MDR 1 Radio Sachsen-Anhalt
Auf und davon

"Unterwegs auf den Spuren des Landadels…"

KS = Dr. Karin Scherf
NB = Norbert Böhnke
HW = Hannelore Wentzel
HM = Hans Misersky

HM: In adlige Kreise führen wir Sie in dieser Stunde, denn meine Kollegin Karin Scherf ist unterwegs bei ihrer Wanderung in den Sommer auf den Spuren des Landadels in und um Halle und dem Saalkreis.

KS: Auf und davon mit MDR 1 Radio Sachsen-Anhalt heute unterwegs auf den Spuren des Landadels. Und dafür habe ich mir Norbert Böhnke gesucht, der ist Initiator einer Initiative, die sich IfHaS nennt. Das heißt "Initiative für Halle und den Saalkreis". Aber viel interessanter ist, ich bin auf den Spuren des Landadels und der Mann hat mich hierher auf den hallischen Markt, in den Hof des Marktschlösschens bestellt und jetzt frage ich mich wirklich: Was soll das denn eigentlich? Klären Sie mich doch mal auf, Herr Böhnke!

NB: Ja, es gab im Jahr 1675 einen Marschall von Bieberstein, der auf Bennstedt saß. Und 1675 hat sich der Marschall von Bieberstein entschlossen, einen Wintersitz in der Stadt Halle zu kaufen und das ist das Renaissance-Haus am Markt 13, das Marktschlösschen.

KS: Nun frage ich mich aber bitteschön, wie kommt ein Mann, der auch akustisch zu hören, nicht Hallenser ist, auf die Idee sich für so was zu interessieren? Was, um Gottes Willen, ist IfHaS und warum die Landadligen?

NB: Wir, das waren damals am 20.1.2001 einige Studenten und Freunde, die sich gesagt haben, wir tun etwas für Halle und alle haben dann auf mich gezeigt und gesagt: "Du hast doch mal ein wenig Kunstgeschichte studiert. Was gibt es denn Wichtiges in Halle?" Da habe ich gesagt: "Eines, was wichtig ist und was vernachlässigt wurde ist die Renaissance in Halle." Und wir wollten nicht nur werben für Denkmale, sondern wir wollten auch Geld für die Denkmale sammeln. Das machen wir, indem wir Stadtführungen anbieten, eine Busfahrt in den westlichen Saalkreis auf den Spuren des Landadels…

KS: …was wir ja heute sozusagen machen?

NB: So ist es!

KS: Diese Busfahrten sind immer samstags. Wie kann ich mich anmelden?

NB: Sie können das über die Initiative machen. Wir sitzen am Alten Markt 8. Oder wir machen das so, dass wir das über die Mitteldeutsche Zeitung annoncieren und dann kann man genauso gut sich anmelden.

KS: So. Jetzt folgt schon die nächste Überraschung. Nachdem ich den Herrn von Bieberstein kennen gelernt habe - oder die Überbleibsel seiner Geschichte im Marktschlösschen soll´s jetzt nach Halle-Trotha gehen. Also ich habe bis jetzt an alles gedacht in Trotha: An fürchterliche Verkehrsbedingungen, an schwierige Wohnsituationen, aber nicht an den Landadel.

NB: In Trotha gibt es ein wundervolles altes Haus, das auf noch viel älteren Gemäuern steht. Es handelt sich um den Kaffeegarten in Trotha. Die alten Gemäuer, das heißt die Kellergewölbe, gehören zum Stammsitz der Herren von Trotha.

KS: Und die kennt man ja nun wieder. Und die will ich mir heute mal angucken.

(Musik)

HM: Vom Markt in Halle geht es weiter nach Halle-Trotha in unserer Wanderung in den Sommer. Und auch dort stößt Karin Scherf auf interessante Spuren der Vergangenheit.

KS: Herr Böhnke hat mich jetzt nach Halle-Trotha gelockt. Wir sind hineingefahren in die Pfarrstraße jetzt stehen wir vor dem Kaffeegarten. 1685 steht hier drüber.

NB: Jetzt sind wir bei Friedrich Madeweis, dem Postmeister. Das war sein Landhaus. Friedrich Madeweis hat sich 1685 das Haus auf den Mauern der von Trothas bauen lassen.

KS: Na ja, ist ja ne schöne Umgebung. Die Saale rauscht im Hintergrund. Es war mit Sicherheit auch schon bewaldet. Wollen wir mal reingucken, oder?

NB: Ja! Machen wir das.

KS: So, jetzt haben sich mich also auf den Dachboden geschickt dieses nun inzwischen 300 Jahre alten Hauses.

NB: Im Geburtsjahr Georg Friedrich Händels erbaut.

