Renaissance Halle
1. Moritzburg und Schloßkapelle

1.1 Friedemann-Bach-Platz (Paradeplatz)

Bedeutung Albrechts für Deutschland; Bedeutung der Stadt für Albrecht

Warum bieten wir eine Führung auf Albrecht von Brandenburgs Spuren durch Halle an?

Albrecht II. von Brandenburg war seit 1514 Erzbischof von Mainz und Magdeburg. Er war „Metropolit der größten abendländischen Kirchenprovinz.“ Zwei Jahre später belehnte ihn der Kaiser mit dem Erzstift Mainz. Damit hatte Albrecht die Reichserzkanzlei zu führen. Auf dem Augsburger Reichstag 1518 erhielt Albrecht die Kardinalsinsignien. Aus Aschaffenburger Sicht stellte Albrecht „eine der berühmtesten und machtvollsten Persönlichkeiten auf dem Mainzer Bischofssitz“ dar.

Spätestens seit 1528 sah Luther in Albrecht einen Tyrannen, der die Ausbreitung des Evangeliums verhindere. Der im persönlichen Briefwechsel geführte Ablaßstreit zwischen dem (anfangs unbedeutenden) Augustinermönch und dem doppelten Erzbischof begründete die religiöse Spaltung des Abendlands.

Was bedeutete unsere Stadt Halle für diesen „mächtigsten Kirchenfürst seiner Zeit“ ?

Welches Verhältnis hatte der Kardinalprimas zur Saalestadt? Hallesche Kunsthistoriker behaupten, Halle sei Albrechts „Lieblingsresidenz“ gewesen. Aber auch dort, wo des Kardinals Erzkanzlei arbeitete, in Mainz, wird Halle die Auszeichnung „Albrechts Lieblingssitz“ zuerkannt.

Zusammengefaßt lautet die Antwort: Unsere Stadt war über 27 Jahre die Lieblingsresidenz des mächtigsten Kirchenfürsten in Deutschland. Sie ist bis heute durch Albrechts Bemühen geprägt. Durch die vielen von Albrecht in Halle errichteten Gebäude, aber auch durch seine Aufträge an Matthias Grünewald, die Wittenberger Cranach-Werkstätten und Peter Schro verschaffte Albrecht der Stadt Halle eine „kulturelle Führerstellung“ im Deutschland der frühen Renaissance.

Biographie Albrechts bis zum 22.5.14 (Huldigung der Stadt)

Wir wissen wenig über Kindheit und Jugend, Studien und frühes Mannesalter Albrechts. Geboren im Juni 1490 war er das letzte Kind des brandenburgischen Kurfürsten Johann Cicero und seiner Frau Margarethe, einer Tochter des Herzogs Wilhelm III. von Sachsen und Thüringen.

Albrecht verlebte seine Kindheit am brandenburgischen Hof, im Berliner Schloß. Am bischöflichen Hof Dietrich von Bülows in Frankfurt an der Oder wurde Albrecht erzogen. Gemeinsam mit seinem Bruder Joachim eröffnete er am 26. April 1506 die Frankfurter Universität ´Viadrina´. Vorbild war die Universität Bologna, deren Besuch für einen karriereorientierten jungen Mann damals so wichtig war, wie heute der der London School of Economics. Ulrich von Hutten war unter den ersten Studenten. Am selben Tag erhielt Albrecht die kirchlichen Weihen.

Während Joachim dem Vater im weltlichen Amt, als Kurfürst von Brandenburg, nachfolgte, wurde für Albrecht die kirchliche Laufbahn bestimmt. Im März 1508 erhielt er das Mainzer Kanonikat (Begriff), Anfang Februar 1510 trat er die Mainzer Jahresresidenz (Begriff) an. Albrecht wurde zur selben Zeit Koadjutor (Begriff) des Mainzer Erzbischofs Uriel von Gemmingen.

Drei Jahre später treffen wir Albrecht in Berlin an. Hier erhielt er seine priesterlichen Weihen. Nach dem Tod des Magdeburger Erzbischofs Ernst von Sachsen, einem Wettiner, im August 1513 wurde Albrecht im selben Monat dessen Nachfolger. Im September machte auch das Halberstädter Kapitel bekannt, daß der junge Brandenburger nunmehr Oberherr über das Bistum sei. Im Dezember bestätigte der Papst die Wahlen.

Nach nur weiteren vier Monaten, Uriel von Gemmingen war gestorben, wurde dem neuen Magdeburger Erzbischof auch die Mainzer Bischofswürde angetragen (9.3.14). „Angetragen“ ist vielleicht der falsche Begriff: Mit der Mainzer Bischofswürde war auch eine der sieben Kurstimmen verbunden. Wer eine Kurstimme vertrat, konnte an der Wahl des Kaisers des Hl. Römischen Reiches teilnehmen. Das Brandenburger Haus, insbesondere Albrechts Bruder, hatte den scharfen Konkurrenzkampf um die Mainzer Stimme für sich entschieden. Um auch die päpstliche Bestätigung zu erhalten, mußte Albrecht 29.000 Reichsgulden aufbringen. Am 15. Mai 1514 schloß er deshalb mit dem Augsburger Bankhaus Fugger einen Schuldvertrag.

Acht Tage zuvor wurde er mit den erzbischöflichen Insignien (Bischofstab) im Magdeburger Dom in feierlicher Zeremonie ausgestattet. Eine Woche später huldigten die Stände des Erzstifts ihrem neuen Herrn. Am 22. Mai 1514 wurde Albrecht vor den Mauern der Stadt Halle empfangen und eingeholt.

Ereignis: Verbrennung des getauften Juden Pfefferkorn (6.9.14)
(Exkurs: Verhältnis Christen und Juden in Halle im SMA)

Hier, dort wo sich heute die Nordwestecke des Physikalischen Institutes befindet, wurde am 6. September 1514 der getaufte Jude Johannes Pfefferkorn hingerichtet. Man hatte ihn während des erzbischöflichen Einzugs festgenommen und ihm vorgeworfen, einen Anschlag auf Albrecht und seinen Bruder geplant zu haben. Das durch Folter herausgepreßte Geständnis ergab, daß Pfefferkorn geweihte Hostien (Begriff) gestohlen und zerstückelt habe. Weiterhin sollte Pfefferkorn Kinder entführt, sie an einen Juden verkauft und ihnen Schmerzen zugefügt haben.

Besonders unangenehm war die Art der Hinrichtung. Pfefferkorn wurde mit einer Kette an einen Pfahl gefesselt. Mit glühenden Zangen riß man ihm Fleisch aus dem Körper. Ein Feuerring wurde an Pfefferkorn heran geführt, so daß er langsam geröstet wurde. Eine Flugschrift, die das Ereignis bekannt machte, spricht davon, daß Pfefferkorn „gebraten“ wurde.

Johannes Pfefferkorn ist nicht mit seinem Namensvetter Nürnberger Herkunft zu verwechseln. Dieser Pfefferkorn, ebenfalls jüdischer Herkunft, versuchte durch die Vernichtung aller außerbiblischen jüdischen Schriften die Bekehrung der Juden zu forcieren. Kaiser Maximilian hatte am 19.8.1509 bereits die Juden aufgefordert, Pfefferkorn die Schriften zur Überprüfung auszuhändigen. Uriel von Gemmingen widersprach und erhielt des Kaisers Erlaubnis, die Überprüfung der außerbiblischen Schriften zu übernehmen. Der Humanist Reuchlin, vom EB um sein Urteil gebeten, setzte sich für die Erhaltung der Bücher ein; Ulrich von Hutten, den Albrecht von Brandenburg aus Frankfurt kannte, stellte sich hinter Reuchlin.

Baugeschichte Moritzburg bis zu Albrechts Amtsantritt

Die Moritzburg steht als Symbol für Ende und Neubeginn zweier Abschnitte städtischer Geschichte. Mit dem Einzug erzbischöflicher Truppen am 20. und 21. September 1478 endete die sogenannte `städtische Freiheit´. Die Stadt mußte nach fast 200 Jahren Mitgliedschaft aus dem Bund der Hansestädte austreten. Die auf dem Calber Landtag erlassene Regimentsordnung erlaubte dem 14jährigen Erzbischof, Ernst von Sachsen, „sonder Verzug bei oder in Halle ein festes Schloß zu erbauen, um die Stadt besser in Gehorsam, Unterwürfigkeit und Ruhe zu erhalten“ . Der Ausgangspunkt der „unglückseligen Rivalität“ der beiden Nachbarstädte Halle und Leipzig (so der engagierte Stadtarchivar- und historiker Erich Neuss) wurde unter Ernsts Regierung gelegt: Leipzig erhielt 1497 durch Kaiser Maximilian das Messeprivileg und löste damit die bisherige hallesche Frühjahrsmesse in Bekanntheitsgrad und Erfolg für immer ab.

Ernst von Sachsen legte den Grundstein für die Burg 1484. 19 Jahre später, am 25. Mai 1503, konnte der Erzbischof einziehen. Finanziert wurde der Bau, der 100.000 Gulden gekostet haben soll, aus den vom Landesherren 1479 übernommenen Solgütern der Pfänner. 1503 erhob Ernst die Stadt Halle zur Residenz des Stiftes Magdeburg. Der Residenzenforscher Michael Scholz konnte feststellen, daß die Moritzburg seit 1509 „vornehmlicher Aufenthaltsort der magdeburgischen Bischöfe“ war.

Baubeschreibung

Das Schloß umfaßt ein circa 72 x 85 Meter messendes Viereck. Zur Saale hin gab es bis ins 18. Jahrhundert ein gestaffeltes Zwingersystem, in Richtung Osten, also zur Stadt hin, sehen wir noch heute zwei vierstöckige Bastionen. Da hier ehemals Wehr-, Wohn- und Verwaltungsbauten an einem Ort vereint waren, kann die Moritzburg als Beispiel für den „Übergang von der spätmittel-alterlichen Burg zum frühneuzeitlichen Schloß“ gelten. Ein ähnlicher Bau wurde zur selben Zeit in Mainz errichtet, die Mainzer Martinsburg.

1.2 Vor dem Portal

Bauliche Veränderung durch Albrecht nach 1514

Albrecht soll den Haupteingang der Burg von der Nordseite auf die Ostseite verlegt haben. Über dem Eingang im Osten befand sich die Statue des ersten Patrons des Magdeburger Stifts, die des Hl. Moritz. (Statue und architektonischer Rahmen sind nicht mehr erhalten.) Eine weitere Moritz-Statue findet man am Haupteingang der Unterburg Giebichenstein.

Über dem östlichen Eingang erbaute er den sechseckigen Turm, vielleicht wurde aber auch ein vorhandener Turm nur aufgestockt. Hier hat sich eine kleine Kapelle befunden, die „Wunderstube“. Folgen wir dem Bericht eines Lokalhistorikers, pflegte der Erzbischof über der Toreinfahrt die Messe zu hören.

