Der Patriarch der Lutherischen Kirche in Nordamerika:
Heinrich Melchior Mühlenberg
"Anders als auf dem Missionsgebiete der Hallenser genügt für Nordamerika e i n e Biographie: Heinrich Melchior Mühlenbergs Leben und Wirken ist die Geschichte der Hallenser in Nordamerika."

Wilhelm Germann (1840-1902), Verfasser der Lebensläufe von Bartholomäus Ziegenbalg, Heinrich Plütschau, Friedrich Schwartz und Johann Philipp Fabricius, die im "Tamulenlande" ( = Tamil Nadu, SO-Indien) missionarisch tätig waren, in der Einleitung zu seiner Biographie H.M. Mühlenbergs.
BIOGRAFIE
Jugend in Einbeck I Studium in Göttingen I Aufbau einer Armenschule I Erster Kontakt mit den Franckeschen Stiftungen I Inspektor in Großhennersdorf I Der Beruf nach Pennasylvanien I Abschied von der Heimat I Reise über den Ärmelkanal und Annahme des Berufs
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Mühlenberg (geb. 6.9.1711 in Einbeck) hatte keine leichte Jugend. Nach dem Tod seines Vaters, von seinem 15. bis 18. Lebensjahr, arbeitete er hart, um zu überleben. Seine Verwandten erlaubten ihm jedoch, in den Abendstunden für sich allein zu sein, um zu lesen. Als 21jähriger saß Mühlenberg - seine Talente wurden erkannt und gefördert - in der obersten Klasse der Einbecker Schule "unter halb erwachsenen Jünglingen".

LITERATUR

Heinrich Melchior Mühlenberg: Patriarch der Lutherischen Kirche Nordamerika´s, Wilhelm Germann (Hrsg.), 1881
Paul Raabe: Pietas Hallensis Universalis. Weltweite Beziehungen der Franckeschen Stiftungen im 18. Jahrhundert (Kataloge 2), 1995

1733 folgte er dem Rat seines Lehrers und zog auf die "Harzhochschulen" Clausthal und Zellerfeld. Bis zur Osterzeit des nächsten Jahres unterrichtete Mühlenberg Kinder von Bergmännern. Am 19. März 1735 immatrikulierte sich der Einbecker an der neugegründeten Universität Göttingen. Leisten konnte sich Mühlenberg das Studium nur, weil seine Heimatstadt ihm das einzige ihr zustehende Stipendium verlieh. 1782 schaute der mittlerweile zu Rang und Ehre, aber auch zu Gottesnähe, aufgestiegene Patriarch kritisch auf seine Göttinger Studententage zurück:
Franckesche Stiftungen, Innenhof (1750)
"Ein junger handfester Mensch, mit unerleuchtetem Verstand, verkehrtem Willen und unordentlichen Neigungen und Begierden, mit dem Degen an der Seite, der in seinem Leben noch nichts anders gehört, als daß man um des Brods, der Ehre u.s.w. willen studieren und auf Schulen und Universitäten ausrasen müsse, der kommt nun auf die neuangehende hohe Schule..." (5)

Hier hörte er zum ersten Mal von den Franckeschen Stiftungen jenseits des Harzes, im Königreich Preußen gelegen. Drei junge Kommilitonen, die Mühlenberg bereits aus Einbeck kannte, erzählten, dass sie in Halle an der Saale "Humaniora" gehörte hätten. Schon 1736 engagierte sich Mühlenberg für Bettelkinder. Genauso wie August Hermann Francke 40 Jahre zuvor in Halle, begann er im Kleinen. Gemeinsam mit zwei Studienkollegen unterrichtete er "arme unwissende Bettelkinder im Buchstabieren, Lesen, Schreiben und im Katechismus." (6) Die drei Studenten schufen - unterstützt durch Graf Reuß XI zu Greiz - den Grundstock des Göttinger Waisenhauses.

Als Mitglied des theologischen Seminars traf Mühlenberg 1737 die "Judenmissionare" Wideman und Manitius. Beiden gelang es, den 23jährigen zu überzeugen, ihre Mission zu begleiten. Zuvor müsse er jedoch nach Halle reisen, um sich dort von Prof. Johann Heinrich Callenberg (1694-1760), dem Begründer des Institutum Judaicum, in der hebräischen Sprache unterweisen zu lassen.

