Der Hallenser an sich?
Beobachtungen und Anmerkungen zu einem höchst subjektiven Thema.

Franz Knauth (1853)

O. Schulze (1909)

R. Robert Rive (1934ff)

Victor Klemperer (1948f)

Christa Wolf (1960ff.)

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte die Frage auseinandernehmen, bevor ich versuche, mich an ihre Beantwortung zu machen. "Ansich", schreibt Georg Wilhelm Friedrich Hegel in seiner Phänomenologie des Geistes (1. Auflage 1807), "ist die abstrakte Allgemeinheit, in welcher von seiner Natur, für sich zu sein (...), abgesehen wird." (24) Der Duden definiert "an sich" als "in seinem Wesen" oder "in seiner eigentlichen Bedeutung".

Es geht also um die Frage, ob es eine allgemeine Charaktereigenschaft oder vielleicht auch mehrere allgemeine Charaktereigenschaften der Menschen gibt, die in Halle leben. Der Untertitel der Frage betont, dass es sich in einem zehnminütigen Referat nicht um eine wissenschaftliche Ausarbeitung handelt. Sondern lediglich um Betrachtungen und kurze Erläuterungen zu einem weitgehend unbearbeiteten Feld. Das Thema ist "subjektiv". Insofern als dass bei Bejahung der Frage die Beurteilung der Charaktereigenschaften natürlich immer von dem Standpunkt des Urteilenden abhängig ist.

Zuerst stelle ich drei Sichten auf die Menschen in Halle vor (I.). Dann möchte ich kurz die Ergebnisse einer brandaktuellen Studie aus dem Lehrstuhl für Wirtschaftsgeografie mitteilen (II). Zuletzt nehme ich selbst zur Frage Stellung (III).

I.

Augustin:
Bemerkungen eines Akademikers über Halle und dessen Bewohner,
in Briefen, nebst einem Anhange (1795)

Vor die Aufgabe gestellt, die "verschiedenen Menschenklassen" in Halle zu schildern, fasste der 24jährige Christian Friedrich Bernhard Augustin 1795 die Schwierigkeiten einer derartigen Aufgabe zusammen:

"Jeder einzelne Mensch hat seine ihm allein eigenen Gefühle, seinen eigenen Geschmack, seine eigenthümlichen Begriffe, und sein besonderes Temperament. (...) Mit einem Wort, jeder Mensch hat seine ihm allein anklebenden, Eigenheiten. (...) Jedes einzelne Mitglied der menschlichen Gesellschaft muß also außer dem, was ihm allein eigenthümlich ist, noch etwas besonderes besitzen, das ihn mit der Volksmasse verbindet, zu welcher er gehört. (...) Und hier soll der Beobachter genau bemerken, was allen gemein und was jedem insbesondere eigen ist."

Augustin, der in Halle studiert hatte, war fest davon überzeugt, dass das gesellschaftliche wie auch wirtschaftliche Leben der Stadt in der Universität und den Studenten seinen "Mittelpunkt" habe, "um welchen sich alles dreht". Seine Beurteilungen der "Volks-" oder "Menschenklassen" in Halle waren stark von den Eindrücken beeinflusst, die er während seines Studiums sammelte.

Die Halloren erhielten eine gute Note: "Eine gutmüthige Nation gegen den, der sich ihre Gunst zu erwerben gewusst hat, besonders gegen die Studenten (...), die sie auch Schwager nennen und dutzen, aber Todfeinde aller, die sich ihnen widersetzen, besonders der Handwerksburschen. Sie stehen sämmtlich für einen Mann und eine größere Eintracht ist kaum denkbar."

Der höhere Bürgerstand, bestehend aus Beamten, Geistlichen und Ärzten , kam schlechter weg: Die Bürgerschaft an der Spitze der Einkommenspyramide bliebe "beständig in ihrem Zirkel", sei stolz auf ihren "ersten Rang" im Gefüge der Kommune und betreibe eine "gewisse Absonderung von den übrigen Volksklassen". Die Oberschicht besitze Vermögen und zeige dieses auch, lebe im Luxus und in sinnlichen Vergnügungen, die "die Oberhand" gewonnen hätten. Augustin gab jedoch zu, dass er dieses Urteil nicht aufgrund eigener Erfahrungen gefällt hatte. Schließlich war es ihm als Student nicht möglich gewesen, in den inneren "Zirkel" der Oberschicht Eintritt zu finden.

Der mittlere und der untere Bürgerstand hätten sich das Verhalten der Begüterten zum Vorbild genommen. Was Augustin über die Folgen, die sich daraus insbesondere für die Studenten ergaben, berichtete, sollten Sie selbst lesen.

Augustin schloss versöhnlich: "Vor Anlegung der Universität müssen die hallischen Bürger ein herrliches Völkchen gewesen seyn." Reste "angeborener und natürlicher Gutmüthigkeit" seien hier und dort anzutreffen. Die Hallenser "sind gastfrei und helfen gern einem Bedrängten aus der Noth, wenn sie es ohne eigne Aufopferung thun können."

Knauth : Wegweiser durch Halle und seine Umgebungen (1853)

Franz Knauth begann mit einer Ausgrenzung. Seine "Characteristik" eines Hallensers würde "die höheren Klassen, die Beamten und Gelehrten" nicht mit einbeziehen. Der höhere Bürgerstand, noch immer aus denselben Gruppen zusammengesetzt, wie ein halbes Jahrhundert zuvor, sei "allenthalben" derselbe. Dies kann als ein Hinweis auf die Personalpolitik des preußischen Verwaltungsstaates verstanden werden. Auch die "Halleschen Proletarier" fänden keine Beachtung. Knauth kannte sie nicht. Knauth beschränkte sich also auf "den" halleschen Mittelstand, wie schon Augustin vor ihm.

