Paul Frankl: Die Physiognomie des Geistigen Halle (1931)
Wer war Paul Frankl?
Vor mehr als zwanzig Jahren hielt ich mich einen Tag in Halle auf, um die Kunstwerke der Stadt kennen zu lernen, die mittelalterlichen Kirchen mit ihrer reichen Plastik, das oft gerühmte Stadtbild mit der Burgruine an der Saale, mit dem alten Marktplatz und seinen Türmen. Ein interessanter Stadtkern mit krummen Gassen, neue Stadtteile mit der Architektur der Unternehmerzeit hinterließen eine zwiespältige Erinnerung und die eigentlich wertvollen Objekte schienen ohne rechten Zusammenhang jedes für sich zu stehen.

So ähnlich mag es trotz vielen Veränderungen des Stadtbildes heute noch manchem gehen, auch wenn er ohne kunstgeschichtliche Interessen die Stadt flüchtig kennenlernt. Nur wenn der Besuch zufällig in den Mai fiel, kommt noch als unvergesslich hinzu: der Flieder und die Nachtigallen.

Kommune

Halle als geistiges Wesen erschließt sich nur dem Ansässig-gewordenen - und auch ihm nur langsam. Als Vorzug vor anderen Städten entpuppt sich eine Lebendigkeit des Strebens auf allen Gebieten der Kultur, das die Träger fortschrittlichen Wollens innerlich zu einer Gesinnungsgemeinschaft verbindet. Es ist kein lächerlicher Lokalpatriotismus zu merken, aber ein wie selbstverständliches Sich-zusammenfinden in einem uneigennützigen Idealismus, der langsam und sicher der Stadt ein hohes Niveau gibt. Weitschauend und energisch wirken in diesem Sinn die städtischen Behörden, deren Tätigkeit sich in alle Kreise hinein verästelt, die es aber auch verstehen, die Bürger der Stadt zur Mitarbeit heranzuziehen.

Erschwert wird wie anderswo mitunter die Besetzung der Posten in den Ausschüssen und Kuratorien durch parteipolitische Ansprüche; trotzdem gelingt es, überall wenigstens einige Fachleute, die mit dem Herzen bei der Sache sind, bei den Beratungen entscheidend mitsprechen zu lassen. Die Männer und Frauen, die auf diese Art, aus ihrer sonstigen Tätigkeit herausgeholt, für die Allgemeinheit wirken können, sind für diese Erweiterung ihrer Lebensarbeit dankbar, sie fühlen sich in ihren Ehrenämtern nicht etwa ausgenutzt, sondern innerlich bereichert.

Die Sorge um das leibliche Wohl, um Hygiene und Fürsorge blüht. Jeder kommt irgendwann mit diesen Kreisen in Berührung, beobachtet, wie städtische Wohlfahrtseinrichtungen, Sportplätze zunehmen, wie die alte Stadt durchsetzt wird mit neuen Zielen der jungen Generation, indes in den medizinischen Kliniken und in den landwirtschaftlichen Instituten der Universität die Forschung geräuschlos weiter geht.

Zu Halle gehört dies alles als eine neuere Note im alten Akkord, in welchem die Namen Luther und Melanchthon und August Hermann Francke immer noch laut nachklingen. Es sind die spezifisch geistigen Seiten des Stadtbildes: die Kirche (der überwiegende Protestantismus mit einer kleinen katholischen Diaspora) und die vielen Schulen, die zusammen eine Vertretung aller wichtigen Schulgattungen bis zu den jüngsten Typen ergeben. Der Einzelne, der in Halle als Glied der geistig arbeitenden Schicht lebt, kommt mit allen diesen Kreisen in Berührung, mit manchen Schulen durch die eigenen Kinder, mit der Volkshochschule, die in unentwegtem Idealismus sich behauptend auch von ihren Dozenten Idealismus fordert, neuestens auch mit der Pädagogischen Akademie, die Idealismus wieder anderer Art in sich trägt, unbeschwert von Traditionen.
Universität

