"...des Himmels Meisterstück": Lobgedicht auf Dorothea Erxleben (Johann Joachim Lange)

Als der
Hochedelgebohrnen, Hocherfahrnen und
Hochgelahrten Frauen,
FRAUEN
Dorotheen Christianen,

gebohrnen Leporinin
des
Hochwohlehrwürdigen und Hochgelahrten Herrn,
HERRN
Johann Christian Erxleben
,
Diaconi an der St. Nicolai Kirche in Querfurt
Ehegenoßin,
der wohlverdiente
GRADUS DOCTORIS in der Medizin
von der hochlöblichen Medicinischen Fakultät
auf der Königlichen Preußischen Friedrichs-Universität hieselbst
nach vielfältig abgelegten Proben Ihrer Geschicklichkeit,
rühmlichst überstandenem Examen,
ausgearbeitetem
SPECIMINE INAUGURALI
und hierauf erhaltener allerhöchster Königlicher Specialapprobation
den 12. Junii des 1754. Jahres
erteilet worden,
besung diese ausserordentliche Begebenheit
Johann Joachim Lange,
der Mathematik öffentlicher Lehrer
Halle, gedruckt bey Joh. Justinus Gebauern

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Biografie II
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"Erxleben, Dorothea Christiana, geb. Leporin, Ärztin, *Quedlinburg 13.11.1715, + ebd. 13.6.1762, war die erste Frau in Deutschland, die den medizin. Doktorgrad erwarb (in Halle 1754)."
(Brockhaus, 5.Bd, 1968)

Großer Hörsaal der Friedrichs-Universität, Halle, 12. Juni 1754: "Die berühmte Nadel hätte man zu Boden fallen hören können, als nun eine in schlichte dunkle Seide gekleidete Frau das Podest betrat, sehr aufrecht und allem Anschein nach in vollkommener Ruhe. Mit einem kurzen Senken ihres Kopfes begrüßte sie die versammelte Prüfungskommission (...). Auf dem Prüfungsplan, wie man der Kandidatin zuvor bekannt gegeben hatte, standen Anatomie, Diagnostik und vor allem die Behandlung von Krankheiten. Die Fragen, in lateinischer Sprache gestellt, prasselten nur so auf die bereits ein wenig matronenhaft wirkende Doktorandin nieder, und keine einzige Antwort, ebenfalls in Latein abgefaßt, blieb sie schuldig. (Der erfreute Dekan:) `In Ihren Händen ist man als Kranker gut aufgehoben, verehrte Kandidatin! Ich wünschte, wir hätten immer solche Doktoranden, dann wäre mir um die Patienten nicht bange." (Julia von Brencken)

So beuge dann den wohlverdienten Cranz,
gelehrte Frau, um Deine Haare.
Du Schmuck und Wunder unsrer Jahre!
Und da Dein Geist durch Weisheit sich erhob.
So hör´ doch auch, Sittsamste, jetzt Dein Lob.

Nicht Latien macht sich allein nun groß
Mit Töchtern von erhabnen Sinnen,
Die nicht durch Räm, durch Küch und Wirtschaft bloß,
Nein, auch durch Weisheit Ruhm gewinnen:
An deren Geist man das Geschlecht verkannt,
Und ihnen Huth und Würde zugesandt.

Auch Deutschland sieht in seiner Töchter Schaar
Das, was sonst nur die Männer zieret.
Ihm stellet sich die Erxlebin jetzt dar
Im Schmuck, der Ihr mit Recht gebühret,
Im Doctorschmuck der edlen Heilungskunst.
Ihr gab ihn nicht die Schmeicheley und Gunst.

Nein, Ihr Verdienst ist dieser Würde werth,
Sie ward von Ihr durch Fleiß errungen.
Die Ehre, die Ihr jetzo wiederfährt,
Bestärken selbst der Neider Zungen:
Sie machen am beschäumten dürren Mund
Ihr hohes Lob unwiedersprechlich kund.

Das Alterthum erhob der Sappho Fleiß,
Und ehrete in seinen Schönen
Nicht das Geschlecht, es gab dem Geist den Preiß,
Bey Weibern auch, wie bey den Söhnen.
Es nannte dich, Aspasia, gelehrt:
Praxilla ward von Männern selbst geehrt.

Olympia ward der Ferrarer Zier,
Und lehrete, daß in jungen Zeiten
Der Weiber Geist auch denken kann, wie wir,
Ja, daß er mit uns könne streiten.
Nur Deutschland sah bisher dis traurig an.
Der Doctorhuth war stets nur vor dem Mann.

Gelehrte Frau, mit männlich hohem Muth
Gehst Du zuerst die schweren Wege,
und greifst kühn nach dem verdienten Huth.
Dein Geist, von Jugend auf nicht träge,
Erschafft ihn selbst, durch wunderbaren Fleiß,
den, Schönen nicht bisher gegebnen Preiß.