Nun zur "Characteristik": Im geschäftlichen Leben sei der Hallenser "fleißig und vorsichtig", "Spekulationen und Schwindeleien" seien ihm fremd. Der Hallenser wisse mit seinem Geld gut umzugehen und bringe nur für "ganz Außerordentliches Opfer an Geld und Zeit." Politisch sei der Hallenser "gemäßigt liberal", "Herzenssache" sei ihm die Politik nicht, "seine Teilnahme an den öffentlichen bürgerlichen Acten und den Verhandlungen über städtische Verwaltungsangelegenheiten ist nur in einzelnen Fällen eine besonders rege."

Der Hallenser sei religiös, noch viel eher begeistere ihn jedoch die Beteiligung an "theologischen Zeit- und Streitfragen". Ganz allgemein fehle es dem Hallenser an "Falschheit, Tücke, nachtragendem Haß und Groll", er liebe das offene Wort, sei gegenüber dem "Mitbruder" wohltätig und verhalte sich dem Fremden gegenüber "eher" verschlossen. Da er nicht wisse, "ob er Großstädter oder Kleinstädter" sei, fehle ihm dem Unbekannten gegenüber ein selbstbewusstes Auftreten. Wer aber längere Zeit in Halle gelebt habe, klage nur noch selten über "Mangel an Zuvorkommenheit und Gefälligkeit, an Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit des Hallensers."

Rive:
Lebenserinnerungen eines deutschen Oberbürgermeisters (1934-39)

Gehen wir ein gutes halbes Jahrhundert weiter und lassen einen Mann sprechen, der für die Entwicklung der Stadt Halle auch über das Ende seiner Amtszeit hinaus wegweisend war: Richard Robert Rive. Rive hatte in Breslau Jura studiert, sein Referendariat abgeleistet und sich anschließend als Rechtsanwalt niedergelassen. 1899 wurde Rive als besoldeter Stadtrat in den Magistrat der Stadt Breslau gewählt.

Als 1905 Oberbürgermeisterwahlen in drei preußischen Städten anstanden, hatte die größte der drei, Halle, mit Rive Fühlung aufgenommen. "In dieser Großstadt, berühmt durch ihre Universität und hervorragend durch Handel und Industrie, war der Breslauer nie gewesen; kein einziger ihrer Einwohner war ihm bekannt." Da es üblich war, "daß die Kandidaten mit den Wahlberechtigten persönliche Beziehungen aufnahmen und sich an Ort und Stelle zeigten", konnte Rive die "dringende Einladung zu persönlicher Rücksprache" nicht ausschlagen. Rive begab sich also "zum ersten Male in die fremde Stadt und zu den unbekannten Menschen, auf deren Boden ihm vielleicht ein neues Schicksal werden sollte." Die Vorstellung verlief gut und Rive wurde zur allgemeinen Überraschung im ersten Wahlgang mit großer Mehrheit gewählt.

Welchen Eindruck machten die "Einwohner" der Stadt, die "unbekannten Menschen" auf Rive?

Die Mängel der Organisation der Stadtverwaltung waren Rive ins Auge gesprungen, aber, so der Breslauer, "die vielen Menschen, mit denen der OB nun gemeinsam arbeiten musste, ließen sich in ihrem Wesen nicht so schnell erkennen." Kurz nach der Wahl hatte ihm ein "alter Kenner der Stadt und ihrer Bürger" gesagt: "Wenn sie ruhig amtieren und Beifall haben wollen, so entwickeln Sie so wenig Initiative wie möglich."

Die Stadtverordneten waren in "politischer, wirtschaftlicher, beruflicher und sozialer Beziehung" gruppiert, der "Gedanke des Gemeinwohls war nicht mehr das Band, das die Stadtverordneten schließlich immer wieder vereinigt hätte." Insbesondere war Rive der "ganz unverhältnismäßig starke Einfluß" der Haus- und Grundbesitzer aufgefallen (Halle als "Stadt der Hausagrarier" ). Gerade in Hinblick auf den "genialen" Stadtbaurat Ewald Genzmer sagte Rive: "Wenn es sich um Entfernung einer unliebsamen Persönlichkeit handelte, kannten sie (= die Stadtverordneten) keine Sparsamkeit."

Mit Blick auf seine zukünftigen Kollegen im Magistrat, die sich ebenfalls beworben aber gegen den Breslauer verloren hatten, war Rive skeptisch: "Konnten die Gefühle der bei der Wahl Übergangenen so gestimmt sein, daß für den viel jüngeren, aber erfolgreichen Fremdling freundliche Aufnahme zu gewärtigen war?"

Rive hatte in seinem bisherigen Breslauer Wirkungskreis gute Erfahrungen gemacht: Unter den Magistratsmitgliedern herrschte "Freundschaft", zwischen Magistrat und Stadtverordneten sowie zur Regierung "persönlich und amtlich gute Beziehungen", die "allem Arbeiten einen tragfähigen Boden" gaben.

In Halle schienen die Verhältnisse anders zu sein: "Ein tiefer Riß ging durch die Pflichten- und Arbeitsgemeinschaft" des Magistrats, "indem eine Oberbürgermeister- und eine Bürgermeister-Gruppe bestand und sich in ihren Angehörigen gegenseitig bekämpfte. Zwischen beiden städtischen Körperschaften bestand offenkundige Feindschaft, das Verhältnis zur Aufsicht führenden Regierung war gespannt." Erlauben Sie mir auch Rives Erklärung für die Spannung zu nennen: "Beide Teile hatten sich gegenseitig nie recht kennengelernt und kein Vertrauen zueinander gefasst, und daher war ihr Verkehr fremd und förmlich geblieben."

