Paul Raabe: In Franckes Fußstapfen (2002)
In Halle an der Saale, S.255-260
Vom Altan des Haupthauses hat man einen weiten Ausblick über die Stadt. Halle liegt uns zu Füßen. Oft habe ich Gästen hier oben nicht nur die Lage der Gebäude und des Geländes der Stiftungen unmittelbar unter uns erläutert, sondern auch alles Herausragende, was dem Besucher ins Auge fällt:

die lärmende Hochstraße, am Horizont Halle-Neustadt, im Volksmund Ha-Neu genannt, davor die Steg-Hochhäuser dort, wo einst Franckes Glaucha stand. Unscheinbar wirkt daneben der Turm der St. Georgenkirche, an der Francke wirkte. Der beherzte Pfarrer Hans-Joachim Hanewinckel verhinderte 1986 ihren Abriß. In der baufälligen Kirche fanden dann die ersten Proteste gegen die politischen Verhältnisse in der DDR statt. Sie wurde zum Symbol der friedlichen Revolution in Halle. Doch es gelang bis heute nicht, dieses Bauwerk ganz wiederherzustellen. Auch wir konnten nicht helfen.

Die das Stadtbild beherrschende Marktkirche, deren vier Türme sich aus der Baugeschichte zweier ursprünglich nebeneinander stehender Kirchen erklärt, wird von unserem Ausblick durch ein störendes Hochhaus verdeckt. Dominierend ist auch der benachbarte Rote Turm, ein Wahrzeichen der Stadt. Der Betrachter erkennt in dem Häusermeer die übrigen Kirchen: die Moritzkirche, den Dom, die St. Ulrichskirche. Sie haben keine hohen Türme, das unterscheidet die Stadtsilhouette von anderen historischen Städten. (...)

Als ich Halle vor der Wende kennenlernte, war die Stadt längst die "graue Diva", deren trostlose Bilder viele Fotografen festgehalten haben. In der Nachbarschaft des aufblühenden, von Optimismus und Lebenskraft getragenen Leipzig hat es Halle mit einem Mittelstand, der noch ein zartes Pflänzchen ist, schwer. Die Hoffnung der Hallenser, 1990 Landeshauptstadt zu werden, zerschlug sich. Die Bevölkerungszahl sinkt drastisch. Täglich verlassen 30 Menschen Jahr für Jahr die Stadt und ziehen in den Westen. Trotz der 2 Milliarden DM, die in die Erneuerung der Stadt geflossen sind, bleiben die Schäden nach wie vor unübersehbar, der amorphe Marktplatz - das Herzstück einer urbanen Stadt - hat seine ursprünglichen Proportionen noch nicht wieder erhalten. Das Denkmal Georg Friedrich Händels steht allzu verlassen auf dem großen Platz.

Dennoch ist Halle reich: Die Stadt wurde 1990 zu Recht zur Kulturhauptstadt Sachsen-Anhalts erklärt. Auch wenn davon heute nur noch selten die Rede ist, so ist dieser kulturelle Reichtum ein Kapital, um das manche vergleichbare Stadt im Westen Halle beneiden müsste. Die überregional bedeutenden Kulturstätten, die Staatliche Galerie Moritzburg, das Händelhaus als Träger der Internationalen Händelfestspiele, die Oper, das neue theater unter dem originellen Peter Sodann, das Philharmonische Orchester, auch so interessante Orte wie das Salinemuseum oder das Geiseltalmuseum sind wie die Franckeschen Stiftungen kostbare Aktivposten der Stadt. In ihrem Zentrum befinden sich die traditionsreiche Martin-Luther-Universität, die berühmte Akademie der Naturforscher Leopoldina, an der Peripherie eine lebendige Kunsthochschule, die mit dem Namen der Burg Giebichenstein verknüpft ist.

