Andreas Förster: "Jeder hätte zugreifen können wie ich".
Lothar-Günther Buchheim wird von den Erben eines Hallenser Fabrikanten beschuldigt, wertvolle Bilder zu Unrecht in seinem Besitz zu halten, in: Berliner Zeitung, 10. Juli 1997

Ruprecht Weise hält den Katalog der Sammlung Buchheim auf seinen Knien und blättert aufgeregt durch die Seiten. "Dieses Bild haben wir Kinder immer die Grünen Teufel genannt", sagt der 82jährige und zeigt auf Schmidt-Rottluffs "Heimkehrende Boote". "Der Kirchner hier, die `Dame in Rosa´ , der hing im Salon. Und hier, Heckels `Männerbildnis´, das Bild war in der Bibliothek." Auf zehn Bilder im Katalog, die zu den wertvollsten der Expressionismus-Sammlung des Kunstliebhabers und Buchautors Lothar-Günther Buchheim gehören, tippt Ruprecht Weise mit dem Finger: fünf von Ernst Ludwig Kirchner, vier von Erich Hekkel, eins von Karl Schmidt-Rottluff. "Das gehört uns", sagt er jedesmal.

Der einstige Pumpenfabrikant Ruprecht Weise, der heute in einer Villa hoch über dem schwäbischen Bruchsal lebt, erhebt schwere Vorwürfe gegen Buchheim: Der international geschätzte Kunstsammler aus dem bayerischen Feldafing soll sich mehrere Bilder, die ihm vor vier Jahrzehnten von Weises Vater Felix, einem ostdeutschen Sammler, zur Verwahrung übergeben worden seien, unrechtmäßig angeeignet haben.

Die Erbengemeinschaft Weise will jetzt juristische Schritte gegen Buchheim einleiten und ihn zur Herausgabe von Gemälden, Radierungen und Lithografien zwingen, die einen erheblichen Millionenwert darstellen. Für sein "Museum der Phantasie", das Buchheim nach dem ablehnenden Votum der Feldafinger Bürger nun im benachbarten Bernried errichten will, wäre das ein harter Schlag würde doch die Expressionisten-Sammlung, das Kernstück des Museums, damit um wichtige und schöne Stücke ärmer.

Den Grundstock für diese Hunderte von Gemälden und Drucken umfassende Sammlung hatte Buchheim vor allem in den fünfziger Jahren gelegt, als die unter Hitler als entartet eingestuften Kunstwerke noch spottbillig waren und nur einen kleinen Kreis von Sammlern interessierten. "Ich habe zwar nie mit Kunst spekuliert, aber gelegentlich klopfe ich mir schon auf die Schulter", lobte Buchheim vergangenes Jahr im "Spiegel" seinen Kunst(geschäfts)sinn. "Jeder, der nur wollte, hätte genauso zugreifen können wie ich." Buchheims Gespür und seine Vorliebe für den Expressionismus waren es auch, die ihn 1950 mit Felix Weise in Halle an der Saale zusammenkommen ließen. Weises Ruf als Sammler expressionistischer Kunst hatte sich bis in die in Frankfurt am Main ansässige "Galerie Buchheim-Militon" herumgesprochen.

Felix Weise begeisterte sich schon in den zwanziger Jahren für die damals noch junge Kunstrichtung des Expressionismus. Viele Maler kannte er persönlich, darunter Ernst Ludwig Kirchner, von dem er einige Blätter erwarb oder geschenkt bekam. Weise, der eine Pumpenfabrik in Halle betrieb, rettete seine bedeutende Sammlung erfolgreich über den Krieg. Auch nach dem Kriegsende, als ein russischer Offizier in die Villa der Weises einzog, blieb die Sammlung komplett. "Der Offizier war ein sehr kunstsinniger Mann, der uns half, unsere Bilder in die neue Wohnung zu transportieren", erinnert sich Ruprecht Weise. "Er bestärkte meinen Vater darin, diese Sammlung nicht aus der Hand zu geben." Im Sommer 1950, am 30. August, stellte sich Buchheim erstmals bei Felix Weise in Halle vor. Er plane eine Ausstellung über die Künstlervereinigung "Brücke", erzählte Buchheim und bat Weise um Leihgaben aus seiner Sammlung. Weise gefiel der kunstverständige Gast vom Main, das Gespräch zwischen den beiden war "so heiter und vertrauensselig", wie Felix Weise später in einem Brief schwärmte.