Aus dem Rückblick der Jahre 1934 bis 1939 fasste Rive seinen ersten Eindruck von Stadt und Bewohnern so zusammen:

"Im ganzen betrachtet war das Bild, das die Stadtverordneten-Versammlung bot, wenig erbaulich. Es stimmte mit dem äußeren Bilde der Stadt und dem kommunalen Leben ihrer Einwohner (...) überein. Die meisten Einwohner waren ja Fremdlinge (wie er!, NB); der gewaltige Zustrom von außerhalb hatte sie während der letzten Jahrzehnte in die Stadt geführt. Die Zahl der wirklich Einheimischen war in der Flut der neu Hinzugekommenen beinahe verschwunden. Unausgeglichen und widerspruchsvoll war das Wesen der Stadt; nach Namen und Geschichte war sie alt, und nach dem Stande ihrer letzten Entwicklung war sie jung."

Zusammenfassung:

Rive traf auf:
- eine zerstrittene Verwaltungsspitze
- eine zu ¾ ihrer Mitgliederzahl aus eigenwohlorientierten Hausbesitzern bestehende Stadtverordnetenversammlung und
- eine Einwohnerschaft, die sich mit der Stadt nicht identifizierte, da sie aus dem Umland und der "Fremde" hinzugezogen war, um Arbeit zu finden.

Exkurs: Rives Wandlung vom Fremden zum Hiesigen

Negatives Beispiel 1906: Der Fremde

Nach der ersten Sitzung der Stadtverordnetenversammlung, während der der neue OB in sein Amt eingeführt worden war, schloss sich ein Festmahl an. Die Mitglieder der städtischen Körperschaften - mit Ausnahme der Sozialdemokraten - nahmen fast alle daran teil. "Weitere Kreise der Bürgerschaft sowie Vertreter der örtlichen Behörden" waren nicht eingeladen. Die Veranstaltung empfand Rive als misslungen: "Wie waren doch diese Mitbürger anders geartet als in der schlesischen Heimat! Sie wurden nicht recht warm miteinander, heitere Gemütlichkeit und harmloser Scherz schienen ihnen nicht zu liegen, und für die Freuden kollegialen Zusammenseins hatten sie offenbar wenig Sinn." Tags darauf erlebte Rive Ähnliches. Nach der ersten, kurzen Magistratssitzung lud Rive dessen Mitglieder zu einem Frühschoppen in einer nahe gelegenen Weinhandlung ein, um der Sitzung eine "besondere Note" zu verleihen. Rive erinnert sich: "Die Kollegen kamen auch alle, und nach einer Rede des OB wurde ein Hoch auf die Kollegialität ausgebracht; als aber die gewohnte Zeit des häuslichen Mittagmahles heranrückte, verließ einer nach dem anderen den OB, und nach etwa einer Stunde saß dieser mit seinen Breslauer Anschauungen über Kollegium und Gemütlichkeit allein da. Die freundliche Absicht war an der unerschütterlichen Solidität dieser Männer gescheitert."

Positives Beispiel 1917: Der Hiesige

11 Jahre nach dem Antritt und ein Jahr vor dem Ablauf seiner Amtszeit gelang es einem der "meistbegüterten Bürgern der Stadt", Friedrich Kuhnt , dem OB zu verdeutlichen, dass er ihn "hier behalten" wollte. Kuhnt stiftete 1917 - mitten im Krieg - 150.000 Mark, mit denen die Stadt das Grundstück Neuwerk 5 kaufen konnte, um es "ganz dem OB zu seiner unentgeltlichen, alleinigen Verfügung für Wohn- und Repräsentationszwecke" zu überweisen. Rive wusste, den "unvergleichlichen Wert der Stiftung" einzuschätzen: "Sie gab dem OB das Gefühl der Bodenständigkeit, indem sie ihn auf unabsehbare Zeit mit dem Grundstück und durch dessen Besitz mit der Stadt verband."

Klemperer: So sitze ich denn zwischen allen Stühlen (1945-49)

Mit Victor Klemperer möchte ich als vierten "Zeugen" einen Wissenschafter und Politiker zu Wort kommen lassen. Klemperer, der Philosophie, Romanistik und Germanistik studiert hatte, lehrte zwischen 1920 und 1935 an der TH Dresden. 1935 aus seinem Lehramt wegen seiner jüdischen Herkunft entlassen, wurde er ab 1940 in verschiedene Dresdener "Judenhäuser" eingewiesen. Er überlebte den Nationalsozialismus, wurde im November 1945 Professor an der TU Dresden, 1948 an der MLU Halle und an der Humboldt-Universität Berlin. Seit 1945 Mitglied der KPD, erkannte er einerseits, wie Aufmärsche und Reden denen im NS glichen , engagierte sich aber andererseits für eine von sowjetischen Bajonetten getragene sozialistische Republik. Grund war seine Furcht vor Antisemitismus und Antibolschewismus.

Klemperer verzichtete - ähnlich wie Rive - auf eine Beschreibung des Hallensers als "abstrakte Allgemeinheit". In seinem Tagebuch schrieb er: "...was geht mich die Menschheit an, was heißt Menschheit? Es gibt immer nur das Einzelwesen, das Ich in seinem kleinen Ichkreis."

Seine erste Begegnung mit zwei Hallensern, dem Kurator der Universität und einem "Regierungsmann" in Berlin, verlief positiv. Die Hallenser strömten gesunde Skepsis aus und schienen zur Gruppe der Pragmatiker zu gehören. Ein Brief, den er im Zusammenhang mit seiner Berufung aus Halle erhielt, "klingt so kühl, als sei ich der Univ. aufoktroyiert u. wenig genehm."

