| V For Vendetta, USA/Deutschland 2005
Regie: James McTeigue Eine Bewertung aus politischer Sicht Der „Gun-Powder-Plot“ und Guy Fawkes sind die historische Folie vor der der Film seinen Ausgang nimmt. Der Brockhaus schreibt, dass es sich beim „Gun-Powder-Plot“ um eine Verschwörung von anfangs fünf, zuletzt 13 katholischen Edelleuten gehandelt habe, deren Ziel die Sprengung des Parlaments während der Eröffnung mitsamt König Jakob I. und den Parlamentsmitgliedern war. Guy Fawkes wurde während der Bestückung der Keller unter dem Oberen Haus mit 36 Pulverfässern festgenommen. Folge der fehlgeschlagenen Verschwörung war eine verstärkte Unterdrückung der Katholiken durch die Regierung. Der Held des Filmes – V V steht für die Nummer der Zelle, in die ein Mann in einer medizinischen Versuchsanstalt (VA) eingesperrt war. V steht nicht nur für die Zellennummer, sondern auch für den Tag, an dem das Parlament 1605 in die Luft gesprengt werden sollte. Der Mann wurde höchstwahrscheinlich eingesperrt, weil er einer Minderheitengruppe angehörte: Minderheiten, die im Film auftauchen, sind: Schwule und Lesben, Katholiken (bzw. im Fall des Kriminalkommissars, Iren), Farbige, Freaks. Wir erfahren nicht, welcher Minderheitengruppe er angehörte, da er durch die an ihm vorgenommenen medizinischen Experimente seine gesamte Erinnerung verloren hat. Die medizinische Versuchsanstalt, die eine Mischung aus KZ und amerikanischem Gefangenenlager darstellt (man vergleiche das amerikanische Lager im Film „Tal der Wölfe“), wurde von der nach der „Restoration“ regierenden diktatorischen Partei des Kanzlers etabliert. Es sollten hier ein Virus und ein Anti-Virus entwickelt werden. Der Virus wurde im Kampf um die Macht von der Kanzlerpartei eingesetzt, um eine Massenhysterie auszulösen. Der Einsatz des Virus kostete 80.000 Menschen das Leben. Die Massenhysterie hatte die Wahl des Kanzlers, der sogleich diktatorische Vollmachten erhielt, zur Folge. Der Kanzler konnte, da er im Besitz des Anti-Virus war, nach der Machtergreifung politische Freunde mit der Produktion eines Wirkstoffs beauftragen, der funktionierte und seinen Freunden zu Reichtum verhalf. Zurück zu V: Die VA fliegt aus ungeklärten Gründen in die Luft. Einzig V, der sich als resistent gegen die Viren erwiesen hatte, überlebt und geht (wortwörtlich) in den Untergrund. Dort bereitet er seinen Rachefeldzug gegen den Kanzler (V nennt ihn seinen Schöpfer – eine Erinnerung an Frankenstein) vor. Wie wir später erfahren, will er eine Frau rächen, die mit ihm in der VA eingesperrt war. Wir erfahren, dass die Frau lesbisch war, beim Coming-Out von den Eltern verstoßen wurde, eine Karriere beim Film machte. Aus dieser Zeit kannte sie V von den Plakaten, die den Film „The Salt Flats“ ankündigten; in seiner Behausung im Untergrund gibt es eine Art Kapelle; hier hängt ein Poster über einem Ersatzaltar. Die Frau erscheint wie eine Madonna. In diese Zeit der Karriere fällt auch die Machtübernahme durch die Kanzlerpartei; die Partei ist gegen Homosexualität, also werden die Frau und ihre Freundin in die VA gebracht. Hier erleidet sie alle Qualen, schreibt jedoch ihre Geschichte auf Toilettenpapier und reicht die Blätter durch eine Ritze in der Wand ihrem Zellennachbarn – V. Egal, was auch passiere, so die Frau, auf ihrem letzten Blatt, sie liebe ihn, ihren Zellennachbar. Vorbilder hat V mehrere: Da ist Guy Fawkes, der ebenfalls einer Minderheit angehörte. Da ist der Graf von Monte Christo: „Edmond Dantès, ein junger Marine-Offizier aus Marseille. Beruflich und privat sich auf der Höhe seines Lebens wähnend, wird er ohne eigenes Zutun durch Intrigen kompromittiert und kommt in das berüchtigte Insel-Gefängnis Château d'If, um dort ohne Gerichtsverhandlung viele Jahre inhaftiert zu bleiben. Im Folgenden erzählt der Roman sein Entkommen von der Insel und den gesellschaftlichen Aufstieg als Graf von Monte Christo im nachnapoleonischen Paris. Dank eines Schatzes auf der Insel Monte Christo, von dem ihm der Mitgefangene Abbé Faria erzählt hat (welcher kurz darauf verstorben ist), kommt er zu Reichtum und nutzt ihn zur Rache an denen, die ihn ins Gefängnis brachten. Er treibt sie entweder in den Ruin oder in den Suizid. Die Menschen, die ihm zur Seite standen, belohnt er. Doch am Ende dominiert die Gewissheit, dass er sein altes Leben nicht mehr zurückbekommen kann.