Wohl auch aus diesem Grund war der Hallenser bereit, Buchheim zu unterstützen. Fürchtete Weise doch, in der DDR werde ihm eines Tages seine Sammlung beschlagnahmt. Mit Buchheims Hilfe aber, so hoffte Weise, könne er die wichtigsten Stücke in den Westen in Sicherheit bringen, zumal sein Sohn Ruprecht zu dieser Zeit bereits in Stuttgart lebte. Natürlich erhoffte sich Weise sen. auch gewinnbringende Verkäufe einiger Stücke aus der Sammlung, aber das sollte Sohn Ruprecht nur in enger Absprache mit ihm übernehmen.

Weise übergab Buchheim bei dessen erstem Besuch in Halle 28 Blätter für die "Brücke"-Ausstellung, darunter 16 von Kirchner. Dazu bat er den Galeristen, zwölf weitere Bilder für seinen Sohn Ruprecht über die Zonengrenze in den Westen zu schmuggeln. Aus Angst, der Schmuggel könne bekannt und er von den DDR-Behörden verhaftet werden, bat Felix Weise, alle anstehenden Fragen zu den Bildern mit seinem Sohn Ruprecht in Stuttgart zu klären.
Am 17. Oktober 1950 kam Buchheim ein zweites Mal nach Halle. Wieder gab es ein freundliches Gespräch, wieder übergab ihm Weise Bilder für die "Brücke"-Ausstellung, nun Gemälde von Heckel ("Akte am Waldteich"), Schmidt-Rottluff ("Treidler") und Kirchner ("Waldbauern").
Doch schon kurz darauf fiel ein Schatten auf die so hoffnungsvoll begonnene Zusammenarbeit: Buchheim verkaufte einige der ihm anvertrauten Blätter, ohne vorher Rücksprache mit Felix Weise oder dessen Sohn zu nehmen. Hinzu kam, daß die Verkaufspreise weit unter dem damaligen Marktwert lagen.

Ruprecht Weise protestierte im Namen seines Vaters. "Die Bilder wurden Ihnen, wie es eindeutig aus den Begleitbriefen meines Vaters hervorgeht, zu Ausstellungszwecken überlassen", schrieb er Buchheim am 27. November 1950. Eine "Globalgenehmigung", mit den Kunstwerken umzugehen, wie es ihm beliebe, sei damit nicht verbunden gewesen.

Buchheim suchte daraufhin am 19. Dezember Felix Weise in Halle auf. Diesmal machte der Frankfurter Galerist keinen Hehl daraus, die ihm von Weise zu Ausstellungszwecken überlassenen Kunstwerke in Kommission nehmen beziehungsweise selbst kaufen zu wollen. Felix Weise erbat sich Bedenkzeit. Und entschied sich schließlich gegen den Wunsch des Frankfurter Galeristen: Am 11. Januar 1951 antwortete er Buchheim in einem Brief auf die Frage nach dem Verkauf der Bilder: "Ich kann mich nicht recht einverstanden erklären." Doch da war es schon zu spät. Bereits eine Woche vor dem Brief aus Halle, am 4. Januar 1951, hatte Buchheim an Ruprecht Weise in Stuttgart geschrieben, er sei mit dessen Vater in Halle einig geworden, drei Gemälde "Treidler", "Akte am Waldteich" und "Waldbauern" für 4 500 Mark abzüglich 500 Mark Spesen zu kaufen. Weitere fünf Holzschnitte, ein Aquarell und drei Radierungen solle Buchheim in Kommission nehmen. Auch drei bei Ruprecht Weise befindliche Bilder sollten ihm übergeben werden.

