Kriegstagebuch Wilhelm Heymann

Euphorie (Faust II)

Träumt Ihr den Friedenstag?
Träume, wer träumen mag.
Krieg! Ist das Losungswort
Sieg! Und so klingt es fort.

Sommer 1914: Die Ferien unserer Elsen, Ende Juli, musste ich diesmal allein mit ihr verleben, daheim im lieben Burscheid, meiner Vaterstadt, wie freuten sich die guten Alten auf unser Kommen und wie war auch unser Glück jetzt erst vollkommen geworden, war uns doch am 10. Juni, zwei Tage nach unserem siebten Hochzeitstage, ein Junge, unser Wolfgang, geboren worden, dieses war auch der Grund, warum Elfriede, meine kleine Frau, nicht mit uns reisen konnte.

Die Tage in Burscheid, der Ruhe und Erholung gewidmet, vergingen zu schnell, ich besuchte noch die große in diesem Sommer in Köln eröffnete erste Werkbund-Austellung, wo deutsche Volkskunst, deutsche Wesensart zum Ausdruck kommen sollte, wo deutsche Art endlich den Sieg über das bisher weiter zu sehr verhätschelte Ausländertum erringen sollte, das Ende löste ein größeres Ringen, ein Ringen um Sein oder Nicht-Sein des Deutschtums in der Welt aus.

Kaum das man je mit einem Wort davon gesprochen oder die Möglichkeit erwähnt hätte, was uns die nächste Zukunft bringen könnte, selbst der Mord in Sarajewo ließ kaum diesen Gedanken hochkommen, da übereilte in den letzten Tagen des Juli eine Nachricht die andere. In der friedlichsten Stimmung zog ich mit Klein-Else zurück nach Halle und auch dort war kaum von den bevorstehenden Ereignissen die Rede, wohl wurde im Büro himmelstürmend politisiert und den Serben blutige Rache geschworen auch der edle Alkohol musste hierbei herhalten zu wiederholten Malen hörte man das Wort der jüngeren Kollegen: „Nieder mit den Serben, Serbenblut muß fließen“, aber auch selbst dabei wollte eine feste Meinung sich kaum herausbilden, auch die Zeitungen brachten kaum nennenswerte Artikel.

Da am Samstag, die letzten Tage des Juli brachten schon etwas mehr Klarheit und damit auch Unruhe, den ersten August zerriß der Schleier auf einmal. Am Abend kam plötzlich das Mobilmachungstelegramm mit der roten Bekanntmachung heraus, das Ultimatum an Russland war Nachmittags 5 Uhr abgelaufen gewesen, um 5 ¼ Uhr hatte der Kaiser in Berlin den Mobilmachungsbefehl für die gesamte deutsche Kriegsmacht erlassen, der Sonntag, den 2. August 1914, war als der erste Mobilmachungstag angesetzt. Der Abend brachte riesiges Leben in den Straßen und besonders auf dem Marktplatz wogte es und Musik und Glockengeläut gab dem Ganzen das patriotische Gepräge.

5. August 1914, der vierte Mobilmachungstag, also am 5. August war auch für mich Abschiedstag von meiner Familie, nach dem die wenigen letzten Tage durch Vorbereitung vollauf die Zeit ausfüllten. Immer lebhafter vorwiegender wurde das militärische Gepräge auf den Straßen, das Feldgrau, zuerst als neu dem Auge ungewohnt, gab dem Verkehr den nötigen Ernst, Truppen marschierten durch die Straßen, wohl die aktiven Regimenter, geschmückt mit Blumen, zogen die 36er nach dem Bahnhof – die Musik mit klingendem Spiel voran, begleitet von den Angehörigen und unzähligen Neugierigen. Dann wieder sah man einzelne junge Burschen, jeder sein Päckchen tragend, um sich zur Gestellung zu begeben. Noch schnell ein Abschiedskuß den weinenden Frauen, noch mal schnell den Kleinen geherzt und geküsst, dann ging es fort.

