Ein knappes Dutzend Wagemutiger stieg gestern Morgen gegen 6.30 Uhr in die Saale und gab damit den feuchten Startschuß für das Knoblauchsmittwochfest. Ihr erstauntes Fazit nach 500 Metern Schwimmen: Im Wasser ist es wärmer als draußen. MZ-Foto: Jens Schlüter
Knoblauchfest
Alles dreht sich um die Zehe
Alte Tradition lebt auf Würfelwiese wieder auf - Morgens Anschwimmen in der Saale
Von unserer Redakteurin MARTINA SPRINGER
 
Halle/MZ. "Iiiih, das stinkt ja hier nach Knoblauch" sagt eine Frau, schätzungsweise Mitte 60, und wedelt demonstrativ mit ihrem parfümierten Taschentuch. Doch sie war nicht im falschen Film. Sondern auf dem Fest, das seinen Namen eben dieser Knolle mit dem stechenden Geruch verdankt.

Ulrich Hellem und Norbert Böhnke haben dafür gesorgt, dass gestern erstmals seit 132 Jahren wieder ein Knoblauchfest an der Saale - genauer: auf der Würfelwiese - gefeiert wurde. Traditionell am Mittwoch nach Pfingsten. Als er zum ersten Mal davon gelesen habe, sei er gleich fasziniert gewesen, sagt Böhnke. "364 Tage im Jahr soll nichts Anrüchiges an Halle sei, aber an einem Tag - da kann man uns schon mal riechen."
 
Aus Körben voller Knollen wurden die Passanten Stück für Stück beschenkt. Gespendet hat rund 30 Kilo des kräftigen Gemüses Markthändlerin Heike Gottbehüt, die seit 21 Jahren in Halle wohnt und seit 12 Jahren auf dem Obermarkt aufbaut. "Ich habe wirklich gern gegeben. Es ist doch schön, dass solch eine alte Tradition wieder auflebt. Halle könnte noch viel mehr davon vertragen."

Während der Zug noch einen Abstecher zur Tagung des Stadtrates machte und Kinder Oberbürgermeisterin Ingrid Häußler ein Körbchen mit Knoblauch überreichten, hatten sich auf der Würfelwiese bereits zahlreiche Neugierige versammelt. Bei manchen kam Unmut auf, weil es schon zu diesem Zeitpunkt abzusehen war, dass die Sitzgelegenheiten bei weitem nicht ausreichen würden. An den Ständen mit Getränken und Speisen bildeten sich schnell Schlangen.
 
         
 

Am zeitigen Abend nahm das Spektakel so richtig seinen Lauf, da drehte sich alles um die (Knoblauch-) Zehe. Begonnen aber hatte es bereits in aller Herrgottsfrühe, und zwar feuchtfröhlich. Ein knappes Dutzend Wagemutiger stieg zum Anschwimmen in die Saale, die nach Schätzungen bereits 17 Grad "warm" gewesen sein soll.

Kurz nach 17 Uhr setzte sich dann am Leipziger Turm ein Tross quer durch die Stadt in Richtung Würfelwiese in Bewegung. Es gab zwar - noch - keinen Beifall auf offener Szene, aber jede Menge Aufmerksamkeit. Immerhin trugen die Herrn der Knoblauchsmittwochs-Gesellschaft Frack und Zylinder, die Damen Abendkleider. Und die Knirpse der Kindertagesstätte "Tierhäuschen I" hatten sich als Vampire verkleidet, mit Ketten aus Knoblauchzehen um den Hals.

 
Doch dann traf der auffällige Zug ein und der Ärger war vergessen. Die kleinen Vampire sangen ein Loblied auf den Knoblauch und noch manches andere. Hellem verlas voller Stolz, dass Polizeipräsident Walter Schumann das seit 1870 bestehende Verbot des Knoblauchsmittwochs aufgehoben hat. Böhnke gab einen kleinen geschichtlichen Exkurs. Und der Stuttgarter Holger Schneider schließlich las aus einer auf dem Trödelmarkt erstandenen bibliophilen Kostbarkeit - dem dritten Jahrgang des "Halleschen Patriotischen Wochenblattes" von 1802. Einen ersten Höhepunkt hatte das Fest, als sich die Mitglieder der Knoblauchsmittwoch-Gesellschaft kühn ein großes Knollenstück in den Mund steckten und dann mit Bier kräftig nachspülten. Das war der Auftakt. Nun konnten alle Besucher essen, trinken - und ab 20 Uhr zu den Klängen des Salonorchesters auch tanzen. Wer das Spektakel gestern verpasst hat, sei getröstet: Es soll künftig wieder an jedem Mittwoch nach Pfingsten stattfinden. Also dann: Nächstes Jahr, gleiche Zeit.
 
Moritz Poppe (vorn, mit Professoren-Kopfbedeckung) und seine Freunde aus der Marienkäfer-Gruppe der Kindertagesstätte "Tierhäuschen I" haben sich liebend gern als Vampire verkleidet. Die Mädchen und Jungen gingen an der Spitze des Zuges zur Würfelwiese und führten dort ein Programm auf, das sich - natürlich - um den Knoblauch drehte." MZ-Fotos (2): Günter Bauer
Die Hallenser hauten ordentlich rein in die gesunde Kost und hatten auch sonst viel Spaß am Knoblauchfest, das wieder jedes Jahr stattfinden soll.