Wappen (Beschreibung und Bedeutung)

Hl. Katharina

Über uns sehen wir die Statue des zweiten Stiftspatrons, die der Hl. Katharina. Sie steht in einem Nischentabernakel, ist 145 cm hoch und trägt (nach Lühmann-Schmid) die „Stilzüge“ des Mainzer Steinbildhauers Hans Backofen. Backofen stand im kurfürstlichen Dienst und schuf die Grabmale der Erzbischöfe Berthold von Henneberg (+1504), Jacob von Liebenstein (+1508) und Uriel von Gemmingen (+1514) im Mainzer Dom. Auftraggeber für den letzteren war der Koadjutor und Nachfolger Uriels, Albrecht von Brandenburg.

Legende: Katharina war eine hochgebildete zypriotische Königstochter. Im Traum erschien ihr das Jesuskind, das ihr einen Verlobungsring ansteckte. Derart bekehrt, gelang es ihr, fünfzig Philosophen auf die Seite des Christentums zu ziehen. Kaiser Maxentius ließ sie festnehmen, geißeln und in den Kerker werfen. Das zu ihrem Martyrium bestimmte, mit Messern und Nägeln bestückte Rad wurde durch einen Blitz zerstört. Sie mußte durch ein Schwert enthauptet werden. Engel trugen ihren Leichnam zum Berge Sinai.

1.3 Magdalenen-Kapelle

Durch die Toranlage und über den Innenhof gelangen wir zur Maria Magdalenen-Kapelle. 1505 wurde mit dem Bau begonnen, 1509 weihte EB Ernst von Sachsen die Kirche der Hl. Maria Magdalena.

Legende: Maria von Magdala kennen wir aus dem NT (Mk. 16,9): Ihr erschien Jesus nach der Auferstehung. Es heißt im NT: „Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren und Leid trugen und weinten.“ Im Lukasevangelium (Lk. 8,2) treffen wir Maria bereits unter den Frauen, die Jesus „gesund gemacht hatte von bösen Geistern und Krankheiten“. MA Legenden wissen von Maria, daß sie Teilnehmerin der Grablegung Christi war; sie salbte den Leichnam.

Die Kapelle ist ein saalartiger Raum, der im Osten durch drei Maßwerkfenster abgeschlossen wird. Außergewöhnlich ist der auf Stichbogenarkaden ruhende umlaufende Emporenumgang. Dieser tritt (nach Dräger) in der Tradition des obersächsischen Sakralbaus „erstmals“ auf. Die unterhalb der Brüstung noch mit der Wand verbundenen Pfeiler trennen sich oberhalb der Brüstung und stehen frei im Raum.

Am 22. Juli 1514 finden wir auch Albrecht an diesem Ort. Zwanzig Tage zuvor war Albrecht im Magdeburger Dom zum Bischof geweiht worden. Jetzt weihte der Erzbischof die Kapelle ein zweites Mal. Mit Genehmigung des Papstes konnte er hier eine Stiftskirche (Begriff und Bild) begründen und ein Kollegiatsstift einsetzen. Die Einnahmen des Stifts stammten aus „Halleschen Salzgütern“. Aus Mainz ließ Albrecht die Gebeine des EB Rabanus (St. Alban), des Hl. Maximus und den Sarg mit den siebzehn Körpern von den 11.000 Begleiterinnen der Hl. Ursula in die Kirche bringen (Einbau aus der Lobrede Joh. Tuberinus, bei: Redlich, 272f)

Legende: Ursula war nach der LA die Tochter eines christlichen Königs aus der Bretagne. Damit ein heidnischer König sie heiraten durfte, verlangte sie die Pilgerfahrt von 11 000 Jungfrauen auf dem Rhein über Köln und Basel nach Rom. Auf der Rückfahrt wurden alle Pilgerinnen vor Köln getötet, nur Ursula überlebte zunächst. Der Pfeil des Hunnenfürsten, vor dem sie ihre Jungfräulichkeit verteidigte, tötete sie. Sie ist Kölner Stadtpatronin.

Ernst von Sachsen wie Albrecht von Brandenburg haben die jeweiligen Weihen durch Steintafeln in das Gedächtnis der Besucher einschreiben wollen.

Die Wappentafel Albrechts zeigt unter einer spätgotischen Bogenarchitektur (Dreipaßbogen) die Patrone der Stifte Magdeburg und Mainz, Mauritius und Martinus. Sie halten das neunteilige Wappen Albrechts. Unterhalb des Wappens sehen wir einen Inschriftsockel, dessen Schrifttafel von zwei weiteren Heiligen umrahmt wird. Links sehen wir den Hl. Stephan, rechts Maria Magdalena, die Patronin der Kapelle. Den Hl. Stephan gab Albrecht neben der Hl. Magdalena als seinen persönlichen Patron an. Daneben war der Hl. Stephan Patron des Bistums Halberstadt. 1515 soll Albrecht aus der Mainzer St. Stephanskirche eine silberne Armreliquie des Heiligen in die Magdalenenkapelle überführt haben.

Legende: Stephan war der erste der sieben von den Aposteln in Jerusalem geweihten Diakone. In der Apostelgeschichte des NT (6-8) wird er als ein „Mann voll Glaubens und heiligen Geistes“ bezeichnet. Man warf ihm vor, gegen „Mose und gegen Gott“ gelästert zu haben, unterstellte ihm sogar, den Tempel in Jerusalem zerstören und die althergebrachten Ordnungen ändern zu wollen. Stephan verteidigte sich vor dem Hohen Rat mit einem Argument aus dem AT: Die Väter hätten Mose, der doch Gottes Wort vernommen hatte, von sich gestoßen und sich dem Goldenen Kalb zugewandt. Jetzt stoße der Hohe Rat die Anhänger Christi, der Sohn Gottes sei, von sich, verfolge und töte sie. Die Mitglieder des Hohen Rates wollten Stephans Rede nicht hören, stürmten auf ihn ein, trieben ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn zu Tode.

Nach einem Vergleich mit Arbeiten aus dem Umkreis Backoffens im Mainzer Dom (Gemmingen und Liebenstein-Grabmale) konnte die Kunsthistorikerin Lühmann-Schmid 1975 feststellen, daß die Tafel „aus der Hand von Backoffens Werkstattgenossen Peter Schro“ stammt. Insbesondere die „flächenfüllende Funktion der Einzelfiguren“ , die der dekorativen Gesamt-wirkung untergeordnet werden, weisen auf Schros Stil. Die Tafel wurde in der Mainzer Werkstatt um 1516 geschaffen. Die Wappentafel Albrechts am Eingang der Moritzburg scheint mit ihr in Zusammenhang zu stehen.

Legende: Martin war der Sohn eines heidnischen römischen Tribuns. Als Soldat der römischen Reiterei kam er nach Gallien und wurde dort getauft. Er lebte lange Jahre als Einsiedler auf der Insel Gallinaria bei Genua. Nach seiner Rückkehr nach Frankreich wurde er Bischof von Tours und gründete das Kloster Marmoutier. Der Martinskult gelangte mit der Ausdehnung des fränkischen Herrschaftsbereiches bis nach Halberstadt und Heiligenstadt. Wie hier bei uns, wurde Martin bis in das Barockzeitalter als Bischof mit Krummstab künstlerisch wiedergegeben.

Grund für den Wechsel der Stiftskirchen

Eine Bulle vom 13. April 1519 berichtet uns, daß Albrecht die Genehmigung des Papstes erhalten hatte, seine Stiftskirche zu verlegen. Gleichzeitig wurde die Reliquiensammlung Albrechts mit einem Ablaß ausgestattet. Das Reliquienfest sollte am 8. September, dem Sonntag nach Mariä Geburt, gefeiert werden.

Wir wissen nicht genau, aus welchem Grund der Erzbischof seine Stiftskirche verlegen wollte. Angenommen wird aber, daß die Magdalenenkapelle für die Prozessionen der Wallfahrer nicht genügend Platz bot. Die in der Kapelle ausgestellten Reliquien sollten besser geschützt werden. Nicht unwichtig war auch der Wunsch Albrechts, die sich ausweitende Reliquiensammlung in einem prunkvolleren Rahmen zu repräsentieren.

Albrecht wählte als neue Stiftskirche die alte Klosterkirche der Dominikaner südlich der Moritzburg aus. Per Vertrag vom 28. Juni 1520 – und auf heftige Ermahnungen des Papstes an die Klosterbrüder, sich dem Wunsch des EB nicht in den Weg zu stellen – kam Albrecht mit den Dominikanern überein, ihm die Kirche zu überlassen. In einem offiziellen Schreiben vom selben Tag – des Erzbischofs 30. Geburtstag – ernannte er die alte Dominikanerkirche zur Stiftskirche des Hl. Moritz und der Hl. Maria Magdalena. Um den Umbau zu finanzieren, verhandelte Albrecht auch mit dem Rat der Stadt, dem er „erheblichen Einfluß auf die Besetzung der stiftischen Stellen“ (Patronatsrecht) einräumte. Knapp zwei Wochen später (15. 7. 20) prozessierte die gesamte weltliche und klösterliche Geistlichkeit der Stadt von der Moritzburg über die Große Ulrichstraße, den Großen Schlamm und die Kleine Klausstraße zur neuen Stiftskirche.

Entwicklung der politischen und geistlichen Biographie Albrechts bis zum Juli 1520

Bevor wir gemeinsam dem Weg der Prozession folgen, muß ich Sie auf Albrechts politische wie geistliche Karriere zwischen Juli 1514 und Juli 1520 hinweisen. Mit seinem feierlichen Einzug in Mainz im November 1514 war Albrecht der „Metropolit der größten abendländischen Kirchenprovinz“ (Begriff) geworden. Im September 1516 belehnte Kaiser Maximilian den Brandenburger mit dem Mainzer Erzstift; Albrecht hatte damit die „Mainzer Erzkanzlei“ zu führen. Als Reichserzkanzler würde er dem Wormser (1521) und dem Augsburger (1530) Reichstag vorsitzen.

Am 24. März 1518 schlug Papst Leo X. den Mainzer und Magdeburger EB für die Aufnahme in das Kardinalskollegium vor. Im August desselben Jahres nahm Albrecht den Kardinalsmantel und Kardinalshut aus den Händen der päpstlichen Legaten in Augsburg entgegen.

Wir treffen Albrecht gegen Ende Juni 1519 in Frankfurt am Main zur Kaiserwahl wieder. Der französische König Franz hatte, ebenso wie der spanische König Karl, um die Stimmen der Brandenburger Brüder geworben. Der Enkel des bisherigen Kaisers, der am 24.2.1500 im heute belgischen Gent geborene Karl, versprach Albrecht Unterstützung für dessen Bestreben, päpstlicher Legat (Begriff) in Deutschland zu werden. Die vereinbarte Summe von 103.000 Goldgulden war das Wahlgeschenk des neuen Kaisers, nunmehr Karl V., für Albrecht. Der Kölner EB hatte nur 40.000 Goldgulden erhalten.

Albrecht und Luther zwischen Thesenanschlag und Reliquienfest

Albrecht hatte einen hohen Preis zahlen müssen, um seine Bestätigung als Mainzer EB durch den Papst zu erhalten. Ich erwähnte bereits, daß Albrecht beim Augsburger Bankhaus Fugger 29.000 Reichsgulden Schulden aufgenommen hatte. Das Augsburger Bankhaus war gleichzeitig Hausbank des Papstes. So ergab es sich, daß Albrecht Schuldenrückzahlung und Ablaßhandel (Begriff) verbinden konnte. Die Hälfte der eingehenden Gelder aus dem Ablaßverkauf sollten zu Albrechts Schuldentilgung dienen. Papst Leo X. ernannte Albrecht am 31. März 1515 zum Verantwortlichen für den Vertrieb des Ablasses in Norddeutschland.

