Karl Siegmar Baron von Galéra: Die Heide - der hallische Stadtwald
Zur Erinnerung an den Übergang der Heide in das Eigentum der Stadt Halle im Jahre 1929*
Tätigkeits-Bericht des Heide-Vereins über die Jahre 1929-1933
Jaeger/Heymann

(Ausdehnung früher und heute)

Die Heide ist heute noch der einzige größere, zusammenhängende Wald im Saalkreisgebiet, mit ihren etwa sieben Quadratkilometern füllt sie den sechsten Teil des westsaalischen Saalkreises aus, während sie im Mittelalter auf der Linien Passendorf-Schipzig mit ihren Ausläufern bis an die Saale heranreichte. Die Kieferngehölze bei Kröllwitz, auf den Fuchsbergen und auf dem Kirchberg waren einst, wenn auch lose, mit dem Wald verbunden, denn zwischen ihnen breitete sich der unbewaldete, vollkommen sumpfige Talkessel der ebenfalls kahlen Brandberge.

Berge und Flüsse können die Menschen nicht ohne weiteres nach ihrem Belieben verändern, hier beseitigen und dort neu schaffen; sie sind unveräußerliche Bestandteile des Landschaftsbildes. Nicht so die Wälder. Sie sind einem dauernden Wechsel unterworfen: hier werden sie gerodet, dort wachsen sie neu. Allerdings, und das ist wohl überall das gleiche, ist die Abnahme des Waldbestandes größer als die Zunahme, und insofern trägt der Wald vor allem zur Veränderung des Landschaftsbildes bei. Die Vermehrung der Menschen und ihrer Ansiedlungen und die Umwandlung der Wirtschaft vom reinen Ackerbau zur Industrie und zur Nutzbarmachung der Bodenschätze hat vor allem den Rückgang des Waldes bewirkt. Um die Jahrtausendwende war etwa der fünfte Teil des heutigen Saalkreises bewaldet, heute nur noch der dreißigste Teil. Große Waldgebiete sind bereits im Mittelalter und dann auch noch im 19. Jahrhundert verschwunden.

So dehnten sich einst die Wälder des Elstertales bis in die Dieskauer Gegend aus. Zwischen Dieskau und dem Bornhöck befand sich noch 1808 ein etwa ein Quadratkilometer großer Wald, der der Rest eines viel größeren war (W.S.V., 87). Oberhalb Halle wies auch das Saaletal größere Waldbestände auf, wovon der "Vogelfang" bei Wörmlitz, der im Mittelalter erwähnt wird, Zeugnis ablegt. Nördlich Könnern, nach Trebitz und Custrena hin, dehnten sich einst große Waldungen, deren Überbleibsel, 500 Morgen, 1810-1840 abgeschlagen wurden (W.S. III, 11). Ebenso zogen sich, dem Bergrücken folgend, von Löbejün große Waldungen über Domnitz, Dornitz nach Rothenburg und Wettin, deren Reste, fünf Quadratkilometer groß, 1817-1838 bei Löbejün geschlagen wurden. Während der Petersberg selbst kahl und unbewaldet war, breitete sich südlich von ihm, in dem Dreieck Petersberg-Brachstedt-Mötzlich, um die Jahrtausendwende ein etwa dreißig Quadratkilometer großer Wald, dessen westliche Grenze sich nach dem Osthang des Götschetales hinüberstreckte. Der Gutenberger Forst, der 1214 erwähnt wird, das Mittelholz und Rockenholz waren die nördlichen Ausläufer davon. Das Abatissinenholz war noch 1887 zwei Quadratkilometer groß, jetzt steht davon nur noch der zehnte Teil. Das jetzt wüste Dorf Altenrode bei Brachstedt wurde einst in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts in diesem großen Wald gegründet.