Diese Verflochtenheit des Einzelnen in so vielerlei Kreisen spiegelt sich in einer Bereitschaft, geistige Zirkel zu bilden. Es gibt regelmäßige Zusammenkünfte von Vertretern verschiedener Fächer, wo die Forschungsergebnisse oder Proben methodischen Forschens vorgetragen und diskutiert werden; der Nichtfachmann begibt sich bei seinen Kollegen sozusagen auf die Schulbank und erfährt allmonatlich (als Mahnung gegen einseitiges Sich-verlieren), daß auch hinter dem Berge die Welt weitergeht und schön ist und voller Probleme - ein Ersatz für die noch fehlende Akademie der Geisteswissenschaften, indes die der Naturforscher, in sich abgeschlossen, ihre Verjüngung und fruchtbare Lebendigkeit seit wenigen Jahren wiedergewonnen hat. Aber es gibt auch Zirkel, wo Natur- und Geisteswissenschaftler sich wechselseitig durch Vorträge es erleichtern, vielseitig wenigstens den Interessen nach zu bleiben. - Den vielseitigsten Zirkel aber bilden die "Freunde der Universität", die auch die Praktiker, die Industriellen und Bankmänner, einschließen. Neben dem Ziel persönlichen Kennenlernens und der Vorträge aus allen Gebieten des Lebens kommt hier das der aktiven Unterstützung der Universitätsinstitute hinzu, die materielle Bestätigung des Zusammengehörigkeitsgefühls. Zu diesen Kategorien von Pflegestätten des Geistes gehören die Kongresse, die in Halle tagen, und wer einige Zeit hier lebt, dem gehört die jedes zweite Jahr wiederkehrende Kanttagung, die allmählich alle bedeutenden philosophischen Köpfe Deutschlands kennen lehrt, zu den ganz starken Bereicherungen; er wird auch gern die Werbetrommel rühren für die Ortsgruppe der Kantgesellschaft, die im Semester vier Vorträge, oft von berühmten Gelehrten bringt, die von weit her geholt werden.

Kann sein, daß, wenn man diese Fülle der Anregung bedenkt, eine gewissen Angst entsteht, man käme nicht mehr zur eigenen Produktivität. Dabei ist noch mancher Abend der Musik geweiht, und Halle hat ein sehr anspruchsvolles Publikum und dementsprechend philharmonische Konzerte, die in der Wahl des Programms und der Musikanten auch dem Verwöhnten alles bieten, so daß man ungern ein Konzert versäumt. Ebenso ist jedem geistigen Menschen das Theater unentbehrlich. Man kann es damit bewenden lassen, daß man Theater und Konzerte besucht, aber auch hier spinnen sich alsbald Fäden persönlicher Natur, die Musik der Bühne und des Orchesters wenigstens setzen sich oft in der Hausmusik fort. Man fragt sich schließlich selbst, wo man zu allem die nötige Zeit hernimmt. Allein es ist doch wohl die Möglichkeit, so vielfach verstrickt zu leben und dennoch sein Zentrum im eigenen Beruf zu wahren, dadurch gegeben, daß man dort überall zu Gast ist und nur mit Aufmerksamkeit zu empfangen braucht, was die Anderen sich erarbeitet haben. Das geistige Leben ist immer angelegt auf die universitas.

So muß einer Stadt wie Halle die Universitas literarum unbedingt einen wesentlichen Charakterzug geben. Von ihr gehen zahllose Fäden aus zur Verwaltung der Stadt und Provinz, und ebenso zu allen anderen geistigen Zentren und Bestrebungen der Stadt. Die Allseitigkeit menschlicher Anlagen, die der Einzelne als unerfüllbare Verpflichtung in sich spürt, sie wird hier auf viele verteilt, wenigstens im Gebiet der Wissenschaft, aber es ist eben nicht nur der dauernde Kontakt mit den anderen "Fächern" im abstrakten Sinne, sondern mit ihren Vertretern als Persönlichkeiten, die von ihrem Fach aus als einem besonderen Punkt in der Welt sich ihre Weltperspektive, ihre Weltanschauung bilden. So bildet sich die Welt für den Naturforscher anders ab, als für den Volkswirtschaftler, den Theologen, den Staatsrechtler, und die Studentenschaft mag immer erst einige Semester brauchen, bis ihr diese Realität zum Bewusstsein kommt.