Sämtliche Urkunden, die die Ablaßprediger bei sich führten, um sich auszuweisen, trugen Albrechts Namen. Jedem, der nicht glaubte, daß ein mit Geld erworbener Ablaßzettel von Sünden befreien konnte, der aber sah, daß andere daran glaubten, stellte sich der Erzbischof als ideale Zielscheibe für Kritik, Spott und Haß dar.

Luther, dem es darum ging, „die Irreführung der Gläubigen durch die Ablaßprediger“ und die kirchliche Hierarchie zu beenden, schrieb am 31. Oktober 1517 einen Brief an Albrecht. Er forderte darin seinen obersten Hirten, dessen Schaf auch er nur sei, auf, die Mißbräuche bei der Verkündigung des Ablasses einzustellen und sich wie ein wahrhafter Bischof zu verhalten. Am gleichen Tag schlug Luther seine 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Schloßkirche. Albrecht erhielt Luthers Brief in Mainz. Anstatt zu antworten, schickte er Brief und Thesen nach Rom. Er hoffte, der Papst „werde also zcur sachen greiffen und thun Das solchem Irsall zceitlich nach gelegenheit und notturft widderstanden“ werde. Da ihm selbst der rauhe Umgangston der Ablaßprediger nicht gefiel und er für Luthers Bitte Verständnis aufbrachte, schrieb er seinen Magdedeburger Räten. Er befahl ihnen, sich mit seinem Subkommissar Johann Tetzel in Verbindung zu setzen. Tetzel solle darauf achten, daß sich die ihm untergeordneten Kommissare in Zukunft „in predigen, wortten, wercken und sunst allenthalben schicklich, zcuchtig, ehrlich und nach erheysschung Ihres standes wol zcu halten“ hätten.

Albrecht hatte keine Verdammung Luthers durch den Papst erwirken wollen. Auch stellte er Luther nicht unter Häresieverdacht. „Lediglich so etwas wie eine Zurechtweisung“ hatte ihm vorgeschwebt. Der päpstliche Hoftheologe und Dominikaner Silvester Mazzolini wollte anderes. Er überprüfte Luthers Thesen und stellte deren ketzerischen Inhalt fest (Zweifel an der Unfehlbarkeit des Papstes). Luther wurde im Oktober 1518 unter kurfürstlicher Protektion im Augsburger Fuggerhaus verhört, widerrief nicht und floh am 16. zu Pferde.

Vor der Prozession zur neuen halleschen Stiftskirche am 15. Juli 1520 erhielt Albrecht am 4. Februar 1520 nochmals einen Brief vom Wittenberger Reformator. Luther bat Albrecht, seine Schriften zu lesen und fügte hinzu, daß der Kardinal bei ihm in hohem Ansehen stehe. Albrecht kritisierte in seiner Antwort vom 26. Februar 1520 die öffentliche Auseinandersetzung über die Gewalt des Papstes und über Fragen, die die Konzilien längst entschieden hätten. Gegen einen freundschaftlichen Disput zwischen Gelehrten untereinander habe er hingegen nichts einzuwenden. Luther reagierte verärgert auf des Erzbischofs Antwort. Am 15. Juni ergeht gegen Luther die Bannandrohungsbulle (Begriff), die er am 10. Oktober in Wittenberg erhält.

2. Grünewald-Denkmal

3. Dom

3.1 Domplatz

Bedeutung des Doms für die Renaissancearchitektur Mitteldeutschlands

Baugeschichte

Als die Prozession der weltlichen und klösterlichen Geistlichkeit der Stadt am 15. Juli 1520 hier ankam, hatte sich an der äußeren Gestalt der alten Dominikanerkirche noch nichts geändert (Vergleich mit St. Ulrich). Erst im März war der leitende Architekt der Umbauten, Bastian Binder, bestellt worden. Vor seiner Berufung nach Halle hatte er die Westfassade des Magdeburger Domes erneuert. Es war sein Sohn, Ludwig Binder, der 1530-33 den noch heute erhaltenen Westflügel des Dessauer Schlosses (sog. Johannbau) erbaute.

Wir haben zwei schriftliche Nachrichten über die Umbauarbeiten an der Stiftskirche. Im September 1520 übersandten Räte dem Kurfürsten einen Baubericht des Giebichensteiner Hauptmannes, Sigismund von Brandenstein. Der Bericht selbst ist nicht erhalten. Dem Schreiben der Räte ist nur zu entnehmen, daß Brandenstein seinen Herrn informierte, „wie es sich mit dem gebeude und glockengießen heldt“. In einem Brief vom 17. Juni 1524 schrieb der Bauschreiber und Verwalter der erzbischöflichen Baukasse, Conrad Fogelsberger, daß die Rundbogengiebel jetzt aufgemauert werden.

Kunstgeschichte

Woher nahm Bastian Binder das Vorbild für die Rundbogengiebel? In den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts nahm man an, daß Binder nach einer vorgegebenen Skizze gearbeitet habe. Diese Skizze habe sich Kardinal Albrecht von einem „fremden, vielleicht italienischen Künstler möglicherweise unmittelbar aus Venedig“ beschafft. Dreißig Jahre später wurde vermutet, daß das Rundbogenmotiv als Vorbild die im Heiltumsschatz befindlichen Reliquiare gehabt haben könnte. Die Bogen wurden mit den „enggereihten Gliedern eines Diadems“ verglichen. Der Dom als riesenhaft vergrößerter Reliquienbehälter, sozusagen „als riesiges Reliquiar.“

Wie haben wir den Umbau der Dominikanerkirche kunsthistorisch zu bewerten? Die halleschen Rundgiebel sind „die frühesten in der deutschen Architektur überhaupt“ , der Giebelkranz ist „in weitem geographischen Umkreis“ der „erste Frührenaissancebau“ gewesen. Er gilt als maßgebender Bau für die Entwicklung der Baukunst in Mittel- und Norddeutschland bis nach der Jahrhundertmitte. Zeitgleich mit Abschluß der halleschen Umbauten begann der Baumeister Jörg Unkair den Schloßbau Neuhaus bei Paderborn.

Architektur als geistige Waffe?

Es ist nicht eindeutig zu klären, ob Albrecht italianisierende Bauformen einzig und allein deshalb an der alten Dominikanerkirche anbrachte, weil es seinem Bedürfnis nach „glanzvoller Repräsentation“ entsprach. Warum hätte der Erzbischof nicht auch den „römisch-päpstlichen Machtanspruch im Zentrum der beginnenden Reformation“ zum Ausdruck bringen wollen? Krause behauptete, daß protestantische wie katholische Fürsten in der Rezeption der Renaissanceformen „einig“ waren. Im Inhalt des figürlichen Schmucks jedoch habe sich die konfessionelle Differenz gezeigt. Als Beweis dafür führte Krause das („protestantische“) Schloß Hartenfels in Torgau und den („katholischen“) Georgen-Bau in Dresden an. Hier war – nach Krause – tatsächlich nur im „Inhalt des figürlichen Schmucks“ die unterschiedliche Konfession der Bauherren zu erkennen. Beide Bauten bedienten sich gleichermaßen des Formengutes der Renaissance.

Allerdings entstammen beide Bauten den 30er Jahren des 16. Jahrhunderts; der hallesche Rundbogengiebelkranz wurde bereits zwischen 1520 und 1525 erbaut. Um Krauses These zu festigen, müßten also aus dieser Zeit Beispiele für protestantische (Kirchen-) Bauten gefunden werden. (Die Schloßkapelle Allerheiligen in Wittenberg wurde 1496-1506 von Conrad Pflüger als Residenzkirche wie Stiftskirche erbaut. Sie ist in spätgotischen Formen gehalten. Die Kapelle des Schlosses Hartenfels stammt erst aus den Jahren 1543-44. Sie wurde von Nickel Gromann erbaut. )

3.2 Im Dom

Volksfrömmigkeit und Reliquienkult

Ich hatte Ihnen bereits in der Magdalenenkapelle einen möglichen Grund für Albrechts Wunsch, eine neue Stiftskirche zu installieren, genannt. Prozessionen drohten die Sicherheit der Burg, aber auch die in der Kapelle ausgestellten Reliquien zu gefährden. Warum gab es im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts Prozessionen? Was erhofften sich die Gläubigen von der Teilnahme an Reliquienzeigungen? (Begriff Reliquie) „Heilssehnsucht“ und „Heilsunsicherheit“ der Massen führten dazu, daß die Menschen versuchten, „sich eine Garantie für das Heil zu erzwingen.“ Kardinal Albrecht hatte bereits in der „Instructio summaria“ als erste Gnade „die vollkommene Vergebung aller Sünden“ angekündigt. Die Kirche bot dem Gläubigen einen Ausweg aus Heilssehnsucht und Heilsunsicherheit. Dieser Ausweg wurde von Luther radikal in Frage gestellt.

Prozessionen dienten in zweiter Linie der Repräsentation eines Gemeinwesens. Albrecht Dürer hatte am 19. August 1520 die Prozession anläßlich Mariä Himmelfahrt in Antwerpen gesehen. Er war begeistert. Hinter den Handwerkern waren die Domherren der Liebfrauenkirche „mit aller Priesterschaft, Schülern und Köstlichkeit“ aufgezogen. 20 Personen trugen eine Statue der „Jungfrau Maria mit dem Herren Jesu.“ Auf Wagen und rollenden Schiffsnachbauten wurden die Statuen der Propheten und der Heiligen Drei Könige „auf großen Kameltieren und anderen seltsamen Wundern reitend“ einhergefahren. Zwischen den „gar artig zugerichteten“ Kunstwerken ritten „Knaben und Mägdlein“ aus Fleisch und Blut.

(Offene Fragen: Wie häufig wurden der frommen Öffentlichkeit die Reliquien bis zum 15.7.1520 gezeigt? Gab es Änderungen in Reaktion auf Luthers Thesenanschlag?)

Reaktion Luthers auf die Zeigung der Reliquien

Das Reliquienfest wurde zum ersten Mal am 9. September 1520 gefeiert. Das Wetter war schlecht. Es hatte tagelang geregnet und gestürmt. Anfangs war der Tag dunkel und die Luft „dick“. Im Laufe des Tages besserte sich das Wetter. Die Prozession führte von der Moritzburg über den Neumarkt zum Ulrichstor. Üblich – wie bereits im Juli 1520 geschehen – wäre der Marsch durch „die geschlinge auff Sankt Ulrichskirchhof“ gewesen. Der Regen hatte den Boden des Kirchhofs aber dermaßen aufgeweicht, daß eine schickliche und bequeme Passage den Räten Albrechts nicht annehmbar erschien. Durch das Stadttor zog man ein und ging die Ulrichsstraße unter Gesängen und vielfachen Unterbrechungen bis zum Marktplatz hinab.

