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Hallesche
Kometen von Susanne Irina Zacharias
Der Halleysche Komet ist nach Edmond Halley (1656-1743) benannt. Er machte
sich an die Bahnberechnung von 24 historischen Kometen. Im Laufe dieser
Rechnungen merkte er, dass drei Kometen der Jahre 1531, 1607 und 1682 n.Chr.
auffallend ähnliche Bahnen besaßen. Er schloss daraus, dass
es sich jedes Mal um den gleichen Kometen gehandelt haben musste und er
sagte die Wiederkehr des Kometen für das Jahr 1758 voraus. Er kehrte
wieder, Halley war bereits 15 Jahr tot. (Q.: http://www.quarks.de/bethlehem/03.htm)
Das besondere an Halleys Komet ist also, dass er in berechenbaren Abständen
wiederkehrt – aus den Tiefen des Alls in die Nähe der Erde.
Was verbindet diesen besonderen Kometen mit dem Titel des Films „Hallesche
Kometen“ von Susanne Irina Zacharias? Vielleicht werden wir es am
Ende dieses Erinnerungsberichts wissen.
Im Grunde ist der Film ein Liebesfilm: Ben, der Sohn, liebt seinen Vater,
Karl. Ben, vielleicht 18 oder 19 Jahre alt, lebt im Hier und Heute. Er
verdient Geld, indem er in einem alten VW Polo (Baujahr 1991?) Zeitungen
und Prospekte ausfährt.
Der Papa hat seit eineinhalb Jahren keine Arbeit mehr – der Tod
seiner Frau hat ihn im Kern getroffen und aus der Bahn geworfen. Übrigens
nicht nur ihr Tod, sondern auch der politische Umbruch 1989/90 – vorher
war er Polier, ihm verdanken wir das Leipziger Uni-Hochhaus, `Held der
Arbeit´ war er. Karl lebt in der Vergangenheit, er schaut sich Dias
seiner Frau an, irgendwann kippt der Projektor um, so dass das Bild der
Frau genau auf sein Kopfkissen fällt. Karl sieht es, begreift die
Zufälligkeit der Situation und legt seinen Kopf auf ihren Kopf – beide
verschwimmen in eins. Das ist eine sehr sinnfällige Einstellung: Das
Kinobild zeigt uns ein Diabild der geliebten, aber toten Frau auf dem Gesicht
ihres Mannes, der vor Sinnlosigkeit seines Lebens sterben möchte.
Aber liebt Karl seinen Sohn? Ben tut alles für den Papa, damit dieser
wieder in Arbeit kommt. Allerdings mit einem Hintergedanken: Hat der Papa
Arbeit, kann Ben seinem Hobby nachgehen: Reisen. Ben geht für seinen
Vater auf´s Amt, sucht selbst für ihn Arbeit, stellt den Personalchefs
seinen Vater sehr professionell als Mann vor, der eine Aufgabe braucht.
Karl will davon nichts wissen. Er lässt Termine platzen, will nicht
mit den Leuten vom Arbeitsamt sprechen. Seine Gedanken kreisen um die verlorene
Frau, Ameisen in der Küche und das tägliche Essen. Er macht das
Essen für sich und seinen Sohn, liebevoll. Und, ja, eines Morgens
sitzt er am Bett seines Sohnes, aus einem Alptraum erwacht, und sagt: „Ich
habe nur Dich.“ Der Sohn umarmt den Papa und verspricht: „Ich
verlasse Dich nicht.“ Karl umarmt seinen Sohn nicht – er schaut
in die Ferne. Unterm Strich: Karl sorgt sich um Ben, vielleicht liebt er
ihn auch.
Und dann kommt die zweite Liebesgeschichte: Ben verliebt sich in Jana.
Das kommt so: Ben, der sich auf die zweite große Reise seines Lebens
vorbereitet (USA), fährt Reiseprospekte aus. Die Dame im Reisebüro
kennt ihn, spricht ihn wohl zum wiederholten Mal auf eine besonders günstige
Gelegenheit an – da sieht Ben Jana. Jana steht im Büro, dann
geht sie. Man hört ein Auto hupen – Ben lässt die beredte
Dame stehen und verschwindet: Es ist sein Auto, das Janas Auto, einen fetten
BMW, die Ausfahrt versperrt. Ben ist nicht dumm, tut so, als ob sein Wagen
nicht anspringt. Beide steigen aus, sie erhält einen Anruf von einer
Freundin: „Ja, treffen wir uns also im Sam´s.“ Ben will
die Situation zur Annäherung nutzen, Jana ist klug und schlägt
vor, Bens Wagen wegzuschieben. Da muß er passen – sie schiebt,
er rollt zurück. Jana steigt in ihren Wagen (gehört der Mama!)
und ist weg. Also Sam ist verliebt und wird (natürlich) mit seinem
Freund nach Leipzig – da ist das Sam´s – fahren.
