|
|
|
|
|
|
|
Heinrich Dilly, Professor für Kunstgeschichte
in Halle, verdanken wir eine Auswertung der "Akten betreffend den ordentlichen
Professor in der philosophischen Fakultät Dr. phil. Paul Frankl 1. Juli
1934 in den Ruhestand versetzt".
Anlass dafür war der Wunsch, Frankls "System
der Kunstwissenschaft" (1. Auflage 1938) wieder aufzulegen. Dilly meint,
dass das "System" nicht veröffentlicht werden könne,
"als wären nicht bald nach der Editio princeps im Jahr 1938 und
mehr als fünfzig Jahre vor dem Reprint mindestens acht Millionen Juden,
Sinti und Roma, Homosexuelle und Zwangsarbeiter aus den besetzten Ländern
von Deutschen ermordet worden." (4) Frankl war der Auffassung, dass
sich wissenschaftliche Arbeiten nach Gesetzen entwickelten, auf die das
private
Leben keinen Einfluss habe. Dilly, der die genannten Akten intensiv studiert
hat, stellt im Gegensatz fest: "Dieses Dokument (Maschinenschriftsatz
vom 25.6.34) endet mit einer allen Autonomieerwartungen widersprechenden
Darstellung."(4)
Frankl wurde am 22. April 1878 in Prag geboren: "Architektur
hatte er in Prag, München und Berlin studiert und kurze Zeit in einem
Münchner Büro als Architekt gearbeitet. Von Heinrich Wölfflins
Vorlesungen begeistert, nahm er ein zweites Studium auf, belegte Kollegs im
Fach Kunstgeschichte, und wurde von Berthold Riehl promoviert. Er habilitierte
sich 1914 bei Wölfflin in München, wurde Privatdozent und schließlich
nach dem Ersten Weltkrieg außerplanmäßiger Professor in München.
Ab 1921 war Frankl länger als ein Jahrzehnt ordentlicher Professor an
der Universität in Halle. Seiner jüdischen Herkunft wegen wurde
auch er im April 1933 beurlaubt und dann - allerdings ein Jahr später
als die meisten Beamten jüdischer Abkunft, sozialistischen und kommunistischen
Engagements - 1934 - aus dem Universitätsdienst entlassen. Erst vier
Jahre später emigrierte er in die USA. Seit 1940 war er dann neben Erwin
Panofsky der andere, zweite Ordinarius unter den 252 deutschsprachigen Emigranten
des Berufszweigs Kunsthistoriker." Frankl starb am 30. Januar 1962 in
Princeton, New Jersey.
Am 9. Mai 1920 - wenige Tage nach Beendigung des Kapp-Putsches,
der in Halle intensive Gegenreaktionen ausgelöst hatte - schlug die
Fakultät
dem Senat und dem Berliner Ministerium vier Wissenschafter zur "Wiederbesetzung
der Professur für Kunstgeschichte" vor. An erster Stelle stand
Hans Jantzen, darauf folgten August Grisebach, Paul Frankl und Paul Hartmann
(10/11).
Am 27. November 1920 meldeten die Halleschen Nachrichten die Berufung Frankls
(12).
Die Akten lassen bis zum "Sabbatsemester 1925/26"
den "Anschein (...) behäbigen Professorenlebens" (14) aufkommen.
Durch die Behandlung und Pflege von Frankls Sohn Peter in der Psychiatrischen
Klinik der Universität traten jetzt finanzielle Belastungen auf, die
der Familie bis zu 2/3 des monatlichen Einkommens kosteten. Frankl beantragte
die Gewährung einer "Notstandsbeihilfe"(15). Dank der Unterstützung
des Kurators der Universität wurde Frankl 1928 durch das Ministerium
"in die Endstufe der Besoldungsgruppe" eingeordnet. In dieser Zeit
schrieb Frankl "eines seiner wichtigsten Bücher", "Die
frühmittelalterliche und romanische Baukunst" (1926).
Am 29. April 1933 wurde Frankl durch den Minister für
Wissenschaft "mit sofortiger Wirkung beurlaubt". Der Minister entschied
sich dann im Oktober desselben Jahres um: "Die Beurlaubung des ordentlichen
Professors Dr. Paul Frankl wird hiermit aufgehoben, er verbleibt im Amt."
