mit dem Frostschaden in der Seele" zieht, wächst das Bewusstsein der Auserwähltheit. Entscheidend ist die Begegnung mit den Enzyklopädisten in Paris: Diderots Beschwörung der einzigartigen Situation, als Mann der Aufklärung das natürliche Vertrauen eines Königs gewonnen zu haben. Und Voltaires Diktum, "dass die Geschichte manchmal, durch einen Zufall, einen einzigartigen Spalt in die Zukunft öffnet", durch den man sich hindurchzwängen müsse.
Es ist "eine Art Verantwortung", die Struensee einen Weg einschlagen lässt, von dem er weiss, dass er ihm nicht gewachsen sein wird - seinen Idealen und dem kleinen König gegenüber, auf den in Kopenhagen die "Wölfe" warten. Sein Auftauchen erscheint diesen als "nationales Unglück", und in der Tat sieht sich Struensee bald mit absoluter Macht ausgestattet. Er zögert nicht, das "verrottete Reich" auf den Kopf zu stellen mit Einführung von Presse- und Religionsfreiheit, Aufhebung der Leibeigenschaft, Abschaffung der Adelspfründe, Reform des Gesundheitswesens und vielem mehr. Auch Struensee handelt im Namen der Reinheit - und diese schliesst selbst Gewalt gegen die Feinde aus. Sein Spiel ist lebensgefährlich, und er weiss es. Im Zentrum seiner Selbstsicherheit lauert die Angst.
Der Verzicht auf allen Machiavellismus und die Ménage à trois werden Struensee das Genick brechen. In der Königin lässt Enquist ihn eine in ihrer Fremdheit Verwandte erkennen. Während Christian mit seinem Negerpagen und seinem Hund Kinderspiele treibt, kommt es im Zeichen eines neuen Lebenshungers und Körpergefühls zum grösstmöglichen Vergehen an der Würde des Königtums. Es ist eine Revolte des Sexus, und diese wirft ein Schlaglicht auf die Aporie der Aufklärung, Selbstbestimmung und Kontrolle, Gefühl und Vernunft, Theorie und Praxis zur Deckung zu bringen. Was im englischen Garten als technische Vollendung der Natur ästhetisch aufgehen mag, bedroht die Gesellschaft. Tief im Inneren der Maschine unfähig, die Mechanik des Ganzen zu erkennen, beginnen die Befreiten gegen ihre neue Freiheit zu rebellieren.
Es ist die Stunde, da Struensees reaktionärer Gegenspieler Guldberg, der Informator von Christians debilem Halbbruder, aus dem Hintergrund tritt. Als Sohn eines Leichenbestatters ein Emporkömmling wie Struensee, vorzeitig gealtert und körperlich missgestaltet, ist auch er ein Mann der Reinheit, jedoch einer, der sich von Gott berufen fühlt, die Würde des Königtums selbst des geisteskranken Regenten zu verteidigen. Als Taktiker der Macht besitzt Guldberg das, was Struensee abgeht: Geduld, Kälte, Zynismus. In der Dekadenz des Hofes erkennt er ebenso das Böse wie im Humanismus der radikalen Aufklärer. Die neue Gleichheit sieht er in Chaos enden. "Sie redeten vom Licht (. . .) Aber aus ihren Fackeln fiel nur Dunkel." Dass seine Gegner sich "das klare politische Spiel von der Leidenschaft verdunkeln liessen", macht er sich als Schwäche zunutze. Doch hat auch er die Versuchung kennengelernt - in der "kleinen englischen Hure" und der Sehnsucht nach ihrem sündhaft-heiligen Körper. "Das erregte ihn, und er hasste seine Erregung."

Mythische Pole

Der Rationalist und der Gläubige, der Suchende und der Vollstrecker, der Lebensfromme und der Entsagende - mächtig wie einst Dostojewski in seinem "Grossinquisitor" setzt Enquist mit Struensee und Guldberg zwei Figuren in Szene, die für die mythischen Pole menschlicher Existenz zwischen Religion und Vernunft, Tabu und Freiheit stehen. Beide sind sie unbestechlich, beide treffen sie sich in der Pflicht gegenüber einer höheren Idee - und über beide geht am Ende die Historie hinweg. Was beide trennt, ist der Glaube an die Möglichkeit, Geschichte zu gestalten: Wo Struensee futuristisch vorprescht und als "Schreibtischtäter" endet, hilft Guldberg dem Lauf der Dinge effizient nach. Ironischerweise ist die Demenz des Königs der Raum, in dem beider progressive und restaurative Utopie blüht.
"Der Besuch des Leibarztes" ist kein moralischer Traktat. Enquist unterlässt es konsequent, Partei zu ergreifen. Der Komplexität dient der Gebrauch unterschiedlichster historischer Quellen (von Porträts über Schriftstücke bis zu diplomatischen Noten), aber auch das ständige auktoriale Räsonnement. Dass diese Metaebene da und dort interpretatorisch forciert und sprachlich überdeterminiert erscheint, mag man dem Text vorhalten - etwa wenn der Autor die sich sexuell bewusst werdende Königin im Jargon der Kulturanthropologie denken lässt, sie sei ein "Jucken am Glied des Hofes". Höchstes Lob gebührt dem Übersetzer Wolfgang Butt. Dass Enquist ein erfahrener Theaterautor ist, kommt dem Roman vielfach zugute: Aufs Essenzielle reduziert erscheint das epische Moment, die Figuren sind konsequent modern gehalten, die Szenen setzen in Dialog und Handlungsführung ein Glanzlicht nach dem andern. Jede einzelne Nebenfigur (wie Struensees Freund Brandt, der Aufklärung hedonistisch als "Sex, Rausch und Flötenmusik" begreift) ist ein Wurf, wobei sich die dramatis personae in ein subtiles System von Spiegelungen fügen.
Wie das Gute durchsetzen, ohne zu den Mitteln des Bösen zu greifen? - Per Olov Enquists Roman ist ein elegischer Abgesang auf das 20. Jahrhundert und seinen demiurgischen Traum von der Weltvollendung. Wo es sich dem Prinzipiellen ergibt, verwandelt sich das Licht der Aufklärung in jene "schwarze Fackel der Vernunft", wie sie der Irrsinn König Christians verkörpert. Ohne das vermittelnde Spiel der Politik gerät der utopische Moralismus leicht zum Desaster. Der Preis des letzten utopischen Liebessommers auf Schloss Hirschholm ist ein Blutbad. Es ist die Ästhetik des Untergangs in Reinheit, die Struensee am Ende leitet, sich von Guldbergs Schergen wie ein Lamm zur Schlachtbank führen zu lassen. Doch da ist jemand, der gelernt hat, den "Hebel am Haus der Welt" anzusetzen. Eine Frau ohne Eigenschaften sollte sie sein - und wuchs als Liebende in einen anderen Zusammenhang hinein: Caroline Mathilde und ihre Zivilcourage weisen den Weg in die Zukunft. Und so ist "Der Besuch des Leibarztes" zuletzt auch ein feministischer Roman.
>> Seitenanfang
Hans Halter: Ein alter Schwede, fit for fun, in: DER SPIEGEL 15/2001

Die Lebensgeschichte des Arztes und Frauenhelden Struensee plündert der Dichter Per Olov Enquist in seinem neuen Roman - mit dem realen Vorbild hat sein Held wenig zu tun.
Die Stimmung auf dem Richtplatz war heiter und erwartungsfroh. 30.000 neugierige Dänen hatten sich zum Osterfeld aufgemacht, draußen vor den Toren Kopenhagens. Alle hatten eine gute Sicht auf das Blutgerüst, damals, am 28. April 1772, auch die Kinder.
"So soll seine rechte Hand und darauf sein Kopf ihm lebendig abgehauen werden", hatte die Inquisitionskommission über das ritualisierte Procedere der Hinrichtung beschlossen, "sein Körper geviertheilet und aufs Rad geleget, der Kopf mit der Hand auf einen Pfahl gestecket werden."
Dann stieg Johann Friedrich Graf Struensee aus der Kutsche. Der 34-Jährige trug einen blau samtenen Anzug, darüber einen kostbaren Pelzrock. Sein langes, blondes Haar bedeckte ein schwarzer Hut, den er höflich lüftete, denn die meisten der Herren Zuschauer an der Richtstatt kannte Struensee gut. Schließlich war der Delinquent noch vor drei Monaten der einzige "Geheime Kabinettsminister" seiner Majestät gewesen - und damit der mächtigste Mann im Staate Dänemark.
Als wisse er von seinem frühen Tod, hatte Struensee in knapp anderthalbjähriger Amtszeit mehr als 1800 Kabinettsorders erlassen, alle in deutscher Sprache: den Frondienst der Bauern eingeschränkt, die Pressefreiheit verkündet, die Folter abgeschafft, Schulwesen, Krankenhäuser und Universitäten reformiert, uneheliche Kinder vor dem Gesetz gleichgestellt, Kirchen in Hospitäler umgewandelt und - als alle Herrschenden ihm schon Feind waren - auch noch das Volk verprellt durch ein Verbot des Schnapsbrennens.
Nebenbei, gewöhnlich um die Mittagsstunde, hatte der Pastorensohn Struensee zudem Zeit gefunden, der Königin beizuwohnen. Als sie, im Juli 1771, mit einer Tochter niederkommt, entbindet er seine Geliebte selbst, Arzt ist der Kavalier ja auch.
Sein letztes Wort ist nicht überliefert. Strittig ist auch, ob der Atheist im Angesicht des Richtblocks zu Gott gefunden hat, wie die Kleriker später behaupteten. Man weiß nur, dass der Henker kein Meisterstück zu Wege brachte und seine Knechte Mühe hatten, den starken Deutschen festzuhalten. Im Schinderkarren fuhr man den gevierteilten Leib zum Kopenhagener Galgenberg. Das Volk verlief sich, es war zufrieden, Struensee war tot.

In Wahrheit scheint Johann Friedrich Struensee aus Halle an der Saale jedoch unsterblich. Mehr als 600 literarische Bearbeitungen hat sein Leben erfahren, Bänkelsänger haben sich seiner angenommen, die Filmfritzen ("Herrscher ohne Krone", 1957) - und nun auch der Schwede Per Olov Enquist, einer der bedeutendsten Romanciers in Skandinavien.
"Der Besuch des Leibarztes" heißt das neueste Werk des Dichters, und sein deutscher Verlag rühmt es als "psychologisches Drama um Politik, Macht und Liebe". Die Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" greift gleich in die Kiste mit den Superlativen und lobt: "Ein großes Buch, ein mächtiges Buch, souverän und selbstbewusst überragt es die landläufige Produktion der Belletristen." Deshalb sei Per Olov Enquist der wahre Anwärter für den nächsten Literatur-Nobelpreis.

