Alte
Tradition lebt wieder auf
Ein Fest um tausend
aromatische Zehen
Gesellschaft lädt zum
Knoblauchsmittwoch auf die Würfelwiese
Von unserer Redakteurin
SYLVIA POMMERT
Halle/MZ. "Knoblauch, Knoblauch ist uns`re Leidenschaft"
sangen die Steppkes aus dem Kindergarten "Tierhäuschen". Als
Vampire verkleidet warben sie damit für eine neue, in Wirklichkeit aber
uralte hallesche Tradition. Zum zweiten Knoblauchsmittwoch der Neuzeit hatte
die Knoblauchsmittwoch-Gesellschaft gestern Abend auf die Würfelwiese
eingeladen, und etliche Gäste feierten bei Knoblauchbrötchen, Knoblauch-Schlack
und Knackwurst sowie Knoblauch-Schnaps ausgiebig mit.
Polizeipräsident Walter Schumann war extra aus dem Urlaub gekommen, um
sich - nach eigenen Worten - der Völlerei zu widmen, als Schirmherr der
Veranstaltung aber auch das Band zur Festtafel zu zerschneiden und das Freibierfass
anzustechen. Zuvor war die Knoblauchmittwochs-Gesellschaft in Frack und Zylinder
oder langen Kleidern durch die Innenstadt gezogen. Tausend scharfe spanische
Knoblauchzehen hatte Marktfrau Heike Gottbehüt spendiert, und die Esel
Charly und Lena aus dem Zoo trugen sie mit Fassung. Passanten bekamen die
Zehen samt einer Einladung zum anschließenden Knoblauchfest auf der
Würfelwiese in die Hand gedrückt. Ein Korb voller kräftiger
Knollen wurde im Stadthaus abgegeben. Die sollen dort bei der nächsten
Sitzung verteilt werden, versprach Thomas Willecke.
"Knoblauch-Esser halten fest zusammen", war sich Norbert Böhnke,
einer der Organisatoren des Festes, sicher. Schließlich hätten
die Knollen-Liebhaber erfahrungsgemäß Schwierigkeiten im Kontakt
mit dem Rest der Welt. Dies dürfte sich aber erst heute auswirken.
Eigentlich wurde der Knoblauchsmittwoch einst als Fastentag begangen. Nach
ausgiebiger pfingstlicher Schlemmerei legten im Mittelalter die Kalandsbrüder
einen Knoblauchstag ein, um etwas für ihre Gesundheit zu tun. Die Brüderschaft
traf sich auf der Würfelwiese, spielte und aß das aromatische Gemüse.
Die so geborene Tradition hielt sich bis 1870. Dann erwirkte Hermann Fiebiger,
damals Vorsitzender des Verschönerungsvereins, ein Verbot. Die wilden
Gesellschaften in der von ihm gestalteten Parklandschaft waren ihm ein Dorn
im Auge. An Fiebiger erinnert ein Denkmal auf der Würfelwiese. Das wurde
auf Initiative der Knoblauchmittwochs-Gesellschaft jetzt in Ordnung gebracht.
Man ist ja wirklich nicht nachtragend.
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Mitteldeutsche
Zeitung
12.6.03, S.11 |