(19) Das Kuratorium der Universität reagierte sofort: "Zu meiner
Freude kann ich Ihnen mitteilen, dass der Minister für Wissenschaft (...)
Ihre Beurlaubung aufgehoben hat (...)." Schon am 27. März 1934 erhielt
Frankl die Mitteilung, dass er in den Ruhestand versetzt sei. Diese Wandlung
in der Anschauung des Ministers war Frankl unverständlich: "Das
Ministerium hat durch die Aufhebung der Beurlaubung im Wintersemester zum
Ausdruck gebracht dass ich mir nichts habe zu Schulden kommen lassen, darum
glaube ich dass im Ministerium mir niemand die Härte der Pensionierung
auferlegen will." (20)
Dilly glaubt, dass die Entlassung aufgrund einer Denunziation
zustande kam. Das Protokoll der Denunziation wurde am 27.11.33 aufgenommen
und am 4.12.33 dem Rektor der Universität, Hans Hahne, zugeleitet. Es
liest sich wie folgt:
1.) Sommerkolleg. 32: Wenn man den Schmerzensmann C.
v. Einbeck mit der italienischen Renaissance vergleicht, muß man sich
der deutschen Künste schämen.
2.) Wenn Gott allmächtig wäre, dann würde er es ja zeigen;
ich habe davon noch nichts gemerkt.-
3.) Ich bin Jude u.fühle mich als Jude.
4.) Ich fasse das Dürerkolleg als Faulheitskolleg auf u. bin glücklich,
wenn ich mich nicht vorzubereiten brauche.
5.) Anläßlich von Übungen mehrfach: er hätte keine Zeit,
sich vorbereitend zu orientieren; er hätte genügend anderes zu tun.
- Die Übungen kamen dementsprechend auch nie über einen Anfangskurs
hinaus.-
6.) Wenn ich von Gefühlswerten in der Kunst sprach, so lehnte er diese
Art der Kunstbetrachtung als eine subjektive und haltlose ab.
7.) Prof. Schardt ließ mich (durchgestrichen: teilte mir) anlässlich
einer Unterredung nach einer Übung in Gegenwart von Herrn (unleserlich)
Schmoll, Herrn Seeliger und meiner Frau wissen, daß Frankl niemals mich
zu einer Promotion bei Prof. Schardt und eine Orientierung meiner Arbeit nach
nordisch-deutsch gebundenen Gefühlswerten zuließe. Eine solche
Auseinandersetzung hätte nichts mit wissenschaftlichem Procedere zu tun.
8.) Das Maß für seine Betrachtungen war grundsätzlich die
italienische Renaissance.
9.) Anläßlich seines Aufenthaltes in Berlin im Sept.d.Jahres lehnte
Frankl die Betrachtungsweise des Prof.Sch. als gänzlich unwissenschaftlich
ab u. empfahl Prof. Sch. sich mit (unleserliches Wort) ähnlichen Dingen
zu beschäftigen, aber nicht die Wissenschaft (unleserliches Wort) zu
tun.
10.) Im Zusammenhang einer Darstellung moderner Baukunst wies Fr. auf die
Bauweise der Franzosen u. die meisten Schöpfungen des Juden Mendelsohn
hin u.zeigte in diesem Zusammenhang das Lenin-Denkmal in Moskau u. sagte,
daß diese kubische Bauweise von Deutschland ausgegangen sei u. daß
das Lenin-Grabmal als deutsche Kunst zu bezeichnen sei. (22f)
Der Denunziant hieß Fritz Wilhelm Valentin Schreiber.
Schreiber studierte nach seiner Entlassung aus dem Heer (1929) Kunstgeschichte
in Halle. Vom 1. August bis zum 15. November 1933 arbeitete er als Volontär
an der Nationalgalerie in Berlin; er promovierte bei Wilhelm Waetzoldt am
24. Februar 1938 über "Die französische Renaissance-Architektur
und die Poggio Reale-Variationen des Sebastiano Serlio" (Fn. 22).
Lit.: Paul Frankl: Das System der Kunstwissenschaften (Reprint der
Ausgabe 1938), Nachwort von Heinrich Dilly, Berlin: Gebr. Mann Verlag, 1998 |
|