So kam auch meine Stunde, morgens (…) Uhr musste ich mich in der Aktienbrauerei am Rossplatz stellen, was wir uns zu sagen hatten, Elfriede und ich, das war gesagt, Treue um Treue haben wir uns aufs neue geschworen, Else war bereits zur Schule, noch schnell ein Blick unserem Wolf und fort ging es, allein ohne Begleitung, so hatten wir es uns versprochen, ich benutzte die elektrische Straßenbahn, um schnell am Bestimmungsort zu sein, nichts mehr sehen, nichts mehr denken, war mir ein Bedürfnis geworden. Hier nun im Garten der Brauerei sammelten sich die Mannschaften der Fußartillerie an, auch mein Amtskollege Stadtbaumeister (Leeck) war bereits dort. Bald formierten sich die Jahrgänge dem Namen nach, nach dem noch Zehrgeld verteilt und Verhaltungsmaßregeln während der Fahrt bekannt gemacht waren, marschierten wir in Gruppen, die Görlachsche Kapelle voraus, zum Güterbahnhof, hier erwarteten uns schon die Damen des Frauenvereins um uns mit Kaffee zu versorgen, auch unterwegs durch die Magdeburger Straße wurden uns allerlei Sachen zugesteckt und aus den Fenster flogen uns ungezählte Blumensträußchen entgegen. Wir wurden in Güterwagen verladen, ich hatte mit Leeck ein luftiges Plätzchen erwischt und pünktlich 12 Uhr Mittags setzte sich auch unser Transport in Bewegung.

Über Cöthen ging die Fahrt, überall waren die Bahnkörper, Brückenübergänge von Landstürmern teils in Uniform teils auch Freiwillige in Zivil bewacht. 4:15 Uhr Nachmittag lief unser Zug in Magdeburg Hauptbahnhof ein, von dort marschierten wir nach der Fußartilleriekaserne ziemlich weit draußen, hier war schon reges Leben, überall Soldaten, Pferdewagen, hin und herlaufende und Befehle erteilende Offiziere, auch wir wurden bald verlesen und hier nun ereignete sich der Augenblick welcher mir für die fernere Tätigkeit im Kriege ausschlaggebend und Glück verheißend sein sollte, ich kam zum 2. Mörserbattaillon Mun. Kol. Abt. Regt. Enke No. 4 (Fußartillerieregiment), eine Formation, die lediglich den Zweck hat, für die beiden Mörserbatterien, 5. u. 6., Munition mitzuführen und zwar in vier Kolonnen welche wieder von einer besonderen Abteilung, geführt von Hauptmann Hochheim, diese aber wieder dem Battaillon unterstellt, gebildet wird. Ich kam zur 4. Kolonne.

Bald waren die einzelnen Mannschaften zusammengestellt und die Trupps zum Teil auch noch mit Pferden marschierten sie nach den einzelnen umliegenden Ortschaften, wo die Einkleidung und Einquartierung stattfinden sollten, wir mussten nach Westerhüsen. Nach zweistündigem anstrengendem Marsch, unterwegs noch allerei Spaß mit den störrigen Pferden, langten wir abends 9 Uhr in Westerhüsen an. Die Bevölkerung schien schon unterrichtet und bald hatte wohl jeder ein Unterkommen gefunden. Mich lud ein junger Mann mit seiner Frau ein zu sich in die Wohnung. Die erste Nacht fern der Lieben sollte mir gleich abwechslungsreich und vielleicht interessant, wenn nicht pikant, werden.

Schon dass ich mit den jungen Leuten und ihrem Jungen von 8-9 Jahren das Schlafgemach teilen sollte, war mir als biederem Philister etwas gefährlich, aber was half´s, dafür ist der Krieg, ein sauberes Bett bekam ich und dies ist schließlich die Hauptsache, nachdem Vater und Sohn zu Bett gegangen und auch ich meinen Kriegerleib in vorschriftsmäßige Lage gebracht, war es eine Weile still, dann nebenan ein Kerzenschein, ein weißes Hemd, zwei nackte Arme, dann husch, husch, husch ein Krach und ein Stöhnen und auch die junge Frau hatte sich als dritte zu beiden anderen gelegt. So nun ruhten wir nun alle vier niedlich und friedlich beieinander, ich dachte der fernen Lieben und bald umschlossen sanfte Träume meine Gedanken. Nach einer Stunde plötzlich Feueralarm im Dorf, es brannte in der Zuckerfabrik, mein Wirt als pflichtgetreuer Feuerwehrmann, ihm nach sein Sohn, wieder die holde Nixe mit hinaus zum Öffnen und Schließen der Haustür. Bald kehrte sie zurück und teilte mir unter Lächeln, ich weiß nicht ob auch Erröten, mit, dass wir nunmehr ganz alleine wären, ich fand dies natürlich ganz nett und haben wir uns so eine ganze Weile unterhalten, frei von Herzen herunter erzählte sie mir eheliche und familiäre Geschichten, in naiver Weise auch was sie und ihr Junge anfangen würden, wenn ihr Mann auch eingezogen sollte werden und womöglich fallen, die Zeit ging rum und der Gatte nebst Sohn kehrten zurück.