KS: Und das steht hier so und gammelt vor sich hin, immer noch. Aber Sie zeigen´s ihren Reisenden. Und was wird denen dann so erzählt?

NB: Also hier wir ihnen in erster Linie etwas erzählt über die von Trothas. Die von Trothas, die hier ihren Ursprung genommen haben, 1183 erstmalig an diesem Ort erwähnt. Die von Trothas sind dann ungefähr 1463 aus Trotha weggegangen und zwar in die Saalkreis, in Richtung Krosigk, die haben dann auf Krosigk gesessen.

KS: Und die von Trothas waren ja nicht gerade ohne Einfluß, die haben ja eigentlich fast deutsche Geschichte mitgeschrieben!

NB: So ist es. Also jedenfalls gab es im 15. Jahrhundert einen Bischof, Thilo von Trotha der auf Merseburg saß und dort ein wunderschönes Schloß gebaut hat, das Schloß Schkopau…

KS: …der war der mit dem Raben?

NB: Der war der mit dem Raben! Das ist richtig. Das Erkennungszeichen, das Wappentier derer von Trotha ist der schwarze Rabe, den es auch heute - soweit ich weiß - am Merseburger Schloß wieder gibt, der sitzt dort und bekräht die Leute. Das Haus ist also in der Originalfassung des Jahres 1685 erhalten geblieben, man hat daran nichts geändert. Auch wenn es so ein wenig heruntergekommen aussieht, ist es doch gut erhalten und sucht eben nach jemandem, der sich hier betätigt.

KS: Was könnte es denn werden? Was könnten Sie sich vorstellen?

NB: Also: Es gibt eine Bürgerinitiative hier in Trotha. Diese Leute versuchen, hier ein Bürgerzentrum einzurichten. Das ist ein idealer Ort, liegt direkt am Radwanderweg an der Saale, hier könnte eine Fahrradstation rein. Meines Erachtens wird das prima laufen; wir haben hier das nördliche Ende der Saale-Promenade (…). Es ist phantastisch hier und es ist eben auch traditionsbeladen: Das hier ist eben ein alter Kaffeegarten, ein alter Kaffee- und Bierausschank.

KS: Auf alle Fälle scheint das doch ein kleiner Silberstreif am Horizont dieses uralten Hauses zu sein, das wir heute auf unserer Wanderung in den Sommer auf den Spuren des Landadels in Halle und dem Saalkreis kennen gelernt haben.

(Musik)

HM: Wir sind nun im Saalkreis angekommen, in der Gemeinde Bennstedt, wo Karin Scherf und Norbert Böhnke von der Initiative für Halle und den Saalkreis wieder auf Spuren des Landadels stoßen.

KS: In unserer Wanderung in den Sommer geht es jetzt bergab, Norbert Böhnke schickt mich jetzt hinunter in die Gruft und zwar in die Gruft in Bennstedt. Wir sind also jetzt über die B 80 gefahren und sind von der B 80 runter nach Bennstedt reingefahren. (…) Und das alte haben Sie gefunden oder sagen wir einmal: Ein bisschen lebendig werden lassen unter anderem diese hochinteressante Gruft, die direkt an der Kirche dran ist.

NB: Ja, hier kommen zwei Stränge zusammen. Einmal die von Trothas, die seit 1522 hier sind, also wir wechseln von Trotha nach Bennstedt mit den Trothas. Und dann - viele, viele Jahre später kommen die Biebersteins hierin, ungefähr 1650 sage ich mal, und bauen diese Gruft, in der wir uns jetzt befinden aus. Wir werden gleich in die Kirche gehen und dort können wir etwas sehen, wir werden die Biebersteins selbst sehen. Es gibt wunderbare Portraits in der Kirche. Da können wir dann gleich hingehen.

KS: Frau Glimm kann uns da Auskunft geben, den Frau Glimm ist hier so etwas wie der gute Geist. Wie alt ist die Kirche?

Frau Glimm: Wir haben die ersten Urkunden aus dem Jahre 1298.

KS: Hier innen drin sieht´s aber nicht ganz so alt aus. Hier sieht´s so - sagen wir einmal - auch so 300 Jahre alt aus, oder?

NB: Ja, also, wenn wir uns die Epitaphe anschauen, dann ist das tatsächlich so. Und hier kommen wir sozusagen zurück zum Marktschlösschen in Halle und zu Alexander Haubold Marschall von Bieberstein. Wir sehen in dem Chor auf der rechten Seite das wunderbare Epitaph, es ist ein Epitaph, das strotzt von Waffen, denn er ist Marschall gewesen…

KS: Was haben denn die Landadligen, von denen wir nun schon eine Familie ziemlich genau verfolgt haben, was haben die denn nun genau hier in der Gegend getan?