Sind auch die Wälder den Menschen und ihrer Arbeit zum Opfer gefallen, so lebt doch noch die Erinnerung an sie, an ihr nächtliches Rauschen und Brausen fort in jenen Sagen vom Wilden Jäger, die am Abatissinenholz, bei Gutenberg und Räthern, in Löbejün und am Zürnberg bei Wettin wie an der Heide haften. Wenn die Herbst- und Winterstürme in den Lüften tosen, dann finden sie heute wohl keine Baumwipfel mehr, in denen sie wühlen können, aber die Eltern in den Dörfern erzählen dann ihren Kindern von der Wilden Jagd und dem Schicksal, das diejenigen trifft, die sich ihr vorwitzig in den Weg stellen: sie werden entführt oder verlieren gar das Leben, die gelindeste Strafe ist es noch, wenn ihnen eine gewaltige, zentnerschwere Pferdekeule zufliegt, von der sie essen müssen. -

(Landschaftsbild)

Die Heide allein ist uns erhalten geblieben, jener etwa sieben Quadratkilometer große Wald in der Mitte des westsaalischen Saalkreises. Weißer Sand, unter dem Kohle und Ton steht, aus ihn die Kuppen der Berge emporragend, und Sumpf, der gelegentlich sich zu kleinen Teichen wandelt, Porphyrrücken, mit dünner grüngrauer Grasnarbe oder rotblühender Erika bedeckt, an ihrem Fuße Morast, in dessen schwarzem Wasser stachliche Binsen stehen, Dünen feinen weißen Sandes, denen knorrige Föhren oder lichte, weißstämmige Birken entsprießen, das ist die Landschaft der Heide. Sie ging einst, wenigstens im Norden, unvermittelt in das Sumpfgebiet des Saaletales über, heute strecken sich weite, fruchtbare Felder zwischen Wald und Fluß.

("Berge" der Heide)

Die heutige Heide krönt den Scheitel der Landschaft, die nach Süden, Osten und Norden zur Saale abfällt. Die höchsten Erhebungen, gewissermaßen das Dach der Landschaft, befinden sich im Walde: der Rote Berg (140), Bischofsberg und Kellerberg (138), Schwarzer Berg (135). Nach Norden zu fällt die Höhe der Berge ab, aber wir können deutlich die Kette verfolgen, die das höhergelegene Gelände von jener, sich keilförmig zwischen den Wald und das Saaletal schiebenden, von Lieskau - Schiepzig nach Kröllwitz sich um 30 Meter senkenden Plattform trennt, die wenigstens östlich der Linie Lettin - Dölau einen vorwiegend sumpfigen Charakter besaß: der Lange Berg (113), Kuhberg (116), der große Brandberg (116), der Kirschberg (109), der Fuchsberg (100), dann, wie ein Eckturm der Berg- und Hügelkette über dem Saaleflusse der Ochsenberg (120), im Süden anschließend die Kröllwitzer Höhen (110).

Die Brandberge und der Ochsenberg waren unbewaldet. Von ihren Gipfeln aus hatte man schon in frühgeschichtlicher Zeit einen meilenweiten Ausblick nach Westen, Norden und Osten. Die exponierte Lage des Ochsenberges bestimmte diesen Berg geradezu für einen heiligen Berg, und so wird er, zur Zeit der Germanen wie der Petersberg, eine Kultstätte Donars. Mit diesem Donarheiligtum war das Landding (Gaugericht) verbunden, und noch bis ins späte Mittelalter hinein wird an dieser Dingstätte Recht gesprochen und zwar in Fällen, wo der Erzbischof seiner Territorialgerichtsbarkeit einen stärkeren und wirksameren Nachdruck geben will. So verklagte 1423 Erzbischof Günther von Magdeburg vor dem Landding am Ochsenberg Barthel von Mücheln, den Schultheißen des aufsässigen Halle. Auch 1434, 1435, 1441 wurde die Entscheidung des Landdings von Kröllwitz angerufen (Vergl. Heidebote, 8. Jahrg. 1934, Nr.6-15.) -

(Heide in frühgeschichtlicher Zeit)

So sieht die Heide in frühgeschichtlicher Zeit aus: Kiefern- und Buchenwald, dazwischen Eichen und Erlen, hier und da blinkt ein Teich oder Weiher zwischen dem Buschwerk, dann wieder waldlose Gebiete, deren mooriges Wasser ausgedehnte Sümpfe verrät, Porphyrkuppen, vielleicht auch hier und da, wie etwa bei Granau, grüne Wiesenhänge; an mehreren Stellen, wie zwischen Lettin und Schiepzig, oder wie bei Kröllwitz, greift der Wald mit langen Armen bis ins Sumpftal der Saale hinein. Ein solcher Wald war ein Revier des Wolfes, der im Dickicht und in den Schluchten seinen Unterschlupf fand.