Nachdem dann endlich mit kurzen Unterbrechungen der Schlaf, nachdem ich der Wirtin noch ans Herz legte, mich gegen halb vier Uhr zu wecken, wir sollten uns bereits um vier Uhr an der Schule melden. Pünktlich geschah dies denn auch, ja, die Holde sorgte sogar noch für einen Schluck Kaffee und so ausgerüstet mit allen kriegerischen Vorsätzen marschierte ich zum ersten militärischen Appell.

6. August 14
An der Schule nun wurde es schon lebhaft, wir wurden zur Kammer geschickt, ein Klassenzimmer war hierzu eingerichtet. Ein kleiner Graukopf als Kammerunteroffizier sich vorstellend, nahm uns in Empfang und bat uns in freundlichstem Tone „Ja, ja, ja, nehmen nehmen Sie sich da, was Sie gebrauchen können“, er stotterte nämlich ein wenig und bald schälte sich aus dem Zivilisten ein schmucker Kanonier. Schnell die übrigen Ausrüstungsstücke zusammengepackt, in eine Zeltplane gewickelt und zurück nach dem Quartier, denn bereits 12 Uhr Mittags sollten wir uns feldmarschmäßig mit verpacktem Tornister melden. So verging der erste Tag mit vielem Hin- und Herrennen, es fehlte noch so vieles an der Ausrüstung, der Rock war zu eng, die Feldmütze zu klein, ein Zivilschneider musste da aushelfen, im Übrigen die Stimmung recht lebhaft und die Kneipen ständig besetzt, für mich fand sich kein geeigneter Verkehr heraus und hielt ich mich möglichst für mich. Die Nacht vom 7. zum 8. schlief ich gut ohne Unterbrechung. 6 Uhr war Pferdeanschirren angesetzt, na ich wusste nicht recht, was ich da wohl sollte, doch man lernt alles, wenn nur ein durchgreifendes Kommando, eine richtig Einteilung da wäre. Der Wachtmeister, ein Schneider aus Naumburg ist aufgeregt von aller Arbeit und hat wohl jetzt schon den Kopf verloren. Der Kolonnenführer ist überhaupt noch nicht da, kurz es fehlt an allen Ecken, kaum das der Wachtmeister die Leute zusammenhalten kann, zudem weiß und kennt er die wenigsten nicht und wo sie wohnen, daher drücken sich die meisten.

An Kavalleristen fehlt es überhaupt, meist Fußartillerie ist hier vertreten, daher ganz natürlich, dass keiner Pferde nehmen will, na, mit Mühe und Not wurden die Geschirre verpasst, ein herrliches Pferdematerial haben wir, lauter schwerer Pferde, vor jedem Munitionswagen vier Stück. Jeden Tag werden Sachen-Appelle angesetzt, doch das Resultat ist meist immer dasselbe meist weiß der Wachtmeister nicht, was er will, statt dass er zu seiner Entlastung die Unteroffiziere kommandiert, will er alles selbst machen, in vielen Worten geht die Hauptsache verloren. Der Oberfeuerwärter, jede Kolonne hat einen solchen, ist dabei viel ruhiger mit ihm verpacke ich den Schmiedewagen, auch der Offiziersstellvertreter, ist eine Kriegscharge zwischen Vizewachtmeister und Leutnant, Wolkenhaar, ein Gutsbesitzer aus der Nähe von Neuhaldensleben, scheint ein netter Mensch zu sein, aber was hilft es mir meist tritt hier schon zu sehr der Vorgesetzte hervor und ein Obergefreiter ist nun halt nur ein halber Unteroffizier. An einem Abend standen wir bis halb elf Uhr auf dem Schulhof angetreten, es war schon empfindlich kalt, der Wachtmeister kam nicht und kam nicht. Nachher hieß es abtreten und es war immer noch nichts weiter geschafft. Wenn das den ganzen Krieg so geht, dann Gnade uns Gott. Am dritten Tag kam dann endlich unser Kolonnenführer Oberleutnant Kemmerich, er hatte Kriegstrauung gehabt, daher seine Verspätung. Ist Landwirtschaftslehrer auf der Landwirtschaftsschule zu Neuhaldensleben, ein scheinbar ruhiger und netter Herr. Zu Mittag esse ich meistens im Elbschlösschen, eine schöne Kneipe direkt an der Elbe, hier sitze ich auch meistens abends und lese die Zeitung, hier ist es so ruhig und zum Träumen wie geschaffen, auch eine Badeanstalt ist in der Nähe, welche ich eifrigst benütze.