Struensee beschrieb als Erster die - später so benannte - Maul- und Klauenseuche

Zumindest hat der alte Schwede, er steht im 67. Lebensjahr, die dichterische Freiheit souverän ausgeschöpft. Mit den biografischen Einzelheiten seines Helden geht er großzügig um - lieber eine Wahrheit verlieren als eine Pointe. Ein Roman ist ein Roman?
Zwar darf Fiktion alles, und doch schimpft Stefan Winkle, 89, Medizinprofessor in Hamburg und der Struensee-Kenner schlechthin, über einen "Kulturskandal". Winkle hat 40 Jahre seines Lebens hingegeben, um die verwehten Spuren seines Helden aufzuspüren. Sein dickleibiges Buch - "Johann Friedrich Struensee. Arzt, Aufklärer und Staatsmann", 1983 erschienen, Auflage: 2000 Stück - enthält allein 2178 Anmerkungen, ist von den Medizinhistorikern hoch gelobt worden, beantwortet jede Frage, ist längst vergriffen und wird wohl nie wieder aufgelegt werden. "Dieser Enquist", grummelt Winkle, "hat mein Buch niemals in der Hand gehabt."
Muss er ja auch nicht. Details über Struensees königlichen Sex mit Ihrer dänischen Majestät Caroline Mathilde, 18, findet man beim Biografen Winkle sowieso nicht. Beim Dichter Enquist liest sich das so:
"Er konnte vollkommen still liegen, lange, sein Glied tief in ihr, und ihren Schleimhäuten lauschen, als seien ihre Körper verschwunden und als gäbe es nur ihr und sein Geschlecht ... Sie bewegte ihren Unterleib fast unmerklich, unendlich langsam, er tastete mit seinem Glied in ihr, als wäre es eine empfindliche Zungenspitze, die nach etwas suchte ..."
Aber es nicht findet, denn die Liebe geht immer so weiter - "unerhörter Genuss ... niemals etwas Ähnliches erlebt".
Glaubt man Romancier Enquist, probiert die Königin ihre Reize auch an einem älteren bösen Dänen aus, diesmal die "Rundung ihrer Brüste", die "Brüste in ihrer ganzen Fülle", also ihre "fast entblößten Brüste". Dem Beschauer kommen die Tränen, und zwar aus "Gemütsbewegung".
"Dieses ganze Buch", urteilt Winkle, "ist die reinste Pornografie. Von Struensee stimmt nichts, aber auch gar nichts."

Das scheint Struensees Schicksal zu sein. Bevor sein Kopf unter das Beil geriet - der Henker hieb mehrfach zu - führte der Hochbegabte ein umtriebiges Leben, immer rebellisch gegen die hergebrachte Wissenschaft, allen Konventionen feindlich gesinnt und zu fast jedem Risiko bereit.
Struensee war 14 Jahre alt, als er in seiner Geburtsstadt Halle mit dem Medizinstudium begann, und 19 Jahre, als er es mit einer lateinischen Dissertation abschloss. Als 20-Jähriger, 1757, wurde er Stadtphysikus und Armenarzt in Altona. Die Hafenstadt an der Elbe hatte 20 000 Einwohner, sie war seinerzeit Dänemarks zweitgrößte Gemeinde.
Wie Ebbe und Flut kamen die großen Seuchen über die Stadt: Pocken, Ruhr, Fleckfieber, Diphtherie, Syphilis. Amtsarzt ("Physikus") Struensee tat mehr als üblich und war oft erfolgreich. Er bekämpfte Schmutz und Schlendrian im Waisenhaus und in den Hospitälern, den Aberglauben und die Doppelmoral. In Adelskreisen galt die Syphilis als "galante Kavalierskrankheit", für das gemeine Volk aber als "wohlverdiente göttliche Strafe an den Körpertheilen, mit denen man gesündiget", wie die Bußprediger urteilten. Struensee sah die Sache anders: "Es ist falsch zu glauben, was die einen thuen, sey Galanterie, und was die anderen thuen, sey Unzucht. Es giebt nur eine Moral, wie es auch nur eine Geometrie giebt."

Struensees Geliebte, die junge Königin, wurde ins Exil nach Celle überführt

Bei seinen Reisen in die ländliche Umgebung betätigt sich Physikus Struensee auch als Tierarzt. Er seziert verstorbene Tiere und publiziert 1764 einen "Versuch von der Natur der Viehseuche und der Art sie zu heilen": Es ist die weltweit erste Beschreibung der Maul- und Klauenseuche (die diesen Namen erst im 19. Jahrhundert erhält). Immerhin entwickelt Struensee eine richtige Methode, die ansteckende Seuche zu heilen - durch eine Schutzimpfung. 180 Jahre später wird sie zum ersten Mal und erfolgreich ausprobiert.
Dieser Struensee war eben, wie sein Verehrer Winkle sagt, "ein heller Verstandesmensch". An seinem Charakter sei nichts "Zwielichtiges oder Zweideutiges" gewesen, seine ärztliche Kunst über jeden Tadel erhaben. Als der dänische König Christian VII. 1768 einen Begleitarzt für seine Reise nach England sucht, fällt die Wahl auf den deutschen Untertanen.
König Christian ist 19 Jahre alt und, wie so viele Majestäten in Dänemarks Geschichte, verrückt. Er leidet an Schizophrenie und wird von Halluzinationen und Verfolgungswahn gequält. Während der Kabinettssitzungen spielt er unter dem Tisch mit seinem Hund und einem kleinen schwarzen Pagen. Vertraut man dem Romancier Enquist, so ist des Königs eigentliches Leiden das "Laster der Onanie":
Christians manische Art und Weise, seine Melancholie mittels dieses Lasters zu dämpfen, schwächte langsam sein Rückgrat, griff sein Gehirn an und trug zu der kommenden Tragödie bei. Manisch, stundenlang, versuchte er, einen Zusammenhang herbeizuonanieren oder seine Verwirrung wegzuonanieren.
Struensee, inzwischen Ehrendoktor in Oxford und Cambridge, wird in Kopenhagen zum Leibarzt ernannt. Er akzeptiert weder den religiösen Hokuspokus der "Besessenheit" noch die offizielle "Säftelehre" als Ursache für das psychische Leiden seines Patienten. Denn als Anhänger der Aufklärung liest er Voltaire, Rousseau und die französischen Philosophen, intellektuelle Rechtschaffenheit ist sein Leitstern. König Christian fasst zu dem ichstarken Doktor Vertrauen, bald ist Struensee sein einziger Freund.
Als er seinem Leibarzt auch noch die politischen Geschäfte anvertraut und die Hofaristokratie entmachtet, sammeln sich Verschwörer. Nach einem Maskenball verhaften Putschisten den deutschen Doktor. Mit zwei Ketten schmieden sie ihn in der Gefängniszelle an, Struensee ist 34 Jahre.
Seine Reformen, die viele soziale Krisen friedlich entschärften und so auf humane Art vorwegnahmen, was die Französische Revolution von 1789 nur mit viel Blut durchsetzte, wurden zumeist annulliert.
Struensees Geliebte, die junge Königin, arretierte man und ließ sie dann in das Exil nach Celle überführen. Von Struensee sprach sie als dem "seligen Grafen". Mit 23 Jahren starb sie, angeblich an einem "ansteckenden Fieber". Es kann aber, deutet Romancier Enquist an, auch Gift gewesen sein, beigebracht von der dänischen Regierung. Damit wird er wohl Recht haben, ausnahmsweise.

>> Seitenanfang
Christoph Bartmann: Der Besuch des Leibarztes, in: Deutschland Radio (Manuskript vom 18.2.2001)