Auch wenn diese und weitere kulturelle Einrichtungen in Halle zwischen Lust und Frust oft aus Geldmangel über Planungen nicht herauskommen, so wünschte ich mir mehr Selbstvertrauen und Zuversicht bei denen, die auf bessere Zeiten hoffen. Um das öffentliche Bewusstsein für die Bedeutung der Kultur zu stärken, habe ich vor einigen Jahren eine Kulturmeile vorgeschlagen, die ein informeller Zusammenschluß aller Kulturinstitute in der Stadt sein soll. Auf Plakaten und in Prospekten wurden alle 27 Kultureinrichtungen und Spielstätten durch einen roten Strich in nordsüdlicher Richtung vom Zoo bis zu den Stiftungen in dem Stadtplan miteinander verbunden. (...)

Die Kooperation hat Früchte getragen. Nach dem Erfolg des Goethejahres in Halle sah ich mich ermutigt, allen Beteiligten eine Sequenz von Jahresthemen vorzuschlagen, die die Bevölkerung über wichtige gesellschaftliche Probleme aufklären soll. Unter dem Titel Halle an der Saale - Antworten aus der Provinz sollen im Blick auf die Hauptstadt Berlin Fragen gestellt und vor Ort beantwortet werden. Halle steht dabei als Beispiel für andere Städte. Die Anregung stieß bei den Verantwortlichen in der Stadt, bei den Vereinen, den Kirchen, den Schulen, der Universität und allen anderen, vor allem kulturellen Einrichtungen, auf große Zustimmung. (...)

Die Kulturarbeit in Deutschland kann sich - daran möchte ich erinnern - auch an den verschütteten Vorstellungen der Weimarer Republik zwischen 1919 und 1933 orientierten. Durch Zufall entdeckte ich die 1930-32 erschienene Zeitschrift Der Kreis von Halle. Die hervorragend gestalteten Hefte dokumentieren den Geist der Zeit, die Neue Sachlichkeit, und sind ein aufschlussreicher Beleg für die positive Einschätzung Halles. Über dieses Thema habe ich aus Anlaß des Jubiläumsjahres der Stiftungen einen Festvortrag Halle - eine Kulturstadt im europäischen Deutschland gehalten, in dem ich die damaligen Autoritäten zitierte, so den 1933 aus Halle vertriebenen Kunsthistoriker Paul Frankl:

"Halle als geistiges Wesen erschließt sich nur dem Ansässiggewordenen - und auch ihm nur langsam. (...)"

In meinem Plädoyer konnte ich auch einen anderen Wissenschaftler anführen: "Wir wollen die Erhaltung, nicht die Verkümmerung der lebendigen Kulturzentren in der Provinz. Wir sehen die deutsche Zukunft nicht im Berliner Zentralismus, wir sehen sie nicht zuletzt in der Erhaltung und Pflege des mannigfachen und reichen Eigenlebens `draußen in der Provinz´."

So kann man auch die Entscheidung des Bundes verstehen, in den Franckeschen Stiftungen, nach einem Vorschlag von Günter Grass, eine Bundeskulturstiftung zu errichten. Man erweist damit sowohl August Hermann Francke, einem Bürger als Stifter, Reverenz wie zugleich der Stadt, von der schön früh die Aufklärungsbewegung ausgegangen ist.

Was am Ende der Weimarer Republik gedacht wurde, kann auch heute noch so gesagt werden. Auch wenn die Franckeschen Stiftungen einen überregionalen Anspruch erheben, sind sie zugleich Mitträger einer föderalen Struktur unseres Staates. Sie identifizieren sich mit Halle an der Saale in dem Bewusstsein, daß die großen Aufgaben auf dem lokalen Boden erwachsen. Zu Recht heißen sie: Franckesche Stiftungen zu Halle, und die Verwurzelung verpflichtet. Das ist meine Erfahrung in Wolfenbüttel gewesen, sie bestätigte sich in der Mitarbeit am Aufbau Ost.