O Dicher, ihr, von hoher Gluth beseelt,
Uebt jetzt die Sayten güldner Leyer.
Wenn ihr der Welt der Jugend Lob erzählt,
So singt auch mit gewohntem Feuer
Der Erxlebin ganz ungemeine Pracht,
Die Deutschland selbst die erste Ehre macht.

Den schönen Bau des Leibes, die Gestalt,
die Sie besitzt, besingt an Schönen;
Besinget da die reizende Gewalt,
Erhebt an buhlenden Helenen,
Was sie allein der Achtung würdig macht,
Des Angesichts, der Farbe leichte Pracht.

Doch hier besingt des edlen Weibes Geist,
Ihr sittsam tugendhaft Gemüthe,
Die Schönheit, die nicht nur von aussen gleißt,
Den holden Ernst, die ernste Güte,
Und laßt der Welt des Geistes Bildung sehn,
Erhaben, keusch, gelehrt, klug, from und schön.

Laßt der, die nichts als die Gestalt besitzt,
Ein schmeichelnd Lob der Farbe lesen:
An Dieser lobt den Muth, der sie erhitzt,
Ihr männlich tugendhaftes Wesen.
Laßt von dem Lob die Schmeicheley zurück,
Und sagt, Sie sey des Himmels Meisterstück,

In Ihr vereint sich, was den Mann erhebt,
Mit dem, was eine Schöne ziert,
Daß, wer Sie sieht, zugleich in Zweifel schwebt,
Was vor ein Ruhm Ihr mehr gebühret.
Der Mund, wenn er in fremden Sprachen spricht,
Erhebt den Reiz im holden Angesicht.

So sahn einst in gelehrter Phantasey
Die Dichter vom Apoll durchdrungen,
An dem Parnaß der Schwestern drey mal drey,
Die sie durch welche sie, gesungen.
Vor allem war Urania zu sehen,
Gelehrte Frau, Dir gleich, erhaben schön.

Hygea läßt der Freude freyen Lauf:
Morbona eilt bestürzt zurücke
Durch deinen Rath stehn viele Krancke auf,
Gestärcket durch Arzney und Blicke.
Die späte Welt beneidet unsre Zeit:
Der Nachruhm trägt Dein Bild zur Ewigkeit."

Aspasia

Sappho: größte Lyrikerin des Altertums; ihr Landsmann und Zeitgenosse, Alkaios, huldigte ihr als Dichterin, Horaz nahm ihr Versmass als Vorbild für zahlreiche Oden. Ihre Liebe zu Phaon wird in der Neuzeit wiederholt diskutiert und dichterisch verarbeitet. (Brockhaus, 1973)

Aspasia: eine der berühmtesten Frauen des griech. Altertums, aus Milet; kam bald nach 450 v.Chr. nach Athen. Vor freierer Art und tieferer Bildung als die attischen Frauen, spielte sie in den geistigen Kreisen Athens eine ungewöhnl. Rolle. Perikles trennte sich von seiner Gattin und heiratete sie; sie gebar ihm einen Sohn. Die Gegner des Perikles und der von den Sophisten geführten Aufklärungsbewegung waren auch ihre Feinde; die Komödiendichter verspotteten sie, und um 432 wurde sie von Hermippos der Gottlosigkeit und Verkuppelung freier Frauen angeklagt, jedoch auf Perikles´ Einspruch freigesprochen. (Brockhaus, 1968)
Helena vor Priamus
Helena (oben): nach dem griechischen Mythos eine Tochter des Zeus und der Leda, die Gemahlin des Menelaos. Paris, Sohn des trojanischen Königs Priamos, raubt sie. Konsequenz ist der trojanische Krieg. Nach der Eroberung Trojas vergibt Menelaos ihr und führt sie nach Sparta zurück.

Praxilla

Olympia (rechts):" Tochter des Molosserkönigs Neoptolemos, Gemahlin Philipps II. von Makedonien, Mutter Alexander d. Gr.; trennte sich 337 v.Chr. von Philipp und ging nach Epirus. Später nahm sie, von leidenschaftl. Herrschsucht bestimmt, an den Kämpfen der Diadochen um Makedonien teil und wurde 316 von Kassander hingerichtet." (BH, 1971)

Hygea: griech. Göttin der Gesundheit, galt später als Tochter des Heilgottes Asklepios

Urania, (die Himmlische), eine der Musen, meist Patronin der Astronomie (BH, 1974)

Der Dichter: Johann Joachim Lange (1698-1765), Professor der Philosophie und Mathematik an der Friedrichs-Universität Halle, seit 1723 Mitglied der Akademie der Wissenschaften, Mineraloge. Veröffentlicht 1754 - im selben Jahr entstand das Lobgedicht auf Dorothea Erxleben - den "Entwurf einer Anleitung zu den ökonomischen Rechnungen".

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