| Michael
Pantenius: Ein Fest für den `gemeinen´ Mann, in: ders.: Das merkwürdige
Halle, Halle (Saale): mdv, 2005 Wer Knoblauch isst, wird alt. Knoblauch ist das Beste für die Pflege der Gesundheit. Knoblauch – roh, scharf geröstet, auch gekocht – stärkt den Magen und kein Wurm im Darm hat die geringste Chance! Das weiß das Volk seit Tausenden von Jahren. Zum Erntedank gesellte sich deshalb recht bald der ganz spezielle Dank für die beliebte Speisezwiebel, für Allium sativum, für die Knoblauch-Knollen. Wann der alte Brauch des Knoblauchfestes in Halle angefangen hat, ist nicht ermittelt worden. Man weiß nur, dass die populäre Orgie zweimal von der Obrigkeit verboten worden ist. Zum ersten Mal im Jahr 1688. Damals hatte die Stadt die Kohlwiese über der Saale gekauft. Auf der trafen sich bis dahin jeden Mittwoch nach Pfingsten Hallenser Handwerksburschen, Ackerbürger und allerlei `gemeine Leute´, um ihr Gesundheitsfest zu feiern. Nun sollte das Gelände gegenüber der Moritzburg bebaut werden. Doch das war nur ein Vorwand. Dem Rat ging es um etwas anderes: Das Knoblauchsfest, das er vor den Toren bislang mit Müh und Not geduldet hatte, galt offiziell als ein Vergnügen der `Leute von geringem Stand´. Doch diese Sorte Mensch nahm zu, war ohnehin nur schlecht zu kontrollieren. Nun drohte von der Masse regelrecht Gefahr. Die Wiese stand an diesem einen Tag im Jahr voll Bier- und Würfelbuden, Speisezelten. Man sang und soff, lachte und tanzte, ließ sich von Quacksalbern verarzten, auch Zähne brechen, fraß sich voll, sang lästerliche Lieder und – man kaute Knoblauch, massenhaft. Der Duft der scharfen Knollen, vermischt mit Schweißgestank und lockeren Reden, dem Rauch der offenen Feuer, Bierdunst und Bratennebel, Staub und Lärm und Rauferei, die angestimmten unsittlichen Lieder stießen dem `braven Bürger´ ganz gehörig auf. Der Knoblauch ist an allem Schuld, hieß es. Der ist gar keine Gottesgabe. Ein Fraß für Heiden ist das, der kommt von Gottseibeiuns und gehört verboten. Die `Heiden´ scherten sich den Teufel ums Verbot und zogen ein paar Pferdelängen saaleabwärts auf die nächste Wiese, dort ging das turbulente Volksfest weiter: Jahr um Jahr. Und wiederum mit Bier und Glücksspiel, Würfelbuden. Der neue Platz hieß alsbald `Würfelwiese´. Erneuter Krach mit den Behörden. Der zog sich hin, erst 1870 kam das Aus, und selbstverständlich wurde das Verbot bemäntelt. Angeblich ging es um die Gefährdung der neuen Parkanlagen durch das Volk. Die Knoblauchfeierer verpinkelten die Büsche. Ein ordentlicher Bürger tut das nicht. Wie bei fast allen hallischen Geschichten gibt es auch hier
Varianten. Behauptet wird zum Beispiel, im Mittelalter hätten die Kalandsbrüder (eine
religiöse Vereinigung) alljährlich zu Pfingsten so stark gefeiert
und gebechert, dass sie – zur Festigung ihrer dabei stark angeschlagenen
Gesundheit – am Mittwoch nach dem Fest einen Fastentag eingelegt hätten.
Einzig erlaubte Speise während 24 Stunden: Knoblauch. An diese Überlieferung
knüpft seit ein paar Jahren eine kleine Schar von Freunden der scharfen
Knollen an. Knoblauchs-Mittwoch-Gesellschaft nennt sich der heitere Verein. |