|
|
|
|
|
|
|
|
|
Studentsein 1930-33 in Halle
Wer als junger Abiturient im Sommer 1930 in der philosophisch-naturwissenschaftlichen
Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sein Studium
begann, durfte sicher sein, hier recht günstige Voraussetzungen für
eine erfolgverheißende Begegnung mit den Fächern seiner Wahl vorzufinden.
Leipzig, Jena und erst recht Berlin lagen zu weit abseits
von seiner engeren Heimat, und im Grunde übte die Universität Halle
damals auf die Studierenden aller Fachrichtungen eine in der Gegenwart nicht
mehr so selbstverständliche Anziehungskraft aus. Mindestens konnte das
für alle aus nicht akademischen Elternhäusern stammenden Anfänger
gesagt werden. Für sie war Halle schlechthin das Zentrum aller Gelehrsamkeit.
(25)
Der Student fand in der Stadt an der Saale vielleicht
nicht mehr die heitere Atmosphäre vor, wie sie etwa für die Zeit
der deutschen Romantik in Jena, Heidelberg oder dem fränkischen Trages,
dem Sitz der Familie von Savigny, kennzeichnend war. Sie war vielerorts verblasst,
aber sie war noch immer erkennbar geblieben. Burg Saaleck und die Rudelsburg
und die vielen Zeugnisse mittelalterlicher Burgenbaukunst waren immer noch
im Bewusstsein der jungen Studenten lebendig.
In dieser überschaubaren und allem organischen
Vorwärtsschreiten sich öffnenden Welt konnten die Studenten sich
wohlfühlen. In den Hörsälen wie in den Seminarräumen brauchte
niemand um seinen Platz zu fürchten. Konfessionelle Auseinandersetzungen
an dieser vorwiegend von evangelischen Studenten besuchten Hochschule traten
nirgends hervor. Politische Störungen waren im Sommer 1930 hier noch
unbekannt. Politische Markierungen und Abzeichen waren nur selten zu sehen.
Ich habe während meiner beiden ersten Semester nur einen einzigen Studenten
wahrgenommen, der das Abzeichen des kommunistischen Studentenverbandes offen
zur Schau trug. Erst im Vorfeld der Reichstagswahlen vom September 1930 begann
das Bild sich zu verändern. (27f.)
Bei dieser Gelegenheit darf vielleicht darauf hingewiesen
werden, daß die Universität und alle ihre Seminare und Institute
an allen Wochentagen bis abends gegen 22 Uhr geöffnet blieben, und ebenso
selbstverständlich war, daß jeder Student auch am Sonntagvormittag
zu seiner Seminarbibliothek Zutritt hatte, für viele eine gern genutzte
Gelegenheit, störungsfrei seinen Studien zu obliegen. Freizeit im Sinne
eines erweiterten Wochenendes, wie es in den letzten Jahren vielfach praktiziert
wurde, gab es damals nicht. (34)
Hans Herzfeld
Hans Herzfeld hat mich in langen, manchmal fast überlangen
Briefen an dem Geflecht seiner wissenschaftlichen und historischen, nicht
zuletzt auch seiner politischen Überzeugungen teilnehmen lassen, kritisch
hier und aufmunternd dort, verständnisvoll empfehlend und Rat erteilend,
wo es ihm wünschenswert erschien. In dem politisch immer unruhiger werdenden
Jahr 1932 blieb er kühl und doch wieder vorsichtig mahnend, als sich
die Stürme einer katastrophischen Entwicklung ankündigten. Das
zeigte sich deutlich, als im April 1932 die Sitzungen seines Hauptseminars
beginnen sollten. Es fand sich damals nicht ein einziger Student dazu ein.
Am gleichen Tage hatte Hitler vor den Toren der Stadt in einer riesigen Kundgebung
zum weiter zu verschärfenden Kampf gegen die Republik und ihre Verfassung
aufgerufen. Er hatte damit offenbar den stärksten Widerhall gefunden.
In der Seminarsitzung der folgenden Woche verlor Herzfeld kein Wort
des Tadels oder des Protests. Es war nicht die erste politische Enttäuschung,
die er in Halle erfuhr. Viel deutlicher wurde die Zuspitzung der politischen
Situation in einer die ganze Universität erfassenden Krise, die offensichtlich
die gesamte deutsche Universitätslandschaft überzog. (42f.)
Der Fall Günther Dehn
Der Fall des Theologen Günther Dehn schlug (...)
in Halle höchste Wellen. Die gehässigen Ausschreitungen in Heidelberg
gegen die Berufung dieses Mannes hatten sich noch nicht gelegt, als die theologische
Fakultät in Halle seine Berufung nach dort durchsetzte. Jetzt
kam es auf dem Gelände der Universität zu maßlosen, bislang
noch nie erlebten Demonstrationen radikaler Studenten, die von der eilig herbeigerufenen
Polizei nur mühsam unterdrückt werden konnten. Hier waren
es vor allem der Philosoph Paul Menzer und Hans Herzfeld, die in ihren Lehrveranstaltungen
tags darauf eindringlich zur Besonnenheit und zu einem würdigen Verhalten
auf akademischem Boden aufriefen. (...) Fortan aber
galt die Universität Halle als eines der wesentlichsten Zentren des demagogischen
Aufbegehrens der nationalsozialistischen Kräfte gegen die verfassungsmäßige
Ordnung. (44f.)
