Observationum Selectarum Ad Rem Litterariam Spectantium (Tomus IV), Halae Magdeburgicae, Anno 1701 (Observatio XVIII)
Das Hallensische Prasserfest, gemeinhin „die Knoblauchsmittwoche“
§ 1
Es herrscht in Halle eine alte eingewurzelte Sitte, nach der am Mittwoch nach dem Pfingstfest alle Sorgen ruhen, die Handwerker und Leute ähnlichen Standes sich von Knoblauch ernähren und davon überzeugt sind, dass derjenige, der sich an diesem Tage von solchen Pflanzen ernährt, sich das ganze Jahr hindurch guter Gesundheit erfreuen wird. Alle Plätze sind daher an jenem Tag voll des ekligen Knoblauchgeruchs. Diejenigen, die höheren Standes sind oder die auf diesen Aberglauben nicht hereinfallen, ziehen sich gemeinsam in Gärten oder Landhäuser zurück und empfangen einander mit Frohsinn.
§ 2
Oft haben unsere Vorfahren, wie ich hörte, über den Ursprung dieser Sitte nachgeforscht, wobei die einen ihn hierin, die anderen dorthin verlegten; vor sehr vielen Jahren gab es einen Mann von erlesenerem Geist, der jetzt fromm verschieden ist. Als er über die heidnischen Sitten nachdachte, nach denen fast alles als ein Gott gilt, glaubte er, dass diese Sitte ihren Ursprung bei den alten Heiden hat, die unter dem Namen Hermunduren (Thüringer) einst diese Landstriche durchstreift haben. Weil aber die Hermunduren sich nie in Halle niedergelassen haben und die Hallenser Sachsen, die von Otto Saxonicus das Bürgerrecht erhielten, keine Heiden gewesen sind, stimmt diese Vermutung mit der Wahrheit nicht überein; wir schreiben daher diese Sitte lieber päpstlichen Irrwegen zu.
§ 3
Es ist ja bekannt, dass die Päpste zur Untermauerung ihres Herrschaftsdünkels eine Sitte der Römer nachahmen wollten, die ihren Priestern das Recht einräumten, Festtage zu bestimmen. So kam es, dass auch die Päpste sich das Recht anmaßten, Festtage zu bestimmen, zu welchem Zweck sie einen bestimmten Orden, den der Calendarier, gründeten. Wann dieser Orden zum erstenmal auftrat, steht bei den Gelehrten nicht ganz fest. Christianus Franciscus (Paulini Dissert. Hist. 6) vertritt die Auffassung, dass diese (Ordens-) Brüder mit der Bruderschaft des Marianischen Rosenkranzes entstanden sind, und behauptet, es handele sich um eine aus Klerikern und Laien zusammengewürfelte Gesellschaft, deren Aufgabe ursprünglich darin bestand, Form und Reihenfolge heiliger Bräuche festzulegen und insbesondere, welche Jahrgedächtnisse in den einzelnen Monaten zu feiern sind, welche Almosen zu verteilen sind, an welchen Tagen gefastet werden muß, welche Gelder anzulegen sind und welche Zinsen aus den Anteilen zu fordern sind: Johannes ab Indagine behauptet sogar, dass diese Calendarier nach ihren Zusammenkünften benannt worden sind, die sie einberiefen, um in Verbindung mit vielen Gebeten, frommen Predigten und in gegenseitiger Liebe erfolgender Zurechtweisung nach dem Züchtigungsrecht die geistlichen Güter zusammenzulegen.
§ 4
Aber wie es der Lauf der Welt ist, dass die besten Einrichtungen
oft sehr schlimm ausgehen, so geschah es auch bei den Calendariern. Denn
ihrem Verein
mischten sich Heuchler bei, die sich als Ratsherren gebärdeten, aber
die Bacchanalien liebten, und sie zogen unschwer auch andere auf ihre Seite.
So führten sie in jedem beliebigen Monat Freß-Feste ein, so dass
derartige subdiakonale Feste Anlaß zu dem Sprichwort gaben: „er
machet bundte feste“. Als daher der Orden der Calendarier in Halle
feste Wurzeln geschlagen hatte (so dass man die Spuren dieser Calendarier
heute noch in unserem Rathaus sehen kann, da der Senat bestimmte Einkünfte,
die die calendarischen Geldverleiher den Bürgern unter Zinsauflagen
gegeben hatten und für die diese ihre Häuser verpfändeten,
im Volksmund „die Calands/Zinsen“, durch Abtretung seitens der
Calendarier an sich gezogen hat), ist es wahrscheinlich, dass diese Heuchler
sich dem zu Freßgelagen neigenden Naturell der Hallenser angepasst
haben und gerade, wenn die Lieblichkeit der Jahreszeit dazu einlädt,
dieses Fressfest eingeführt haben, wobei die Papisten obendrein sich
schon längst derart beim Besäufnis gehen ließen, dass sie
es für religiöse Pflicht hielten, am Pfingsttage bis zum kommenden
Sabbat von den üblichen Gebeten abzusehen, damit nämlich nicht
die Festseligkeit, wie Hilarius in seinem Vorwort zu den Psalmen sagt, durch
Fasten und Gebet behindert wird: Lesen wir doch mit Ekel distinct. 5c.15
de Consacrat., in welchem Kanon Gregor nicht nur seine Dummheit, sondern
auch seine von Haß vergiftete Einstellung zu den Deutschen entblößt:
Es bleibt daher zu wünschen, dass durch die Leuchtkraft der Wahrheit
des Evangeliums jene abergläubische Esssitte wieder aus den Herzen der
Menschen getilgt wird.