8. August 14
4 Uhr morgens war wieder Pferdeschirren angesetzt, damit die Leute es lernen, verschiedene Wachtkommandos mussten eingeteilt werden, dann hieß es nach und nach Gerwisch fahren, Munition holen, unterwegs ging ein Gespann Pferde durch, ein Kind wurde überfahren, alles Zeichen der größten Nervosität. Ich habe mich vorläufig zum Kolonnnenschreiber machen lassen, dann ich bin ich wenigstens von dem schweren Außendienst frei, will sehen, was die nächste Zukunft mir bringt, vorläufig verlebe ich so einen guten Tag im Büro. Die Bewohner haben sich schon ganz mit uns vertraut gemacht, dies kommt ja auch viel, weil die meisten Soldaten direkt aus dieser Gegend sind, dann aber auch die allgemeine Stimmung eine begeisterte ist. Namentlich die Kinder sind so zutraulich „Tag, Onkel, gib mir ein Händchen, soll ich Dir was tragen helfen?“ so geht es immer fort die Straße entlang. Die freien Stunden gehe ich meistens an der Elbe spazieren, hier ist es so friedlich und namentlich bei Mondschein abends geradezu herrlich, an dem Ufer sitzend lässt sich so schön träumen, wer weiß, was uns die nächste Zukunft bringen mag, so leicht werden es doch die Munitionskolonnen nicht haben, wichtig für den Feind, wenn er sie abschneiden kann oder mit Fliegerbomben bewerfen, schon hier herrscht Aufregung wegen den Fliegern. Es könnte ein feindlicher kommen, heute überflog ein deutscher unser Dorf. Im weiteren Verlauf der Ausrüstung zeigen sich immer mehr Mängel, meistens sind die Uniformröcke zu klein, einige besonders dicke und lange Kerls werden wohl in Zivil mitmüssen und unterwegs eingekleidet werden, so der lange Mond und der dicke Eberhardt, beides Bäckermeister, und verschiedene andere. Die Aufregung, je näher wir dem Termin des Abrückens kommen, wird immer gespannter, dazu die dauernden Depeschen von den Schlachten und Kämpfen in Ost und West, dazu die ewige Frage: Wo werden wir hinkommen, ob gegen die Russen oder die Franzosen.

Im Büro sind die Löhnungslisten aufzustellen, ich arbeite mit einem Schreiber vom Quartier zusammen, er möchte auch gerne den Posten haben, doch lasse ich vorläufig nicht locker im Allgemeinen erst draußen, da will ich etwas sehen und da wäre mir auch ein zweiter Posten, welcher noch zu vergeben ist, ganz angenehm, es ist der Kolonnenradfahrer, doch bleibe ich vorläufig Schreiber, es ist ja auch da vieles zu erledigen, die Wünsche der Leute befriedigen, all die Fragen beantworten, die die Sorge um die Familie ergeben, die Adresse der Kolonnen nachher im Felde usw. Dann die Stammrolle jedes einzelnen feststellen, kurz viel Arbeit, wie soll der Apparat erst draußen im Felde klappen.