Felix Weise war erbost über Buchheims Falschspiel. In einem Brief an Ostern 1951 warf er dem Galeristen vor, seinen Sohn Ruprecht in Stuttgart "überrumpelt" zu haben, indem er erzähle, er, Buchheim, habe sich mit Felix Weise über den Erwerb und die Veräußerung der Bilder geeinigt. "In Ihrer Vorstellung ist aus der Tatsache, daß Sie Material für die Ausstellung bekommen haben, einfach das Recht abgeleitet worden, nun einen Ausverkauf ganz nach Ihrem Belieben machen zu können. Dem habe ich niemals zugestimmt", schrieb Felix Weise. "Sie können doch die freundlichen Leute, die Ihnen Material für eine Ausstellung geben, nicht einfach behandeln, wie es Ihnen Spaß macht."
Doch Buchheim beharrte auf seiner Sicht der Dinge und überwies die 4 000 Mark für die drei Gemälde. Er wußte wohl, daß eine öffentliche Auseinandersetzung um die Bilder, möglicherweise sogar vor einem Gericht, nicht drohte. Denn Felix Weise hätte in einem solchen Fall damit rechnen müssen, von den DDR-Behörden wegen Schmuggels von Kunstwerken verhaftet und verurteilt zu werden.

In einem Brief vom 4. Januar 1951 machte Buchheim auf diesen Umstand subtil aufmerksam. Nach einem offenbar für ihn recht unerfreulich verlaufenen Gespräch mit Ruprecht Weise und dessen Anwalt in Frankfurt schrieb Buchheim, "daß ich nur mit Rücksicht auf Ihre verehrten Eltern, die ich in keinerlei Schwierigkeiten verstrickt sehen möchte, die heutige Unterredung mit soviel Duldsamkeit hingenommen habe".

Nach dem Tod von Felix Weise im Jahre 1961 unternahm dessen Sohn Ruprecht mehrere vergebliche Anläufe, die Buchheim zur Verwahrung überlassenen Kunstwerke zurückzuerhalten. "Herr Buchheim wies all meine Ansprüche stets aufs neue zurück, anfangs noch freundlich, später in immer schärferem Ton", erinnert er sich.

Als Ruprecht Weise in einem 1995 erschienenen Buch, das den Briefwechsel seines Vaters Felix mit dem Leipziger Bildhauer Gerhard Marcks zum Gegenstand hatte, eine Andeutung veröffentlichen ließ, Bilder seines Vaters seien "auf dunklen Kanälen" in Buchheims Besitz gelangt, drohte der Feldafinger Sammler dem Verlag mit einer Verleumdungsklage. Die Sache verlief im Sande. Wie auch die Vermittlungsversuche des Immobilienhändlers Roland Ernst, ein enger Freund Buchheims und Nachbar von Ruprecht Weise an dessen Zweitwohnsitz an der Cote d·Azur. "Roland Ernst schrieb mir im November 1995, daß ihm Buchheim quittierte Rechnungen gezeigt habe, aus denen hervorgehe, daß mein Vater für die Bilder Geld erhalten habe", sagt Ruprecht Weise. "Nur ich glaube nicht, daß es solche Rechnungen wirklich gibt."

Doch selbst wenn diese Rechnungen wirklich nicht existieren, dürfte Buchheim in einem Rechtsstreit keine schlechten Karten haben. Weder können Felix Weises Erben schriftliche Vereinbarungen vorlegen, die eindeutig die Verwahrungsverhältnisse belegen, noch existiert eine Liste all jener Kunstwerke, die Buchheim von dem Hallenser Sammler in den fünfziger Jahren erhalten hat.
Die fehlenden Dokumente über die Geschäftsbeziehung zwischen Felix Weise und Lothar-Günther Buchheim sind sicher ein Versäumnis, das man aber dem Hallenser Sammler als dem Unerfahreneren im Kunstgeschäft eher nachsehen kann als dem "Profi" Buchheim. Zumal aus den noch vorhandenen Briefen hervorgeht, daß Felix Weise wie auch sein Sohn Ruprecht wiederholt eine Aufstellung der überlassenen Kunstwerke bei Buchheim anforderten. Der vertröstete beide immer wieder; zuletzt im Sommer 1963 in einem Brief an Ruprecht Weise. Er sei zwar bereit, eine Liste über die erhaltenen Blätter anzufertigen, schrieb Buchheim am 23. September 1963, aber "ich habe vielmehr dazu keine Zeit".