Der Kurfürst hatte an der Prozession nicht teilgenommen; wahrscheinlich bereitete er sich auf die Krönung Karls V zum „römischen Kaiser“ in Aachen vor. Als seine Vertreter nahmen kurfürstliche Räte teil, die sich Bischof Heinrich von Acon, Suffragan von Halberstadt, und Graf Wolf von Schönburg-Glauchau, einem Freund Albrechts, anschlossen. Bischof und Graf trugen das „hochwürdig Sakrament“. Von außerhalb waren viele „fromme“ Leute gekommen, um die Prozession zu sehen und sich den Ablaß zu „vordienen“. Hallenser standen in ihren Hauseingängen oder schauten der Prozession aus den Fenstern zu.

Einen Monat später erhielt Luther in Wittenberg die Bannandrohungsbulle. Nach der Krönung Karls zum „römischen Kaiser“ kaufte Dürer in Köln eine Schrift Luthers und eine Gegenschrift, eine „Kondemnation“ des Wittenbergers. Am 10.12.1520 verbrannten Studenten Bücher scholastischer Autoren vor dem Wittenberger Elstertor. Luther nahm an der Verbrennung aktiv teil. Die Bannandrohungsbulle „Exsurge Domine“ und Schriften des päpstlichen Kirchenrechts wanderten in das Feuer. Damit, so Oberman, wollte Luther eine „furchtbare Entdeckung“ illustrieren. Er meinte erkannt zu haben, daß der Papst die Kirche in die babylonische Gefangenschaft geführt habe. Die Endzeit der Apokalypse sei nunmehr angebrochen. Das neue Jahr brachte die Bannung Luthers. Belgrad wurde von den Türken erobert. Zur gleichen Zeit und als Folge des Banns wurden in Mainz die Schriften Luthers verbrannt. Über den Vermittler Nikolaus Demut, Propst des halleschen Stiftes Neuwerk, bat Luther den Kardinal um Schonung. Albrecht solle ihn und seine Schrift „zufrieden lassen, dieweil noch nichts wider mich unrechts erkant ist.“

Mitte April 1521 wurde Luther auf dem Wormser Reichstag die „Teufelsfrage“ gestellt: „Bist Du allein weise, gegen so viele Jahrhunderte – gegen die Heilige Kirche, gegen die Konzilien, Dekrete, Gesetze und Zeremonien, wie sie unsere Vorfahren und alle um uns herum bis auf den heutigen Tag gehalten haben?“ Luther sah in der wiederholten Verweigerung des Widerrufs einen Dienst am Gemeinwohl. Streitigkeiten, wie sie zwischen ihm und dem Papst beständen, sollten nicht zur Ruhe gebracht werden, „wenn wir das unter Verdammung des Wortes Gottes anfangen.“

Im Mai unterzeichnete der Kaiser die Achterklärung. Er gebot seinen Untertanen, Luther nicht in ihr Haus aufzunehmen, ihn nicht bei Hofe zu empfangen, ihm weder Essen noch Trank zu geben, ihn nicht zu verstecken und „ihm nicht mit Worten oder Werken heimlich noch öffentlich irgendeine Hilfe, Anhängerschaft, Beistand oder Vorschub“ zu erweisen. Luther wurde auf der Rückreise nach Wittenberg bei Eisenach im Auftrag seines Landesherren in Schutzhaft genommen. Unter den Zeitgenossen verbreitete sich die Nachricht, Luther sei ermordet worden. Dürer erfuhr in Antwerpen schon nach 13 Tagen von dem Ereignis: „Und lebt er noch oder haben sie ihn gemördert, das ich nit weiß, so hat er das gelitten um der christlichen Wahrheit willen und um daß er gestraft hat das unchristliche Papsttum...“ Dürer bedauerte, daß mit Luther der wichtigste Interpret eines eindeutigen Evangeliums verschwunden sein könnte. Luther blieb bis zum 1. März 1522 auf der Wartburg.

Im Herbst 1521 wurde in Halle, wie im Vorjahr, das Reliquienfest gefeiert. Am 8. September ließ Albrecht die wertvollen Kunstschätze samt heiligem Inhalt von der Kapelle in die im Inneren bereits weitgehend hergerichtete Stiftskirche übertragen. Im Vorfeld des Festes hatte der Kardinal eine päpstliche Bulle veröffentlichen lassen. Den Besuchern der Reliquien in der Stiftskirche wurde darin Ablaß für ihre Sünden gewährt. Da im Anschluß an das Reliquienfest das Schützenfest des Rats am 16. September begangen wurde, sah die Stadt in jenen Herbsttagen viel Volk aber auch angesehene Bürgerschaft und adlige Herren.

Luther, der vom Reliquienfest und einer erneuten Ausgabe des Ablaß gehört hatte, zürnte Albrecht. Anfang Oktober schrieb Luther dem am kursächsischen Hof ansässigen Georg Spalatin. Er habe vor, den Kardinal in einer Schrift `Wider den Abgott zu Halle´ wegen seines „Hurenhauses“ öffentlich anzuklagen. Der Kardinal (so Luther im Brief an Albrecht vom 1. Dezember 1521) solle nur nicht glauben, daß er tot sei. Er, Luther, werde „auf den Gott, der den Papst demütiget hat, so frei und fröhlich pochen, und ein Spiel mit dem Cardinal von Mainz anfahen, deß sich nicht viel versehen.“ Werde der Ablaßhandel nicht eingestellt, müsse er seine Schrift veröffentlichen.

Der Kardinal hatte bereits Ende September seinen Kanzler Capito und seinen Leibarzt Stromer nach Kursachsen geschickt, um die Veröffentlichung der Schrift zu verhindern. Am 21. Dezember antwortete Albrecht: Trotz der Reichsacht, trotz des Gebots, Luther „nicht mit Worten oder Werken heimlich noch öffentlich irgendeine Hilfe, Anhängerschaft, Beistand oder Vorschub“ zu erweisen, schrieb der einflußreichste Vertreter des Papstes in Deutschland den Reformator mit den Worten „Lieber Herr Doktor“ an. Er habe dessen Brief erhalten, könne aber nur feststellen, daß die „Ursach (...) längst abgestellt“ sei. Albrecht bekannte sich als der Gnade Gottes bedürftig und als „armer sündiger Mensch“.

Die angekündigte Schrift wurde nicht veröffentlicht. Einerseits hatte Friedrich der Weise den Druck verboten. Andererseits hatte Albrecht dem Lutherschen Ultimatum nachgegeben. Ablaßhandel und die ebenfalls kritisierte Verfolgung verheirateter Priester wurden eingestellt.

Ein 1862 von Eduard Böhmer herausgegebenes Pamphlet, das Hallische Trutz Rom, weist teils wortwörtliche Übereinstimmung mit Luthers Schreiben an Albrecht vom 1.12.1521 auf. Vielleicht handelt es sich um eine Kopie der von Luther angekündigten Schrift „Wider den Abgott zu Halle“. Wenn diese These stimmt, kann dem Pamphlet entnommen werden, wie ausgesprochen treffsicher Luther die Beschwerden der weltlichen Stände gegenüber den geistlichen Ständen zu Wort kommen ließ. Luther wandte den Spalt zwischen göttlichem Gebot und tatsächlichem Verhalten mit aller Wucht gegen die halleschen Stiftsherren:

„Oh Gott, du sprichst, daß du Geld und sinnliche Opfer nit willt haben! und die Pfaffen zu Hall kehren allen Fleiß dahin daß sie unser Geld, Kühe, Ochsen, Hühner, Äcker, Wiesen, und zuletzt alle Habe, Haus und Hof, den Beutel mit dem Gürtel von unsern Seiten, abschwatzen.“ Die Stiftsherren seien „kecke Geldzwacker“ . „Geld ist eure Losung!“ Luther wußte, daß die Adressaten seines Schreibens nicht zu den Ärmsten gehörten. Er empfahl, das redlich verdiente Geld anderen zukommen zu lassen: „Unser Geld werden wir besser und an die Personen legen die Christus zeiget.“ Überlegt man sich, daß selbst ein Intellektueller wie Dürer in Luther einen „frommen, mit dem heiligen Geist erleuchteten Mann“, einen „Nachfolger Christi und des wahren christlichen Glaubens“ sah, wird klar, wem zukünftig die Gelder der Gläubigen zukommen sollten.

Das Pamphlet erwähnt auch die Neue Stiftskirche. Die prächtigen Umhüllungen der Reliquien kontrastierte Luther mit der Art und Weise, in der die Stiftsherren mit der Verkündigung der Frohen Botschaft umgingen. Der Dekan vergehe sich an den leiblichen Überresten der Heiligen, indem er sie zwar in „gülden und silbern Särge oder Kasten“ fasse: „Aber das heilige Evangelium (...) stoßen Deine Lokaten unter die Bank, und mügen ihm nicht wohl ein Schweineleder lassen überziehen.“ Zusammengefaßt: Die toten Gebeine, die nicht mehr sprechen können, werden mit Gold und Silber geehrt, aber die Frohe Botschaft, die durch Luthers Lehre dem „Teufel“ (= Papst) entgegenarbeite, werde mit Füßen getreten.

3.3 Ausstattung

Der damalige sachsen-anhaltische Landeskonservator und spätere
Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums (58-62) Ludwig Grote
urteilte 1930 über die ursprüngliche Raumausstattung der Stiftskirche zur Zeit
Albrechts: „Wir müssen es uns erst im Geiste zusammentragen, und auf die Altäre gestellt denken, um eine lebendige Vorstellung von dem Ausmasse des Mäzenatentums Albrecht von Brandenburgs zu erlangen.“

Stiftskirche, Grablege und „Vorburg des Gesamthauses Hohenzollern“

Stiftskirche

Was unterscheidet eine Stiftskirche von einem Kloster? Im Kloster sind, jedenfalls bei Einhaltung des klösterlichen Armutsideals, die „Umweltbeziehungen“ eingeengt. Die Stiftskirche ist dagegen als ein „Verdichtungspunkt“ für soziale Beziehungen zu sehen.

Die hallesche Stiftskirche wurde auf Initiative des Bischofs gegründet. Zur Finanzierung des Umbaus und der Ausstattung mußte Albrecht jedoch in Verhandlungen mit dem Rat der Stadt treten. Der Rat erreichte, daß 16 Vikarsstellen nach und nach mit Stadtkindern besetzt werden konnten. Die hallesche Stiftskirche war an einem besonders wichtigen und ausgesetzten Punkt der Diözese gelegen. Hier in Halle sollte ein neues Zentrum der Gottesverehrung zum Nutzen des Interesses Albrechts entstehen.

Wie kann man sich das Leben im Stift vorstellen? Ein von Albrecht herausgegebenes Breviarum, sozusagen eine „Gebrauchsordnung“ für das Stift aus dem Jahr 1532 hilft uns, etwas vom damaligen Alltag zu begreifen.