Menschliche Besiedlung lässt sich im Heidegebiet schon seit frühesten Zeiten nachweisen. So war Nietleben, wie der Name verrät, eine germanische (warinische) Siedlung des 5. Jahrhunderts. Ich sehe keinen Grund, weswegen man in den leben = Namen lediglich Ableitungen von Personennamen erblicken will. Vielmehr scheint leben ursprünglich eine aus der Landschaft herausragende, ringsum abgeschlossene trockene Kuppe, dann überhaupt eine Bodenwelle, eine Anhöhe, eine Berglehne zu bedeuten. So ist Nietleben die Siedlung auf einer sich neigenden Anhöhe, die Siedlung auf dem schrägen Hange, so wie Granau eine wasserreiche Wiese an einem abschüssigen Hange (gran zusammengezogen aus graw-en) bezeichnet.

(Heide unter den Germanen und Wenden)

Aus dieser germanischen Zeit sind uns auch die Kultstätten und kultischen Vorstellungen überliefert. Der Ochsenberg bei Kröllwitz war ein Heiligtum Donars, nicht weit davon, 3 ½ Kilometer Luftlinie in westnordwestlicher Richtung, steht ein heiliger Stein Donars, die Steinerne Jungfrau. Das Auffallende dabei ist, dass dieser Stein genau in der Luftlinie des Ochsenberges und des Bierhügels bei Salzmünde, die 10 ½ Kilometer voneinander entfernt sind, steht. - Noch heute wissen die Sagen des Ochsenbergs und der Steinernen Jungfrau von Donar zu erzählen, während in der Heide noch die Erinnerung an Wodan, den wilden Jäger, weiterlebt.

Im 7. und 8. Jahrhundert breiteten sich im Heidegebiet die Wenden aus. Vierzehn Siedlungen legten sie auf den Lichtungen des ausgedehnten Waldes an, sieben davon sind wieder untergegangen. Wohl alle Namen dieser Dörfer deuten auf Sumpf und Tiefe: Zscherben (981 Cirmini) = Leute in der Kerbe, in der Mulde, Dölau (Delowe) = Siedlung im Tale, dasselbe bedeutet Schiepzig (Schipts), Lieskau (1182 Lezcowe) ist die schmale enge Niederung, noch heute bezeichnet "Liese" eine enge Kluft. Lettin (Liudene) muß auf den Urstamm liv, leb - d zurückgeführt werden, der in den Ortsnamen mit leben wiederkehrt: levare sich erheben, also levidi = die Leute an oder auf der Höhe, an oder auf dem Felsen. Der an sich germanische Name wird durch die wendische Endung ena = Leute verlängert. Der Name von Kröllwitz bedeutet: Dorf im Bogen: Krolle, Krölle, bezeichnet eine Biegung, in diesem Falle eine Flusskurve, also Kröllwitz = Dorf in der Flusskurve.

Auch die wendischen Wüstungen lassen sich ihrem Namen nach ohne Schwierigkeit erklären: Peutnitz (1182 Putenice) = Siedlung am Fluß, Motisch = Ort im Schlamm (bei Lettin, 800 m westl.), Groisch oder Rodewitz (oberhalb Ragoczy, 1500 eingegangen), Dorf auf feuchter Wiese (groden); Uden (bei Schiepzig, 1470-1500 eingegangen): Leute am Wasser (wodina = unda = Wasser, vgl. wodka), Delitz (westl. Lieskau): Siedlung um Tale. Granau ist schon oben genannt worden.

(Zentrales Heiligtum der Wenden: Göttin Siwa)