“ Mit dem Grafen verbindet V die Inhaftierung ohne Grund, die Unterbringung in einem Gefängnis (=VA) ohne Gerichtsverhandlung, das Entkommen. Einen gesellschaftlichen Aufstieg kann V zwar nicht verzeichnen, reich ist er aber trotzdem: In seiner unterirdischen Behausung hat er (Kunst-)Schätze angehäuft; er ißt – wie der Kanzler – Butter. Auch die gesellschaftliche Situation hat Ähnlichkeiten: Während V in einem freiheitlichen System aufgewachsen ist, schmiedet er seine Rachepläne in einem diktatorischen, nicht freiheitlichen System. Die Kanzlerpartei sieht sich als Partei der Tugend und der Ordnung. Dantès führt seine Rachepläne ebenfalls in einer nach-revolutionären Phase aus. Vorbild – so zeigt es uns der Film – ist der Graf für V aber vor allem in seinen Fechtkünsten. Evey, in die sich V verlieben wird, bemängelt an des Grafen Charakter jedoch, dass er die Rache über die Liebe stellt; auch V wird im entscheidenden Moment die Rache am Kanzler über die Liebe für Evey stellen. Ein drittes Vorbild leuchtet schwach im Hintergrund: V hat seinen eigentümlichen Namen zum Logo umgeformt: Ganz am Anfang des Films, V hat Evey gerade aus den Händen der Geheimpolizei („Finger“ geheißen) befreit, nimmt er seinen Degen und ritzt auf ein staatliches Plakat ein großes V. Später im Film taucht dieses V, umrahmt von einem Kreis noch mehrmals auf, mal mit roter Farbe auf dieselben Plakate gemalt, mal als Dominobild. Wir haben es also mit einer Erinnerung an Zorro zu tun. „McCulleys Zorro ist ein klassischer Robin Hood-Held: Die Geschichte spielt im Kalifornien des 19. Jahrhunderts, als dieses Land und die Stadt Los Angeles noch zu Mexiko gehörten, in der Zeit des Kaisers Maximilian und der Rebellion unter Benito Juárez. Zorro führt ein Doppelleben: Während er tagsüber als unscheinbarer und feiger Landedelmann Don Diego de la Vega ein geruhsames Leben führt, verwandelt er sich nachts im schwarzen Umhang und mit Augenbinde zum Rächer des Volkes. Dabei kommen ihm seine herausragenden Fechtkünste zugute; als „Markenzeichen“ hinterlässt er bei seinen Gegnern stets ein geritztes „Z“ (für Zorro). Die Vorlage für die Zorro-Figur waren wahrscheinlich mexikanische Volkshelden aus der Rebellionszeit. Die Abenteuergeschichte wird durch die Liebesgeschichte von Zorro und Lolita Puldio, die Zorro aus den Händen der Feinde retten muss, angereichert.“ Mit Zorro verbinden V also das Rachemotiv und die Fechtkünste – wie schon bei Dantès – , die Maske und das Logo. (V statt Z) Während V die Maske braucht, um sein (bei der Explosion und Zerstörung des VA) zerstörtes Gesicht nicht zeigen zu müssen, braucht sie Zorro, um im Alltag als „unscheinbarer und feiger Landedelmann“ erscheinen zu können. V, Dantès und Zorro – sie alle sind Rächer; V für die geschundenen Minderheiten, Dantès für das ihm angetane Unrecht, Zorro für das „Volk“. Guy Fawkes, schreibt Wikipedia, wollte sich am König rächen, „da dieser die katholische Bevölkerung unterdrückte.“ Mehrheit versus Minderheiten Die politische Motivation Vs liegt in der Rache für das, was der Kanzler und seine Partei den bereits genannten Minderheiten antun ließen. Wie wird die Mehrheit – also die Mehrheit der Engländer – im Film dargestellt? Der Film hat dafür drei Milieugruppen ausgewählt: Zwei englische (weiße) Kleinfamilien, eine Gruppe alter (weißer) Senioren im Altersheim und eine Gruppe (weißer) Kneipengänger. Sie alle eint der Fernseher: Über das TV wird die Mehrheit gesteuert. Zwei prominente TV-Stars werden uns im Laufe des Films vorgestellt: a) Der politische Einpeitscher. Hierbei handelt es sich um ein ehemaliges