Die Stiftspersonen wurden angehalten, sich einfach zu kleiden und keinen Schmuck zu tragen. Sie sollten außerhalb des Stiftsgeländes nur in Begleitung eines Dieners auftreten. Frauen durften weder mit in das Stift gebracht noch darf ihnen „beigewohnt“ werden. Bei Mißachtung der letzten Regel drohte den Stiftsherren Kerkerhaft. Auch die Gottesdienste wurden nach Anweisungen Albrechts geordnet. Die Stiftsherren, so das Brevarium, „dürfen (...) nicht schläfrig in den Chorstühlen lehnen, nicht schwatzen oder privatim beten“. Während des Officiums (Begriff) wurde den Stiftsangehörigen verboten, auf dem „Kirchhofe umherzuschweifen oder sich mit Laien, besonders Frauen, zu unterhalten“.

Warum hatte Albrecht diese scharfen Regeln aufgestellt? Der Kardinal wußte, daß damals in vielen Stiften die Stiftsherren dem „Müßiggange und den Weibern“ verfallen waren. Die Mainzer Domkapitelsprotokolle klagten sein Jahrzehnten über den „schlechten Besuch und den mangelhaften Vollzug der Gottesdienste, über Trinkgelage und Gewalttaten der Kanoniker“.

1526 machte Albrecht seinem Suffraganbischof Adolf von Merseburg einen wesentlichen Grund für die angeschlagene Lage des geistlichen Stands klar: Die Kleriker hätten sich in ihrem „Handel und Wandel“ nicht an das gemeine Recht und die gemeine Verfassung gehalten. Sie hätten gemeines Recht und gemeine Verfassung übertreten und ihre Privilegien mißbraucht. Nur eine Reformation der Kirche könnte erreichen, daß der geistliche Stand wieder guter Lehrmeister und Vorbild des gemeinen Mannes werde. Ausgehend von Halle, als besonders wichtigem und ausgesetztem Punkt der Diözese, wollte Albrecht die katholische Reformation im Erzstift Magdeburg vorantreiben. Deshalb mußten an die Stiftsangehörigen besonders scharfe Anforderungen gerichtet werden. (Das hallesche Neue Stift wurde übrigens „Vorbild“ des Kollegiatstifts in Berlin-Cölln. )

Grablege

Albrecht entschied sich spätestens 1525, der Stiftskirche auch die Funktion seiner Grablege zukommen zu lassen. In diesem Jahr wurde in Nürnberg von Peter Vischer d.J. das ganzfigurige Grabmal des Kardinals gegossen. Vermutlich hatte Albrecht das Epitaph 1522/23 während des Nürnberger Reichstages bestellt. 1530 wurde das Grabmal durch ein von Hans Vischer gegossenes Bronzerelief einer Madonna mit Kind ergänzt. 1536 schließlich vollendete Albrecht die Grablege durch einen Bronzebaldachin aus der Vischer-Werkstatt, der von vier Pfeilern getragen wird.

Aus Magdeburg kannte er bereits eine wichtige Arbeit der Vischer-Werkstatt, nämlich die seit 1495 in der Vorhalle des Magdeburger Domes aufgestellte Grabplatte Bischof Ernst von Sachsens. Das ca. 1490 gegossene Epitaph Bischof Thilo von Trothas im Merseburger Dom, Peter Vischer d.Ä. zugeschrieben, befand sich ebenfalls im „Einzugsbereich“ Albrechts.

Obwohl ein bauarchäologischer Befund aussteht, können wir davon ausgehen, daß beide Bronzetafeln und der Baldachin im Chor der Stiftskirche gestanden haben. Die Grablege wurde1541 nach Aschaffenburg gebracht, wo sie heute in der dortigen Stiftskirche zu sehen ist.

Das „umfassende Programm des Totengedächtnisses“ folgte den „ganz persönlichen Wünschen und Vorstellungen des Kardinals“. Bildliche Darstellung und die Friesinschrift des Baldachins zeigen, daß die „Fürbitte für den der Rettung bedürftigen Menschen nach seinem Tod das entscheidende Anliegen“ der gesamten Grabanlage ist (s.u. Pfeilerstatuen, These 2). Wir können daraus schließen, daß Albrecht sich selbst als einen der Rettung bedürftigen Menschen ansah. Schon 1521 hatte sich Albrecht Luther gegenüber als „armer sündiger Mensch“ bekannt, der der Gnade Gottes bedürfe.

(Vorburg des Gesamthauses Hohenzollern)

Bevor ich Ihnen eine Vorstellung der Stiftskirche in Funktion (Gedicht Georgius Sabinus) gebe, möchte ich Ihnen den „ursprünglichen räumlichen Kontext“ erklären. Ich beginne mit den noch vorhandenen Gegenständen in der Reihenfolge ihrer zeitlichen Entstehung. Weihetafeln, Pfeilerplastiken und Chorgestühl wurden nach 1541 in der Kirche belassen. Gemälde, Teppiche und Teile des Heiltums, für den Transport besser geeignet, wurden nach Aschaffenburg „überführt“.

Weihetafeln

Die große Weihetafel, die vermutlich das präzise Weihedatum (24.8.1523)
wiedergibt, zeigt die Patrone der Stiftskirche, Mauritius und Magdalena. Beide umfassen das Staatswappen des Kardinals. Links neben der Schrifttafel können wir den Heiligen Erasmus, rechts die Hl. Ursula erkennen. Wir haben in der Weihetafel ein weiteres Werk Peters Schros vor uns. Lühmann-Schmid sah in der großen Weihetafel eine Weiterentwicklung der uns bereits bekannten Tafel aus der Magdalenenkapelle. Die Hll. Mauritius und Magdalena können als Vorstufe der freiplastischen Werke derselben Heiligen angesehen werden. In der Erweiterung der Schutzheiligen des Stifts um die Hl. Ursula 1524 könnte man den Grund für die Anfertigung einer zweiten Weihetafel sehen.

Pfleilerstatuen

An den gotischen Achteckpfeilern sehen wir in Emporenhöhe von Ost nach West die Statuen Christi, seiner 12 Jünger und Paulus´, der „wegen seiner visionären Berufung auch zu den Aposteln“ gezählt wird. Am letzten Pfeilerpaar befinden sich die Statuen der Stiftspatrone, Mauritius und Magdalena. An der Westwand, am südlichen Halbpfeiler wurde die Skulptur Erasmus´ angebracht. Die jüngste Patronin des Stifts, die Hl. Ursula, ist nicht durch eine eigene Großskulptur vertreten.

Über die Köpfe der Apostel und Patrone ragen Turmbaldachine auf, in denen die 14 Nothelfer und die sie anführende Madonna stehen.

Der Meister der Halleschen Domfiguren ist wieder der aus der Mainzer Backoffen-Schule stammende Peter Schro. Er hat „psychologisch ausgedeutete Menschentypen“, „unverwechselbare Persönlichkeiten“ geschaffen. Aus eigener Hand stammen die Figuren des Salvator mundi, Petrus, Paulus, Andreas, Johannes, Jacobus maior, Bartholomäus, Jacobus minor und der drei Kirchenpatrone. Zeitlich sind die Figuren zwischen 1522/23 und 1524 einzuordnen. Sie wurden in der Mainzer Werkstatt gehauen und per Schiff und Wagen nach Halle gebracht.

Die Qualität der Arbeiten, aber auch ihre langjährige Vernachlässigung wurde in der Kunstgeschichte oft angemerkt. 1882 bemerkte Wolters, daß eine „Publikation derselben (...) einen schätzbaren Beitrag zur Geschichte der deutschen Renaissance bilden“ würde. Noch 1955 mußte Kähler darauf hinweisen, daß „diese großartigen Bildwerke der weiteren Öffentlichkeit in einer ihrem Gegenstand angemessenen Publikation zugänglich zu machen“ seien. Bis heute gibt es keine Publikation, die die Plastiken in Wort und Bild dem wissenschaftlich wie kulturell Interessierten näher bringt.

Redlich ordnete die Statuen „zweifellos“ dem Besten zu, „was die deutsche Plastik jener Zeit geleistet hat.“ Grote sah in den Figuren ein „rauschendes Finale der mittelalterlichen Steinmetztradition“. Lühmann-Schmid nannte die Apostel- und Nothelfer-Reihe „ein zu den tief- und hintergründigsten großplastischen Arbeiten der Zeit zählendes Kunstwerk“ ; die Figuren seien die „reifste Hinterlassenschaft“ Peters Schros.

Wie ist das Figurenprogramm zu deuten?
Warum bediente sich Albrecht der großplastischen Darstellung der Apostel?

Um diese Fragen zu beantworten, bedarf es der Erklärung des Begriffs „Apostel“. Die Apostel sind die zwölf Jünger Jesu. Sie wurden von ihm selbst aus der großen Zahl seiner Anhänger ausgesucht. Sie waren nach der Kreuzigung die Verkünder der frohen Botschaft der Auferweckung Jesu . Sie verkündeten, „daß durch seinen Namen alle, die an ihn (Jesus, N.B.) glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen.“ Die Apostel heilten Gelähmte und erweckten Tote. Die vier Evangelien, die einundzwanzig Apostelbriefe und die Apostelgeschichte des NT schildern ihr Wirken.

These 1:

Die Auftragsvergabe und Anbringung der Apostel ist im Sinne einer Auseinandersetzung Albrechts mit der von Luther initiierten Reformation zu sehen. Albrecht wäre damit Luther, der die unverfälschte Predigt des Evangeliums forderte, symbolisch entgegengekommen, ohne vom eigenen kirchenreformerischen Standpunkt abweichen zu müssen.

Eine bildhauerische Quelle bestärkt diese Deutung. Auf dem linken Mantelärmel der Paulus-Skulptur zitierte der Meister aus dem griechischen Text des NT . Der Text lautet auf deutsch: „allen bin ich alles geworden“ (1. Kor. 9, 22). Im neunten Kapitel des Korintherbriefs erklärt der Apostel Paulus sein Selbstverständnis. Er predige das Evangelium nicht aus freiem Willen, er müsse es tun. Er habe sich den Gebräuchen der Juden anpassen müssen, um sie für das Evangelium zu gewinnen. Ebenfalls habe er sich andernorts als Heide ausgeben müssen, um die Heiden für das Evangelium zu begeistern. Unter den Schwachen sei er als Schwacher aufgetreten, um auch sie zu gewinnen.

Woher kannte Peter Schro den griechischen Text? 1516 hatte Erasmus Desiderius, genannt Erasmus von Rotterdam, den griechischen Text des Neuen Testaments herausgebracht. In einer Anmerkung zu 1. Thess. 2, 7 lobte Erasmus ausführlich das Mäzenatentum des 26jährigen Erzbischof und Kurfürsten. Wie kam es dazu? Ulrich von Hutten (den wir aus Albrechts Frankfurter Zeit bereits kennen) war 1514 in Mainz und 1515 in Frankfurt mit Erasmus zusammengekommen. Hier informierte er Erasmus über Albrechts Kunstförderung. Der Erzbischof schrieb 1517 einen eigenhändigen Brief an den Humanisten. Er wünschte als ranghöchster Bischof in Deutschland den Mann zu fördern, der in ganz Europa „im Bereich der Bildung den ersten Platz einnehme.“ Anhand schriftlicher Quellen lassen sich bis zum Juni 1523 Kontakte zwischen Albrecht und Erasmus feststellen.