In der Heide befand sich das zentralgelegene Heiligtum dieser Wendendörfer, das der Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit geweiht war. Diese Wendengöttin spukt im Heidegebiet allerorten; in dem Relief der Kirche zu Müllerdorf, das eine nackte Frau auf einem Hunde darstellt, müssen wir sie erblicken. Unter den vor einigen Jahren in der Heide bloßgelegten Findlingen muß das einst heilige Standbild dieser wendischen Göttin gesehen werden. Überraschenderweise liegen sie genau im Mittelpunkt eines Kreises, dessen Peripherie Lettin, Kröllwitz, Granau und Dölau berührt. Die Wenden stellten diese Göttin der Liebe, mit Namen Siwa, die helle, glänzende, nackt dar, mit plumpen Beinen ohne Füße, mit verhülltem Haupte. In ihrer Begleitung ist ein Tier, der als Affe oder Hund (Kirche von Müllerdorf!) bezeichnet wird. Stellt man einen der Steine senkrecht, so gleicht er einem Rumpf mit plumpen Beinen ohne Füße. Das verhüllte Haupt, das künstlich aufgesetzt war, mag in späteren Zeiten verloren gegangen sein. Nach dem Volksglauben geht die Wendengöttin heute noch in der Mittagsstunde als verwünschte weiße Frau (= Siwa!) um, im schwarzen Kleid mit weißer Schürze und hoher, schwarz und weiß gewürfelter Mütze; sie gilt als Unglücksbotin. Als Prinzessin Zorges lebt sie in Lieskau und Granau weiter, mit weißem Kleide auf schwarzem Pferde reitend, von einem Hunde begleitet. In Dölau fährt die weiße Frau in einer von Ziegenböcken gezogenen Kutsche - eine Sage, die deutlich die Vermischung germanischen Donarkultes mit den wendischen Vorstellungen von der Fruchtbarkeitsgöttin aufzeigt. Ich glaube auch, dass in der Vorstellung von der "Steinernen Jungfrau" sich Erinnerungen an den germanischen Gott und die wendische Göttin aufs engste verbinden. Das Heidegebiet ist das interessanteste Gebiet unseres Saalkreises, da in ihm wie nirgends sonst germanische und wendische Kultelemente zusammenfließen.

Zur Zeit der Karolinger, im ausgehenden 8. Jahrhundert, drangen von Südwesten her die Deutschen an die Saale vor. Sie brachten das Christentum mit, das ihre Herrschaft im Wendenlande befestigen sollte. Stützpunkt der Franken wurden die drei Burgbezirke Salzmünde, Lettin (Liudeneburg), wozu das Heidegebiet gehörte, und Holleben (Hunlevaburg, die jetzt eingerichtet wurden.

Um die Wende des 9. und 10. Jahrhunderts gehörte das Heidegebiet zum Hochseegau (Hósé=gowe). Es kam dann an den berühmten Markgrafen Gero, von ihm an die Alsleber Grafen, deren Nachkommen die Heide 1145 dem Erzbistum übereigneten. In diesen wechselvollen vier Jahrhunderten änderte sich in der Besiedlung des Heidegebietes wenig. Wahrscheinlich im 10. Jahrhundert entstand, 800 m südöstlich von Schiepzig, das heute wüste Dorf Überrode, während die beiden Wüstungen Ersdorf (bei Kröllwitz) und Schwötzdorf (1000 m nordöstlich Nietleben) erst dem 12. Jahrhundert entstammten.

(Heide unter den Erzbischöfen und Administratoren)

Länger als fünfhundert Jahre bleibt nun die Heide und mit ihr die Heidepflege, worunter die im Heidegebiet liegenden Dörfer zu verstehen sind, beim Erzbistum und später beim Herzogtum Magdeburg. Das Schicksal des Waldes verkettet sich mit dem der Salzstadt, die das Holz nicht nur zum Bauen, sondern auch zum Salzsieden braucht. Klöster, Ministerialen und Patrizier werden mit Heidemarken belehnt (1182 geht ein Teil des Lintbusches in den Besitz des Klosters Neuwerk über), und im 13. Jahrhundert wird der Wald vom Ufer der wilden Saale an abgeholzt, bis das ganze Gelände zwischen Saale und heutiger Heide waldfrei ist. Auch veranstalteten die Stiftsvasallen, die Pfänner und die übrigen Patrizier häufig Jagden in der Heide, was dem Erzbischof nicht lieb war, da diese Jagden ihm selbst das Wild wegnahmen. So trennte schließlich Erzbischof Johann im Jahre 1470 das Heidegebiet in das erzbischöfliche und das Pfänner"gehege". Der Erzbischof behielt für sich das kleinere, aber wildreichere "Gehege", dessen Grenzen folgende Punkte bestimmten: Gimritz, Weinberge, Nietleben, Granau, Lintbusch, Zorgeswald, Schiepzig, Uden, Lettin, Ersdorf, Kröllwitz. Das innerhalb dieser Linie liegende Waldgebiet heißt heute noch "Heide" = Gehege.