9.8.14
Ich habe mich nunmehr entschlossen Kolonnenradfahrer zu werden, die ewigen Schreibereien werden mir auf die Dauer zu langweilig und eintönig, geht´s nun einmal hinaus ins Feld dann will ich auch etwas sehen und ich denke als Radfahrer habe ich dazu so recht Gelegenheit. Gleich heute nahm ich dieselbe wahr und fuhr mit meinem nunmehrigen Kriegs-Stahlross nach Magdeburg, einmal um beim Regiment die Überweisungsnationale zu holen, dann aber auch um verschiedene Gegenstände für das Büro einzukaufen. Anfangs schwankte ich bedenklich im Sattel, denn nach ca. 15 Jahren trat ich die Pedale zum ersten Mal wieder, doch es wird schon gehen. In Magdeburg nun beim Regiment ein großes Durcheinander. Man stellte mich vor einen großen Haufen kleiner Heftchen, dieses sollten die Überweisungsnationale sein und riet mir meine 104 Stück herauszusuchen, na, das ließ ich fein säuberlich und fuhr ohne dieselben zurück, ich weiß nicht, was nachher draus geworden ist. Das war Vormittag nachdem ich den Nachmittag noch im Büro an der Liste für die Erkennungsmarken gearbeitet, jedermann erkennt eine letztere mit Nummer und Formationsangabe, in die Liste werden die Familien angegeben, an deren Adresse jedwede Angelegenheit (…) wenn der Mann gefallen, mitgeteilt werden sollen, auch sehr wichtig bei Gefangennahme. Abends badete ich dann wieder in der Elbe.

Es ist Sonntag heute, doch wird man erst im Felde diesen Begriff ganz fallen lassen, vielleicht der letzte in der Heimat. Ich sitze im Elbeschlösschen, ein stilles Plätzchen im Garten, lässt mich ungestört den Gedanken nachhängen, um mich herum viel Leben, die Bewohner von Westerhüsen mit ihrer Einquartierung, sehr viele Soldaten auch mit ihren Frauen, letztere haben ihre Männer noch mal schnell hier besucht, viele Kinder dabei, letztere neugierig, wie sie einmal sind, streichen fortwährend um meinen Tisch herum, sie können sich nicht denken, was ich wohl zu schreiben habe.

Die Einteilung der Kolonne hat nun auch endlich stattgefunden und damit jeder seinen Posten erhalten acht Munitionszüge mit je zwei Munitionswagen und der neunte Zug der Ergänzungszug mit Schmiede-, Futter- und Vorratswagen. Jeder Zug also, geführt von einem Unteroffizier als Zugführer, besteht aus zwei Wagen mit je vier Pferden Bespannung, je zwei Fahrern und zwei Fußleuten, ich wurde dem achten Zug zugeteilt, Zugführer Herbst aus Halle (Maschinenfabrik). An Wagen 16 Fahrer Falke und Fahnenschmied Erler, an dessen Stelle später Hübner, als Fußleute Steinhausen und Rose, an Wagen 17: Fahrer Betrof und Graberet, Fußleute Brinkmann und Friedrich (Schreiber) hierfür später Eberhardt.

10.8.14
Montag kaum nennenswertes geschehen, weiter Anordnungen und Appells und was alles dazu gehört, um die Kolonne marschbereit zu machen. Ein kleiner Zwischenfall ereignete sich noch: Der Sattler der Kolonne, Schlüter, sollte nachdem er sich im Quartier an einem Train-Soldaten im Sinne des § 175 vergangen hatte, desertiert sein. Der Mann kam zurück und es stellte sich heraus, dass der Herr Wachtmeister ihn selbst beurlaubt hatte in Sudenburg, seinem Wohnort, halbe Stunde weit, sein Handwerkszeug zu holen. Auch klärte sich sein Vergehen gegen 175 harmlos auf, abend Bier getrunken, der Train-Soldat, ein noch junger Mensch, ängstlich, hatte sich mehr dabei gedacht, als die Sache Wert war, der Schlüter wurde dafür von zwei Soldaten mit aufgepflanzten Seitengewehr (Serg. Poppe) geführt zur Schule, ich musste ihn dort vernehmen und dem Oberleutnant Bericht erstatten. Damit war die Sache an sich erledigt, dem Schlüter war aber dadurch die Lust bei unserer Kolonne vergangen und später in Herbesthal sollte er mit einem Pferde welches vorher beschlagen werden musste nachkommen, er blieb aber aus und seitdem haben wir nichts mehr von ihm gehört, meiner Ansicht nach war es so das Schlaueste was er machen konnte, den unendlichen Redereien und Sticheleien wäre er wohl ausgesetzt gewesen.