Schwer lässt sich ein historischer Stoff denken, der romanhafter wäre als die Geschichte von Aufstieg und Fall des Leibarztes Friedrich Johann Struensee am königlichen Hof zu Kopenhagen. Kaum zwei Jahre, von 1770 bis 1772, dauerte das Regime des Reformers aus Altona, und wenn es Struensee auch nicht gelang, den Wahnsinn des Kindkönigs Christian VII. zu kurieren, so avancierte er doch binnen kurzem zum Liebhaber der Königin, der englischen Prinzessin Caroline Mathilde und zeugte mit ihr ein Kind, das der Volksmund "la petite Struensee" taufen sollte. Wer den König zum Patienten und die Königin zur Geliebten hat, darf auf politischen Einfluss hoffen. Struensee nutzte diesen Einfluss zu einer anderen Kur, einer Radikalkur am dänischen Staat und Hof. In mehr als 600 selbst verfassten und unterschriebenen Verordnungen revolutionierte er das feudale und marode Staatswesen auf eine so radikale Weise, dass ihn die herrschende Adelskaste zum Todfeind erkor und ihn schließlich mit Hilfe einer Intrige aufs Schafott beförderte. Doch selbst Struensees Feinde konnten nicht verhindern, dass jene Begebenheit am dänischen Hof als "Struenseezeit" in die Geschichte einging und von Voltaire bis Goethe die Geister erregte. Ein anderes Wort für "Struenseezeit" ist Aufklärung. Hätte Struensee seine Aufklärung nur etwas weniger kühn, rasch und rücksichtslos betrieben, dann hätte die europäische Geburtsstunde von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wohl schon 1772 in Kopenhagen geschlagen.
Per Olov Enquist, der große schwedische Romancier und Dramatiker, ist ein Fachmann für historische Dokudramen. Er sichtet die Quellen, erzählt, wie es war und wie es gewesen sein könnte und nimmt sich jederzeit die Freiheit zum Kommentar und zur Betrachtung. "Der Besuch des Leibarztes" ist weniger ein historischer Roman als ein literarischer Essay, ein Versuch der historischen Vergegenwärtigung mit erzählerischen Mitteln. Zu Enquists Freiheiten gehört, dass er erst nach 100 Seiten mit Struensees Geschichte beginnt. Wie kann es geschehen, möchte man zu diesem Zeitpunkt dringend wissen, dass ein junger, gänzlich unbekannter und obendrein noch deutscher Arzt zum mächtigsten Mann von Dänemark aufsteigt? Alles fängt damit an, dass der geistig verwirrte König auf einmal eine Europareise zu unternehmen wünscht; und das geht, darin sind sich seine Berater ausnahmsweise einig, nicht ohne Leibarzt:
"Nachdem der König den Raum verlassen hatte, waren Guldberg und Graf Rantzau zurückgeblieben. Rantzau hatte Guldberg gefragt, warum er so auffallend nachdenklich sei.
´Wir können die Reise des Königs ohne Sicherheitsmaßnahmen nicht zulassen', hatte Guldberg nach einer Weile des Zögerns gesagt. ‚Das Risiko ist allzu groß. Seine Nervosität...seine plötzlichen Wutanfälle...es würde unerwünschte Aufmerksamkeit erregen.'
‚Wir brauchen einen Leibarzt', hatte Graf Rantzau da vorgeschlagen. ‚Der ihn beaufsichtigen kann. Und beruhigen.'
‚Aber wer?'
‚Ich kenne einen sehr tüchtigen Arzt´', hatte Rantzau gesagt. ‚Gebildet, Praxis in Altona. Spezialist für Pockenimpfungen. Er ist Deutscher, die Eltern sind fromme Pietisten, sein Vater Theologe. Er heißt Struensee. Sehr tüchtig. Sehr tüchtig.'
‚Ein Freund?' hatte Guldberg mit ausdruckslosem Gesicht gefragt. ‚'Einer ihrer Protegés?'
‚Genau'.
‚Und von Ihren ... Aufklärungsideen beeinflusst?'
‚Ganz unpolitisch', hatte Rantzau erwidert. ‚Ganz unpolitisch. Spezialist für Pockenimpfungen und die Gesundheit der Glieder. Hat seine Dissertation über letzteres geschrieben.' (...)
‚Ein schöner Junge...vermute ich?'
Da war Rantzau plötzlich auf seiner Hut; weil er unsicher war, welche Bedeutung er der Frage beimessen sollte, antwortete er nur ausweichend, jedoch mit einer Kälte, die anklingen ließ, dass er die Insinuation nicht duldete:
‚Spezialist für Pockenimpfungen.'
‚Können Sie sich für ihn verbürgen?'
‚Ehrenwort!!!'
‚Ehrenworte pflegen Aufklärern leicht von den Lippen zu gehen.'
Ein eiskaltes Schweigen war eingetreten. Schließlich hatte Guldberg dieses gebrochen und mit einem seiner seltenen Lächeln gesagt:
‚Ein Scherz. Selbstverständlich. Sagten Sie...Struensee?'
So fing alles an."
Bevor alles anfängt, hat Enquist seine Leser aber schon tief in eine Welt hineingeführt, die fremder, erschreckender und surrealer nicht sein könnte. Er hat dem Leser die Charakterbilder von vier Personen geliefert, ohne deren Tun und Lassen die merkwürdige Mission des Leibarztes ebenso wenig zu verstehen wäre wie ihr Scheitern. "Der Keltertreter" nennt er den ersten, es handelt sich um den nachmaligen Staatsminister Ove-Hoegh Guldberg, Struensees Intimfeind, der den Parvenu schließlich mit einer Intrige zur Strecke bringt. Es folgt "der Unverwundbare", König Christian VII., die Marionette des Adels, der Mann, der seine Gefühle einstudiert und darbietet wie ein Automat. "Das englische Kind" heißt das Kapitel über Caroline Mathilde, die Königin; "Sie war am 22. Juli 1751 in Leicester House in London geboren und hatte keine Eigenschaften", schreibt Enquist lapidar. Und schließlich gibt es noch die "Herrscherin des Universums", wie sie im königlichen Wahnsystem tituliert wird: die "Stiefel-Caterine", die Geliebte des Königs, eine Prostituierte und schon vor dieser Bekanntschaft "die berüchtigtste Person in Kopenhagen".
Das also ist die Welt eines kleinen europäischen Hofes im Ancien Régime, von dem seit Hamlets Taten und Tagen die Rede geht, dass seine Prinzen mehr oder weniger verrückt seien. Nun ist der erbliche Wahnsinn in europäischen Königshäusern keine Seltenheit; England liefert mit der zeitgleich aufflackernden "Madness of King George" ein ähnlich grelles Exempel. Was den Wahnsinn Christians VII. angeht, wirft Enquists Darstellung die Frage auf, was davon zu Lasten des Erbguts geht und was die Folge einer schwarzen Pädagogik ist, die darauf zielt, den Kronprinzen mit "scharfen Examinationen" und "scharfen Verhören" gefügig zu machen. Der Wille des Königs muss, sofern vorhanden, planmäßig gebrochen werden; seine Apathie und sein Verfall sollen nicht etwa therapiert, sondern, im Gegenteil, durch die Therapie herbeigeführt werden. Aber all diese Prozeduren des Überwachens und Strafens können nicht verhindern, dass der junge König, kaum dass er als Siebzehnjähriger den Thron bestiegen hat, vom Virus der Aufklärung befallen wird. Reverdil, sein Schweizer "Informator", also Erzieher, ist mit seinen Idealen den Reaktionären am Hof naturgemäß ein Dorn im Auge.
"Mit großer Vorsicht hatte Herr Reverdil versucht, ins Bewußtsein des Thronfolgers einige der Keime einzupflanzen, von denen er als Aufklärer wünschte, sie trügen Früchte. Als der Junge neugierig fragte, ob es nicht möglich sei, mit einigen der Philosophen, die die große französische Enzyklopädie geschaffen hatten, zu korrespondieren, hatte Reverdil geantwortet, dass ein gewisser Herr Voltaire, Franzose, sich vielleicht für den jungen dänischen Thronfolger interessieren könne. Christian hatte daraufhin einen Brief an Herrn Voltaire geschrieben. Er bekam eine Antwort.
Auf diese Weise ist der für die Nachwelt so bemerkenswerte Briefwechsel zwischen Voltaire und dem geisteskranken dänischen König Christian VII. entstanden; er ist vor allem durch das Preisgedicht bekannt, das Voltaire 1771 auf Christian schrieb, dem er darin als Fürsten des Lichts und der Vernunft im Norden huldigt. Das ihn eines Abends in Hirschholm erreichte, als er schon verloren war; aber das ihn glücklich machte.
Einem seiner Schreiben hatte Herr Voltaire ein Buch beigefügt, das er selbst geschrieben hatte. Auf dem Nachmittagsspaziergang hatte Christian (...) diesem das Buch gezeigt, das er sofort gelesen hatte, und einen Abschnitt daraus zitiert, der ihn besonders angesprochen hatte: ‚Aber ist es nicht der Gipfel des Wahnsinns, zu glauben, man könnte Menschen bekehren und ihre Gedanken zur Unterwerfung zwingen, indem man sie verleumdet, verfolgt, auf Galeeren verbannt und versucht, ihre Gedanken auszurotten, indem man sie zu Galgen, Rädern und Scheiterhaufen schleppt?' ‚So denkt Herr Voltaire!' hatte Christian triumphierend ausgerufen, ‚Das ist seine Meinung! Er hat mir das Buch gesandt. Mir!!!"
Ein seltsames Ideendrama ist es, das Enquist da ans Licht bringt Zur objektiven Ironie des Geschehens gehört es, dass der oberste Verfechter der Aufklärung, der Monarch persönlich, von schweren Wutanfällen heimgesucht wird, in deren Verlauf er das Mobiliar zertrümmert und Fensterscheiben einschlägt - um davon zu schweigen, dass er sich, sobald ihn das Licht der Vernunft verlassen hat, am liebsten mit seinem schwarzen Pagen balgt und dass er seine Angst vor dem weiblichen Körper einzig und allein in den Armen der Stiefel-Caterine überwinden kann. Im Innersten des strengen höfischen Reglements herrscht das blanke Chaos: ein unzurechnungsfähiger Herrscher, gehetzt von Furien und dressiert von seinen Beratern, unwillig zu regieren oder die Ehe zu vollstrecken, hat für die Menschenrechte Feuer gefangen. Der König ist schwach, er ist ein Vakuum. Wer es füllt, dem gehört der Staat und die Königin gleich dazu.
Johann Friedrich Struensee, wie Enquist ihn zeichnet, muss unter den Schranzen und Geisteskranken am Kopenhagener Hof der erste Mensch gewesen sein, der erste Mensch jedenfalls einer neuen Zeitrechnung, ein rationales, empfindsames, körperlich befreites Individuum, und noch dazu ein "schöner Mensch", wie sein Gegenspieler Guldberg argwöhnisch vermutete. Wer anders sollte der Arzt am Krankenbett der verkommenen Monarchie sein? "Du als Arzt", hat Graf Rantzau dem widerstrebenden Struensee zugerufen, "könntest auch Dänemark gesund machen. Dänemark ist ein Tollhaus. Der König ist begabt, aber vielleicht...wahnsinnig. Ein kluger, aufgeklärter Mann an seiner Seite könnte in dem Scheißhaus Dänemark ausmisten." "Jung, schweigsam, zuhörend", so wird Struensee beschrieben, ein Mann, so frei von Konventionen und überlieferten Denkweisen, dass man sich fragt, ob Enquist anstelle des historischen Struensee nicht einen Boten aus der Zukunft ins dänische Ancien Régime hineingeschleust hat.
"‚Sie sind in Altona geboren?' hatte Christian anschließend gefragt.
‚In Halle. Aber ich bin sehr früh nach Altona gekommen.'
‚Es heißt', hatte Christian gesagt, ‚dass es in Altona nur Aufklärer und Freidenker gibt, die die Gesellschaft stürzen, in Schutt und Asche legen wollen.'
Struensee hatte nur kurz genickt.
‚Stürzen!!! Die bestehende Gesellschaft!!!'
‚Ja, Majestät', hatte Struensee gesagt. ‚So sagt man. Ein europäisches Zentrum der Aufklärung, sagen andere.'
‚Und was sagen Sie, Doktor Struensee?' (...)
‚Ich bin ein Aufklärer', hatte er gesagt, ‚aber vor allem Arzt. Wenn Majestät es wünscht, kann ich auf der Stelle meinen Dienst beenden und zu meiner üblichen Arbeit als Arzt zurückkehren.' (...)
‚Haben Sie nie den Tempel säubern wollen, Doktor Struensee, von den Unzüchtigen?' hatte er leise gefragt.
Darauf war keine Antwort erfolgt. Aber der König hatte weiter gefragt:
‚Die Händler aus dem Tempel vertreiben? Zerschlagen? Damit alles sich aus der Asche erheben kann, wie ... Phoenix?'
‚Majestät kennen Ihre Bibel', hatte Struensee abwehrend gesagt.
‚Glauben Sie nicht, dass es unmöglich ist, Fortschritte zu machen! FORTSCHRITTE! Wenn man sich nicht hart macht und ...zerschlägt...alles, so dass der Tempel...."
"Europa war entsetzlich", heißt es über Struensees erste Reise als Leibarzt. "Man glotzte Christian an". Immerhin kommt es am 20. November 1768 zu einer wahrhaft denkwürdigen Begegnung in Paris: die gesamte Redaktion der großen Enzyklopädie, Männer wie d'Alembert und Diderot, machen dem neunzehnjährigen Dänenkönig die Aufwartung. "Es war", schreibt Enquist, "vielleicht der größte Augenblick in seinem Leben." Es folgen neue Wutausbrüche; dem König ist, das weiß auch bald sein Arzt, nicht zu helfen. Um so mehr aber der Königin: an ihr wird der schöne Begriff des "Leibarztes" neben der medizinischen und der politischen seine dritte, nämlich sexuelle Bedeutung erhalten, und sie wird Struensee den Kopf kosten, denn -
"Die Königin war ja verboten, und Frau. Daher wußte sie instinktiv, dass die Männer geradewegs durch ihre Kleider hindurchblickten, und den Körper sahen, den sie jetzt mochte. Sie war sicher, dass sie wünschten, in sie einzudringen, und dass in dem, was da lockte, der Tod war. Das Verbotene existierte. Es strahlte direkt durch den Panzer hindurch. Sie war das Allerverbotenste, und sie wusste, dass die sexuelle Zone um sie herum unwiderstehlich war. (...)
Sie dachte sehr viel daran. Es erfüllte sie mit einer eigentümlichen Exaltation, dass sie der heilige Gral war und dass, wenn der heilige Gral erobert war, dies ihnen den allerhöchsten Genuß bringen würde, und den Tod."
Es ist diese unmögliche ménage à trois mit einem Königspaar, die Struensees Geschichte mit zunehmender Dauer eine furchtbare Fatalität verleiht. Zum königlichen Wahn tritt, ebenso gebieterisch, das Begehren seiner Gemahlin. Der König hat sein komplettes Kabinett entlassen, hat Struensee zum Königlichen Vorleser und seinen Schnauzer Vitrius zum Reichsrat ernannt. Und er hat Struensee befohlen, sich der Königin anzunehmen und endlich ihre "Melancholie zu lindern". Und dies alles vollzieht sich vor den Augen und Ohren wachsamer Beobachter, die jeden Reitausflug mit Struensee der erzürnten Königinwitwe und Guldberg, ihrem Getreuen, rapportieren. Gibt es einen symbolischeren Ort für die körperliche Vereinigung als die Hütte im holsteinischen Ascheberg, die der Aufklärer Graf Rantzau inmitten seines Parks für einen Besuch Rousseaus errichten ließ, der nie zustande kam? "An jenem Tag", so könnte man mit Dante sagen, ""lasen sie nicht weiter", denn dem königlichen Vorleser fällt sein Buch buchstäblich aus der Hand, als die Königin ihn mit Worten drängt, das Verbotene zu tun und die Grenze zu überschreiten. Die Rache Alteuropas für diesen Frevel wird, man ahnt es, fürchterlich sein. Nur einen Sommer lang darf sich das unmögliche Paar lieben, und nur einen Sommer lang atmet Kopenhagen die neue Freiheit von Struensees eiligen Dekreten. In diesem kurzen Sommer der dänischen Anarchie, als die königlichen Parks noch nachts den Liebespaaren offen stehen, hat sich die Stadt, wie es scheint, in ein anakreontisches Idyll verwandelt. Enquist widmet der sexuellen Erfüllung, dem körperlichen Glück seines Paares breiten Raum, und man muß ihn rühmen, wie unpeinlich ihm dieser Lobpreis der Sinnlichkeit gerät. Die Sexualität, so scheint es, ist von den Utopien des Reformers die konkreteste, und fast möchte man bei Enquist in Struensee einen frühen Vorläufer von Herbert Marcuse erblicken. Doch Vorsicht, es wartet erst noch einmal der kalte Wind der Reaktion. Oder ist die Reaktion vielleicht gar nicht kalt, sondern glüht mit gleicher Leidenschaft, nur eben für den Status Quo?
"Guldberg war (...) ein leidenschaftlicher Mensch. Er haßte die englische Hure mit einer Intensität, die vielleicht die Leidenschaft des Fleisches war. Als die Nachricht von ihrer Lasterhaftigkeit ihn erreichte, war er von einer rasenden Erregung ergriffen worden, wie er sie noch nicht erlebt hatte. Der Körper, von dem der König, der von Gott Ausersehene, Gebrauch machen sollte, wurde nun von einem schmutzigen deutschen Glied durchbohrt. Die größte Unschuld und Reinheit vereinigten sich mit dem größten Laster. Ihr Körper, der heilig war, war nun die Quelle der größten Sünde. Das erregte ihn, und er hasste seine Erregung."
So pathologisch kann das Gemütsleben eines Gegenaufklärers sein. Aber Enquist ist viel zu klug, um für Struensees Ende, für diese Katastrophe der Aufklärung kurz vor ihrem Durchbruch, allein die Winkelzüge und Gemeinheiten seiner Gegner verantwortlich zu machen. Woran ist Struensees Revolution gescheitert? Nicht zuletzt an fehlendem Wirklichkeitssinn. Man verwandelt eben nicht ungestraft ein feudales Staatswesen in ein Labor des mechanischen Materialismus, und man schläft nicht einmal in Rousseaus Hütte ungestraft mit seiner Königin. Struensee, der "Schweigsame", der Staats- und Leibarzt, war kein Politiker und, schlimmer noch, kein Psychologe. Er war kein Realist, sondern, mit einem modernen Begriff bezeichnet, ein Ideologe. Anders als anderen Ideologen ist es Struensee aber nie gelungen, die Massen für seine Ideen zu mobilisieren; er war und blieb ein Revolutionär von oben. Nirgendwo wird das in Enquists Roman deutlicher als in dem Bericht von Struensees Reise zu den leibeigenen dänischen Bauern. Er erlebt mit, wie ein sechzehnjähriger Junge wegen einer versuchten Flucht zu Tode geprügelt wird und sucht fassungslos, doch ohne einzugreifen, das Weite. Der "Schweigsame" sucht nicht den Kontakt mit den Menschen, er wirbt nicht, er erklärt nicht - er kuriert einfach, und das letztlich erfolglos. Struensees Revolution ist, das legt Enquist nahe, auch an Struensee selbst gescheitert.
Und woran liegt es, dass den Leser Per Olov Enquists Roman-Bericht von dieser weit zurückliegenden Episode derart packt, dass man das Buch nicht aus der Hand legen mag, bis der letzte Kopf gerollt ist? Sicher trifft es zu, dass der Roman die Schaulust des Publikums befriedigt. Wann hat man uns zuletzt einen so bunten Bilderbogen aus so finsteren Zeiten präsentiert, mit einer solchen Vielzahl infamer, verrückter, exzentrischer Persönlichkeiten? Aber der kulturhistorische Nervenkitzel ist nicht alles. Es geht in Enquists Roman um nicht mehr und nicht weniger als um die Frage, unter welchen Umständen der "Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit" (Kants Wort steht als Motto vor dem Roman) gelingen kann oder scheitern muss. Was bleibt von der Struenseezeit? Vielleicht nicht "die Biologie, nicht die Handlungen", wie Enquist seinen Helden in der Todeszelle spekulieren lässt, "sondern ein Traum von den Möglichkeiten des Menschen, dieses Allerheiligste und am schwersten Greifbare, das da war wie ein beharrlich nachklingender Flötenton und das sich nicht abschlagen ließ.