Der Lintbusch hatte seine besondere Entwicklung. Im 14. Jahrhundert gehörte er den Ministerialen von Reveningen und denen von Rammelburg. Von 1404-1539 waren die Paulinermönche die Besitzer des Gehölzes, nach ihnen der Rat der Stadt Halle, der den Busch 1811 an den Rittmeister Koch in Bennstedt verkaufte.

Die Administratoren kümmerten sich im 16. Jahrhundert wenig um die Heide. Die Wölfe beherrschten das Waldrevier, und der einzige, der von Amtswegen sich regelmäßig durch den gefährlichen Wald begab, war der Lettiner Pfarrer, den die Küster von Dölau bzw. Nietleben mit einem Spieße bewaffnet begleiten mussten, um ihn vor den Wölfen zu schützen. Erst der Administrator Christian Wilhelm, der 1616 die Prinzessin Dorothea von Braunschweig-Wolfenbüttel geheiratet hatte, hatte Sinn und Verständnis für den Wald. Zunächst erbaute er ein Jagdschlösschen bei Nietleben an der Heide, wo später die Fasanerie stand. Dann pflanzte er viele Tausende von Bäumen auf den von ihm benannten Bischofswiesen und dem Bischofsberge an, die zum "Ewigen Gehege" erklärt wurden. Wahrscheinlich errichtete er auch ein Jagdhaus auf dem Kellerberg, dessen Keller bereits 1655 als wüst bezeichnet wird. Auch einen Tiergarten legte er an, der das Mittelstück der Heide von Kuhberg bis Waldhaus, Roter Berg, Wolfsschlucht umfasste. Allerdings, der Einfall der Wallensteiner 1625 zerstörte diese Herrlichkeit wieder. Gründliche Verwüstung richtete der Schwedengeneral Banér an, der vom Januar bis März 1636 das Heidegebiet und die Heidedörfer besetzt hielt und drangsalierte. Drei Schwedenschanzen in der Heide, von denen wenigstens eine in der Nähe des Heidefriedhofs, noch vorhanden ist, stellten die Verbindungen zwischen den Dörfern her.

Der letzte Administrator, Herzog Augustus (1635-1680), musste durch strenge Gesetze der Zuchtlosigkeit und der Wilddieberei steuern, die infolge des langen Krieges eingerissen waren. Er selbst hielt in der Heide große Jagden, vor allem auf Füchse und Wölfe, ab.

1680 wurde die Heide kurbrandenburgisch. Kurfürst Friedrich III. legte 1697 am Südrande bei Nietleben, da, wo ehedem das Lustschlösschen des Administrators Christian Wilhelm stand, die Fasanerie an, deren kostspieliger Zweck die Aufzucht zahmer Fasanen war. Sonst aber änderte sich nichts an der Heide. Niemand wagte sich in den Wald, in dem das ganze 18. Jahrhundert hindurch noch Raub, Mord und Gewalttat verübt wurde. 1784 war er 7 ½ Quadratkilometer groß, wovon 6 ¾ Quadratkilometer reines Forstgebiet waren.

(Heide zur Zeit von Jena und Auerstedt, 1806)

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde auch unser Heidegebiet Zeuge jener traurigen Ereignisse, die zum Zusammenbruche des preußischen Staates führten. Am Vormittage des 17. Oktober, drei Tage nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt, hatten Marschall Bernadottes Vortruppen unter General Dupont die Preußen an der Hohen Brücke (Mansfelder Straße) versprengt und zum Teil gefangen genommen. Kurz darauf rückte, von Schwittersdorf-Beesenstedt her mitten durch die Heide kommend, das preußische Regiment Treskow heran, das die 16000 Mann starke Reservearmee des Herzogs Eugen von Württemberg in Halle verstärken sollte. Als Treskow auf dem Gelände des Weinbergs (der ehemaligen Irrenanstalt) um 11 Uhr sich der Division Drouet zum Kampfe stellte, war er bereits von den Franzosen im Westen und Osten eingekreist. Nach einstündigem verzweifelten Kampfe zogen sich die Preußen nach Norden zurück, überschritten zwischen Brandbergen und Schwuchtstraße die Dölauer Heide, gerieten in den Morast und wandten sich dann scharf nach Osten am Fuße des Kirschberges und über die Fuchsberge nach dem Einschnitt zwischen Ochsenberg und Tannenberg. Das Wehr der Papierfabrik hielten sie fälschlich für eine Brücke, und vom Nahfeuer der Franzosen bedrängt, stürzten sie sich in den Fluß, um dort im Wasser und im feindlichen Feuer ihren Untergang zu finden. Um 2 Uhr war das Regiment vernichtet. Seine 200 Toten wurden am Fuße des Ochsenberges und im Garten der Papierfabrik begraben, mehr als 200 Verwundete gerieten in französische Gefangenschaft. -