Heute auch Befehl zum Abmarsch, morgen früh ist also unsere Stunde gekommen, die drei anderen Kolonnen sind bereits unterwegs, die Wogen der Begeisterung und Freude, dass endlich die Sache weitergeht, gehen hoch, ich leistete mir den Abend zum Abschied im Elbschlösschen neben Bratkartoffeln mit Schinken und Ei eine Flasche Mosel und sandte meinen Lieben die letzten Grüße, dann aber schnell zu Bett. Denn 6 Uhr früh war Abmarsch und es musste noch allerlei verpackt werden.

11.8.14
Dienstag früh 6 Uhr steht die Kolonne abmarschbereit auf der Wiese bei den Elbbadeanstalten, ich kam reichlich spät auf meinem Stahlross angesaust, in der Eile ließ ich noch meine Schnürschuhe stehen, die Kolonne war schon fertig zum Abmarsch und pünktlich 6 Uhr setzte sie sich in Bewegung Richtung Sudenburg. Unterwegs lernte ich die Gattin von Unteroffizier Herbst kennen, sie war mit Auto hier. Ich gab ihr noch schnell einen schriftlichen Abschiedsgruß für Elfriede mit. Wir wurden auf Bahnhof Sudenburg verladen, die Wagen waren schnell aufgefahren und befestigt, schwieriger war das Einbringen der Pferde und Befestigen in dem Wagen. Wir bekamen einen Wagen zweiter Klasse, ein Abteil für uns Wachtmeister Diekmann, Herbst, Friedrich und ich. Hier richteten wir uns bald häuslich ein, was noch aus den nahen Geschäften besorgt werden konnte, es war fürchterlich heiß, wurde durch Frau Herbst, welche uns nachgefahren war, sowie einigen Jungens, besorgt, Himbeersaft, Zitronen, ein Eimer zum Kühlen usw. usw. Die Begeisterung stieg immer höher, schon stiegen wieder Lieder und Schlachtgesänge, aber wohin es ging, wussten wir immer noch nicht, der Oberleutnant, er wohnte nebenan, äußerte sich in keiner Weise. Pünktlich 1:17 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung und nun sollten wir auch bald erfahren, ob nach Ost oder West.

Richtung Sangerhausen, Kassel, Scherfleck-Arnsberg, also kamen wir durch meine engere Heimat. Mein bergisches Land sollte ich noch schnell begrüßen können und vielleicht, wer kann´s wissen, zum letzten Mal sehen, war die Stimmung bei mir in Folge der Aufregung bis jetzt gut zu nennen, so gab mir dieser Gedanke einen Rückschlag und ich hätte vielleicht lieber gesehen wenn wir in Kassel nach Süden abgebogen wären, Richtung Metz, dieser Erwägung beschäftigte uns noch vor Kassel, aber, wie gesagt, es kam anders und wir fuhren über Köln nach Aachen also in Belgien hinein.

In Hannoversch-Münden hatten wir leider einen Schwerverwundeten, Kanonier Gätschmann aus Halle, er wohnte im selben Hause mit mir in Westerhusen und hatte sich da als ruhiger Mensch gezeigt. Von dem Augenblick an jedoch wo er sich als Fahrer einkleiden musste, also zwei Pferdedecken bekam, war es aus mit ihm, den letzten Abend schrieb er dauernd Briefe und kam die Nacht auch nicht ins Quartier, auf der Fahrt nachher wurden seine irren Reden immer toller, es wurde ihm ein Kamerad Landstetter zur Bewachung beigegeben, jedoch in einem unbewachten Augenblick brachte er sich im Wagen fürchterliche Messerstiche am Halse und in der Seite bei, in Hannoversch-Münden wurde er ausgeladen. Wir glaubten kaum, dass er sich erholen würde, er wurde der Bahnhofskommandantur übergeben und ist später in die Nervenklinik nach Halle gekommen.