>> Seitenanfang

Liv Heidbüchel: Machtvakuum mit Vampiren drin
Psychotisch, tragisch, irr: Per Olov Enquists Roman `Der Besuch des Leibarztes´, in: TAZ, 8.3.01

Nach Kapitän Nemos Bibliothek wollte er keinen Roman mehr schreiben. Glücklicherweise überlegte er es sich noch einmal anders. Als Der Besuch des Leibarztes 1999 in Schweden erschien, überschlugen sich sowohl Presse als auch Leserschaft. Per Olov Enquist zählt seit vielen Jahrzehnten zu den absolut herausragenden schwedischen Autoren, wovon man sich dank der gewohnt makellosen Übersetzung von Wolfgang Butt auch hierzulande abermals überzeugen kann. Kapitän Nemos Bibliothek erzählt die tragische Geschichte von zwei Jungen, die bei ihrer Geburt verwechselt und nach einigen Jahren zurückgetauscht werden - ein Thema, das sich auch im Leibarzt wiederfindet. Als König von Gottes Gnaden tritt Christian VII. 1766 die dänische Thronfolge an, glaubt aber ständig, ein vertauschter Bauernsohn zu sein. Enquist zeichnet ihn als hochsensiblen Jungen, der unter der Last des Regierenmüssens zerbricht.
Systematisch getrieben von den Herrschaftshungrigen am tollhausgleichen Hof, stürzt Christian immer tiefer in einen psychotischen Zustand, während sich andere im entstehenden Machtvakuum ausbreiten. Weniger aus Eigennutz als aus seiner Verpflichtung gegenüber dem aufklärerischen Ideal schlüpft Christians Leibarzt Johann Friedrich Struensee in den sich öffnenden "Spalt der Geschichte". Dass der Altonaer Arzt Christians Vertrauen gewinnt, macht ihn bei den inoffiziellen Regenten nicht gerade beliebt. Noch weniger tun das die Hunderte von Schreibtischdekrete, mit denen Struensee in kürzester Zeit die so genannte "dänische Revolution" in Bewegung schreibt. Eine Bewegung für das unterdrückte und dem Leibarzt doch so unbekannte Volk, die ein Ende hat, bevor sie in der Wirklichkeit angekommen ist. Ernsthaft kritisch wird die Situation nämlich, als die weibliche Hauptfigur in diesem Königsdrama auftritt. Die blutjunge englische Königin Caroline Mathilde entpuppt sich von einem Mädchen ohne Eigenschaften zu einer jungen Frau, die ihren Weg durchaus kennt: Struensee wird ihr Geliebter. "Sie hatte keine Angst, und das füllte ihn mit einer plötzlichen Furcht."
Aber nicht nur die verbotene Liebschaft mit der Königin und sein freisinniger Geist werden Struensee zum Verhängnis: Sein Besuch endet 1772 nach nur vier Jahren vielmehr an seiner fatalen Unlust am "großen Spiel der Macht". Ohne Verbündete steht er am Ende auf dem Schafott. Seine Ideale jedoch bleiben auch nach dem Köpfen. Nicht zuletzt durch Enquists fulminanten Roman über die Geschichte eines Arztes, dessen Schicksal es war, Revolutionär zu werden.
>> Seitenanfang
Renate Maurer: PER OLOV ENQUIST: Der Besuch des Leibarztes, in: BRonline 29.4.01