Bis jetzt sieht es ganz gut aus. Aber das liebe Geld geht aus: Die Weigerung
des Vaters, sich auf dem Amt sehen zu lassen, führt zu einer dreimonatigen
Aussetzung der staatlichen Stütze. Ben verkauft seine Reiseausrüstung,
will bei seinem bisherigen Arbeitgeber sogar im Lager arbeiten (was nicht
klappt), um sich und seinen Vater über Wasser zu halten. Dann rutscht
er – seinem Freund sei dank – ins kriminelle Milieu ab, langsam.
Sie verkaufen unverzollte Zigaretten. Bald wollen sie vielleicht einen
richtigen Deal, etwas Großes machen – irgendwer in einem dicken
amerikanischen Bully will sie engagieren.
Ben trifft Jana in Leipzig, er führt sich auf das Dach des Uni-Hochhauses, „Hört
man uns unten, wenn wir schreien?“ fragt sie und schreit: „Leipzig!“ Das
ist bemerkenswert: Es ist das einzige Mal im Film, das ein Städtenamen
fällt: Leipzig. Leipziger Freiheit und so – es kommen da Gedanken
auf, die einen hallischen Patrioten neidisch machen. Die Liebe zu Jana
entbrennt, man telefoniert, Ben besucht Jana (sie wohnt mit ihrer vom Vater
getrennten, sehr preußischen Mutter alleine in einem großen
Haus), Jana besucht Ben nicht – Karl, der schmutzige und verkommene
ameisenjagende Papa für den er sich schämt, ist schließlich „oben“.
Sie küssen sich.
Jana will nach Kanada als „au pair“ – Ben in die Vereinigten
Staaten. Da haben sich zwei getroffen, die die große weite Welt genießen
wollen, hinaus aus dem Mief und der Enge der elterlichen Behausungen. Ben
kann (noch) nicht, des Vaters und des Geldes wegen. Jana darf nicht – die
Mutter hat´s verboten und sogar den Vater mobilisert, der gemeinsamen
Tochter die Sache auszureden. Am Geld würde hier nichts scheitern.
Dann kommt die Wende: Ben hat es endlich geschafft. Er hat Arbeit für
seinen Vater gefunden. Nun gilt es, den Vater so hinzubiegen, dass er auf
die Spur kommt. Ben droht: „Wenn Du nicht annimmst, musst Du auf´s
Sozialamt.“ Unter der Ehre eines Helden. Ben nimmt an seinem Vater
Maß – für einen Anzug. Dann kommt ein anderer Freund Bens
und gibt dem Papa Unterricht: „Wir können wirklich was von den
Wessis lernen. Die treten ganz selbstbewusst auf. Nicht so zerknittert
wie wir.“ Karl sträubt sich, will entschwinden, lässt sich überreden – dem
Sohne zuliebe. Und man staunt: Plötzlich sieht man Karl im Anzug,
mit zum Zopf gebundenen Haaren (abschneiden durfte Ben sie nicht) – schick.
Ben fährt Karl zum Vorstellungsgespräch, Karl versaut es (zum
Personalchef: „Solche Anzugstypen wie Sie haben meinen Betrieb kaputtgemacht.“)
und lügt danach den Sohn an: „Bin zu alt.“ Karl hat hier
Pech. Ben hatte dem Personaler das Alter des Vaters genannt – Ben,
das hätte ich ihm kaum zugetraut, aber es zeigt, wie ernst es ihm
ist, eilt zum Personalchef und erfährt die Wahrheit. „Da hättest
Du ihm direkt in den Sack treten können!“ Ben ist empört – alle
seine Mühe, sein Kümmern ist umsonst gewesen.
Der geliebte Vater, zu dem er hochschauen will, dem er Achtung entgegenbringen
will, hat versagt. Ben fährt zu Jana, die ihn liebreich empfängt – nicht
nur musikalisch sind beide auf derselben Wellenlänge. Sie lieben sich,
schlafen miteinander. Höhepunkt: Jana will Ben den Flug nach Vancouver
(i.O., die zweite Stadt, die im Film erwähnt wird) schenken, damit
er sie bei ihren Gasteltern besuchen kann. Ben kann nicht annehmen, er
will kein Almosen. Er kann Jana aber auch nicht erklären, was ihn
abhält – sein Vater, der ihm alle Möglichkeiten nimmt,
sich zu entfalten.