18.8.14
Die Nachtfahrt war schön, ich schlief ganz gut. Gegen 5 Uhr früh ging ich auf die Plattform und beim Erwachen des Morgens genoß ich die herrliche Natur des Sauerlands, der Stunden gedenkend wo ich mit Elfriede seine Berge und Täler durchstreifte, mit welch anderen Gefühlen genoß ich heute die mir lieben Wälder und Felder. 8 Uhr früh waren wir in Scherfede, überall auf den Stationen waren Baracken errichtet, zur Reinigung, Kaffeetrinken, die freiwilligen Damen vom Frauenverein überall früh tätig, hier nahm ich die erste Reinigung vor, dann ging es nach kurzem Aufenthalt weiter unterwegs war ich immer bemüht unseren Vorrat an Eis und Getränken zu ergänzen. Selbst der Oberleutnant nahm unseren Kühlapparat in Anspruch. Immer näher kamen wir dem Bergischen Land, Hagen Aufenthalt, Stätte alter Wirksamkeit, sei mir gegrüßt, wehmütige Blicke warf ich dem Turm des Bahnhofsgebäudes zu, hatte ich an ihm doch auch mitgewirkt, die junge Frau vom Oberleutnant war auch hier zur Stelle, doch kurz nur war der Aufenthalt, dann hieß es „Einsteigen!“, nicht Zeit gelassen zu trüben Gedanken, die Nerven wurden nur so gepeitscht und dies war gut, namentlich für mich. Nun die Fahrt selbst durch die bergische Heimat gestaltete sie sich doch zu einer ungeahnten Kundgebung, helle Begeisterung und grüßend überall, schwarz die Eisenbahndämme von winkenden und singenden Menschen, die Brücken ebenfalls dicht besetzt an den Haltestellen der größeren Stationen. Elberfeld-Barmen, Vohwinkel, überall Musikkapellen, teils der Schulen, teils von Vereinen, an den Haltestellen überall tadellose Verpflegung, von jugendlicher Hand gereicht, wie freute sich mein Herz als alter Heimatsohn. 7 Uhr abends langten wir in Opladen an, dort gab es Kaffee, ich versuchte im Empfangsgebäude wie auch in der nahen Postanstalt nach Burscheid, meinen Eltern, zu telefonieren, noch schnell einen Gruß von ihrem Jüngsten sollten sie haben, aber alles vergebens, aus militärischen Gründen gesperrt. Einige Burscheider Bekannte begrüßte ich noch, dann ging es weiter nach Köln, als wir weiterfuhren, es war mittlerweile dunkel geworden, spielten die Scheinwerfer über der Stadt, wohl nach feindlichen Fliegern suchend, war doch die kaum fertig gestellte Rheinbrücke ein geeignetes Objekt für diese Vögel.

13.8.14
Ausgerückt. Nachts 2 Uhr lief unser Zug in Herbesthal ein, das Ausladen verlief schnell und bald stand die Kolonne marschbereit auf der Straße nach Belgien hinein. Jetzt trat auch meine Person, als Radfahrer, mehr in Erscheinung und Tätigkeit, andere Kolonnen unserer Abteilung warteten schon auf der Landstraße. Alle formierten sich der Nummer nach, vorn die Abteilung der ersten Batterie, Major Rogge, dann unsere zweite Abteilung, Hauptmann Hochheim, die Befehle von einer zur anderen zu bringen war teils meine Arbeit, dann aber an der Spitze unserer Kolonne fahrend mit der vorderen Fühlung haltend, es macht mir Spaß und bekomme ich so von allem, vor allen Dingen der Landschaft, mehr zu sehen und zu hören. Der Marsch selbst führte uns mitten hinein in Trümmerstätten, welche hier der Krieg der ersten Tage schon geschaffen hatte, durch abgebrannte, teils verlassene Dörfer, verbrannt, weil die Zivilbevölkerung auf unsere Truppen meuchlings geschossen hatte, eine kurze Justiz räumte da schnell auf, die gefassten Personen erschossen, die Häuser in Brand gesetzt. Im belgischen Herbesthal sollen Weiber, ja Kinder, Soldaten erschossen habe. Nun geht´s mitten hinein in den kriegerischen Lärm, die Straße führt uns durch die herrlichen Auen der Provinz Lüttich auf ganz saubere Dörfchen, die wenigen Einwohner grüßten durch Händehochhalten oder kauerten vor ihren Gärten, welche sich auf der Straße lang vor den Häusern hinziehen. Die Straßen rechts und links eingesäumt, durch zertrümmerte Wagen, tote Pferde, schauerlich die aufgeblasenen Leiber mit steif gen Himmel gerichteten Beinen, zertrümmerte Geschütze, kurz alles das was ein fliehender Feind an nutzlosem Balast beiseite wirft.