Sehr vorsichtig möchte ich behaupten, daß die von Schro zugefügte Inschrift nicht im Widerspruch zu Albrechts persönlicher Auffassung vom Bischofsamt steht. Er soll (wie es in einem Brief Capitos angedeutet wird) weder Mühen noch Kosten gescheut haben, um „die Seelen der Einfältigen zum wahren Gottesdienst“ einzuladen. Mit den großplastischen Aposteln hat er sich, so meine These, der Heilssehnsucht des Volkes angepaßt, um es für seine Interpretation des Evangeliums zu gewinnen. Luthers Ausfälle richteten sich also gegen einen „einfallsreichen“ Gegner, der „auch mit den Mitteln der Kunst, seine Position zu halten trachtete.“

These 2:

An den Gewandsäumen der Figuren findet sich jeweils die lateinische Bezeichnung des Apostels. Nur die Sauminschrift des Apostels Matthäus trägt die ausführlichere Inschrift „S. MATHEUS APOSTOLUS ORA PRO NOBIS.“ Legt man diesen Wunsch nach Fürbitte auf alle Apostel um, entsteht aus den steinernen Inschriften ein Text. In diesem Text kann man eine Litanei, also eine mittelalterliche Form des Buß- und Bittgebetes zu Christus, den Engeln, Maria und den Aposteln, erkennen. Wenn diese Interpretation stimmt, dürfen wir in der Apostelreihe Albrechts „ungebrochenes Zutrauen in die Fürbitte der Heiligen“ sehen.

Kanzel

Bildhauer Ulrich Creutz als Meister?

Der Bildhauer Ulrich Creutz gilt als der Meister der Kanzel der Stiftskirche. Zwischen 1514 und 1525 soll Creutz das Sakramentshaus der Georgskirche in Nördlingen gefertigt haben. Der Meister tauchte nach 1517 im nordböhmischen Kaaden auf, wo er die Grabtumba des Johann Lobkowitz von Hassenstein mit seinem Steinmetzzeichen signierte. Im selben Jahr entstand im Auftrag Bischof Günther von Bünaus der Merseburger Kunigundenaltar und wenig später das marmorne Epitaph des Auftraggebers an der Südwand der Vorhalle des Merseburger Doms. Der Kanzel der Stiftskirche wurde das Datum 1526 eingemeißelt.

Bildprogramm

Das Schriftband zwischen Kanzelkorb und Kanzelkonsole sowie am Treppenaufgang erläutert das Bildprogramm: „Das ganze Wort Gottes ist feurig, ein Schild denen, die darauf hoffen; füge nichts seinen Worten hinzu, damit du nicht des Irrtums überführt und als Lügner erfunden werdest.“ (AT, Sprüche Salomos, Kleine Spruchsammlungen 30,5) Wer war der Adressat des Textes? Es konnte sich nur um diejenigen handeln, die des Lateinischen mächtig waren. Des Lateinischen mächtig waren die Stiftsherren, darunter auch der Stiftsprediger.

Für Albrecht konnte der Hinweis auf das „ganze Wort“ nur bedeuten, daß altes und neues Gesetz gemeinsam gelesen und gepredigt werden sollten. 1526, also im Jahr der Fertigstellung der Kanzel, hatte der Stiftsprediger Winkler Veränderungen im Gottesdienst durchgeführt, die auf eine offene lutherische Predigt hinausliefen. Winkler wurde von Albrecht 1527 deshalb in Aschaffenburg gerügt. Auf dem Rückweg nach Halle fand der Stiftsprediger den gewaltsamen Tod.

An der Kanzelkonsole können wir von links nach rechts in Halbfiguren Moses und die vier Evangelisten erkennen. Moses, nach dem die fünf Geschichts-bücher des AT (Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri und Deuteronomium) benannt wurden, wird neben Johannes gezeigt. Das Evangelium des Johannes beginnt mit einem Verweis auf den „Anfang“, der im „Wort“ gelegen habe. Die ungewöhnliche Anordnung des Anführers und Gesetzgebers des jüdischen Volkes neben dem einzigen Jünger, der die Kreuzigung Christi erlebte, gibt zu denken. Werden Moses und Johannes als historische Personen, als authentische Zeugen biblischer Geschichte dargestellt? Nein, denn dann könnte man eine szenische Darstellung erwarten. Gemeinsam ist beiden, wie auch den drei anderen Evangelisten, daß sie auf Bücher verweisen. Lukas und Matthäus beantworten die Frage des Gläubigen nach den Wurzeln christlicher Wahrheit autoritativ, per „Fingerzeig“: In den Büchern Mose und den Evangelien kann nachgelesen werden, worin das tragende Fundament christlichen Glaubens beruht.

Sigrid von der Gönna hat auf die „große Bedeutung“ hingewiesen, die für Albrecht der Umgang mit Büchern hatte. Im Zusammenhang mit der geplanten Universitätsgründung wäre es m.E. nicht undenkbar, daß die Kanzel und ihr Schrift- wie Bildprogramm auf eine künftige „Universitätskirche“ zugeschnitten wurden. Adressaten des Schrift- und Bildprogrammes hätten demzufolge „Studenten“ sein sollen.

Über den Fundatoren, am Kanzelkorb, sehen wir die Figuren von Judas Thaddäus, Johannes (wie unten), Jakobus, Paulus und Petrus. Es sind fünf der uns bereits bekannten Apostel aus dem Pfeilerskulpturenzyklus.

Einen weiteren Hinweis auf den Aufstellungsort der Kanzel als „Kirche der Lesenden und Lernenden“ geben die ganzfigurigen Reliefs der Kirchenväter am Treppenaufgang. Kirchenväter und Evangelisten wurden bereits seit dem 8. Jahrhundert künstlerisch zueinander in Beziehung gesetzt. Auch die Kanzel des Freiberger Doms von Hans Witten (1508/10) analogisiert Kirchenväter und Evangelisten. Am oberen Ende finden wir die Darstellung des Hl. Papstes Gregor.

Legende: Gregor, Sohn einer römischen Senatorenfamilie gründete im elterlichen Palast das Benediktinerkloster St. Andreas (Monte Celio). 590 zum Papst geweiht, ordnete er die Verwaltung der päpstlichen Ländereien und festigte damit entscheidend die politische Machtstellung des Papsttums. Er wurde bekannt durch seine Schriften (Regula pastoralis, Homilien, Heiligenleben), die Reform von Kirchenmusik und Messe.

Ein Blick auf Albrechts verwaltungsmäßige Tätigkeit im bannus hallensis zeigt deutliche Parallelen zu Gregors römischer Festigung der Papstkirche. Hertzberg schreibt, daß Albrecht durch den Abriß und die Aufgabe von Klöstern „den kühnsten der Anhänger der kirchlichen Reform auch als rücksichtsloser Zerstörer mit jugendlichem Ungestüm weit voran“ gegangen sei. Sein Plan, die „uralte Hauptburg des Hallischen Katholizismus, das stolze Neuwerk“ abzureißen, sei in Halle erstaunt aufgenommen worden. In Bezug auf den Neubau der Marktkirche wertete Hertzberg Albrechts Handeln als „das großartige Werk der Zerstörung uralter Heiligtümer.“ Albrecht habe den Katholizismus durch die „Zertrümmerung des alten kirchlichen Systems“ entwurzelt. Gregor könnte für Albrecht ein Vorbild als Verwaltungsreformer gewesen sein.

Weiterhin führte Albrecht mit dem 1537 in Leipzig gedruckten Kirchengesangbuch „Ein New Gesangbüchlien Geistlicher Lieder“ den deutschen ´katholischen´ Kirchengesang ein. Melanchthons Schwiegersohn, Georg Sabinus, schrieb in einem Lobgedicht, daß in der Stiftskirche ein „rastlos wechselnder Chor“ fromm gesungen habe. Gregor könnte für Albrecht also auch ein Vorbild als Reformer der Kirchenmusik gewesen sein.

Albrecht selbst ist als Schriftsteller nicht hervorgetreten. Er bemühte sich jedoch, Erasmus von Rotterdam, den bekanntesten Humanisten seiner Zeit zu bewegen, Lebensbeschreibungen wichtiger Heiliger zu verfassen. Auch hierin, in der zeitgemäßen „Neufassung“ von Heiligenleben, könnte Gregor Albrecht als Vorbild gedient haben.

Mit der Auftragsvergabe und Aufstellung des Cranachschen Passionszyklus konnte sich Albrecht in einem vierten Punkt mit dem historischen Papst Gregor in Übereinstimmung wissen. Albrecht teilte Gregors Auffassung, daß „Bilder das Buch für die Laien“ sind – Luther stand dieser Auffassung, im Gegensatz zu Karlstadt, nicht unbedingt ablehnend gegenüber. Der Bilderzyklus war „genau eine solche Laienbibel.“

Wenn die These stimmt, daß Albrecht Gregors tätiges Leben als Papst kannte und er in Gregor ein Vorbild für seine eigene `Reformpolitik´ fand, ist erklärbar, warum wir Albrechts Gesicht anstelle eines anonymen Kopfes in der Reliefdarstellung wiederfinden. Der Mainzer und Magdeburger Erzbischof wollte sagen: „Ich, Albrecht, schlüpfe in die äußere Hülle des großen Gregors. Mit meiner Person – mir persönlich – ist die Reform und damit die Festigung der Kirche verbunden.“

Der Darstellung Gregors folgt die Darstellung des Hl. Hieronymus.

Legende: Hieronymus studierte in Rom, Trier und Aquileia, zog sich anschließend als Einsiedler sechs Jahre in die Wüste Chalkis zurück und wurde 379 Priester und Berater Papst Damasus I. Die Revision der Vulgata, der lateinischen Bibelübersetzung, wird ihm zugeschrieben. Er wurde zum Prototyp des in strenger Zurückgezogen- wie genommenheit lebenden Universalgelehrten. Dürer stellte Hieronymus als Wissenschafter „im Gehäuse“ dar. Sein Kupferstich wurde zum Portrait des humanistischen Gelehrten.

Werk und Person Hieronymus´ bekamen im 15. Jahrhundert eine neue Bedeutung. Seine philologische Gelehrsamkeit machte ihn zum Vorbild der humanistisch inspirierten Theologen des 15. und 16. Jahrhunderts. Erasmus von Rotterdam gab 1516 eine neunbändige Edition der Werke Hieronymus` heraus. Auch hier sah sich Kardinal Albrecht in der Nachfolge des Heiligen; zwar können wir in der Darstellung des Kanzel-Hieronymus nicht die Gesichtszüge Albrechts erkennen. Aber in der Zeit der Kanzelanfertigung entstanden in Wittenberg vier Hieronymus-Tafeln, die eindeutig Albrecht zeigen. Andreas Tacke interpretierte den Rückbezug Albrechts auf den Heiligen als Versuch, sich als Autorität darzustellen, „nach der sich die Bibelauslegung auszurichten hatte.“

Auf den Hl. Hieronymus folgen die Hll. Augustinus und Ambrosius:

Legenden: Der Heilige Augustinus studierte in Karthago die Freien Künste, lebte von 383 bis 384 in Rom und lehrte anschließend Rhetorik in Mailand. Dort wurde er durch die Predigten des Bischofs Ambrosius 387 bekehrt. 391 wurde er zum Priester und war von 994 bis 996 Bischof von Hippo. Augustinus schrieb den „Gottesstaat“, „Über die Dreieinigkeit“ und die „Bekenntnisse“. Er galt humanistischen Gelehrten des 16.Jahrhunderts als nachzueiferndes Vorbild eines Gelehrten, ebenso wie Hieronymus. Ambrosius, seit 374 Bischof von Mailand, war „Verfechter der kirchlichen Freiheit gegenüber dem Staat, Gegner der Arianer (...), Schöpfer einiger Meßhymnen und Mitbegründer des Kirchengesangs.“

Obwohl auch der Hl. Ambrosius nicht die Gesichtszüge Albrechts zeigt, kennen wir Darstellungen des Kardinals als Ambrosius. Im 1534 entstandenen Missale Hallense (jetzt in Aschaffenburg) taucht Albrecht als Ambrosius auf. Abschließend ist, mit den Worten Rolands, zu sagen, daß es Albrecht um die „Vergegenwärtigung der Leistung jener Heiligen“ ging, die er „in ihrer Wirkung mit seiner Person“ weitertragen wollte.