Die hallische Studentenschaft - heute von den vordringlichsten Tagesfragen absorbiert - gilt aber für eine praktisch eingestellte, Halle gilt als Universität der Arbeit und der Examina. Darum ist der hallische Student für jene Vielseitigkeit der Interessen, die sonst das Charakteristikum der Stadt ist, weniger zu haben. Eine Kompensation dafür bildet die hohe Qualität derjenigen Studenten, die sich, angezogen durch die besondere Art und Richtung eines Professors, einem Fach hingeben, das von vornherein nur seinen Lohn in sich selbst verspricht. Hier entwickelt sich eine Enge der persönlichen Beziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden, die an den großen, überlaufenen Universitäten unmöglich geworden ist; oft sind es Bindungen, die auch nach vollendeten Studien sich fortsetzen.

Bildende Kunst
Die bildende Kunst gilt als Ausdruck des Lebens: der Künstler und ihrer Besteller. Ist die Kunst Halles der Ausdruck der Hallenser? - Halle hat einige private Sammler, einer davon hat Werke alter Malerei, die in den großen Museen Europas auffallen würden, die andern sammeln, so viel ich weiß, meist moderne Kunst. Manches gute Stück von Munch, Kolbe, Haller findet sich in den Häusern der Stadt.

Das Zentrum des Sammelwesens aber ist das Moritzburgmuseum, das in kurzer Zeit alles Geringwertige in sein Depot abgeschoben hat und in den wenigen kleinen architektonisch so abwechslungsreichen Räumen Ausgezeichnetes aus alter und neuer Zeit bietet, ein Muster einer Sammlung, die durch Qualität den Geschmack des Publikums erziehen will; jeder Besuch hat dazu den Reiz der Überraschung, da die Sammlung dauernd umgestellt wird und in jeder neuen Aufstellung die Objekte neu wirken.