Henri Chapelle, Battice, Herve war unser erster Marsch, alles Dörfer welche verlassen und verbrannt waren, kurz vor Herve zwischen Battice und diesem machten wir Halt und links auf einer Weide sollte abgekocht werden, sachkundige Leute fanden sich bald und diese bald auch in den verlassenen Gehöften ein passendes Schwein oder Hühner, die Zerteilung ging rasch vonstatten und bald schmorte in einem jeden Kessel der einzelnen Züge ein ordentliches Stück Fleisch, doch kurz war die Freude, der Ernst der Lage bei Lüttich gebot schleunigen Weitermarsch.

Eine Unmenge Truppen, Geschütze, Bagage versperrten die Straßen durch Herve, auch dieses zum größten Teil zerschossen und verbrannt, so war es schwierig Verbindung zu halten, selbst innerhalb der Kolonne durch das ewige Halten. Kurz hinter Herve an einer Gabelung der Straßen teilte sich unsere Kolonne, die erste Hälfte marschierte rechts, der Schluß abgetrennt links, diese Chaussee nach Lüttich war aber noch nicht frei vom Feind, also musste dieser Teil wieder zurück, links aber war die Verbindung verloren, eine unserer beiden Mörser-Batterien stand kurz hinter der Gabelung in Feuerstellung, wir sprachen mit dem Leutnant der Batterie, der riet ich sollte vorfahren nach Lüttich indes die Teilkolonne einquartieren. Also ich weiter mit dem Rade, es dunkelte schon und war die Fahrt keineswegs gefahrlos. Unterwegs die einsamen Feldwachen gaben mir den Weg an. Die Dörfer, man wusste nicht ob in jedem Haus noch ein Feind lauerte.

In Retiner musste ein blutiger Kampf stattgefunden haben, eine Unmenge Montierungsstücke und Waffen bedeckten Straßen und Gärten, aber auch überall sah man schon die frisch zugeworfenen Gräber gefallener Krieger, hier schloß ich mich einer Gendarmerie-Patrouille an, welche die Dörfer absuchte nach Zivilisten und Versprengten mit gezogenem Revolver, immer schussbereit, auch ich denselben auf meiner Lenkstange, so ging es weiter eine kolossal abschüssige Straße führte ins Maasthal. Kurz vor Lüttich in Jupille stieß ich auf die Kolonne, sie hatte bereits Munition an die leichtere Kolonne abgegeben und wartete auf weitere Befehle. Abends 10 Uhr langten wir dann nach schwierigem Marsch über die teils gesprengten Brücken dann durch das Straßengewirr, dieselben waren alle in Dunkel gehüllt, auf dem Place L`Ambert an. Wir fuhren auf dem Platz auf, die Offiziere suchten sich Quartiere in den umliegenden Hotels und wir mussten auf der Erde schlafen oder in den umstehenden außer Betrieb stehenden Straßenbahnwagen oder Autos – einen letzteren suchte ich mir aus, nicht ohne vorher noch mal anständig mit Kameraden der 3. Kolonne im Hotel zu speisen.

(Hier endet das Kriegstagebuch.)

Anhang

Meinen Lieben!

Es rauscht in den (frohen) Halmen,
es heult der Sturm sein Lied.
Sie reden von Kampf und Waffen,
sie träumen von Ruhm und Sieg.

Ich träume vergang´ner Zeiten
Und denke der Sehnsucht Lieb!
Daheim an Weib und Kinder
Ob man sie wieder sieht.

Oh Heimat der Kindheit mein bergisches Land,
Du Heimat der Liebe mein Hessenland.
Es knüpfen der Bande zwei nun mich her,
fragt wohl welch von beiden das festere wär.

Einst pflückten wir Blumen auf friedlichen Au´n,
durchstreiften die Felder und Wälder zu schau´n
fernab vom Kriegslärm im Elternheim
heut Weib und Kinder gedenket mein.

Es klingt das Lied, ich hör´ es wohl!
Frischauf Kameraden zur Ernte,
der Hafer und Weizen die Gerste blüht,
das Vaterland will es, das ist der Krieg.

Chevilly im Kriegsmonat Juli 1915
Euer Gatte und Vater