Trotz der eher dünnen Beweislage werden derzeit in der Pariser Rue Pergolése, in einer der international führenden Wirtschaftskanzleien, juristische Schritte gegen Buchheim vorbereitet. "Wir wollen zunächst erreichen, daß durch ein Gericht festgestellt wird, welche der von Herrn Felix Weise an Buchheim zur Verwahrung übergebenen Bilder heute überhaupt noch da sind", erklärt Rechtsanwalt Michael Hertslet, der ein Großneffe Felix Weises ist. "Unser Ziel ist es, Herrn Buchheim zu bewegen, die von Felix Weise erhaltenen Bilder an die rechtmäßigen Eigentümer, die Erbengemeinschaft Weise, zurückzugeben."

Den auch der Berliner Zeitung vorliegenden Briefwechsel aus den Jahren 1950 und 1951 zwischen Vater und Sohn Weise sowie Buchheim wertet Rechtsanwalt Hertslet als den stärksten Beleg dafür, daß der Sammler sich im Umgang mit Felix Weise unkorrekt verhalten und "die ihm zur Verwahrung übergebenen Bilder unterschlagen" habe. "Als ersten Schritt haben wir jetzt das Verwahrungsverhältnis aufgekündigt und eine Liste der von Felix Weise übergebenen Kunstwerke bei Buchheim angefordert", erklärt Anwalt Hertslet. Aber auch wenn Buchheim diese Liste weiterhin verweigert, sieht der Anwalt eine Chance vor Gericht: "Wir werden uns dann auf die in dem Briefwechsel aus den fünfziger Jahren genannten Bilder konzentrieren." Und diese "Wunschliste" umfaßt immerhin 48 Kunstwerke, darunter Gemälde und Holzschnitte von Kirchner, Heckel, Schmidt-Rottluff, Vlaminck und Hodler.

Lothar-Günther Buchheim hat gegenüber der Berliner Zeitung jede Stellungnahme zu unseren Recherchen verweigert. Den Anwalt Hertslet hat der Feldafinger dagegen bereits wissen lassen, was er von den Ansprüchen der Erbengemeinschaft Weise hält. In einem Brief vom 11. September 1995 weist er die Forderung nach Herausgabe der Bilder als "blanken Unsinn" zurück. "Ich verbitte mir für alle Zukunft diese mir äußerst zuwidere Art von Belästigung", schrieb Buchheim. Hertslet hält die aggressive Reaktion Buchheims für bemerkenswert. "Wenn Buchheim, wie er anderen gegenüber behauptet hat, Kaufbelege für die Weise-Bilder hat, warum reagiert er dann nicht sachlich auf ein Anwaltsschreiben und legt eine Kopie dieser Belege bei?"

Mit kritischer Distanz blickt ausgerechnet der letzte noch lebende Hauptzeuge des jahrelangen Streits mit Buchheim auf die Bemühungen der Rechtsanwälte, Felix Weises Bilder für die Familie zurückzubekommen. Dem 82jährigen Sohn Ruprecht Weise geht es im Gegensatz zum übrigen Teil der Erbengemeinschaft nicht um eine "wirtschaftliche Verwertung" der Bilder. "Ich möchte, daß die Bilder im Moritzburg-Museum in Halle aufgehängt werden", träumt Ruprecht Weise. "Und darunter soll auf einem kleinen Schild stehen: Sammlung Felix Weise."