Klemperer traf am 18. Mai 1948 in Halle ein und bekam dort ein Zimmer in der Chirurgischen Klinik. Zwar war die Oberin sehr freundlich, jedoch hatte sie kein Essen vorbereitet. Klemperer musste also in das einzige in der Nähe noch geöffnete Lokal gehen, nur um dort "unzulänglichsten Kohlfraß" zu erhalten. Kaum hat er zu Ende gegessen, hörte er: "Der Chef möchte hier gerne Skat spielen, bitte an einen anderen Tisch!" Am nächsten Abend lud ihn die Oberin zum Abendessen in ihre Wohnung ein: "Wie so ein Zimmer aussieht:", schreibt Klemperer, "elegant, betont privat, kleine Bibliothek, gediegen u. betont bürgerlich, klassisch, humanistisch." Eine weitere Begegnung mit einem Vertreter des Bürgertums (am 3.1.49) beschreibt Klemperer ausführlich: "Dann war noch hier Troitzsch, der Verteiler der Lebensmittelkarten, Chef (und Erbe vom Vater her) der Firma Arnold u. Troitzsch (Textilien etc.) am Markt, LDP-Mann. Sehr bedrückt und pessimistisch, den selbständigen Kaufmann fresse die Entwicklung auf. Von der Stimmung der Leute: es gebe das Gerücht, im März werde es eine `Bartholomäusnacht´ geben, womit wohl die nazistische `Nacht der langen Messer´ gemeint ist, oder gar eine sicilianische Vesper mit westlicher Unterstützung. Wahnsinniges Gerücht, aber charakteristisch als Gerücht."

Kontakt mit halleschen Arbeitern hatte Klemperer bei verschiedenen Vortragsnachmittagen und -abenden geschlossen. Im Volkspark hatte er am Tag der Sozialistischen Oktoberrevolution (7.11.48) vor mehr als tausend Menschen gesprochen, davon die "Überzahl" Arbeiter. Da man ihm im Nachhinein sagte, dass die Rede zwar gut war, aber von den Arbeitern wohl kaum verstanden worden sei, hatte er das bittere Gefühl, sich "zu vergeuden". Nach einer Veranstaltung im Stadtschützenhaus (10.1.49) gerät er in eine Diskussion mit einem Arbeiter: "Sehr rührend ein Arbeiter, der von vielem wirr, von der Enge des Arbeiters sehr überzeugend sprach. Furchtbar sein Satz: die Arbeiter müssen zusehen, wie alle Russenpakete an die Intelligenz gehen - ich muß den Leuten immer wieder sagen, es sei eben ganz notwendig, die Intelligenz zu gewinnen! Furchtbar nach zwei Seiten hin: wie gering schätzt er die so zu gewinnende Intelligenz ein, u. wie groß ist der Futterneid der Arbeiter, die doch selber jede Art von Zulage erhalten."

II.

Studie aus der Fachgruppe Wirtschaftsgeografie des Instituts für Geografie der MLU

(
1) Der Lehrstuhl hat 1447 Hallenser befragt. Die erste Frage lautete: "Wenn Sie an Heimat denken, an welches Gebiet denken Sie?" Zur Auswahl standen dabei: das Ausland, andere ostdeutsche Bundesländer, andere westdeutsche Bundesländer, Bayern, Deutschland, Halle bzw. seine Stadtteile, Halle und Umgebung, Mitteldeutschland, Ostdeutschland, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sonstiges. Dabei wurde zusätzlich gefragt, ob der Befragte in Halle geboren worden sei.

Die höchste Stimmenzahl konnte "Halle bzw. seine Stadtteile" verzeichnen. Insgesamt 695 (49,2%) Befragte dachten an Halle, als Sie an Heimat dachten. Davon wurden 66,8 % in Halle und 33,2 % nicht in Halle geboren. Nimmt man diejenigen, die "Halle und Umgebung" angekreuzt hatten dazu, erhöht sich der Prozentsatz derjenigen, die Halle als ihre Heimat empfinden auf 64%.

(2) Die zweite Frage hieß: "Wie würden Sie den durchschnittlichen Hallenser einstufen?" Antworten konnten "freundlich", "weniger freundlich", "indifferent", "eher unfreundlich", und "unfreundlich" ausfallen.

Die höchste Häufigkeit konnte im mittleren Bereich festgestellt werden. 41,8% Befragte stuften den Hallenser als "indifferent" ein. Diesem Ergebnis folgten 484 Stimmen, also 33,7%, die den Hallenser als "freundlich" bzw. "weniger freundlich" einschätzten. 345 Befragte glaubten, dass der Hallenser "eher unfreundlich" bzw. "unfreundlich" sei.

(3) Die dritte Frage wollte die Zufriedenheit oder Unzufriedenheit des Hallensers feststellen. Die höchste Häufigkeit fanden die Studenten im negativen Bereich; 406 Stimmen, also 28,1%, bezeichneten den Hallenser als "unzufrieden". Nimmt man die Antwort "unzufrieden" hinzu, empfinden 772, also 53,4%, den Hallenser als "eher unzufrieden" bis "zufrieden". Dagegen nahmen nur 19,5 % an, der Hallenser sei "weniger zufrieden" bis "zufrieden".

(4) Glauben Sie, dass der Hallenser weltoffen oder kleinbürgerlich ist? Die Verteilung der Antworten fiel hier in den drei Bereichen ausgeglichen aus. Jeweils ein Drittel hielten den durchschnittlichen Hallenser für weltoffen, indifferent bzw. kleinbürgerlich.