Bilder-Zyklus (Die Cranach-Altäre)

Nicht mehr vorhanden sind 16 Altar-Retabel und zwei Einzeltafeln aus der Werkstatt Lucas Cranach d.Ä. . In Aschaffenburg kann man noch heute die dem Magdalenen-Altar zugeordneten Tafeln der Höllenfahrt bzw. Auferstehung Christi bewundern.

Auf den Mittelbildern der Retabel waren Szenen aus der Leidensgeschichte Christi zu sehen. Die Bilder der Flügel zeigten – bei geschlossenen Altären – 64 Heilige. Die Predellen (Begriff) verfügten über typologisch auf die Leidensgeschichte Christi bezogene Darstellungen aus dem AT. „Die komplette malerische Kirchenausstattung (wurde) unter einem einheitlichen Programm (...) in wenigen Jahren von nur einem Auftraggeber und nur einem Künstler mit seiner Werkstatt realisiert“. Das ist einmalig in der deutschen Kunstgeschichte. Wir werden in der Marktkirche einen Flügelaltar Simon Francks sehen, der womöglich dem Bestand der Stiftskirche ab 1529 angehört hatte und 1541 in der Marktkirche aufgestellt wurde. Er könnte in dem sog. kleinen Chor im Bereich der beiden westlichen Mittelschiffsjoche gestanden haben.

Entstehungszeit

Da der Bilder-Zyklus in einem Inventar des Jahres 1525 aufgeführt wird, muß der Zyklus vor 1525 in Auftrag gegeben, gefertigt und in der Stiftskirche platziert worden sein. Als frühesten Zeitpunkt der Ausführung der ersten Bilder können wir das Datum der Gründung des Stifts ausmachen, also 1520. Gleichzeitig mit dem Hallenser Zyklus arbeitete die Cranach-Werkstatt an größeren Arbeiten für Luther und Friedrich den Weisen. Luther konnte jederzeit in die Werkstatt Cranachs gehen, um sich erzählen oder zeigen zu lassen, welchen Bilderschatz der Mainzer und Magdeburger Erzbischof im Hallenser Stift aufbauen wollte. Karlstadt organisierte 1521 während Luthers Schutzhaft auf der Wartburg den Wittenberger Bildersturm. Cranachs Werkstatt, die auf Hochtouren produzierte, blieb verschont.

Vorlagen („Erlanger Zeichnungen“ und Präsentationszeichnungen)

Um Ihnen einen Eindruck von der Opulenz der Gemäldeausstattung zu geben, zeige ich Ihnen Diapositive einiger `Präsentationszeichnungen´. Im Gegensatz zu den in Erlangen aufbewahrten `Werkstattblättern´ wurden die Präsentationszeichnungen für den Auftraggeber zur Begutachtung angefertigt. Sie sind maßstabgerechte Modelle der Hallenser Altäre im Kleinformat (1:10) aus dickem Papier mit klappbaren Flügeln. Erhalten haben sich fünf Modelle. (Vergleicht man die Modelle mit den inventarisierten Heiligendarstellungen, so kann man vermuten, daß der Auftraggeber Albrecht Änderungen im Programm wünschte und befahl. ) Die Modelle waren allerdings keine exakten Vorlagen für die Gemälde; die uns bekannten und noch vorhandenen Gemälde weichen von den Vorlagen teils erheblich ab.

Cranach d.Ä. trat bei diesem Großauftrag als „Künstlergeschäftsmann“ auf. Er fertigte die Präsentationsmodelle an und schickte sie Albrecht zu. Nach Klärung der Änderungswünsche des Kardinals wurde die Ausführung des gesamten Auftrags einem Meisterschüler übertragen. Andreas Tacke hat im Hofmaler Albrechts, Simon Franck, den gesuchten Meisterschüler auszumachen versucht.

(Zwei Projektoren:
links der systematische Grundriß des Stifts, rechts die Modelle)

Ursprüngliche Aufstellung der Altäre

Es gibt keine bildliche Überlieferung der ursprünglichen Anordnung der Altäre in der Kirche. Das Brevarium aus dem Jahr 1532 – bereits oben als „Gebrauchsordnung“ der Stiftskirche erwähnt – dient auch hier zur Erhellung der Frage nach der Ausgangssituation. Die Altarreihe begann im Osten des südlichen Seitenschiffs mit dem Mauritius-Altar und der heute in der Münchener Pinakothek aufbewahrten Erasmus-Mauritius-Tafel Matthias Grünewalds (Dia). Der Passionszyklus wies folgende Darstellungen als Mittelbilder auf:

(1a) Einzug in Jerusalem
(2) Abendmahl (Einzeltafel) (Abb.28)
(3) Fußwaschung (Kat. 4,*5-8)
(4) Ölberg
(5) Gefangennahme (Kat.9, *11)
(6) Christus vor Annas
(7) Christus vor Kaiphas (Abb. 32/33)
(8) Christus vor Pilatus
(9) Geißelung (Abb. 34/35)
(10) Ecce homo (Kat.*12)
(11) Handwaschung Pilati (Kat.13, *13f)
(12) Kreuztragung (Abb. 36/37)
(13) Kreuzannagelung (Abb. 38/39, Kat.*37)
(14) Kreuzigung (vor Lettner) (Kat.16, *17-19)
(15) Kreuzabnahme (Abb. 40-42, Kat.20, *21-28)
(16) Grablegung (Einzeltafel)
(17) Wächter am Grab (Allerheiligenkapelle)
(18) Auferstehung
(19) Himmelfahrt Christi (Einzeltafel)
(20) Ausgießung des Hl. Geistes
(21) Jüngstes Gericht

(XX) Hochaltar (Kat. 30

(* bedeutet: Werkstattblätter für Flügel der Hallenser Altäre)

In unmittelbarer Nähe der „Fußwaschung“(3) befanden sich eine Annen- und eine Erasmusmatertafel. Nördlich des Kreuzaltares mit dem Gemälde der Kreuzigung (14) befand sich der Nothelfer-Altar. Südlich vom Kreuzaltar, vor dem Lettner, hing eine Tafel „Christus im Grab zwischen Johannes und Maria“. Gleich daneben eine Einzeltafel mit „Christus und der Ehebrecherin“.

Teppiche

Neben den fest mit dem Mauerwerk verbundenen Tuffsteinskulpturen, der Kanzel und den Altären dienten auch Teppiche und Tücher dem Schmuck der Stiftskirche und der Steigerung des Eindrucks auf Kanoniker (im Chor) wie Laien (im Schiff).

Ich möchte Ihnen anhand der Situation vor dem Lettner andeuten, wie die Bildthematiken von Cranachs Gemälden mit den Teppichen oder Tüchern korrespondierten.

Wie das 1525er Inventar uns mitteilt, befand sich auf dem Kreuzaltar eine schöne gemalte Tafel mit vier Flügeln. Die Vorlage für die Präsentations-zeichnung hat sich in Erlangen erhalten (Bild). Auf den Altarflügeln waren vermutlich die Hl. Helena und Quiriacus, sowie zwei Männer, die das Hl. Kreuz ausgraben, dargestellt.

Hinter dem Altar, am Lettner „nach der kirchen“, hingen auf jeder Seite je vier Teppiche oder Tücher. Auf der nördlichen Seite, der Seite des Dekans, hing ein kleines Tuch mit einer Abbildung der Maria, ein Tuch mit der Darstellung der Erweckung des Lazarus, ein weiteres mit dem „heidnischen weybeleyn über dem borne“ und ein Marienbild mit Engeln. Auf der südlichen Seite, der Seite des Probsts, sah man eine große Mariendarstellung, nochmals eine „Erweckung des Lazarus“, ein Teppich mit der Erscheinung Christi vor Magdalena und ein goldenes, gewirktes Tuch.

Sakristeiportal und Sakristei (Heiltum)

Die bis jetzt vorgestellte Ausstattung der Stiftskirche wie auch ihr äußeres Erscheinungsbild dienten einem hauptsächlichen Zweck. Beide sollten für die von Ernst und Albrecht gesammelten Reliquien und Kleinodien eine angemessene Umgebung sichern.

Seit dem Spätmittelalter wurden Reliquien im Rahmen sogenannter Heiltumsschauen der Öffentlichkeit gezeigt. Kirchen besaßen Heiltumsstühle (Erker, Balkonausbauten), von denen aus die Reliquien vorgestellt wurden. Seit 1349 findet alle sieben Jahre eine Woche vor und eine Woche nach dem 17. Juli die Aachener Heiligtumsfahrt statt. Die dort im Domschatz aufbewahrten Reliquienschätze (Kleid Mariens, Windeln und Lendentuch Christi, Enthauptungstuch des Hl. Johannes) ziehen bis heute Pilger aus aller Welt in die alte Reichsstadt. Mit dem Einzug der Reformation in Wittenberg kam es 1522 zwar noch zur Ausstellung der Reliquien, aber nicht mehr zum Ablaß. Die Nürnberger Reichsheiltümer wurden 1524 letztmalig ausgestellt.

Schatzkammer

Um seinen Reliquienschatz, der 1521 insgesamt 21.441 Partikel und 42 vollständige Körper von Heiligen umfaßte, sicher und geordnet unterzubringen, ließ Albrecht die am östlichen Joch des Nordschiffs vorhandene Kapelle zur „Schatzkammer“ umbauen. Damals erhielt sie ihr bis heute erhaltenes Frührenaissanceportal sowie den westlichen Anbau, der den Schatz in erster Linie aufnehmen sollte.

Heiltumsbuch

Als „Werbeschrift“ für den Besuch des halleschen Heiltums hatte Albrecht die Erstellung eines Heiltumsbuches in Auftrag gegeben. Es wurde höchstwahrscheinlich 1520 in Leipzig gedruckt. Das Buch umfaßt auf 120 Seiten 237 Holzschnittdrucke. (In der Marienbibliothek der Marktgemeinde ist ein vollständiges Exemplar erhalten, in der ULB ein unvollständiges.) Die Gattung der Heiltumsbücher fand im halleschen Buch „ihren Höhepunkt in Umfang und Genauigkeit.“ Neben dem 1520 gedruckten Buch existiert in der Aschaffenburger Hofbibliothek ein prachtvoll illuminiertes Exemplar, das zum persönlichen Gebrauch des Kardinals bestimmt war. Dieser Codex stellt für die Kunstgeschichte die „wichtigste Quelle für die Erkenntnis der Goldschmiedekunst“ im ausgehenden Mittelalter dar.

