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die lärmende Hochstraße, am Horizont
Halle-Neustadt, im Volksmund Ha-Neu genannt, davor die Steg-Hochhäuser
dort, wo einst Franckes Glaucha stand. Unscheinbar wirkt daneben der Turm
der St. Georgenkirche, an der Francke wirkte. Der beherzte Pfarrer Hans-Joachim
Hanewinckel verhinderte 1986 ihren Abriß. In der baufälligen Kirche
fanden dann die ersten Proteste gegen die politischen Verhältnisse in
der DDR statt. Sie wurde zum Symbol der friedlichen Revolution in Halle. Doch
es gelang bis heute nicht, dieses Bauwerk ganz wiederherzustellen. Auch wir
konnten nicht helfen.
Die das Stadtbild beherrschende Marktkirche, deren vier Türme sich aus
der Baugeschichte zweier ursprünglich nebeneinander stehender Kirchen
erklärt, wird von unserem Ausblick durch ein störendes Hochhaus
verdeckt. Dominierend ist auch der benachbarte Rote Turm, ein Wahrzeichen
der Stadt. Der Betrachter erkennt in dem Häusermeer die übrigen
Kirchen: die Moritzkirche, den Dom, die St. Ulrichskirche. Sie haben keine
hohen Türme, das unterscheidet die Stadtsilhouette von anderen historischen
Städten. (...)
Als ich Halle vor der Wende kennenlernte, war die Stadt längst die "graue
Diva", deren trostlose Bilder viele Fotografen festgehalten haben. In
der Nachbarschaft des aufblühenden, von Optimismus und Lebenskraft getragenen
Leipzig hat es Halle mit einem Mittelstand, der noch ein zartes Pflänzchen
ist, schwer. Die Hoffnung der Hallenser, 1990 Landeshauptstadt zu werden,
zerschlug sich. Die Bevölkerungszahl sinkt drastisch. Täglich verlassen
30 Menschen Jahr für Jahr die Stadt und ziehen in den Westen. Trotz der
2 Milliarden DM, die in die Erneuerung der Stadt geflossen sind, bleiben die
Schäden nach wie vor unübersehbar, der amorphe Marktplatz - das
Herzstück einer urbanen Stadt - hat seine ursprünglichen Proportionen
noch nicht wieder erhalten. Das Denkmal Georg Friedrich Händels steht
allzu verlassen auf dem großen Platz.
Dennoch ist Halle reich: Die Stadt wurde 1990 zu Recht zur Kulturhauptstadt
Sachsen-Anhalts erklärt. Auch wenn davon heute nur noch selten die Rede
ist, so ist dieser kulturelle Reichtum ein Kapital, um das manche vergleichbare
Stadt im Westen Halle beneiden müsste. Die überregional bedeutenden
Kulturstätten, die Staatliche Galerie Moritzburg, das Händelhaus
als Träger der Internationalen Händelfestspiele, die Oper, das neue
theater unter dem originellen Peter Sodann, das Philharmonische Orchester,
auch so interessante Orte wie das Salinemuseum oder das Geiseltalmuseum sind
wie die Franckeschen Stiftungen kostbare Aktivposten der Stadt. In ihrem Zentrum
befinden sich die traditionsreiche Martin-Luther-Universität, die berühmte
Akademie der Naturforscher Leopoldina, an der Peripherie eine lebendige Kunsthochschule,
die mit dem Namen der Burg Giebichenstein verknüpft ist.
Auch wenn diese und weitere kulturelle Einrichtungen in Halle zwischen Lust
und Frust oft aus Geldmangel über Planungen nicht herauskommen, so wünschte
ich mir mehr Selbstvertrauen und Zuversicht bei denen, die auf bessere Zeiten
hoffen. Um das öffentliche Bewusstsein für die Bedeutung der Kultur
zu stärken, habe ich vor einigen Jahren eine Kulturmeile vorgeschlagen,
die ein informeller Zusammenschluß aller Kulturinstitute in der Stadt
sein soll. Auf Plakaten und in Prospekten wurden alle 27 Kultureinrichtungen
und Spielstätten durch einen roten Strich in nordsüdlicher Richtung
vom Zoo bis zu den Stiftungen in dem Stadtplan miteinander verbunden. (...)
Die Kooperation hat Früchte getragen. Nach dem Erfolg des Goethejahres
in Halle sah ich mich ermutigt, allen Beteiligten eine Sequenz von Jahresthemen
vorzuschlagen, die die Bevölkerung über wichtige gesellschaftliche
Probleme aufklären soll. Unter dem Titel Halle an der Saale - Antworten
aus der Provinz sollen im Blick auf die Hauptstadt Berlin Fragen gestellt
und vor Ort beantwortet werden. Halle steht dabei als Beispiel für andere
Städte. Die Anregung stieß bei den Verantwortlichen in der Stadt,
bei den Vereinen, den Kirchen, den Schulen, der Universität und allen
anderen, vor allem kulturellen Einrichtungen, auf große Zustimmung.
(...)
Die Kulturarbeit in Deutschland kann sich - daran möchte ich erinnern
- auch an den verschütteten Vorstellungen der Weimarer Republik zwischen
1919 und 1933 orientierten. Durch Zufall entdeckte ich die 1930-32 erschienene
Zeitschrift Der Kreis von Halle. Die hervorragend gestalteten Hefte dokumentieren
den Geist der Zeit, die Neue Sachlichkeit, und sind ein aufschlussreicher
Beleg für die positive Einschätzung Halles. Über dieses Thema
habe ich aus Anlaß des Jubiläumsjahres der Stiftungen einen Festvortrag
Halle - eine Kulturstadt im europäischen Deutschland gehalten, in dem
ich die damaligen Autoritäten zitierte, so den 1933 aus Halle vertriebenen
Kunsthistoriker Paul Frankl:
"Halle als geistiges
Wesen erschließt sich nur dem Ansässiggewordenen - und auch ihm
nur langsam. (...)"
In meinem Plädoyer konnte ich auch einen anderen
Wissenschaftler anführen: "Wir wollen die Erhaltung, nicht die Verkümmerung
der lebendigen Kulturzentren in der Provinz. Wir sehen die deutsche Zukunft
nicht im Berliner Zentralismus, wir sehen sie nicht zuletzt in der Erhaltung
und Pflege des mannigfachen und reichen Eigenlebens `draußen in der
Provinz´."
So kann man auch die Entscheidung des Bundes verstehen,
in den Franckeschen Stiftungen, nach einem Vorschlag von Günter Grass,
eine Bundeskulturstiftung zu errichten. Man erweist damit sowohl August Hermann
Francke, einem Bürger als Stifter, Reverenz wie zugleich der Stadt, von
der schön früh die Aufklärungsbewegung ausgegangen ist.
Was am Ende der Weimarer Republik gedacht wurde, kann
auch heute noch so gesagt werden. Auch wenn die Franckeschen Stiftungen einen
überregionalen Anspruch erheben, sind sie zugleich Mitträger einer
föderalen Struktur unseres Staates. Sie identifizieren sich mit Halle
an der Saale in dem Bewusstsein, daß die großen Aufgaben auf dem
lokalen Boden erwachsen. Zu Recht heißen sie: Franckesche Stiftungen
zu Halle, und die Verwurzelung verpflichtet. Das ist meine Erfahrung in Wolfenbüttel
gewesen, sie bestätigte sich in der Mitarbeit am Aufbau Ost.
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