Man darf nicht übersehen, daß damals, im
Sommer 1931, angesichts der für das folgende Jahr anstehenden Wahlen
eine immer heftigere politische Erregung die ohnehin stets für radikale
Lösungen empfänglichen Studenten erfasste. Krawalle wie die um Günther
Dehn wiederholten sich, wenn auch nicht so stark, immer häufiger. Und
doch war das alles - auch für den akademischen Unterricht - immer noch
eine fruchtbare Zeit. Der akademische Werktag, der Vorlesungs- und Seminarbetrieb,
verlief noch fast wie gewohnt. Die Universitätsbibliothek mit ihren knapp
400 000 Bänden - Vergleiche mit heutigen Zahlen sind abwegig - versorgte
jeden Interessierten bereitwillig mit der Literatur, und wo die eigenen Bestände
nicht ausreichten, konnte man die Bibliothek in Göttingen in Anspruch
nehmen, und wenn diese nicht ausreichte, wandte man sich an die Preußische
Staatsbibliothek. Es gab immer noch viele Oasen der Stille, die aufzusuchen
sich lohnte. (46)
Bevölkerung der Stadt
Die Bevölkerung unserer Universitätsstadt
und seiner weiteren durch eine dichte Industrialisierung gekennzeichneten
Umgebung hatte in diesem Jahrhundert schon wiederholt politische Erschütterungen
mancherlei Art erlebt, am stärksten vielleicht in der Übergangszeit
zwischen dem Ende des Ersten Weltkrieges und der allmählichen Konsolidierung
der jungen Republik. Hier waren die Gegensätze
zwischen den Parteien oftmals kompromissloser als anderswo aufeinandergeprallt.
Der Rechtsextremismus der Nationalsozialisten bezog seine Stoßkraft
aus vielerlei Quellen. Nationalsozialistische Tendenzen konnten sich hier
offenbar günstiger entwickeln als an vielen anderen Orten. Die
Arbeitslosigkeit der Millionen verband sich hier stärker mit dem
Kampf gegen den Versailler
Vertrag und gegen die als unterwürfig empfundene Politik der
Berliner Regierung (s. auch Brugsch,
1957). In der Beurteilung
dieser Gesamtsituation waren die kritischen Jahrgänge einer jungen
Akademikerschaft den meisten etablierten Kreisen des Bürgertums überlegen
und damit eher zu einem rabiaten, wenn auch oft unkontrollierten Vorstoß
für seine eigenen Ideologien zu gewinnen.
Wer aber die Bilanz zieht, wird anerkennen, daß
bis in den Sommer 1931 hinein die Studienverhältnisse in Halle noch als
durchaus erträglich erschienen. Die Wende setzte erst mit dem Dehnkonflikt
ein. Von diesem Zeitpunkt an war die äußere Ruhe immer wieder gefährdet.
In den Hörsälen und Seminaren indes ging es zwar noch recht friedlich
zu. Soweit wir das als Studenten überblicken konnten, darf das auch für
alle übrigen Fakultäten gesagt werden. Bei den Medizinern schien
das Arbeitsklima offensichtlich nicht gestört. In der Umgebung des Chirurgen
Völcker gab es offenbar keinerlei Störungen, ebenso wenig wie bei
seinem Kollegen Stieve oder dem sehr bedeutenden Physiologen Emil Abderhalden.
Bei den Theologen verbot es sich, von dem Konflikt um Günther Dehn abgesehen,
eine Störung fast von selbst. Die Altertumswissenschaftler hielten sich
im Robertinum zurück. In unserer Fakultät herrschten Zurückhaltung
und Besonnenheit. Der Romanist Karl Voretzsch - die Studenten nannten ihn
manchmal die "wandelnde historische Grammatik" - ließ sich
bei allem ihm innewohnenden Temperament nie zu einer verbalen Reaktion hinreißen.
Rückschauend betrachtet, war es eine Selbsttäuschung.
Die wirtschaftliche Not und die politische Gesamtsituation außerhalb
des Universitätsgeländes führten zu einem Reizzustand, der
sich jederzeit entladen konnte. Die Nationalsozialisten standen vor der Tür.
Ob sie hätten verhindert werden können? Die Hoffnungen und Erwartungen
wiesen bei den Studenten in sehr unterschiedliche Richtungen. Da konnten auch
die Museumsübungen bei Alois Schardt oder eine Vorlesung über die
Bildniskunst der römischen Kaiserzeit nicht hinwegtäuschen.
Von der Romantik des frühen neunzehnten Jahrhunderts,
wie sie damals die jungen Gemüter so beherrscht hatte, war kaum noch
etwas zu verspüren. Die Gegenwart schien von politischen Kategorien gekennzeichnet
zu sein, von deren Unerbittlichkeit die Generationen vor uns keine Vorstellung
hatten. Die Tage der Burgenromantik schienen gezählt. Die "Blaue
Blume" der Romantik, die auf dem Giebichenstein bei Halle wuchs und die
durch Novalis als Symbol eines sorglosen, freiheitlichen romantischen Lebensgefühls
der jungen Studenten gegolten hatte, war verwelkt. (49f.)
Auszüge aus: Willy Real: Zwischen Zuversicht und Entartung. Erinnerungen
an ein Studium der Geisteswissenschaften in den Jahren vor und nach der nationalsozialistischen
Machtergreifung 1930-1935, Hamburg: Kovac, 1997 |