(5) Die fünfte Frage führt uns in den Bereich des "Engagements" der Hallenser. Die Befragten konnten eine Antwort auf einer Skala von "engagiert" bis "desinteressiert" abgeben. Die höchste Häufigkeit fand sich hier im Bereich "indifferent". 24,9% schätzten den Hallenser als "weniger engagiert" bis "engagiert" ein, 35,2% "eher desinteressiert" bis "desinteressiert".

(6) Gemütlichkeit ist ein nicht zu vernachlässigendes Gut, dass insbesondere in Deutschland gepflegt wird. Höchste Häufigkeit auch hier bei der Antwort: "indifferent". 28,2% meinten, der Hallenser sei ein gemütlicher bzw. weniger gemütlicher Typ; 39,3 % glaubten, der Hallenser sei "eher hektisch" bis "hektisch".

(7) Die letzte Frage knüpfte an Frage 1 an. Hier wurde nach territorialer bzw. ethnischer Zugehörigkeit gefragt. An der Spitze stand mit 75% die Antwort: "Ich fühle mich besonders als Deutscher". Gefolgt wurde das Ergebnis von ostdeutschem, halleschem, europäischem und stadtteilbezogenem besonderem Zugehörigkeitsgefühl. Erst dann fühlten sich die Befragten Sachsen-Anhalt und an hinterster Stelle Mitteldeutschland besonders zugehörig.

Zusammenfassung: Die Mehrheit der Befragten denkt an "Halle" und "Halle und Umgebung", wenn sie an Heimat denkt. An erster Stelle fühlen sich die Befragten besonders als Deutsche, 55% ordnen ihre Gefühle insbesondere der Stadt Halle zu. Wenn es um die Frage der Freundlichkeit geht, sind die meisten Befragten der Auffassung, der Hallenser sei weder freundlich noch unfreundlich (=indifferent). Die Mehrheit der Befragten schätzt den Hallenser als "eher unzufrieden" bis "unzufrieden" ein. Engagierte Hallenser gibt es nur 10,5%, die meisten Befragten denken, der Hallenser ist "indifferent". Gemütlichkeit kennen nur 14,9% beim Hallenser; "indifferent" ist auch hier die Meinung der Meisten.

III.

Persönliche Stellungnahme

Mit meiner eigenen Meinung möchte ich nicht zurückhalten. Gibt es eine "abstrakte Allgemeinheit", ein "an sich" der Menschen, die in Halle wohnen? Vielleicht ist es ein gesundes Misstrauen in große Worte. Eine Bekannte sagte mir folgendes auf meine Frage nach dem Hallenser "an sich": "Der Hallenser möchte Taten sehen. Erst wenn er Taten sieht, wird er anfangen, Dir zu glauben und Dich in seine Kreise aufzunehmen. Der Hallenser ist zu oft betrogen worden." In Salzmünde steht auf dem Grabstein der Boltzes: "Die Tat ist stumm."

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit
Norbert Böhnke

Klemperer im Romanistischen Seminar (oben) und vor dem Haupteingang der "Kaffeemühle" (Altes Audimax)

Bilder aus: Peter Jacobs: Victor Klemperer. Im Kern ein deutsches Gewächs, 2.A., Berlin: Aufbau, 2000
(Referat gehalten am 15.3.02 im Kleinen Saal des Stadthauses Halle (Saale)
im Rahmen der Zukunftswerkstatt Leitbild Halle)

Der Hallenser und die Stadt Halle
in Christa Wolfs Erzählung "Der Geteilte Himmel"

Das Mädchen Rita Seidel "war zufrieden mit ihrem (mitteldeutschen, N.B.) Dorf: Rotdachige Häuser in kleinen Gruppen, dazu Wald und Wiese und Feld und Himmel in dem richtigen Gleichgewicht, wie man sich´s kaum ausdenken könnte." (13) Wie waren die Leute im Dorf? Wir erfahren nichts darüber.

Rita brach die Schule ab, um Geld für sich und den Unterhalt ihrer kranken Mutter zu verdienen. Sie arbeitete in der Zweigstelle "einer großen Versicherung" in der Kreisstadt. Auf dem Dorf lernte sie Manfred Herrfurth kennen und lieben. Aus der Großstadt kam ein "Bevollmächtigter für Lehrerwerbung", Erwin Schwarzenbach, (Geschichts-)Dozent am Lehrerbildungsinstitut Halle. Schwarzenbach gelang es, Rita für sein Anliegen einzunehmen: "Hatte sie nicht lange genug darauf gewartet? Mußte es nicht so kommen, früher oder später?"(28) Rita ging nach Halle. Sie zog zu Manfred und seinen Eltern, in eine alte Villa, die in einer "abseitigen vornehmen", "grünüberschleierten"(39) Straße lag. All das passierte im Jahr 1960.

Und Halle?

Ihr erster Eindruck der Stadt: "Ihr fiel auf: Das sind ja mehrere Städte. Die sind in Ringen umeinandergewachsen wie ein alter Baum. Sie schritt die Straßenringe ab und überwand in Stunden mühelos Jahrhunderte. Es zog sie ins Stadtinnere, das überhaupt nicht für diesen Verkehr und für diese Menge Leute gemacht war und das in seinen Fugen krachte, wenn der Abendstrom des Nachhausegehens, Einkaufens und Von-der-Arbeit-Kommens losging. Das machte ihr Spaß, sie ließ sich treiben und stoßen, sie stellte sich in einen Winkel und wartete, daß ringsum die Lichter ansprangen. (...) Sie ging die langen, gesichtslosen Kasernenreihen der Arbeiterviertel lang, sie las die Tafeln an mancher Straßenecke: `Hier fiel in den Märzkämpfen des Jahres 1923 der Genosse...´ Manche Straße hatte auf einmal ihre Jahreszahl und ihr Gesicht." (37/38)