Moritzburg, Torturm schräg von unten,
nach 1928

Halle bietet auch oft durch die Ausstellungen des Kunstvereins eine Möglichkeit, modernste Kunst kennen zu lernen. Ohne Klage und Anklage sei es gesagt: das Echo ist immer noch sehr schwach. Aber eine unermüdliche Propaganda wird auch hier - wie im Moritzburgmuseum - langsam die Schweräugigkeit der Hallenser locken. Zur Kunsterziehung trägt ungemein viel die Kunstgewerbeschule bei, die nicht nur europäischen Ruf sich erobert hat, sondern sogar im eigenen Lande, in Halle selbst langsam sich durchsetzt, den Geschmack der Einwohner läuternd. Freilich gibt es Menschen mit sonderbaren Vorurteilen, die in die modernde Kunst politische Tendenzen hineinlegen und dann den selbst erzeugten Popanz verurteilen. Aber wie sollen Gewebe, Töpfe, Schmucksachen,
Giebel Burg Giebichenstein,
nach 1928
Metallgefäße politisch sein? Hier gibt es nur zwei Parteien, die der schlechten Qualität und die der guten. Wer heute unter dem Schlagwort der Heimatkunst für Empire schwärmt und das daraus abgeleitete Biedermeier, der wird in dreißig Jahren, wenn er dann noch lebt, in den Werken der Kunstgewerbeschule von Halle Heimatkunst entdecken. Es ist ein immer wiederkehrender Prozeß. Für künstlerisch Veranlagte ist die Giebichensteiner Kunstgewerbeschule eine Oase edlen Geschmacks, reicher Phantasie und eines prächtigen Lebensmutes, in so schwerer Zeit dafür zu sorgen, daß auch dieser Zweig nicht verdorrt. Es ist nicht jedermanns Sache, Verständnis für Kunst und Künstler zu haben, es will geübt und erzogen sein, genau wie jedes andere Verständnis; darum ist die Kunst, die in Halle geschaffen wird, nicht Ausdruck jeden Hallensers (Gott sei dank!), sondern der geschmacklich Höchstkultivierten hier und sonst in Deutschland. Aber auf der Leipziger Messe sieht man, daß es etwas gibt, wodurch sich die hallische Kunst absetzt von der anderer deutscher Städte - nur wenige können eine so vielseitige und dabei doch innerlich miteinander gefühlsverwandte Menge von Werken bieten, deren Hauptzug Phantasie und handwerkliche Güte, Schlichtheit und Wirksamkeit des Materials ist.
Halle hat einen der besten Plastiker Deutschlands, es hat eine Reihe tüchtiger phantasievoller Maler, die lieber hungern würden, als ihren Pinsel mit anderem Gerät vertauschen. Dank sei allen, die für diese Künstler ein Herz haben; man sollte sich zusammenschließen und diesen wertvollen Menschen in ihrer Not mehr helfen; wenige freilich wissen wie groß hier das Elend ist. Halle hat auch eine Reihe tüchtiger Architekten, die mit der modernen Strömung mitgehen. Gewiß sind nicht alle Bauten jüngster Richtung geglückt, aber welch ungeheurer Fortschritt in den letzten Jahrzehnten gegenüber dem, was früher geduldet wurde! Wo aber altes zu schonen und zu hüten ist, treten die berufenen Instanzen mit Verständnis für das Alte ein, ohne jede Feindseligkeit gegen das Heutige. Auch die Baupolizei und die Denkmalpflege sind fortschrittlich und gesund.
Einer der besten Plastiker Deutschlands: Gerhard Marcks (1889-1981)
Die Menschen, die sich um die bildende Kunst kümmern, sind ein kleiner Teil der Einwohnerschaft; was sie schaffen, wirkt sichtbar ins Weite und dauert. Ihr Verantwortungsgefühl macht sie auf ihrem Gebiet zu den Repräsentanten der Gesamtheit, auch sie sind eingesponnen in jenes lebendige Netz der Beziehungen, die alle geistig Schaffenden in der Stadt vereint. Sie geben in ihrer Kunst den Ton an und warten auf ein Echo; und indem das Echo wächst, entsteht eine wechselseitige Assimilation, ein hallischer Stil, der vor unseren Augen wird.
Wer nach Halle kommt, nörgelt, und ein boshafter Mann, der nach Halle berufen war, sagte: es ist ein Trost, daß täglich 40 Schnellzüge aus Halle hinausfahren. Allein diese günstige Lage im Verkehrsnetz und der Anteil am Flughafen Halle-Leipzig lässt sich auch positiv sehen. Derselbe Mann ist mit schwerem Herzen von Halle nach einem Jahrzehnt fortgegangen, und so oft er kann, benutzt er jetzt den Schnellzug, um einen Besuch in Halle zu machen. So wird es vielleicht auch denen gehen, die jetzt als Neulinge sich in diese Durchgangsstadt begeben,

Flughafenrestaurant,
Obergeschoß, 1931
(Architekt: H. Wittwer)

obwohl Halle inzwischen soviel schöner geworden ist (sogar gutes Pflaster hat und bessere Straßenbeleuchtung als einst), so daß es leichter sein müsste, sich hereinzufinden. Der fortschrittliche, großzügige Mut, in schweren Jahrzehnten einer Stadt ein Gesicht zu geben, er wird sich wohl forterben; die Lebendigkeit, die jetzt die Physiognomie der Stadt auszeichnet, wird sich erhalten und auf die Kommenden übertragen, die einst nachrücken. Denn das ist das Wesen der geistigen Physiognomie von Halle: die geistige Vielseitigkeit der Stadt, Industrie und Schulen und Universität, Sport und Musik und Kunst, Wohlfahrtspflege und Landwirtschaft, eine sonderbar reiche, nur langsam sich erschließende Natur und die Nähe anderer kunstreicher Städte.

Die Vielseitigkeit der Stadt erzieht den Einzelnen zur Vielseitigkeit, ja sie verpflichtet ihn zu einer bescheidenen Allseitigkeit.