Ein Stück, in dem der Wahnsinn regiert und die Vernunft. Nicht von Shakespeare, auch nicht von Schiller. Es spielt am dänischen Hof zwischen 1768 und 1772. In den Hauptrollen: ein geisteskranker Kinderkönig, eine unglückliche Königin und ein sanfter Revolutionär der Aufklärung, der Leibarzt des Königs.
Der deutsche Arzt Johann Friedrich Struensee ist der tragische Held an der Seite von Christian VII. und Caroline Mathilde, der beiden Königskinder, die einander nicht lieb haben wollten.
Ein aufrechter Mann der Vernunft und medizinischer Reformer aus Altona, dem der kleine, geistesverwirrte König nicht nur die Staatsgeschäfte überließ, sondern auch seine Frau.
Eineinhalb Jahre regierte Struensee im "verfaulten Staate Dänemark" und brachte dabei die Gedankenfreiheit und die Menschlichkeit an die Macht. Dann stürzten ihn seine Gegner und bereiteten ihm ein barbarisches Ende auf dem Schafott: 1772 wurde er enthauptet, gevierteilt und aufs Rad geflochten.
Kaum zu glauben, dass sich die deutsche Literatur bis heute eines Charakters wie Struensee und der zynischen Tragik seines Schicksals nicht angenommen hat. Der schwedische Schriftsteller Per Olov Enquist hat das jetzt mit einem Roman getan, in dem es keineswegs so beschaulich zugeht, wie der Titel nahe legt: "Der Besuch des Leibarztes".
Die Reise mit dem 19-jährigen König quer durch Europa markiert den Aufstieg des "Schweigsamen", wie Struensee genannt wird, am dänischen Hof. Seine Majestät: ein durch brutale Erziehung gebrochenes Kind, dem der Arzt tief in die Seele blickt und dadurch sein Herz gewinnt. Mehr noch: Der kleine, verrückte Herrscher öffnet ihm alle Türen zur Macht. Eine einzigartige Möglichkeit, die Ideen der Aufklärung in Dänemark zu verwirklichen. Struensee begreift sie als Pflicht zum Handeln.
Ein Schreibtischrevolutionär, der sein Programm als "geheimer Kabinettsminister" mit einer Flut von königlichen Dekreten durchsetzt. Der keine Truppen braucht, kein Blut vergießt, sich nicht bereichert, die Spiele der Macht nicht spielen will - und trotzdem grausam scheitert. Zufall oder Notwendigkeit, das ist eine der Fragen, auf die Enquist den Leser immer wieder stößt.
Eine gefährliche Liebschaft, die Liaison zwischen Struensee, dem Leibarzt, und der Königin, vor allem deshalb, weil sie Folgen hat: ein Mädchen mit auffallend liebreizenden Zügen, vom Volk "Prinzessin Struensee" genannt - für seinen Gegenspieler Guldberg der willkommene Anlass, das lang geplante Komplott gegen Struensees "liederliches Regiment" endlich in die Tat umzusetzen.
Mit welcher Eindringlichkeit Enquist von den Obsessionen des frommen Wahns und des Wahnsinns und von der inneren Freiheit seiner Figuren erzählt; wie er ihre geheimsten Gedanken und Empfindungen in Bilder fasst und leitmotivisch wiederholt; und mit welcher Raffinesse er die Momente des heftigsten Glücks in Szenen der absoluten Ruhe und Stille einfriert - insbesondere die Momente der sexuellen Leidenschaft zwischen Struensee und der Königin: Das ist fein dosierte Erzählkunst, die mächtig brennt.