NB: Also Bieberstein ist, man könnte sagen, ein Angestellter am Hofe in Weißenfels gewesen. Also er hat das hier als Landsitz genutzt und er hat hier auch Ackerbau betrieben. Es gab hier einen wunderbaren Lustgarten, einen Barockgarten, den es heute nicht mehr gibt, das kann man nicht mehr sehen, aber die Pracht, die Bieberstein hier entfaltet hat, die sieht man eben in der Gruft und in der Kirche.

KS: Immerhin. Ein paar Spuren finden wir und das sollte es ja heute auch sein auf der Spurensuche nach den Landadligen, die so hier in den letzten Jahrhunderten in Halle und dem Saalkreis ihr Wesen oder auch Unwesen getrieben haben. Und ich glaube, jetzt werden wir zu einer sehr lebendigen Spur kommen, denn jetzt treffen wir endlich mal jemanden, der nicht nur im Schloß wohnt und lebt, sondern da auch arbeitet und mal sagen kann, wie denn das nun so war, mit dem Landadel.

(Musik)

HM: Jetzt sind Karin Scherf und Norbert Böhnke zu einem sehr lebendigen Schloß im Saalkreis gekommen.

KS: Auf den Spuren des Landadels sind wir nun an unserer Endstation gelandet. Und nun habe ich eine Schlossherrin - ganz lebendig - vor mir. Das mit dem Landadel stimmt nicht so ganz bei Hannelore Wentzel, aber immerhin "Schloß" stimmt, denn wir sind auf Schloß Teutschenthal. Und da muß man, glaube ich, schon wieder ein ganz klein bisschen Saalkreis- und Halle-Geschichte erzählen, Frau Wentzel.

HW: Es ist der Stammsitz der Familie Wentzel, einem alten Bauerngeschlecht. Das Schloß wurde erbaut 1885 und einer der herausragendsten Wentzel ist der Großvater meines Schwagers und meines Mannes, Carl Emil Wentzel, der auch hier gelebt hat - bis zum Jahre 1944.

KS: Man muß bei den Wentzels hinzufügen: Das ist ganz viel Agrargeschichte, was zum Beispiel Rübenzucht angeht; und dann ist ja auch im politischen Bereich der Name Wentzel aufgetaucht, nämlich im Zusammenhang mit dem Attentat auf Hitler.

HW: So wurde der Großvater hingerichtet im Zusammenhang mit dem Attentat am 20. Juli. Er war im Reusch-Kreis und Dieser Kreis hat sich auch sehr oft in Teutschenthal zusammengesetzt bei den so genannten Kamin-Gesprächen und hatte das Attentat auch vorbereitet.

KS: Diesen Kamin gibt es auch noch und die Geschichte gibt es noch und die Menschen, die diese Geschichte erzählen können, unter anderem auf einer dieser Touren, wo dann immer zum Kaffeetrinken auf Schloß Teutschenthal eingeladen wird. Es hat inzwischen eine sehr interessante Gegenwart. Daraus ist ein Schlosshotel geworden, ein Hotel garni. Wir sitzen hier auf der Terrasse in einem wunderschönen Park mit Springbrunnen mit allem drum und dran. Also, Frau Wentzel, wie ist das Leben einer Schlossherrin heutzutage?

HW: Ja, der Landadel hat ja eines gemeinsam: Alle wohnen in besonders großen Häusern oder Schlössern. Man muß diese Schlösser natürlich auch nutzen. Das ist ja nicht mehr zeitgemäß, wenn man die alleine bewohnt und residiert und man kann sich das auch nicht mehr leisten.

KS: Was wären denn noch ein paar andere mögliche Orte, die sich hier im Saalkreis so anbieten, wenn man sich Schlösser und Herrenhäuser angucken will? Was würde Ihnen denn da so einfallen?

NB: Ja, die Tour endet für IfHaS normalerweise nicht auf Teutschenthal, sondern es geht weiter nach Schochwitz. Dort steht ein schönes Renaissance-Schloss, das gerade den 400. Geburtstag gefeiert hat. Von dort aus geht es dann nach Salzmünde. Und in Salzmünde ist dann tatsächlich der Abschluss unserer Tour. Von dort aus geht es dann wieder nach Halle.

KS: Das werde ich dann auch jetzt tun, denn ich habe eine schöne Tour hinter mir. Ich bedanke mich bei Ihnen beiden und bei den vielen Neuigkeiten, die ich aus dem historischen Saalkreis und aus der schönen alten Stadt Halle wieder einmal erfahren durfte.

HM: Und ich sage auch: "Danke, Karin Scherf" für die interessanten Informationen und: "Ein schönes Wochenende!".

(Diese Folge von "Auf und davon" wurde am 2.8.03 in MDR 1 Radio Sachsen-Anhalt gesendet. Für die Übertragung aus der Sprache in die Schrift ist NB verantwortlich.)