"Rita stieg für zwanzig Pfennig auf den hohen, uralten Turm am Markt, sie blieb lange da oben und suchte in der Ferne ihren heimatlichen Bergzug, aber sie konnte ihn nicht finden. Von der weiten, baumlosen Ebene aus fuhr der Wind ungehindert in die Stadt. Jedes Kind konnte hier die Richtung des Windes nach dem vorherrschenden Geruch bestimmen: Chemie oder Malzkaffee oder Braunkohle. Über allem diese Dunstglocke, Industrieabgase, die sich schwer atmen. Die Himmelsrichtungen bestimmte man hier nach den Schornsteinsilhouetten der großen Chemiebetriebe, die wie Festungen im Vorfeld der Stadt lagen. Das alles ist noch nicht alt, keine hundert Jahre. Nicht mal das zerstreute, durch Dreck und Ruß gefilterte Licht über dieser Landschaft ist alt: Ein, zwei Generationen vielleicht." (38/39)

Es ist Manfred, der ihr die Stadt zeigt: "Er hatte für all die fremden, langweiligen, zugeschlossenen Straßen und Plätze den Schlüssel, der hieß Erinnerung. Er öffnete ihr die Stadt, sie sah, daß sie verborgene Schönheiten und Reichtümer hatte."

Portrait
Christa Wolf von
Roger Melis

Kleinmachnow, 1968
"...und über ihrem Kopf vier Türme." Die Kulisse des halleschen Marktplatzes vor der Szene in Manfreds "Bodenzimmer" (34)




Der geteilte Himmel
Spielfilm, DDR, 1964

Regie: K. Wolf

Rita: Renate Blume
Manfred: Eberhard Esche

Der Fluß? Die Saale? Die Fische in der Saale?

"Sie waren in dem Armeleuteviertel, das an die vornehme Villenstraße der Eltern stieß, über zerbröckelnde Holztreppen, ineinandergeschachtelte lichtlose Höfe, durch dumpfige, schwammzerfressene, mit niedergetretenen Ziegeln gepflasterte Hausflure geschlichen - den Indianerpfad seiner Kindheit - und standen plötzlich, überraschend für Rita, am Fluß. Der war, seit Manfred ihn als Kind verlassen hatte, nützlicher und unfreundlicher geworden: er führte watteweißen Schaum mit sich, der übel roch und vom Chemiewerk bis weit hinter die Stadt den Fisch vergiftete. Die Kinder von heute konnten nicht daran denken, hier schwimmen zu lernen, obwohl die Ufer flach und von Gras und Weiden gesäumt waren."(40)

Auch Trotha?

"Sie folgten dem Uferweg in der schnell fallenden Dämmerung bis zu dem Punkt, da der Fluß beim letzten Haus die Stadt verließ. Sie kehrten um. Plötzlich hatten sie Lust, unter Menschen zu sein. Sie gerieten in ein kleines, handtuchschmales Vorstadtkino, mitten in eine Kindervorstellung. Die alten Apparate krächzten und flimmerten, aber das störte die Kinder nicht, und auch sie fanden sich damit ab."(41)

Und die Leute, die Hallenser?

"Sie hatte auch ein bißchen Angst. Hier achtet keiner auf keinen, wie leicht kann einer hier verloren gehen, dachte sie. Junge Leute bleiben in der Straßenbahn sitzen und lassen alte Frauen stehen, die Autos spritzen dir den Straßenschmutz an die Beine, in den Geschäften werfen sie sich in der Eile gegenseitig die Türen an den Kopf, und in den großen Warenhäusern rufen sie die Verkäuferinnen, die zur Direktion kommen sollen, mit Lautsprechern aus..."(38)

Großstädtisches Leben. Das überall auf der Welt in einer großen Stadt so aussehen könnte. Was zählt, aus den Augen des Mädchens Rita Seidel, ist die Differenz zum Dorf. Doch dann:

"Die zweimal hunderttausend Leute lebten nicht hier, weil es besonders Spaß machte, hier zu leben. Das sah man ihren Gesichtern an: Eine andere Art von Erregtheit, von Gewitztheit, von Festigkeit und Müdigkeit. Freiwillig kam man wohl nicht hierher. Was aber zwang sie?"

Wir werden es nicht erfahren. Oder? Seien Sie gespannt auf den Literaturspaziergang der IfHaS e.V. Erleben Sie mir uns per pedes, mit der Straßenbahn und vielleicht auch mit dem Ausflugsdampfer das Literarische Halle; von August Lafontaine und Joseph von Eichendorff bis zu Curt Goetz, Erik Neutsch und Christa Wolf.

O. Schulze: Die Bewohner von Halle (ca. 1909)

Es soll hier nicht darüber geredet werden, ob die Bewohner von Halle keltischen oder germanischen oder slawischen Ursprungs sind; auch nicht davon, in welche verschiedenen Berufe sie sich teilen, denn es ist damit hier wie überall, einen für Halle besonderen Berufszweig gibt es nicht, höchstens wären die Halloren zu nennen. Äußerlich sind sie in ihren besonderen Trachten, die sie ja zumeist noch immer bei der Ausübung ihres Berufes als Salzsieder und Leichenträger anlegen, von den anderen Bewohnern leicht zu unterscheiden.Aber wer etwas Menschenkenntnis besitzt und einigen Scharfsinn aufwendet, kann auch heute noch - früher war´s freilich viel leichter - die übrigen Berufsangehörigen erkennen, ob sie sind Fleischer oder Schuhmacher oder

Schneider usw.; denn "womit man umgeht, das hängt einem an", "den Vogel erkennt man seinen Federn."

