| Auszüge
aus der Einleitung
Hermann Muthesius, Architekt, preußischer Ministerialbeamter,
Mitbegründer des Deutschen Werkbundes und einer der wichtigsten Wortführer
der architektonischen Moderne forderte 1907: "Das Ziel der Zeit muß
unbedingt eine allgemeine harmonische Kultur sein, eine Kultur, wie sie frühere
Jahrhunderte in Deutschland gehabt haben und Japan noch im 19. Jahrhundert
besessen hat" und will damit "zu jener Einheit des künstlerischen
Stiles in allen Lebensäußerungen kommen, die Friedrich Nietzsche
einmal treffend als das eigentliche Wesen der Kultur eines Volkes bezeichnete".
Wie vorliegende Untersuchung zeigen möchte, umschreibt Nietzsches Definition
in knappster Form das Programm von Muthesius' Idee einer harmonischen Kultur.
Nietzsche gehört allerdings nicht zu jenen Autoren, die Muthesius regelmäßig
zitiert hat, ja zitieren konnte, denn Nietzsche ist um die Jahrhundertwende
weitgehend besetzt von der Zarathustragestalt und einer Vorstellung vom Genie,
mit der sich viele Künstler des Jugendstils und insbesondere Muthesius'
wichtigster Kontrahent, van de Velde, identifizierten. Mit Nietzsche ließ
sich auch ein schöpferischer Individualismus beanspruchen, der für
Muthesius jedoch ein wesentliches Hindernis auf dem Weg zu einer harmonischen
Kultur war. So beklagte er stets den "wilden Individualismus" und
forderte anstelle eines "Persönlichkeitsstils" eine neue und
einheitliche "Ausdrucksform", die "den allgemeinen Zeitcharakter
der Gegenwart treu widerspiegelt", um zu einem "Zeitstil" zu
gelangen, der ein geschlossenes "Bild einer im gewissen Sinne echten
und reinen Kultur" ergeben sollte.
[...]
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, über den Kulturbegriff ein neues
und umfassendes Verständnis von Muthesius' Werk zu gewinnen und zugleich
die Aufmerksamkeit auf eine der einflußreichsten Persönlichkeiten
der "Deutschen Kulturbewegung" vor dem Ersten Weltkrieg zu lenken.
Damit verknüpft sich die Erwartung, mit dem an sein Werk - im Sinne einer
Ausgangsthese - herangetragenen Nietzschezitat einen Gesamtzusammenhang erschließen
zu können. Dabei soll es als methodischer Vorzug einer monographischen
Betrachtung gelten, einen intellektuellen Kontext dessen voraussetzen zu dürfen,
was sonst nur als disparate und widersprüchliche Ideenvielfalt unterschiedlicher
Einzelpersönlichkeiten sichtbar wird.
[...]
Nietzsches Definition von Kultur als ,Einheit des künstlerischen Stils
in allen Lebensäußerungen eines Volkes' liefert [...] eine grundlegende
Orientierung, weil mit ihr eine Reihe bedeutsamer Begriffe in einen Zusammenhang
gebracht werden und diesen Begriffen eine wechselnde Betonung gegeben werden
kann. Dies ermöglicht dem Leser, an jeder Stelle der Untersuchung den
allgemeinen Kontext dessen zu vergegenwärtigen, was im einzelnen thematisiert
wird. Dabei liegen die Schwerpunkte dieser Arbeit besonders auf zwei Lesarten,
denen auch zwei konzeptionelle Akzentuierungen innerhalb von Muthesius' theoretischem
Werk entsprechen.
Die erste Lesart legt die Betonung auf ,Lebensäußerungen eines
Volkes'. Mit der Suche nach einem vitalen und aktuellen Ursprung des Künstlerischen
erhebt sie in bezug auf die Stilformen des Historismus den Vorwurf der ,Erstorbenheit'.
Dabei wird das Verlangen nach einem geschlossenen Stil zugunsten einer neuen
Ursprünglichkeit, Aktualität, Unmittelbarkeit und Legitimität
nur halblaut ausgesprochen. Dieser Lesart entsprechen insbesondere das zweite
und dritte große Kapitel und ein zeitlicher Schwerpunkt in den Schriften
von Muthesius von der Jahrhundertwende bis etwa 1908. Die zweite grundlegende
Lesart liegt in der Betonung auf der ,Einheit des künstlerischen Stils'
und verleugnet damit tendenziell den vitalistischen Legitimationsversuch zugunsten
einer formalen Geschlossenheit. Dem entspricht in dieser Arbeit das vierte
Kapitel mit einer Schwerpunktsetzung auf der Zeit zwischen 1906 und 1914.
Das heißt, innerhalb von Muthesius' Werk findet sich eine gewisse Polarität,
in der man auch Nietzsches Gegensatzpaar des Dionysischen und Apollinischen
durchschimmern sehen mag. Was jedoch innerhalb Nietzsches Kulturbegriff in
ein gewisses Gleichgewicht gebracht scheint, entpuppt sich, wie noch zu zeigen
sein wird, bei Muthesius trotz aller Harmonisierungsversuche als ein Neben-
und Nacheinander. [...]
|
|
|
 |
|
|
|
|
Wir danken dem Gebr. Mann Verlag Berlin,
der uns das Recht erteilte, die obigen Auszüge aus der Einleitung des
Buches Fedor Roth: Hermann Muthesius und die Idee der harmonischen Kultur,
Berlin, 2001, sowie einige Bilder, unentgeltlich ins Netz zu stellen.
|
|