(Carl Friedrich Bahrdt - Die Weinberge)

Das Gebiet zwischen Heide und Saale war seit dem 13. Jahrhundert von zahlreichen Weinbergen bedeckt, die hallischen Bürgern, Pfännern und Patriziern gehörten. Die Blütezeit dieser Weinberge wird auf das 14. Jahrhundert verlegt, während um 1700 ein starker Niedergang zu verzeichnen ist. Zu gewisser Weltberühmtheit gelangte im 18. Jahrhundert der Nietleber Weinberg des Aufklärers und Philosophen Dr. Carl Friedrich Bahrdt (1741-1792), der nach einem abenteuerlichen Lebenslauf als Professor, Prediger, Erzieher und Superintendent seit 1779 als Schankwirt seines Weinberges bei Halle lebte und dort Jahre hindurch die halleschen Studenten und Professoren durch seine geistreichen Gespräche und Disputationen an sich fesselte. Eine gewisse innere Verwilderung und Zuchtlosigkeit, wie sie wohl aus den starken politischen Spannungen des 18. Jahrhunderts sich vielfach ergaben, waren das Unglück dieses genialen Mannes. Er bemühte sich, den Geist und die Geselligkeit seines Jahrhunderts auf seine Weise zu vereinen, geriet dabei aber mit der staatlichen Obrigkeit in Konflikt. Er war seit 1777 Mitglied der englischen Großloge und gründete selbst 1788 die Loge der Deutschen Union der XXII.
Diese Logentätigkeit war nicht der eigentliche Grund für seine Gefangennahme und Festungshaft 1789 und 1790, sondern vielmehr seine beleidigenden Schriften, die er gegen das Religionsedikt Friedrich Wilhelms II. veröffentlichte. Der schwerste Schlag aber, der ihn traf, war der Tod seiner Tochter Hannchen 1790, an der er mit allen Fasern seines Lebens hing, zwei Jahre später starb er selbst und wurde auf dem einsamen Friedhof von Granau, unter rauschenden Bäumen, begraben.
Bis in die dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts erhielten sich verschiedene Weinberge, unter ihnen auch der von Bahrdt, dann verschwanden auch sie. 1844 wurde auf dem Bahrdtschen Weinberg die Irrenanstalt eröffnet, die dort neunzig Jahre bestand. Heute erinnert nur noch das Ausflugslokal Weinberg an das einst sehr ausgedehnte Weinbergsgelände zwischen Heide und Saale auf Nietleber und Kröllwitzer Flur. -

(Industrie im Heidegebiet)

Mit der Errichtung der Cröllwitzer Papiermühle 1715/16 hielt die Industrie ihren Einzug ins Heidegebiet. In wachsendem Umfange wird diese Papiermühle zur wirtschaftlichen Grundlage der Kröllwitzer Einwohner, und dann auch des Hinterlandes, der Lettiner und Dölauer Bevölkerung. Das alte Fischereihandwerk tritt in den Hintergrund. Vor allem aber beginnt man seit dem 18. Jahrhundert mit der Ausbeutung der Bodenschätze in Dölau, Lettin, Lieskau. Zscherben, Nietleben.