Mühlenberg kam im Mai 1738 in Halle an. Hier wurde er jedoch nicht Callenberg, sondern Gotthilf August Francke empfohlen. Im Rückblick erschien ihm dies als göttliche Fügung:

AHF: Wie die Kinder zur Wahren Gottseligkeit und Christlichen Klugheit..., 1748
"Das war also ein neuer Auftritt welchen die allergnädigste Vorsehung Gottes durch hohe Mittelspersonen ohne alles sein Verdienst und Würdigkeit zuwege gebracht." (9)
Der auf die Umsetzung christlicher Nächstenliebe und christlicher Bildungsvorstellungen erpichte Einbecker fuhr zurück nach Göttingen, verabschiedete sich von seinen Professoren und Kommilitonen, um nur umso schneller wieder in Halle zu sein. In Halle arbeitete Heinrich Melchior Mühlenberg in der Weingartischen und Mittelwachischen Schule, bevor er Lehrer "in den großen Waisenanstalten" wurde. Als Inspektor einer Krankenstube wurde er mit Prof. Johann Juncker (1679-1759) bekannt und erhielt "etwas Einsicht in die menschlichen Krankheiten und Arzneimittel". (10) Herzensfreund und Gönner Mühlenbergs war Ludwig Johann Cellarius, engster Berater Franckes.
Lindenallee Richtung Großhennersdorf (2000)

1739 trafen Briefe in Halle ein, in denen er aufgefordert wurde, wieder nach Göttingen zu kommen, um dort das Armenhaus weiter auszubauen. Cellarius riet ab, da man ihn für die Indienmission brauche. Gleichzeitig erging ein Ruf des Grafen Reuß XI auf eine Inspektorenstelle in Großhennersdorf (Oberlausitz). Gottlieb August Francke, der die Indienmission weiter im Auge behielt, bestärkte Mühlenberg, dem Wunsch des alten Förderers zu folgen. Drei Jahre verbrachte Heinrich Melchior als Diakon und Inspektor des Großhennersdorfer Waisenhauses in der Oberlausitz. Dann zwang ihn der Niedergang der Anstalt, sich nach einer zukünftigen Betätigung umzusehen. Wieder war es Graf Reuß XI, der wegweisend wirkte: Nicht in die Einbecker Heimat solle er gehen, sondern nach Halle, um dort nach Rat zu fragen.

Francke empfing Mühlenberg nicht planlos. Genau an Mühlenbergs 30. Geburtstag (6.9.41) fragte der Sohn des großen Gründers den zukünftigen Patriarchen, ob er "einen Beruf zu den zerstreuten Lutheranern in Pennsylvanien" (15) annehmen wolle. Mühlenberg verließ die Saalestadt, um Reuß´ Meinung zu hören. Der Graf war deutlich für die Annahme der Berufung nach Amerika. Mühlenberg akzeptierte die folgenden Bedingungen, bevor er sich auf die Reise machte:

1. "Daß er den Beruf nach Pennsylvanien zum Versuch auf 3 Jahre annehmen und nach 3 Jahren zurück zu kommen Freiheit haben sollte."
2. "Daß ihm die Reisekosten von der Oberlausitz bis Amerika, und im Fall er die Rückreise verlangete, die Kosten gereicht werden sollten."
3. "Daß sowohl die Reisekosten als auch nothdürftig Salarium von den bei Sr. Hochwürden Herrn Ziegenhagen befindlichen Collecten gegeben werden sollten."

Mühlenberg schied am 16. Dezember 1741 von Großhennersdorf und reiste über Bautzen, Dresden, Oschatz, Leipzig, Altenburg nach Köstritz. Hier hielt er sich einige Tage auf, bevor er über Langendorf nach Halle reiste. Mit Erfrierungen, die er als Wink Gottes deutete, kam er am 9. Januar 1742 hier an. Mühlenbergs dritter und letzter Aufenthalt in Halle dauerte vier Wochen. Francke und Cellarius bereiteten ihn auf die bevorstehende Reise und Arbeit vor. Beide wussten, dass die Aufbauarbeit in Amerika eine ungeheure Anstrengung für einen Mann bedeuten würde. Francke wollte Mühlenberg deshalb einen Mitarbeiter mitgeben, "es wollte sich aber keiner dazu finden lassen." (19)

Über das heimatliche Einbeck (17.2.42-17.3.42) gelangt Mühlenberg am 10. April 1742 nach Amsterdam. Hier hörte er zum "ersten Mal die englische Sprache unter Mechanikern so contract, geschwind und lispelnd, daß er leider nichts davon verstehen konnte..." (30) Kaum hatte er die "kleine Seefahrt" über den Ärmelkanal durchstanden - er litt unter Seekrankheit - traf er mit Johann Michael Ziegenhagen, dem lutherischen Prediger am englischen Hof, zusammen. Ziegenhagen wiederholte seinen Wunsch, Mühlenberg in Amerika zu sehen.

"Der arme Mühlenberg fühlte seine Schwäche und Unvermögen zu einem solchen Beruf, zu einem Weinberge oder Acker, der keinen Zaun hat und mit kleinen Füchsen und allerhand Arten von wilden Thieren belagert ist, in Lebensgröße und ward sehr niedergeschlagen, aber der Hofprediger munterte ihn auf..."
(35)

Am 11. Juni 1742 verließ Mühlenberg London mit Kurs auf Pennsylvanien. Dort sollte er zum Patriarchen der Lutherischen Kirche in Nordamerika werden.

6. September 1741:
Der Beruf nach Pennsylvanien