Heiltum

Vom ehemals reichen Heiltumsschatz Albrechts ist heute kaum noch etwas vorhanden. Schon in den dreißiger Jahren und dann gegen Ende seines Lebens wurden entweder Teile des Heiltums eingeschmolzen oder als Pfänder nach Magdeburg oder Mainz gegeben. Der „schönste Schmuck“ des hohen Chors, eine überlebensgroße silberne Mauritius-Statue, wurde nach Nürnberg transportiert, um dort verflüssigt zu werden. Der große Sarg mit dem Körper der Hl. Margaretha gelangte nach Aschaffenburg. Gerade der Inhalt dieses Sarges, zum Fest der 11.000 Jungfrauen am 21. Oktober aufgestellt, sorgte bei den Anhängern Luthers für Gesprächsstoff. Sie vermuteten, daß „derselbe den Körper einer gewissen Magdalena, Margarethe oder Ursula Rüdinger, der sogenannten Geliebten des Cardinals“, enthalte. Tatsächlich handelte es sich um ein in Tüll gewickeltes Holzskelett, dessen Aushöhlungen Reliquienpartikel aufnahmen. Auch in der Ursula-Büste, dem „silberenn brustbilde sanct Ursula“ , wollte die Legende lange Zeit eine Abbildung einer Maitresse Albrechts sehen. Erstaunt zeigte sich noch 1991 Gerd Heinreich, daß Albrecht seine „Gefährtin Ursula Redinger im Medium der Kunst“ aller Öffentlichkeit vorgestellt habe. Albrechts Ursula-Kult könne „im Rahmen der Kunstaufträge wie eine Blasphemie“ erscheinen.

Kardinalszimmer

An der Westseite der Stiftskirche befindet sich ein Turmanbau, der sich bis zum ersten Stützbogen der nördlichen Außenwand des Kirchenschiffs fortsetzt. Spätgotische Tür- und Fenstergewände des kreuzrippengewölbten Raumes im Obergeschoß verweisen auf einen Einbau nach 1520. Das Wappen Kardinal Albrechts wurde wahrscheinlich erst im 19. Jahrhundert angebracht. Seit dieser Zeit wird das Zimmer nach dem Kardinal benannt.

4. Kardinal Albrecht und sein politisches Umfeld (1521-29)

In den Jahren zwischen der ersten öffentlichen Auseinandersetzung Luthers it dem Kardinal passierte viel. Nach dem Wittenberger Bildersturm ist Luther seit März 1522 wieder in Wittenberg, seit 1523 hat Luther die Lehrtätigkeit wieder aufgenommen. Im selben Jahr (1522) verlor „die Christenheit“ die Feste Rhodos. Türken vertrieben den Johanniterordner nach Malta.

In Mitteldeutschland griff die neue Lehre um sich. Der Stiftsprediger Demut floh im April 1523 nach Wittenberg, um sich dort zum Luthertum zu bekennen. Am 23. August desselben Jahres wurde die Stiftskirche geweiht. Zwischen Weihnachten und Neujahr kam es zu einem Aufstand in der Stadt, der die Spannung zwischen altgläubigem Rat und lutherischer Bürgerschaft aufzeigte.

5. Der Neue Bau („Residenz“)

5.1 Baugeschichte

Zuerst muß an dieser Stelle ein Geständnis stehen: Es gibt weder Rechnungen noch Berichte über den Bau der sogenannten Residenz. Nur bauarchäologische Untersuchungen können uns heute helfen, mehr über die ursprüngliche Baugestalt und –funktion herauszufinden.

1529 hatte der Kardinal mit der Stadt vereinbart, daß an diesem Ort vorhandene Hospital St. Cyriaci et Antonii abzureißen und seinen Wiederaufbau in der Nähe der Moritzkirche vorzunehmen. Dem Kardinal hatten die Abwässer, die aus dem Hospital in die Mühlgrabensaale geleitet wurden, zu sehr gestunken. Vielleicht – im Zusammenhang mit anderen Maßnahmen im selben Jahr - lag dem Kardinal aber auch an einer verbesserten Hygiene, die in Zukunft die Verbreitung der Pest verhindern sollte.

Baumeister Andreas Günther aus Komotau

Baumeister war ab 1533 der Komotauer Andreas Günther. Günther hatte wohl ab 1527 die Umbauarbeiten des Schönburgischen Schlosses in Glauchau geleitet. (Der Bruder Schönburgs, Wolf I., den wir während der Prozession im September 1520 kennengelernt haben, war ein guter Bekannter Albrechts. Er hatte die Truppen Albrechts im Bauernkrieg (Begriff) befehligt und war an der Niederschlagung des vor den Toren Frankenhausens lagernden Bauernhaufens beteiligt. )

In Zeitz verdingte sich Günther am 18.3.1532 dem Rat der Stadt. Er verpflichtete sich, die gesamten Steinmetzarbeiten des Brückenbaus über die Elster zu übernehmen. Weniger als ein Jahr später, am 5.5.1533, wurde Günther zum Werkmann und Baumeister der Erzbistümer Magdeburg und Mainz und des Bistums Halberstadt bestallt. Fünf Jahre betreute er sein „Hauptwerk“, die sog. hallesche Residenz, und wurde damit „Wegbereiter“ der mitteldeutschen Frührenaissance. 1538 ging er nach Bernburg, um dort den Wolfgang-Bau des Schlosses zu errichten. Hier findet sich an der Ostwand das Selbstbildnis des Baumeisters.

5.2 Baubeschreibung

Es geht uns im Hof der Residenz wie vor der Saalefront vielleicht ein wenig so, wie in der Stiftskirche. Die Differenz zwischen ehemaliger Pracht und heutigem Zustand fällt scharf ins Auge. 1930 gab Ludwig Grote zu, daß die Residenz ein „verstümmelter, bis heute schlecht behandelter Torso“ sei. Er fügte aber an, daß „nach Reinigung von späteren Zutaten noch manches von der ursprünglichen architektonischen Idee“ gezeigt werden könnte. Auch Rolf Hünicken, der 1936 das Stadtarchiv leitete, geriet in Entzückung, als er sich vorstellte, was die Residenz – wäre sie unzerstört geblieben – für Mitteldeutschland hätte sein können: einer der „großartigsten Frührenaissancebauten“ der Region.

Andreas Günther stand vor einer schwierigen Bauaufgabe. Nach dem Abriß des Hospitals stand ihm eine durch Mühlgrabensaale im Westen und Wohnbebauung im Osten beschränkte Grundfläche zur Verfügung. Im Norden existierte die Propstei, im Süden das Klaustor. Die Grundfläche war ein Viereck, dessen südliche Seite sehr schmal ausfiel.

Ostflügel

Der Ostflügel ist im Erdgeschoß gegen die Domgasse geschlossen, im Obergeschoß durch Rechteckfenster geöffnet. Gegen den Hof sieht man im EG noch heute 12 Flachbogen, die wahrscheinlich im 17. Jahrhundert zur Stützung der Oberwand vermauert wurden. Die Flachbogen haben jeweils eine Breite von 5,40 m; insgesamt ergibt sich also eine Länge der Arkadenreihe von 65 m. Die Breite der flachgedeckten Halle, deren mittlere Stützenreihe zwei romanische Säulen aufweist, betrug 9 m.

Nordflügel

Der zweiteilige Nordflügel hat raumtrennenden Charakter. Er schuf den kleinen Stiftskircheninnenhof und den großen Residenzinnenhof. Zwischen beiden Höfen gibt es keine Verbindung. Allein die ab dem Obergeschoß aufgeführte Allerheiligenkapelle des östlichen Nordflügels war durch den auf einer doppelten Arkadenreihe ruhenden Gang (s.o.) mit der Apsis der Stiftskirche verbunden.

Das Erdgeschoß des Nordflügels ist – wie im Osten – durch einen Arkadengang erschlossen. Die Träger des Obergeschosses sind aber keine Säulen, sondern massive Pfeiler aus Ziegelsteinen. Ihr Querschnitt beträgt 2,48 m x 1,50m, die Achsenweite zwischen zwei Pfleilern 6,07m. Insgesamt mißt der Arkadengang 42 m. Volkmann nahm an, daß dieser Wechsel der konstruktiven Elemente auf der Erkenntnis beruhte, im Ostflügel nicht stabil genug gebaut zu haben. Bastian Binder habe daraufhin Andreas Günther abgelöst.

Hinter den Bogen ist noch heute der netzrippengewölbte Gang erkennbar. Die Rippen wurden aus Formsteinen fugenfrei aneinander gesetzt. An dessen westlichem Ende rahmt ein romanisches Portal den Übergang zum Westflügel. Zwischen Gang und nördlicher Außenmauer sind tonnengewölbte Räume untergebracht, deren Funktion zur Zeit Albrechts nicht bekannt ist. Eine ein Meter starke Zwischenmauer trennt die Räume vom Gang.

Allerheiligenkapelle

Die im Obergeschoß des östlichen Nordflügels gelegene Kapelle besticht durch die klare Rechteckform des Grundrisses wie der Fenster. Die gegen Osten liegende Apsis ist an ihrer Außenseite durch zwei Dreiviertelsäulen hervorgehoben. Ungewöhnlich sind auch die Formen der Fenster und Türen, die dem Stil derjenigen im Osttrakt in nichts nachstehen.

Treppenhaus im Nordwesten

Das Ende des 19. Jahrhunderts angelegte Treppenhaus führt zu einer Türrahmung, die als Zugang zum großen Saal dient. Der Rahmen ist in „italianisierenden Frührenaissanceformen“ gehalten.

5.3 Funktion (Zweckbestimmung)

Die Überlieferung schreibt dem Neuen Bau die Funktion einer Universität zu. In einem Schreiben vom 27.5.31 teilte Kardinal Lorenzo Campeggio dem Erzbischof mit, daß der Papst die Einrichtung eines studium generale in Halle erlaubt habe. Es läßt sich aber bis heute keine Beziehung zwischen dieser zweifellos gegebenen Behauptung und dem tatsächlichen Baubeginn herstellen.

Vielmehr wollte Albrecht neben der Residenz in der Moritzburg eine private Unterkunft in direkter Nähe des Stifts errichten. Peter van der Vorst, päpstlicher Nuntius und Bischof von Aqui nannte das Gebäude 1537 ein „domum solatii valde elegantem“ – ein „geschmackvolles Haus“, das Albrecht zu seinem Trost errichten lasse.

Vorbilder für den Wandelgang im Osttrakt finden wir in Frankreich. Der Typ des Galeriebaus, der der Aufstellung von Kunstwerken dienen konnte, war dort seit dem 15. Jahrhundert bekannt. Im 16. Jahrhundert griff dieser Bautyp auf Süddeutschland und wenig später auch auf den Norden über.

Norbert Böhnke, April 2001