Zwischen Nietleben, Dölau, Lieskau, Bennstedt, Eisdorf, Zscherben breiten sich Kohlenflöze, deren Ausdehnung auf 27 Quadratkilometer geschätzt wird. Die Hälfte des westsaalischen Kreisgebietes birgt also, soweit es außerhalb des Flussgebietes der Saale liegt, Kohle, das Nietleber Grubenfeld allein beträgt 4,56 Quadratkilometer. Bereits 1715 schürfte man in Zscherben nach Braunkohle, baute sie aber noch nicht regelrecht ab. Erst 1736 wurde in Dölau ein Steinkohlenbergwerk eröffnet, das bis 1806 in Betrieb war. Es wurden insgesamt 561 863 Tonnen Steinkohle (im Durchschnitt jährlich 7400) gefördert. Der Bergbau ruhte in der Franzosenzeit, wurde erst 1852 neu eröffnet mit dem Schacht "Humboldt", jedoch bereits 1859 wieder eingestellt. In Altzscherben begann der Bergbau recht eigentlich 1796, wurde aber erst von 1839 an systematisch betrieben. Die Grube gehörte bis 1868 dem Staate, von da an der pfännerschaftlichen Saline. Nach den Freiheitskriegen wurde auch in Lieskau Kohle gefördert, doch schon 1820 gab man hier den Bergbau auf. In Nietleben wurde 1826 das Bergwerk "Neuglück" eröffnet, das ein Jahrhundert lang in Betrieb blieb.

Neben der Kohle gab es auch andere wertvolle Bodenschätze. Der Lieskauer Ton ließ Ziegeleien entstehen, der dort vorkommende Kalk wurde in Öfen gebrannt. 1840 entdeckte man die Kaolinlager bei Lettin und Dölau, und 1858 gründete der erst 28jährige Ferdinand Bänsch die Lettiner Porzellanfabrik. Zu jener Zeit beginnt sich auch die Dölauer Industrie zu entfalten. In Nietleben entstand 1891 die erste Zementfabrik, 1910 folgten die Portlandzementwerke in Granau. So zeigt die im 18. Jahrhundert beginnende wirtschaftliche Erschließung des Heidegebietes ein mannigfaltiges Bild: neben die Papierfabrik traten die Bergwerke, ihnen folgten Porzellan- und Zementfabriken, Ziegeleien, Kalköfen.

(Heide als Ausflugsort)

Im 19. Jahrhundert folgte die Erschließung der Heide als Ausflugsgebiet. Gemeinsame Ausflüge zu Himmelfahrt und Pfingsten in den Wald wurden unternommen. Doch erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelten sich die Ausflugs- und Gaststätten westlich der Saale. Die im Jahre 1800 begründete Bergschenke in Kröllwitz machte den Anfang, von der Höhe des Porphyrfelsens herab genossen die Ausflügler den herrlichen Blick auf den gegenüberliegenden Giebichenstein und die zwischen bewaldeten Bergen in der Tiefe dahinfließende Saale. 1845 wurde auf dem Nietleber Weinberggelände das Feldschlösschen eröffnet, das im ersten Jahrzehnt von den Studenten als Pauklokal bevorzugt wurde. Im Jahre 1908 wurde das Lokal von der Provinzial-Irrenanstalt aufgekauft. Doch in seiner Nähe lag das alte Weinbergrestaurant, am Ufer der Wilden Saale. 1851 wurde das Heilbad Neu-Ragoczy eröffnet, das wegen seiner Heilwässer von weither besucht wurde. 1852 entstand Schurigs Schenkbude an der Südostecke der Heide, seit 1854 trägt sie den Namen "Waldkater". Gegen 1870 entstand das Heideschlösschen am Nordrand des Waldes, 1897 entstand der "Pfälzer Schützenhof", jetzt der "Heidepark", und bei Dölau "Leistners Waldhaus", jetzt "Waldhaus Heide". Nach der Jahrhundertwende schossen die Ausflugsgaststätten in der Heide wie Pilze aus der Erde: 1900 der Heidekrug, 1901 Schurigs Garten (dann Schillers Garten, jetzt Hubertus), 1902 Obstweinschenke, dem jetzigen Heidepark gegenüber, 1904 Waldlust, am Nordrande der Heide, 1906 das Erholungsheim an der Lettiner Ecke. - Ein Vierteljahrhundert dauerte es, bis auch die Westheide ihre Gaststätte erhielt: 1931 wurde in der Gartenkolonie Waldheil bei Lieskau die Wirtschaft Waldheil eröffnet.