>> Seitenanfang
Klaus Siblewski: Im Tollhaus der Geschichte, in: Die Welt, 17.2.2001
Per Olof Enquist erzählt vom gescheiterten Revolutionär Graf Struensee
Wir schreiben die 60er, 70er Jahren des 18. Jahrhunderts. Der Hof von Kopenhagen beschäftigt sich - so scheint es in Per Olof Enquists neuem Roman "Der Besuch des Leibarztes" - vor allem damit, den jungen Monarchen Christian VII. in den Wahnsinn zu treiben. Mit Christian kann man eigentlich nur Mitleid haben. Damit er sich nicht endgültig abhanden kommt, muss er sich unablässig betasten und sich seiner Körperlichkeit versichern. Er "befühlte mit den Fingerkuppen seinen Bauch, schlug mit den Fingerspitzen auf seine Haut und murmelte, dass er ,Fortschritte machen' werde, die es ihm erlaubten zu werden wie die ,italienischen Schauspieler'." Ohne seine Befühlrituale würde er nur noch aus den Sprachbrocken bestehen, die ihm seine Lehrer eintrichtern. Auch seinen Stolz und zähen Überlebenswillen, das letzte Königliche an ihm, hätte er sonst schon lange verloren.
Enquist erkundet aber nicht nur das Innere seiner Figuren jenseits des falschen Abglanzes, den ihre Rollen werfen, jenseits der hohlen Souveränität, die ihre Macht vorspiegelt. Er geht auch auf Distanz zu ihnen und erzählt, warum ein sich fürchterlich rechtschaffen gebender Hofstaat sich darauf konzentriert, den König als Menschen auszulöschen: Dynastien müssen verteidigt, die Monarchie darf nicht angetastet werden, und die Bauern sollen sich auch weiter in die Leibeigenschaft fügen; irgendjemand muss dieses Tollhaus finanzieren. Ein eigenständiger König wäre dabei nur im Weg.
Enquist beschäftigt sich diesmal mit einem interessanten Fall, der zu Unrecht als unbedeutend eingestuft wurde. Er erzählt von jenen Jahren, als am dänischen Hof ein deutscher Arzt aus Altona per Tinte eine Art französischer Revolution lange vor dieser selber dekretieren wollte. Johann Friedrich Struensee, 1772 wurde er hingerichtet, vergoss keinen Tropfen Blut; im Geist der Aufklärung versuchte er, die Wirklichkeit umzukrempeln, doch selbst jene Verfechter aufgeklärten Denkens, die auf Seiten von Struensees schönen Vorhaben hätten stehen müssen, trugen kräftig zu dessen Scheitern bei.
Dass Enquist auf Struensee und dessen fehlgeschlagenes Unternehmen gestoßen ist, hängt mit seinen Überlegungen zur Geschichte zusammen, die er 1997 in seinem Buch "Die Kartenzeichner" ausgebreitet hat. Dort ist nachzulesen, dass Enquist gerne ein fortschrittlicher, schwedischer Sozialdemokrat wäre, dem sich die Geschichte als eine ineinandergreifende Abfolge von Ursachen und Wirkungen hin zum Guten präsentiert. Allerdings kann er keine Anzeichen dafür finden. Enquist geht also nicht aus trivialer Lust an musealem Dekor in die Geschichte zurück. Sein Roman ist ganz der Gegenwart verpflichtet. Ihn beschäftigt die Frage, weswegen aufgeklärte Menschen scheitern.
Ohne Zweifel steht Enquist auf der Seite Struensees. Dieser stille Mann hat eine Arbeit "Über die Risiken bei falscher Bewegung der Körper" geschrieben. Er hat sich von Rousseau aufputschen lassen, aber im Grunde ist er ein besonnener Arzt, für den nicht nur der Körper nach mechanischen Grundsätzen arbeitet, sondern die Gesellschaft insgesamt. Beides müsste also, was Enquist auch gerne glauben würde, zu beherrschen sein.
In Struensees Denken nehmen Überlegungen allerdings nur einen geringen Raum ein, was geschieht, wenn die Mechanik des eigenen Handelns durch falsche Bewegungen anderer gestört wird. Genau damit aber bekommt er es zu tun. König Christian flüchtet sich zunehmend in den Wahn. Er vertraut sich einer Herrscherin des Universums an und bittet seinen Leibarzt, sich um die Königin zu kümmern. Die junge Königin wäre dagegen gerne eine Herrscherin, vorerst aber macht sie sich nur Struensee untertan.
Damit hat Enquist das Szenarium für eine schillernde Dreiecksbeziehung ausgebreitet. Doch Enquist wäre nicht jener erzählende Kartograf der europäischen Geschichte, als den wir ihn kennen, wenn sein Erkundungswille nicht deutlich über melodramatische Zuspitzungen hinausginge. Der König überlässt Struensee neben seiner Frau auch die Staatsgeschäfte, und plötzlich steht dieser Arzt an der Spitze des Staates und kann handeln. Eine größere Chance wurde einem Aufklärer nie eingeräumt.
Zu den gelungensten Passagen gehört der Sommer, den Enquist im zweiten von drei großen Kapiteln seines Buchs schildert. König, Königin und Struensee verbringen die wärmeren Monate auf einem Schloss, das im hintersten Winkel der dänischen Provinz liegt. Dort kann der König spielen, die Königin Struensee lieben und Struensee aufgeklärte Verordnungen schreiben. Fernab von der Welt und mit einer Frist versehen, lassen sich die Träume leben - auch jener schöne und unbefleckte Traum von der Aufklärung. Aber nur unter strengen Voraussetzungen.
Struensee wird mit Guldberg - Tragik und Farce werden von Enquist kräftig durchmischt - eine Art Bruder an die Seite gestellt. Auch Guldberg kann seine niedere Herkunft nie ganz abstreifen, hat sich aber für einen anderen Lebensweg entschieden. Dieser finstere Lutheraner, der die Sünde ausrotten möchte, würde das Zentrum der Macht nie verlassen. Er denkt strategisch, sucht Verbündete, würde gerne wie Struensee lieben, ist aber mit Intrigen beschäftigt - und wird zum Schluss als grausiger Sieger dastehen. Das erschreckendste Bild zeichnet Enquist von dem einzigen Intellektuellen am Hof, dem Grafen Rantzau. Der war als Spion unterwegs, hatte ein lässiges Verhältnis zu Geld und musste in Italien vor Gläubigern und Ehemännern fliehen. Ihn umgibt zunächst der Charme eines sehr beweglichen Menschen und Glücksritters. Je weiter sich der Kampf zwischen Struensee und Guldberg zuspitzt, desto weniger bleibt von Intellektuellenromantik übrig. Als schlotternder Verräter steht der Graf am Ende da, allerdings als einer, der - und das hat er Struensee voraus - im schamlosen Überleben trainiert ist.
Allen anderen Figuren erweist Enquist mehr Mitgefühl. Struensee darf staunen, als er die Presse endlich von der Zensur befreit und mit ansehen muss, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung dazu benutzt wird, entschlossen gegen ihn zu schreiben. Die Königin freut sich zwar darüber, dass sie von Struensee ein Kind empfangen wird, erschrickt jedoch, weil das Kind ihre verbotene Liebe öffentlich macht und sie erpressbar wird. Auch dem König billigt Enquist zu, dass er, wenn er dem Irrsinn des Hoflebens entflieht, das Richtige zu tun glaubt, aber damit nur noch rettungsloser in die Widersprüche seiner Epoche verwickelt wird und am Ende den Tod der Königin und den Struensees beklagen müsste, der beiden Menschen also, die ihm am nächsten stehen.
Auch in der deutschen Literatur hinterließ der Fall Struensee Spuren, wenn auch nur schwer aufzufindende. Goethe ereiferte sich in einer seiner Jugendschriften darüber, dass einem vernünftigen Mann wie Struensee ein Glaubensbekenntnis abgepresst wurde. Er ahnte den Skandal, der in dieser abgebrochenen Revolution lag, und wollte Struensees Gegner wenigstens im Nachhinein bloßstellen.
Später jedoch, als Goethe zu Ruhm gekommen war, interessierte ihn nur noch, womit sich bis heute alle beschäftigen: die Französische Revolution. Das so aussichtsreiche Vorspiel, das die Ereignisse in Frankreich mit ihren Brutalitäten hätte überflüssig machen können, war vergessen. Nur Robert Neumann ist 1935 noch einmal auf Struensee zu sprechen gekommen. Es musste wohl jemand mit ganz eigenem Talent sein, der ein Sensorium für das Pikante der Situation besaß und als Emigrant auch für das politisch Unerledigte dieses historischen Ereignisses. Mit literarischen Parodien von Schriftstellern hatte sich Neumann in den 20er-Jahren einen Namen gemacht, und auch sein Struensee ist ein Mann, der die Konventionen seiner Zeit benutzt, sich über sie hinwegsetzt und auf seinen Gefühlen beharrt.
Neumann liebte an Struensee das Provokative, Anstößige. Enquist geht einen entscheidenden Schritt weiter als Goethe und Neumann. Das Merkwürdige, Widersinnige wird als ein wesentliches Element der Geschichte selber angesehen und untersucht. Die Situation, in der sich Struensee befindet, ist eine einzige Merkwürdigkeit: Eigentlich gehörte Struensee in ein Kloster und nicht unter Politiker und machtbewusst handelnde Adelige. Struensee geht Auseinandersetzungen, wenn sie nicht auf dem Papier stattfinden, lieber aus dem Weg. Die Wirklichkeit erträgt er nur in schwachen Dosierungen. Am liebsten, und darin ist er ein Schriftsteller wie Enquist, spitzt er seine Gänsekiele und schreibt durchdachte Sätze nieder. Ausgerechnet dieser Mann hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine neue Zeit auszurufen. Das ist zwar folgerichtig, denn wer außer ihm könnte sich derart dem reinen Denken nahe fühlen, aber was dieser Realitätsabstinenzler unternimmt, kann nur schlimmste Verwirrungen nach sich ziehen.
Bewundernswert, mit welcher Ruhe Enquist die Fantasieräume seines konfusen Personals durchschreitet, wie leicht er seine geschichtsphilosophischen Überlegungen auszubreiten versteht und beides in feinster Balance hält. Obwohl wir lieber ein Buch gelesen hätten, das der Aufklärung größere Chancen einräumt, stellen wir Enquists Roman doch äußerst zufrieden ins Regal. Wann haben wir das letzte Mal ein Lesevergnügen geschenkt bekommen und gleichzeitig etwas Beunruhigendes über unser Herkommen erfahren?
>> Seitenanfang
Nils Gunder Hansen: Den danske revolution, in: Berlingske Tidende, 7.4.2000
Historien er sand, men så højdramatisk og kulørt, at den mest af alt ligner en roman. Danmark regeres enevældigt af den afsindige kong Christian VII. Den person, der - mere eller mindre tilfældigt - får galningens tillid kan gøre sig til den reelle enehersker. Den tyske læge Johann Friedrich Struensee vinder positionen og udnytter den til fulde. Ikke kun fordi han søger magten, men også fordi han er inspireret af de franske oplysningsfilosoffer og ikke kan sige nej til den enestående mulighed, tilfældet har spillet ham i hænde: at få foræret et lille kongedømme, der kan tjene som laboratorium for samfundsreformer. Men hvad siger alle de hofsnoge, der nu må se sig udmanøvreret, og hvilken rolle har den unge dronning Caroline Mathilde tiltænkt sig selv i det store spil?
I forhold til dette stof, der også rummer både kærlighed og død, er opgaven for en seriøs forfatter at dæmpe tonen fremfor at lade sig rive med. Og den svenske forfatter, Per Olov Enquist, der er teateraktuel i Danmark netop nu, rystede ikke på hånden i romanen "Livläkarans besök", der høstede Augustprisen for den bedste svenske roman i 1999. Romanens ry er løbet den i forvejen, og det er på ingen måde overdrevet. Det er en fremragende roman, der i dag udkommer på dansk.
At skrive en historisk roman rummer altid risiko for en overbroderende bredde, der skal garantere ægtheden, men helt modsat kan komme til at virke "gemacht".
Enquist viger elegant uden om denne risiko ved at iscenesætte sig selv som en dokumentarisk forfatter. Han skriver i perioder, som sidder han bøjet over kilderne - dagbøger, erindringer, øjenvidneskildringer - og blot formidler dem med en diskret meddigtende levendegørelse. Hele dialoger er f.eks. holdt i en sproglig form, der illuderer en tilstedeværendes mundtlige gengivelse længe efter.
Romanen rummer ikke noget noteapparat eller kilderegister, og fagfolk må afgøre den historiske akkuratesse, men ud fra mit beskedne kendskab til de historiske fremstillinger, virker det som om Enquist benytter det materiale, der faktisk foreligger.
Men i endnu højere grad bruger Enquist dramatikerens teknik. Som på en scene drejer han de få afgørende aktører mod hinanden i skiftende konstellationer. Dette er ikke blot en teknik, han har valgt sig - den ligger også i sagen selv. Livet ved et enevoldshof var på mange måder ceremonielt og indstuderet. Både skræmmede og rørende er f.eks. den scene, hvor den 17-årige konge præsenteres for sin 15-årige tilkommende, og de to store børn, for andet er de jo ikke, med tilkæmpet ro fremfører deres tillærte replikker.
Den sceniske fremstilling er endvidere velvalgt, fordi spillet om magten ved hoffet er begrænset til meget få mennesker og deres gensidige ageren og intrigemageri. Den sociale logik er skildret så grumt og præcist, at man under læsningen med gru sender en tanke til vor tids totalitære regimer, der sikkert ikke har fungeret meget anderledes bortset fra, at der ikke har været så mange dronninger til at komplicere tingene yderligere.
"Livlægens besøg" kan læses på flere niveauer: spændingsroman, kærlighedshistorie, psykologisk kammerspil og en politisk-filosofisk roman, der kredser om forholdet mellem oplysning, galskab, illusion og magt i en historisk brydningstid.
Men dens styrke er, at niveauerne hænger sammen; den er det hele, på én gang, hele tiden.
En enkelt detalje illustrerer Enquists sproglige økonomi, hvor der kan siges meget med enkle midler. Struensees regeringstid omtaler han konsekvent som "den danske revolution".
Først studser man: sådan noget har vi da vist ikke haft i Dannevang. Men som ved en brecht'sk fremmedgørelsesteknik åbner betegnelsen gradvis éns øjne for dimensionerne, ambitionen - og galskaben - i Struensees projekt.
Efterhånden som romanen skrider frem, antager betegnelsen en mere ironisk valør: Struensee troede alt var gjort med en strøm af skrivebordsdekreter. Han undervurderede - i en art oplysningens blindhed - den modstand han nødvendigvis måtte fremprovokere.
Mit eneste forbehold over for romanen angår en tolkning, Enquist lægger ind i såvel plot som persontegning. Både kongen, dronningen og Struensee ses - alle deres forskelle ufortalt - til en vis grad som troskyldige børn, der gøres fortræd af omstændighederne, og ikke mindst af Enquists superskurk, Ove Høegh-Guldberg, der er styret af religiøs og seksuel forkvaklethed. Dette set up smager af kulturradikal vanetænkningog forfatterens eget mellemværende med svensk pietisme. Den historiske og menneskelige virkelighed var givetvis mere kompliceret end denne naive skematisme lægger op til.
Men lad Enquist have sin holdning. Uden den var han måske ikke gået i lag med emnet. Og han har formået at skrive en historisk roman i den bedste betydning af ordet: han formidler nogle begivenheder i deres konkrete kødelighed og perspektiverer dem samtidig i deres mest vidtrækkende implikationer. Historien lever og vibrerer, så man tænker: måske var det sådan, måske var det det ikke, men hvordan i alverden var det så, og tænk at vores danmarkshistorie rummer dette, og at det er en svensk forfatter, der skal minde os om det.
>> Seitenanfang
Jonathan Levi: Ministering to a Mad Prince, in: Book Review, 30.12.01
Mixing reportage with philosophy, barbarity with eroticism, the masterful Swedish writer Per Olov Enquist has fashioned an extraordinarily elegant and gorgeous novel, "The Royal Physician's Visit." "On April 5, 1768, Johann Friedrich Struensee was appointed Royal Physician to King Christian VII of Denmark, and four years later he was executed." The passive historical voice of that opening sentence gives no hint of the remarkable tale that follows.
Struensee is only the latest in a line of overseers to the disoriented Christian, who "understood the court to be a theater, that he had to learn his lines, and that he would be punished if he didn't know them by heart." There is not only method to the madness of this Danish prince but a little bit of the wisdom of Shakespeare and "The Truman Show" to the confused victim of protocol who travels through Copenhagen in a glass coach and sees all the world as a stage.
In his attempt to make sense of things, Christian writes to one of the French Encyclopedists, beginning "the correspondence which to posterity would seem so peculiar ... between Voltaire and the deranged King Christian of Denmark; the correspondence best known by the poem of homage that Voltaire wrote in 1771 to Christian, whom he heralded as the prince of light and reason in the North."
Ten years earlier, Voltaire proved that he himself knew a little bit about madness and innocence when he wrote his novel "Candide." The Scandinavian court didn't seem too far removed--Christian, his young English queen Caroline Mathilde and Dr. Struensee a Danish mirror of Voltaire's French trio of Candide, Cunegonde and Dr. Pangloss. The horrors that Candide and Co. witness, from earthquakes to autos-da-fe, are no less rotten than the state of Denmark. The Danish peasants live in a state of slavery; public executions, dismemberments and disembowelings are the popular entertainment; and the Danish navy is several years into a disastrous war with Algeria. The king is mad, his half-brother is a hydrocephalic invalid and the court is filled with a deadly combination of whores and religious zealots.
But Enquist is writing nearly 250 years after Voltaire, and modern readers demand more than the cartoons of "Candide." Enquist, whose nearest English-language equivalent may be the glorious philosopher-poet John Berger, mixes social history with gentle psychology, the tools of police investigation and the voyeurism of the National Enquirer, to paint three-dimensional BBC-style documentaries of Christian and Caroline Mathilde. Like many royals, this pair was brought up without mothering, fathering or a sense of the people and places of their kingdom. Caroline had been cloistered for her first 13 years, and Christian suffered beatings and psychological tortures throughout his childhood. Upon the arrival of Struensee, Christian very happily dismisses the rest of his councilors and turns over the keys of power to his physician. Struensee, a quiet man plucked from his medical practice in the German town of Altona, gradually comes to see that, although Christian may be incurable, his own task as an enlightened man is to rescue Denmark from the disease of its medievalism. In the space of only two years, he creates a paper revolution consisting of 632 decrees--dismantling the navy, enfranchising free speech--to pull the country toward the golden orb of rationalism and freedom.
Like Voltaire's God, Struensee imagines himself as a watchmaker, or at least a repairman. "Sometimes he saw his life as a series of points lined up on a piece of paper, a long list of numbered tasks, that someone else had tallied up, someone else!!! His life enumerated in order of priority, with number one through twelve, like on a clock face, as the most important .... And next to every single number, after completing the work, he was supposed to put a double checkmark: the patient has been treated."
But playing doctor has its dangers. Content to pass the day petting his lapdog and his black slave, Christian also turns over the keys to his queen--to disastrous effect. Caroline Mathilde has grown, since her arrival as an eternally weeping girl of 13, into an assured young woman fueled by a rage that finds its deepest expression (and some of Enquist's most magnificent writing) in loving the bewildered Struensee. In 1771, Denmark is still, however, 200 years shy of celebrating free love. And when Caroline Mathilde becomes quite obviously large with Struensee's child, the enemies descend.
Chief among them is Guldberg, like Christian a short man in a court of Scandinavian giants and, like Struensee, mortifyingly captivated by the queen's charms. Guldberg, an ally of Christian's evil stepmother, the dowager queen, is Struensee's worthy opponent for the soul of Denmark, but Guldberg is a puritan, a true believer.
Guldberg plots. Caroline Mathilde and Struensee are accused of planning the death of the king. In an age of much torture and little communication, trials are merely protocol. On April 28, 1772, Struensee is executed, his head and right hand are displayed on a pike and the 632 decrees are rescinded. And yet the doctor's brief visit left indelible traces. "It was quite obvious," Enquist writes in an Epilogue, "that everything would revert back during [Guldberg's] era. It was equally obvious that of Guldberg's era nothing would remain." But Enquist is loath to let politics have the last historical word. The little daughter who survived both Struensee and Caroline Mathilde went on to marry and produce and produce until "today there is hardly any European royal house, including the Swedish, that cannot trace its lineage back to Johann Friedrich Struensee, his English Princess, and their little girl."
And even the bewildered Christian manages to find love with a gentle prostitute whom he deems "the Sovereign of the Universe," believing that "she was his benefactress, that she had time for him, that she had all time, and that she was time." Love conquers all, as it seems, even the kings and the watchmakers.
>> Seitenanfang