Wer den Bewohnern von Halle nicht ganz wohlwill, sagt, es gäbe bei ihnen Hallensern, Halloren und Hallunken, und er rechnet dann am liebsten boshaftig-scherzig alle zur letzteren Sorte. In solcherlei Gruppierungen nun muß sich mancher andere Ort auch mancherlei gefallen lassen, namentlich trieb man in früherer Zeit argen Spott damit. Auf einer Festversammlung in Magdeburg hörte ich einmal einen Redner sagen: es gibt gute Menschen und böse Menschen und - Magdeburger. Das war lustig gemeint, es lag aber doch ein recht spitzer Stachel für die Magdeburger darin. Ja, wäre so etwas in Schilda oder Schöppenstedt gesagt worden, dann hätte es schon sein mögen. Doch lassen sich deren Bewohner neuerdings wohl auch nicht mehr eine üble Nachrede gefallen, sie sind im Gegenteil recht sehr empfindlich in derlei Dingen. Bei einem Schildaer gesunden Jungen habe ich das einmal selbst erlebt: er verabreichte dem, der von ihm einen Schildbürgerstreich sehen wollte, eine derbe Ohrfeige.

Von den Bewohnern Halles ist vielleicht niemand gleich so boshaft, in solcher Münze heimzuzahlen, wenn er gefragt würde, ob er zu den Hallensern, den Halloren oder Hallunken gehöre, es sei denn, der Frage mache Miene, ihn zu der schlimmsten Sorte der letzteren zu zählen, nämlich zu den Lattchern, denn einen solchen Schimpf darf sich ein rechter Hallenser nicht antun lassen.

Der Hallenser ist nicht, wie etwa der echte Berliner, ein Besonderer unter den Menschen, er ist ein ganz gewöhnlicher Durchschnittsmensch, ein Durchschnittsbürger, nicht hervorragend im Guten und Großen, aber auch nicht im Schlimmen; dem Hallenser fehlt der große Zug, es hängt ihm viel von einem Philister an. Doch ist er der ruhige behäbige Philister auch nicht mehr, den es in früherer unaufgeregter Zeit häufig in den Städten gab, wie es denn überhaupt einen solchen in der unverfälschten Form nicht mehr geben dürfte. Philisterhaft sind gar viele, sie sind aber darum längst nicht mehr rechtschaffene Philister. Mit einem solchen war auf jede Weise gut auszukommen, er konnte auch wirklich einmal groß und hochherzig denken und sich begeistern - heute fehlt der rechte Boden für sein Gedeihen: die Ruhe und Behaglichkeit, Herz und Wärme des Verkehrs.

Begegnest Du etwa heute noch Menschen, die langsam und behäbig ihrer Spaziergang machen, aller drei vier Schritte stehen bleiben und jedes Mal eine wichtige Neuigkeit, und immer wieder eine, in breitester Behaglichkeit und mit dem tiefsten Brusttone der Überzeugung, gleich als ob es sich um eitel Haupt- und Staatsaktionen handelte, untereinander besprechen und bis in alle Einzelheiten verfolgen und erwägen? Du findest solche nirgends mehr, höchstens auf den Bänken der Würfelwiese habe ich unter Pensionären und Altersrentlern dergleichen beobachtet. Auch in den Schrebergärten draußen über den Zaun weg lernt man wieder Gespräche führen.

Es ist schade, daß das alte Philistertum - der alte Philister war in seiner Art ein Charakter - immer mehr vergeht. Es war ein schönes Stück Menschentum, ein prächtiges Erbe von Behaglichkeit und Selbstzufriedenheit, eine stille Welt der Ruhe und des Friedens inmitten der Hast und Unruhe. Doch halt! Die Hast und Unruhe war damals noch nicht da, sie hat eben das Philistertum totgemacht. -

Die Halloren allein sind die alten geblieben, wenigstens was Beschäftigung und Kleidung anlangt. Sonst aber hat die Zeit auch ihnen manches genommen, was sie vor anderen auszeichnete. Da sie aber noch immer mancherlei Vorrechte haben und alte schöne Erinnerungen unter ihnen fortleben, so wird wohl noch eine ganze Zeit vergehen, ehe dies alte kernige Geschlecht verflossen sein wird. -

Wie Neapel seine "Lazzaronis", Paris seine "Gamins", Danzig seine "Boskes", so besitzt fast jede Stadt eine Anzahl von männlichen Elementen, die, wie die Vögel unter dem Himmel, nicht säen, nicht ernten, nicht in die Scheunen sammeln und sich doch nähren - natürlich auf Kosten ihrer besseren und fleißigeren Mitmenschen. In Halle sind dies die "Lattcher". Den Namen weiß man sich nicht recht zu erklären. Oder läge die Erklärung vielleicht sehr nahe, daß man nämlich ihr Herumlehnen und Herumlatschen, wie der Volksmund sagt, damit in Zusammenhang brächte? Der Gedanke ist mir gekommen, als ich tatsächlich einmal den Namen "Latscher" (statt Lattcher) aussprechen hörte.

Ein festes Band der Gemeinschaft umschließt diese Blüten der Großstadt, und schon in ihrem Äußeren lassen sie erkennen, daß sie eine "Zunft" bilden. Sie haben denn auch ihre Beratungen. Früher erwählten sie dazu am liebsten den Marktplatz. Heute jedoch müssen sie sich verstecktere Plätzchen aufsuchen, wie den überhaupt die Glanzperiode dieser eigenartigen Zunft mit dem helleren Lichte in den Straßen und in den Köpfen mehr und mehr dahingeschwunden ist.