Ben wird wütender – zuhause schlägt er die Annäherungsversuche
des Vaters aus. Er schmeißt ihm die Tür vor den Kopf und gegen
das von Karl angebotene Essen. Ben dreht durch: Er reißt die Landkarte
der USA von der Wand, verwüstet sein Zimmer, geht schlafen und schaut
geradezu verängstigt auf die leere Wand. Die Träume sind zerstoben.
Ein Ausweg bleibt: Irgendwoher soviel Geld zu bekommen, um damit abzuhauen.
Ben und sein Freund nehmen jetzt die Chance wahr und entschließen
sich, den großen Deal zu machen. Im letzten Moment kneift Bens Freund,
Ben will am Deal festhalten, die Bully-Männer verzichten dankend. „Puh“,
dachte ich, „noch mal Schwein gehabt, jetzt kommt die Einsicht: Hätten
wir da mitgemacht und wären aufgeflogen – alle Chancen unseres
Lebens hätten wir vergeben.“ Von wegen: Ben ist stinkwütend
auf seinen Freund, beide schlagen und raufen sich – in letzter Sekunde
wird Ben einsichtig und lässt ab. Ben hat nun keine Chance mehr, schnell
ans große Geld zu kommen.
Er kehrt, ernüchtert, nach Hause zurück und wirft dem Vater
vor, dass er nicht an ihn, sondern nur an die verstorbene Mutter denke: „Sie
ist tot – wir aber leben.“ Da schnappt Karl über und verabreicht
Ben eine Backpfeife – „klatscht ihm eine“. Wenig später
sehen wir Ben in seinem Wagen, er rast über die Magistrale aus Neustadt
Richtung Innenstadt – Bens Mutter ist bei einem Autounfall ums Leben
gekommen – und schließt die Augen, sekundenlang, nimmt die
Hände vom Steuer. Dann sehen wir Karl in seiner Wohnung, sich den
Weg zum Balkon durch Kisten und Matratzen bahnend – er öffnet
die seit langem verschlossene Balkontür, tritt an die Brüstung
(Wieviele Halle-Neustädter haben sich eigentlich in den letzten Jahren
vom Balkon gestürzt?, schoß mir durch den Kopf) – und
wir sehen wieder Bens Polo, wie er gebremst wird, quietschst, rutscht,
muß der schnelle gewesen sein, anhält: Ben öffnet die Tür
und übergibt sich.
Ben kommt am nächsten Morgen zurück in Papas Wohnung, merkt,
dass sich etwas verändert hat, mehr Licht ist in der Wohnung. Er begreift,
geht zum Balkon – man sieht ihm den Schrecken an. Und dann kommt
aus dem Off Karls Stimme: „Keine Angst, Ben.“ Da sitzt er,
der Gute, im Sessel und sagt: „Ich wollte nur mal ein bisschen lüften.“ In
diesem Moment begreifen wir, dass Karl seinem Sohn die Freiheit schenken
wird: „Du hast viel zu lange bei mir gewohnt.“ Bens Freund
kommt, man ist freundlich miteinander – Karl will für beide
Spiegeleier braten und Bens Freund nimmt dankend an, trotz des Schmutzes
und der Schlägerei.
Abblende: Ben und Jana gehen Treppen hinunter und vor uns – im strahlenden
Sonnenschein – gehen drei große Platten auf. Und nicht zu vergessen:
Bens Vater war `Held der Arbeit´, Janas Mutter gut- bis großbürgerlicher
Herkunft. Da spiegelt sich die soziale Struktur unserer Stadt. Ben und
Jana finden trotz unterschiedlicher Herkunft zusammen – in Ha-Neu.
Aber kommen wir zurück zur Anfangsfrage: Was verbindet Halleys Komet
und die Halleschen Kometen? Kehren Ben, Karl und Jana regelmäßig
wieder – in unseren Gesichtskreis? Jedenfalls dürften sie nicht
von ihrer Bahn abkommen. Das wäre ja eine positive, optimistische
Botschaft des Films: Zwar kehren solche Problemlagen immer wieder, die
Welt wird nie heil sein, ein Himmelsreich auf Erden können wir nicht
herbeibefehlen (Halle-Neustadt als Utopia der Sozialisten!) – aber
der Wille zum Überleben, zum Leben in Harmonie und Geborgenheit ist
stärker.
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