Mitglied des Militärs, dass in der Revolutionsphase in der VA die Aufsicht
hatte und nach dem Virenattentat derjenige Freund des Kanzlers war, der sich
durch die Produktion des Anti-Virus-Wirkstoffes bereicherte. Er soll, so
findet der irische Kriminalkommissar heraus, dadurch der reichste Mann Englands
geworden sein. Danach wechselte der Mann zum TV. Hier hat er die Aufgabe,
die Mehr ideologisch zu trimmen. Er hält auf Gott und sein Christentum. Die Mehrheit erhält ihre Informationen also über das TV. V weiß das und nutzt deshalb den Kanal für Katastrophen, um darüber seine Botschaft loszuwerden: Das Regime ist korrupt. Wenn jeder wissen wolle, wie es zur Diktatur gekommen sei, brauche jeder nur in den Spiegel zu schauen. (Nosce te ipseum) Wer mit ihm für die Wahrheit kämpfen will, soll am Abend des 5.11. in einem Jahr vor das Parlament ziehen. Die Reaktion der Mehrheit ist Erstaunen. Die Feststellung des TV am nächsten Tag, es habe sich um einen Terroristen gehandelt, der in der Folge des Attentats getötet worden sei, wird schon nicht mehr geglaubt. Die Mehrheit ist – auch das macht der Film klar – träge und unpolitisch. Das ist, will uns der Film verdeutlichen – Folge der „Verdummungspolitik“ des Staates. Ganz am Ende, als der Kanzler im TV alle zum Kampf gegen das Chaos auffordert, ist die Mehrheit nicht mehr an ihrem Platz; Sofas, Kneipe und Altersheim sind leergefegt. Die Mehrheit hat die Botschaft Vs verstanden, sich die Masken angezogen und ist zum Parlament gezogen. Es stellt sich aber die Frage: Wie konnte die Mehrheit erlauben, dass England zur Diktatur wurde? Der Film antwortet: Die Angst vor dem Chaos, die Angst vor Terroristen ließ die Mehrheit für Ordnung und Sicherheit plädieren. Die Diktatur funktioniert, solange Angst herrscht. Wie verhält sich die Mehrheit gegenüber den Minderheiten? Im Film gibt es dazu eine Szene: Einer der Geheimdienstler („Finger“) erschießt ein Mädchen, dass eine Fawkes-Maske trägt. Daraufhin kommen unmaskierte Menschen auf den „Finger“ zu, der sich noch ausweist. Die Autorität ist gebrochen. Der Mann wird zusammengeschlagen, womöglich getötet. Die Mehrheit verhält sich in diesem Fall so, wie es des Kanzlers Weltbild entsprechen mag: Anstatt den Mörder des kleinen Mädchens zu entwaffnen und zu „resozialisieren“, macht sie kurzen Prozess mit dem Einzelnen, der Minderheit. Das „gesunde Volksempfinden“ tötet den, der getötet hat: „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Hier haben wir es also mit alttestamentarischem Verhalten und nicht mit Nächstenliebe zu tun. Allerdings ist der „Finger“ hier Repräsentant der Staatsmacht; an ihm entladen sich die Frustrationen der (bislang) Geknechteten. (Vergleiche mit Fenstersturz in der Schmeerstraße am 17.6.53) Die Zerstörung des Parlaments Der Film und mit ihm die Symbolik sind auch vor dem Hintergrund englischer Geschichte und Lebensgewohnheiten zu verstehen. Wie eine Recherche im Internet ergab, wurde im November 2005 mit einem Aufwand von 1,5 Mio. Pfund das Parlamentsgebäude nachgebaut, mit 36 Fässern Pulver versehen und gesprengt. Die Zerstörung des Parlaments – in dem des Kanzlers Kabinett seine Sitzungen abhält – wird im Film als Befreiung von einer Last interpretiert. Die lange Geschichte parlamentarischer Debatten, die Bedeutung des Gebäudes auch für den Willen Englands, fort zu existieren (es wurde nach dem 2. WK wieder aufgebaut), sie spielen im Film keine Bedeutung. Oder vielleicht in einem allgemeiner zu fassenden Zusammenhang: Was Fawkes, dem Angehörigen einer Minderheit 1605 nicht gelang, gelang V, dem Rächer der Minderheiten. Beiden, Fawkes wie V standen Regierungen gegenüber, die „repressiv“ wirkten, dem Volk Angst machten und Minderheiten unterdrückten. Was Fawkes nicht gelungen ist, vollendet V: Endlich ist das Symbol für die traditionelle Herrschaft im Land vernichtet – die Zeit der „Freiheit“ könnte nun anbrechen.
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