Oliver Jahn: Auf der Suche nach der Wirklichkeit.
Der schwedische Autor Per Olov Enquist und sein neuer Roman, in: Kieler Nachrichten, 20.3.01

"Am 5. April 1768 wurde Johann Friedrich Struensee als Leibarzt des dänischen Königs Christian VII. angestellt und vier Jahre später hingerichtet." Mit dieser Notiz öffnet Per Olov Enquist in seinem Roman Der Besuch des Leibarztes einen Ereignisraum, in dem ein deutscher Aufklärer aus Altona dem hochsensiblen, labilen Dänenkönig beigeordnet wurde, in einer sexuell offensiven Liaison der aus England herangeheirateten Königin Caroline Mathilde sich zuneigte und aus einem Machtvakuum heraus mit über 600 Reformerlassen eine Schreibtischrevolution anzetteln wollte. In Hamburg, wo der schwedische Schriftsteller seinen Roman vorstellte, trafen die Kieler Nachrichten Enquist zum Gespräch.

KN: Sie greifen für Ihren Roman die sogenannte "Struenseezeit" heraus. Ist diese Episode ins Geschichtsbewußtsein der Dänen eingesenkt?

Enquist: Alle Kinder in Dänemark kennen diese Geschichte. In Kopenhagen liegen alle Dokumente und Quellen, die habe ich studiert. Die dramatischen Geschehnisse in so kurzer Zeit haben mich verblüfft - dass ein Mann allein eine solche Rolle spielen konnte.

Haben Sie sich auch mit den zahlreichen literarischen Gestaltungen des Stoffes befasst, ich nenne beispielhaft Laube, Neumann, Sven Clausen?

Ich habe mir die Bearbeitungen angesehen, es gibt auch einen englischen Roman von 1790, er ist sehr lang. Aber das ist völlig ohne Kontakt mit der Wirklichkeit.

In Ihrem Essayband "Die Kartenzeichner" haben Sie auch Überlegungen zur Geschichte angestellt. Wie artikuliert sich dies im Roman?

In dieser vordemokratischen Zeit gab es aufklärerische Tendenzen erst in einer kleinen Elite, Gustav III. in Schweden, Katharina von Russland und andere, es waren sehr belesene Herrscher. Es war eine experimentelle Zeit, man versuchte, von oben ein neues Denken einzuführen, Struensee ist gescheitert, es gab eine Zeit der Reaktion, aber schon 1788 wurde die Leibeigenschaft abgeschafft. Ein Auf und Ab wie bei einer Sinuskurve. Das entspricht meinem Verständnis von Geschichte: Alles ist möglich.

Warum haben sich die Reformen Struensees gegen ihn gewendet, warum gelang es dem Gegenspieler Guldberg, die Massen gegen ihn aufzuwiegeln?

Das Volk war illiterat, Medien im heutigen Sinn gab es nicht, so wusste man kaum von seinen Reformen. Man verzieh ihm nicht seine leidenschaftliche Affäre mit der Königin. Stellen Sie sich vor, ein deutscher Arzt käme heute zu Königin Silvia von Schweden und machte ihr ein Kind. Da gäbe es ein wenig Irritation bei der schwedischen Bevölkerung. Struensee hat das zu Fall gebracht. Er konnte die politische Lage nicht analysieren.

In der Figur Christians haben wir einen Narren, dem Sie sehr viel Sympathie entgegenbringen, man ist erinnert an das Lob der Ursprünglichkeit, das Kleist im "Marionettentheater"-Aufsatz gesungen hat. Welche Rolle weisen Sie der Irrationalität zu vor dem Hintergrund der Aufklärung?

Christian war eine vielseitige Figur, man hat ihn in seiner Erziehung systematisch verdorben, unterdrückt. Das war die Grundlage dafür, dass er am Ende im Schwachsinn starb, aber er war sehr klug, korrespondierte mit Voltaire und traf die Enzyklopädisten in Paris, er hätte ein Aufklärer werden können, aber man hat ihn zerstört.

Auffällig ist die Stärke der beiden Frauengestalten, die Königin, anfangs eine Frau "ohne Eigenschaften", wird immer selbstbewusster, während Christian eine Hure für die Herrscherin des Universums hält.

Am Anfang dachte ich, Caroline sei süß, aber uninteressant. Aber es gibt viele Zeugnisse für ihre Klugheit, sie beherrschte viele Sprachen und verstand das große Spiel der Politik. Man hat sie nach der Struensee-Affäre nach Celle verbannt, wo sie weiter agitierte. Es gibt viele Indizien dafür, dass sie vergiftet wurde.

An einer Stelle wirft Christian im Park alle Statuen um. Es scheint das theaterhafte Zerrbild einer ikonoklastischen Geste zu sein. Welche Rolle spielt die Theatermetaphorik?

