Fedor Roth: Hermann Muthesius und die Idee der harmonischen Kultur, Berlin: Gebr. Mann Verlag, 2001

Auszüge aus der Einleitung

Hermann Muthesius, Architekt, preußischer Ministerialbeamter, Mitbegründer des Deutschen Werkbundes und einer der wichtigsten Wortführer der architektonischen Moderne forderte 1907: "Das Ziel der Zeit muß unbedingt eine allgemeine harmonische Kultur sein, eine Kultur, wie sie frühere Jahrhunderte in Deutschland gehabt haben und Japan noch im 19. Jahrhundert besessen hat" und will damit "zu jener ›Einheit des künstlerischen Stiles in allen Lebensäußerungen‹ kommen, die Friedrich Nietzsche einmal treffend als das eigentliche Wesen der Kultur eines Volkes bezeichnete".
Wie vorliegende Untersuchung zeigen möchte, umschreibt Nietzsches Definition in knappster Form das Programm von Muthesius' Idee einer harmonischen Kultur.
Nietzsche gehört allerdings nicht zu jenen Autoren, die Muthesius regelmäßig zitiert hat, ja zitieren konnte, denn Nietzsche ist um die Jahrhundertwende weitgehend besetzt von der Zarathustragestalt und einer Vorstellung vom Genie, mit der sich viele Künstler des Jugendstils und insbesondere Muthesius' wichtigster Kontrahent, van de Velde, identifizierten. Mit Nietzsche ließ sich auch ein schöpferischer Individualismus beanspruchen, der für Muthesius jedoch ein wesentliches Hindernis auf dem Weg zu einer harmonischen Kultur war. So beklagte er stets den "wilden Individualismus" und forderte anstelle eines "Persönlichkeitsstils" eine neue und einheitliche "Ausdrucksform", die "den allgemeinen Zeitcharakter der Gegenwart treu widerspiegelt", um zu einem "Zeitstil" zu gelangen, der ein geschlossenes "Bild einer im gewissen Sinne echten und reinen Kultur" ergeben sollte.
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Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, über den Kulturbegriff ein neues und umfassendes Verständnis von Muthesius' Werk zu gewinnen und zugleich die Aufmerksamkeit auf eine der einflußreichsten Persönlichkeiten der "Deutschen Kulturbewegung" vor dem Ersten Weltkrieg zu lenken. Damit verknüpft sich die Erwartung, mit dem an sein Werk - im Sinne einer Ausgangsthese - herangetragenen Nietzschezitat einen Gesamtzusammenhang erschließen zu können. Dabei soll es als methodischer Vorzug einer monographischen Betrachtung gelten, einen intellektuellen Kontext dessen voraussetzen zu dürfen, was sonst nur als disparate und widersprüchliche Ideenvielfalt unterschiedlicher Einzelpersönlichkeiten sichtbar wird.
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Nietzsches Definition von Kultur als ,Einheit des künstlerischen Stils in allen Lebensäußerungen eines Volkes' liefert [...] eine grundlegende Orientierung, weil mit ihr eine Reihe bedeutsamer Begriffe in einen Zusammenhang gebracht werden und diesen Begriffen eine wechselnde Betonung gegeben werden kann. Dies ermöglicht dem Leser, an jeder Stelle der Untersuchung den allgemeinen Kontext dessen zu vergegenwärtigen, was im einzelnen thematisiert wird. Dabei liegen die Schwerpunkte dieser Arbeit besonders auf zwei Lesarten, denen auch zwei konzeptionelle Akzentuierungen innerhalb von Muthesius' theoretischem Werk entsprechen.
Die erste Lesart legt die Betonung auf ,Lebensäußerungen eines Volkes'. Mit der Suche nach einem vitalen und aktuellen Ursprung des Künstlerischen erhebt sie in bezug auf die Stilformen des Historismus den Vorwurf der ,Erstorbenheit'. Dabei wird das Verlangen nach einem geschlossenen Stil zugunsten einer neuen Ursprünglichkeit, Aktualität, Unmittelbarkeit und Legitimität nur halblaut ausgesprochen. Dieser Lesart entsprechen insbesondere das zweite und dritte große Kapitel und ein zeitlicher Schwerpunkt in den Schriften von Muthesius von der Jahrhundertwende bis etwa 1908. Die zweite grundlegende Lesart liegt in der Betonung auf der ,Einheit des künstlerischen Stils' und verleugnet damit tendenziell den vitalistischen Legitimationsversuch zugunsten einer formalen Geschlossenheit. Dem entspricht in dieser Arbeit das vierte Kapitel mit einer Schwerpunktsetzung auf der Zeit zwischen 1906 und 1914. Das heißt, innerhalb von Muthesius' Werk findet sich eine gewisse Polarität, in der man auch Nietzsches Gegensatzpaar des Dionysischen und Apollinischen durchschimmern sehen mag. Was jedoch innerhalb Nietzsches Kulturbegriff in ein gewisses Gleichgewicht gebracht scheint, entpuppt sich, wie noch zu zeigen sein wird, bei Muthesius trotz aller Harmonisierungsversuche als ein Neben- und Nacheinander. [...]

Haus Huffmann in Cottbus (1910), untere Halle
Aussenansicht Haus Huffmann
Haus Rümelin in Heilbronn (1913)
Farbenschau in Köln (1914)
Wir danken dem Gebr. Mann Verlag Berlin, der uns das Recht erteilte, die obigen Auszüge aus der Einleitung des Buches Fedor Roth: Hermann Muthesius und die Idee der harmonischen Kultur, Berlin, 2001, sowie einige Bilder, unentgeltlich ins Netz zu stellen.