Sehen wir uns einmal einige Teilnehmer der Konferenzen genauer an: dort jener Alte mit dem aufgedunsenen Gesicht, der geröteten Nase und den langen Bartstoppeln starrt stumpfsinnig ins Blaue. Offenbar sind seine Lebensgeister noch nicht geweckt; denn es ist noch früh. Später, bei reichlichem Alkoholgenuß, werden die schlaffen Züge Leben gewinnen, er wird dann gesprächig werden, wird alles wissen, über alles reden - aber nichts tun. -

Ein ganz anderes Benehmen zeigt ein junges, kaum zwanzig Jahre altes Mitglied der Gesellschaft. Die tief im Nacken sitzende Mütze und der raubtierartig vorgestreckte Hals zeigen seinen Tatendrang an. Er ist zu allem fähig. Im Grunde ist er aber feige wie die meisten unter ihnen. Solche Sorte stiftet bloß an und lässt es andere ausfechten. Unablässig schweift sein Auge umher, ob nicht etwa ein Polizist ihn beobachtet. -

Ein dritter hat soeben die Flasche, den unzertrennlichen Begleiter eines jeden, hervorgeholt, prüft wohlgefällig und schmunzelnd den Inhalt, nimmt einen langen Zug des geliebten Naß und lässt sie kameradschaftlich die Runde machen. Nun sind alle für eine Weile glücklich und zufrieden. Bald zerstreuen sie sich, und ein jeder geht seinem "Geschäfte" nach. -

Kürzlich sah ich einen von der gutartigen Sorte auf einem Gerüst einer Ausschachtung lehnen, und er mochte wohl, nach seiner Vertiefung zu schließen, schon stundenlang so gelehnt haben. Nicht berührte ihn, was um ihn her vorging, gleichgültig und dumpf und stumpf sah er in die durchwühlten Tiefen. Da ging Bruder Lude vorüber. "Aude", rief der, "hast´n den Kolonne ungen in Gange?" Das mochte an seinen Ehrgeiz gehen, sie mochten sich auch vorher gehäkelt haben - doch sah er sich nicht etwa auf, rührte sich auch nicht im geringsten, aber seine Augen sah ich schief nach Lude hinschießen, und alsbald kam´s von seinen dicken wulstigen Lippen unter der aufgedunsenen Nase hervor gleich einem verhaltenen Strome und ergoß sich über Lude unaufhaltsam, in Ausdrücken, die ich nicht zur Hälfte verstand, die jedoch in unverfälschter Natürlichkeit und Kräftigkeit ihresgleichen suchten. Lude schmunzelte nur dazu, zog eine Priese aus der Tasche, hielt sie Aude unter die Nase, und als dieser eben in aufkeimender Rührung und Freundschaftlichkeit zufassen wollte, entzog er sie ihm schnell mit den Worten: "Proste Mahlzeit, Aude!" und ging seines Weges schmunzelnd weiter, gerade als ob nichts geschehen. Aude schimpfte fort, noch etwas kräftiger als zuvor. Die Erregung aber legte sich schnell. Dann lehnte und spann er weiter - der Faden war aber gar kärglich und dünn.

Von regelmäßiger Lebensweise kann bei solcher Sorte von Menschen keine Rede sein. Schon aus Zwang sind sie bedürfnislos - nur allein der Alkohol, der Fusel ist ihnen unentbehrliches Bedürfnis. Die Mittel dazu verschafft sich jeder auf seine Weise: die einen stellen in Wald und Hain den befiederten Sängern nach, locken sie auf Leimruten oder nehmen ihre Nester aus; desgl. sind ihnen Kaninchen und Eichhörnchen eine willkommene Beute; andere hausieren mit Streichhölzern, Briefbogen, Wäscheklammern und anderen Sachen, wobei ihre Augen fleißig nach unbewachten kleinen Dingen in den Häusern umherspähen, denn nichts wir hierin verschmäht, wenn es auch nur ein paar Pfennige einbringt; und unsaubere Abnehmer und Hehler finden sich leider noch immer.

Die Märkte im allgemeinen und der große Herbstmarkt bilden die Festzeiten der edlen Lattcherzunft. Auf mühelose Art wird hier ein Trinkgeld verdient oder mit List und Hinterlist harmlosen Jahrmarktsbesuchern das Geld aus der Tasche entlockt. Der Winter ist ihre schlimmste Zeit, da reicht ihnen die Natur draußen nicht mehr ihre willkommenen Gaben und gewährt ihnen zur Nacht nirgends mehr Unterschlupf, es beginnen die Nahrungsquellen zu versiegen. Einige "arbeiten" wohl gar einmal, lange aber hält´s nicht vor, ja es wird oft wieder Schluß gemacht, ehe nur ein rechter Anfang da war, und beide Teile sind des froh. In der Regel aber machen sie die winterliche Zahl der Arbeitslosen nur größer und wissen den ehrlichen unter ihnen die Wohltaten wegzuschnappen, die diesen zugedacht waren, und verleiden so den Wohltätern alle Fürsorge und alles Wohltun.

Ein keineswegs unangenehmer Aufenthaltsort, namentlich zur Winterszeit, ist ihnen das Gefängnis. Oft wird ein Streich ausgeführt, nur um sicheres und warmes Obdach zu erlangen. Mancher ist dort ein bekannter und regelmäßiger Gast. Willig vertieft er sich da in die Geheimnisse des Tütenklebens, bis die milde Frühlingssonne lacht und mit dem Ende der Haftzeit auch seine Brust mit neuer Hoffnung sich erfüllt.

Ein merkwürdiges Geschlecht, diese Lattcher, verabscheuungswert bis zum grimmigsten Hasse - und doch nicht uninteressant. Wir haben ihnen viel Ehre angetan, aber bloß, damit jeder sie verachte und nie ihren Spuren folge.

Text veröffentlicht in: O. Schulze: Heimatbilder. Halle und Umgebung, Halle a.S.: Louis Neberts Verlag (Albert Neubert), o.D. (ca.1909), S. 84-89.