Christian erlebte sein Leben als Theaterstück, seine Erziehung war das Erlernen einer Rolle, nur einmal, als er selbst in einer Aufführung von Voltaires Zaire mitspielte, war er natürlich und schien durch den Text über sich selbst zu sprechen. Er suchte die Wirklichkeit, aber er fand sie nicht. Ebenso wenig wie Struensee.
>> Seitenanfang

Reinhard Baumgart: Das dunkle Licht.
Per Olov Enquists meisterhaftes Geschichtspanorama, in: Die Zeit 10/2001

>> Seitenanfang
Ein großes Buch, ein mächtiges Buch, souverän und selbstbewusst überragt es die landläufige Produktion der Belletristen. Und das ohne allen Ehrgeiz, einen Meilenstein zu setzen in die Literaturgeschichte, also mit neuen, unerhörten Methoden die Grenzen des Erzählbaren nach vorn zu verschieben. Denn sicher, gelassen bewegt sich der schwedische Altmeister Enquist in der Tradition des historischen Romans. Er lädt sie sogar auf mit älteren, ja archaischen Tönen und Gesten, mit Bibelzitaten, Märchenmotiven, dem feierlichen Klang der nordischen Saga, aber auch mit Opernemphase und Kinoblicken und nutzt zugleich alle Erfahrungen, die er als Grenzgänger zwischen Reportage, Essay, Autobiografie, Fiktion sich erarbeitet hat. Und vor allem: Geschichte erzählt er mit hellwachem politischen Kopf, unermüdlich fragend nach den Möglichkeiten einer Gesellschaft, die alle Grenzen der jeweils gegebenen und vorgefundenen aufsprengt ins Unabsehbare, in Richtung auf Utopie.
Wie lässt sich das alles unterbringen in einer Episode der dänischen Geschichte, drei, vier Jahre lang oder kurz, zwei Jahrzehnte vor der Französischen Revolution? Struensee, ein Deutscher aus Altona bei Hamburg wird 1768 dem labilen, ja geistesgestörten Kindkönig Christian VII. zugeordnet als Leibarzt. Ein Leibarzt wird er dann eher für die aus England herbeigeheiratete blutjunge Königin Caroline Mathilde und regiert im Machtvakuum des Königreichs als ein einsamer Aufklärer, der mit einer Flut von 632 Verordnungen ein Programm der Vernunft durchzusetzen versucht.
Dass seine Sache wie seine Liebe schon 1782 scheitern werden, mit einem Putsch, Prozess und seiner Hinrichtung, verkündet der Erzähler in seinem ersten Satz. Erzählt wird also gegen den Strom. Es ist, wie im Mythos, alles entschieden, bevor es noch einmal zur Sprache kommt. Programmatisch setzt Enquist ein mit einem Porträt von Struensees Gegenspieler und Exekutor, dem Höfling Guldberg. Dann postiert er die anderen Protagonisten aufs Spielfeld. Das Tableau des Konflikts ist eingerichtet, das Ende ist klar. Alle Spannung konzentriert sich nun auf das Wie und Warum des Ablaufs.
1769, in Schillers Geburtsjahr, beginnt das dänische Drama sich aufzuladen, und in Umrissen meint man in ihm wiederzuerkennen, was Schiller später als Tragödie eines Aufklärers und der Aufklärung zurückprojizieren wird an den spanischen Hof. Christian also heißt der neue Don Carlos, mehr als nur vage begeistert, nämlich geistig verwirrt, Struensee agiert als sein Marquis Posa, und wieder steigern die verbotene Liebe zu einer Königin und ein Gegenspieler in der kalten Maske der Reaktion den Konflikt in ein altes, unerschöpfliches Muster: Die Maschinerie der politischen Welt stößt zusammen mit dem rebellischen, regellosen Gegenreich eines ungebändigten Glückverlangens.
Solche Eros-contra-Thanatos-Duelle hat Verdi nach Schillerschen Vorlagen komponiert, hat Wagner im Musikdrama ins Metaphysische transzendieren wollen, und auch Enquists Roman baut immer wieder Szenen, Konfrontationen, Seelenspannungen von Opernformat. Auch weil er die Psychologie seiner Figuren nicht ins bürgerlich Filigrane treibt, sondern seine Akteure mit holzschnitzhaften Umrissen kräftig koloriert, auf die Geschichtsbühne stellt. Sie sind Repräsentanten, die also für etwas stehen und nicht nur für sich, und auch der Erzähler macht kein Hehl daraus, für wen er selbst steht und gegen was, sosehr er sich auch bemüht, die politischen und psychischen Motive der Anti-Struensee-Kamarilla aus dem Inneren der Figuren zu verstehen. Das schafft tödlich klare Fronten. Ein kalter Schatten fällt auf alles Licht, allen Glanz, alle Wärme, die aus dem Zentrum des Romans ausstrahlen, aus dem Körper- und Seelenbündnis zwischen dem Leibarzt und seiner Königin.
Ein Roman, der sich verwandelt in Gedankenmusik
Die Mitspieler der beiden, gnadenlos scharf gezeichnet, sind entweder wölfisch, kalt, fanatisch oder schwach, labil, geborene Verräter oder scheu und klug und sehnsüchtig, aber vorsichtig. Doch diese entschiedene Zeichnung der Figuren lässt sie nicht erstarren, sondern markiert ihre Position im Drama und damit auch ihre Nähe oder Distanz zum Erzähler. Der Leser wird provoziert, diese Personen für sich zu entdecken, sie vollständiger zu imaginieren, als der Roman sie zeigt, und sich ihnen zu stellen mit seinem eigenen Urteil.
Unverkennbar also die Brechtsche Energie in Enquists Erzählverfahren, als Gegenkraft zur heftigen Emotionalisierung seiner Leibesgeschichte und Haupt- und Staatsaktion, dieses ständige Vorzeigen, Hinhalten, Kommentieren der Geschichte und Kombattanten, diese scharfe Mischung aus Moritatengesang und Geschichtslektion. Geht es doch hier um mehr als nur ein trist privates Glück und Unglück, nämlich um das "große Spiel", um das, was durch Politik die Geschichte bewegt, sie springen oder aber erstarren, aufleuchten oder verdämmern lässt. Es geht vor allem darum, was Menschen angeboten oder angetan werden kann in diesen Geschichten, aus denen Geschichte sich zusammenfügt, und zielt, wie fast immer bei Enquist, in letzter Konsequenz auf den Ort der Utopie, und das heißt ja, den Ort einer ortlosen Hoffnung.
Ein ungeheures Pensum, und um es zu inszenieren, bietet Enquist ein reiches Repertoire an Bildmotiven auf, mit denen er seinen Roman immer wieder verwandelt in Gedankenmusik, die Motive variierend, modulierend, repetierend: so den Park als Versöhnung von Wildnis und Kultur, so ein Flötenspiel als tönende Lockung, so die vermuteten Träume, das geheime Innenleben von Tieren und Pflanzen oder, wahrhaft federführend von Anfang bis zum Ende, das Motiv der schwarzen Fackel der Aufklärung, ihr auch dunkles Licht, das nicht nur blenden und reinigen, sondern auch schützen sollte.
Denn der arme kleine König Christian, gebrochen, zerstört durch eine brutale Zurichtung zum Herrscher von Gottes Gnaden, diese zerfallene Personen mit den inneren Stimmen, die erst das Machtvakuum bereitstellt, auch im Schlafzimmer seiner Königin, in dem der Leibarzt sich einrichtet - gerade er stellt immer wieder die bange Frage, ob das Reich der Vernunft auch für ihn und seinesgleichen eingerichtet würde oder nur für Menschen "aus einem Guss". Was human ist, an welcher Grenze der Mensch aufhört, wie er also sich definiert, das hat den Erzähler Enquist immer wieder bewegt. Hier stellt er nun die Foucault-Frage: Wird und muss das Reich der Vernunft nicht alles Nichtrationale und Nichtnormale ausgrenzen? Kann es den Narren, Irren mehr als nur tolerieren?
Der Königsnarr Christian jedenfalls wird von beiden Parteien nur freundlich benutzt, "stillgestellt", auch von den Reformern und Rousseauisten, die doch selbst die Einheit von Gefühl und Vernunft sehr wohl leben und genießen und in ihrem kurzen Sommer der dänischen Anarchie, kurz vor der Katastrophe, die Versöhnung der "harten" mit der "weichen" Aufklärung feiern. Frauen hat Enquist deshalb als selbstbewusst, stark und den Männern überlegen ins Zentrum gerückt, für den Leibarzt die märchenhaft von ihm wachgeküsste Königin, für den zerstörten Christian sogar eine blühend plebejische Hure mit ihrer "gliederlösenden Liebe", wie es im wahlverwandten Dantons Tod von Büchner heißt.
Tatsächlich liest sich Enquists Roman in seiner Endphase wie ein Vorspiel und Nachspiel zum Büchnerschen Revolutionsspektakel. Auch Struensee wird nun befallen von Dantonscher Lähmung, Melancholie und Todesbereitschaft. Was hat er falsch gemacht, wenn sein Scheitern nicht nur Leichtsinn oder historisches Pech war? Hätte er das kalte Spiel seiner Gegner mitspielen müssen? Kannte er überhaupt die dänische Wirklichkeit, die er von weit oben her verändern wollte, die der Unterdrückten, der anonymen Massen? Sie werden ihm, als er aufs Schafott steigt, dreißigtausendfach stumm gaffend diese Frage stellen. Zu spät.
Nicht für Enquist, der das trostlose Ende nicht beglaubigen möchte als das Ende aller Hoffnungen darauf, dass Geschichte einmal die Geschichte von allen sein könnte und nicht nur die der wenigen auserwählten Spieler und Gegenspieler. "Der Traum von den Möglichkeiten des Menschen", so weiß der Erzähler im Epilog, er lässt sich nicht "abschlagen" wie Struensees Kopf. Und überlässt dann die Hoffnung auf eine ganz andere Zeit den Fantasien des armen irren Christian, der König spielen musste und keiner sein durfte.
Ein mächtiges Buch, ein großes Buch, von Wolfgang Butt bewundernswert übersetzt, und nicht zum ersten Mal reibt man sich nach einer Enquist-Lektüre die Augen und wundert sich über das Stockholmer Nobelpreiskomitee. Das wird bald wieder die Augen schweifen lassen von Polynesien bis Andorra, um einen zweit- oder drittklassigen Lyriker oder hoch verdienten Gaukler als Preiskandidaten zu entdecken. Und beflissen übersehen, wie nah vor Augen einer schreibt, der uns Buch um Buch davon überzeugt, dass es in Literatur nicht nur um Literatur geht - was sich auch der Preisstifter wünschte.
"...und wo bleibt Halle?"

Breitenstein lässt JFS aus dem "freigeistigen Altona" kommen, bei Heidbüchel ist JFS "der Altonaer Arzt", bei Maurer "ein medizinischer Reformer aus Altona", bei Siblewski ein "deutscher Arzt aus Altona", Levi lässt ihn aus "the German town of Altona" kommen und Jahn hält ihn für einen "deutschen Aufklärer aus Altona". Nur Halter, der sich mit Stefan Winkle unterhalten hat, weiss, dass JFS aus Halle stammt und dort an der Fridericiana Student der Medizin sowie deren promovierter Absolvent war. Bartmann - und das spricht für Enquist - nennt JFS ebenfalls "Reformer aus Altona", zitiert aber den König: "Sie sind in Altona geboren?", dem Struensee antwortet: "In Halle. Aber ich bin sehr früh nach Altona gekommen." Darüber lässt sich streiten. IfHaS e.V. wird sich kümmern - der große Aufklärer und Liebhaber war Hallenser!!!