(Verbesserung der Infrastruktur)

Hand in Hand mit dem Aufschwung von Wirtschaft und Verkehr ging die Verbesserung der Straßen. Zwei uralte Straßen durchzogen einst das Heidegebiet, ein nördliche von Beesenstedt über Dölau, die Brandberge, Kröllwitz, wo sie oberhalb der Trothaer Felsen vor der alten Burg Giebichenstein durch eine Furt die Saale überquerte, um auf der anderen Seite des Flusses in südöstlicher Richtung weiterzuführen, und eine südliche von Eisleben nach Halle. Unter westfälischer Herrschaft wurde 1807/08 diese zweite Straße ausgebaut, 1843-1847 erneuerte sie der preußische Staat. Schon zwanzig Jahre später entstand die Eisenbahnlinie von Halle nach Kassel, die allerdings nur im südlichsten Zipfel, bei Zscherben, das Heidegebiet berührt. Dagegen teilt die Halle-Hettstedter Eisenbahn, die 1896 eröffnet wurde, das westsaalische Kreisgebiet fast in der Mitte, in Nietleben, Dölauer Heide, Dölau und Lieskau hat sie Stationen. Sie vermittelt den Verkehr des Mansfelder Hinterlandes sowie den Vorort- und Ausflugsverkehr Halles. Kurz vor dem Weltkrieg begann Halle seine Zufahrtsstraßen von der Peißnitz und von Kröllwitz auszubauen. Zwei Straßenbahnlinien von der Mansfelder Straße zum Weinberg und zur Heide und von der 1928 neu und breit erbauten Kröllwitzer Brücke zu den Brandbergen machen es jedem Städter leicht, den Wald zu erreichen.

Heute ist das Heidegebiet aus der innigen Verbundenheit mit der Stadt Halle nicht mehr wegzudenken. Fast die Hälfte der Erwerbstätigen der Heidedörfer verdienen ihren Lebensunterhalt in Halle. Landstraße, Eisenbahn und Autobus ketten die Dörfer eng an die Stadt. Die Heide selbst wurde 1929 städtischer Besitz. Rings um den Wald herum, in Dölau, Lettin, Kröllwitz und Nietleben sind neue Wohnviertel entstanden: Einfamilienhäuser in schönen großen Gärten. Damit hat die Heide aufgehört, ein freier Wald zu sein. Der eiserne Arm der Großstadt umklammert sie von allen Seiten, eine Möglichkeit, sich auszudehnen, gibt es nicht mehr für sie.

(Zusammenfassung)

Es ist ein phantastisches Bild der Verwandlung, das das Heidegebiet vor uns erstehen lässt: ein wildes Gebiet von Wald und Sumpf, in dem der Wolf, der graue Heidegänger, unumschränkt herrscht, einige germanische Siedlungen, deren kultischer Mittelpunkt der Ochsenberg an der Saale. Dann der Einbruch der Wenden, die mit ihren Sumpfsiedlungen das Gebiet überziehen und ihr zentrales Heiligtum in der Heide haben. Nun wieder das Vordringen der Deutschen, zäher Kampf um jeden Fuß breit Landes und jede Seele. Dann die Herrschaft der Erzbischöfe, Jagden, Weinberge auf ehemaligem Waldboden. Die Schrecken und Schwedengreuel des Dreißigjährigen Krieges. Der Wald ein unheimlicher Schlupfwinkel von Verbrechern und Mördern. Aber dann kommt die Arbeit, Bergwerke entstehen, Straßen und Bahnen werden gebaut. Der Wald verliert seinen Schrecken, die Städter suchen ihn auf, um sich in ihm zu freuen und zu erholen. Bahn und Straße ziehen ihn immer dichter an die Großstadt heran, bis sie ihn gänzlich aufsaugt und aufs engste mit ihm verbunden ist. Vorbei sind die dunklen Nächte, elektrische Bogenlampen bestrahlen seinen Saum, und der Lärm der Großstadt dringt in seine Stille. Und nun ist die Heide wieder zu einem "Gehege" geworden: ein Gehege der Ruhe und Erholung für alle, die auf einige Stunden dem Getriebe der Stadt entfliehen wollen. -

* Erschienen als Beiträge zur Geschichte der Stadt Halle und Umgebung Nr. 6, Karl Siegmar Baron von Galéra (Hrsg.), Halle (Saale): Akademischer Verlag Halle, o.D.