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Moritzburg und Schloßkapelle
1.1 Friedemann-Bach-Platz (Paradeplatz)
Bedeutung Albrechts für Deutschland; Bedeutung der Stadt für
Albrecht
Warum bieten wir eine Führung auf Albrecht von Brandenburgs
Spuren durch Halle an?
Albrecht II. von Brandenburg war seit 1514 Erzbischof von
Mainz und Magdeburg. Er war „Metropolit der größten abendländischen
Kirchenprovinz.“ Zwei Jahre später belehnte ihn der Kaiser mit
dem Erzstift Mainz. Damit hatte Albrecht die Reichserzkanzlei zu führen.
Auf dem Augsburger Reichstag 1518 erhielt Albrecht die Kardinalsinsignien.
Aus Aschaffenburger Sicht stellte Albrecht „eine der berühmtesten
und machtvollsten Persönlichkeiten auf dem Mainzer Bischofssitz“ dar.
Spätestens seit 1528 sah Luther in Albrecht einen Tyrannen,
der die Ausbreitung des Evangeliums verhindere. Der im persönlichen
Briefwechsel geführte Ablaßstreit zwischen dem (anfangs unbedeutenden)
Augustinermönch
und dem doppelten Erzbischof begründete die religiöse Spaltung
des Abendlands.
Was bedeutete unsere Stadt Halle für diesen „mächtigsten
Kirchenfürst seiner Zeit“ ?
Welches Verhältnis hatte der
Kardinalprimas zur Saalestadt? Hallesche Kunsthistoriker behaupten, Halle
sei Albrechts „Lieblingsresidenz“ gewesen. Aber auch dort, wo
des Kardinals Erzkanzlei arbeitete, in Mainz, wird Halle die Auszeichnung „Albrechts
Lieblingssitz“ zuerkannt.
Zusammengefaßt lautet die Antwort: Unsere Stadt war über 27 Jahre
die Lieblingsresidenz des mächtigsten Kirchenfürsten in Deutschland.
Sie ist bis heute durch Albrechts Bemühen geprägt. Durch die vielen
von Albrecht in Halle errichteten Gebäude, aber auch durch seine Aufträge
an Matthias Grünewald, die Wittenberger Cranach-Werkstätten und
Peter Schro verschaffte Albrecht der Stadt Halle eine „kulturelle Führerstellung“ im
Deutschland der frühen Renaissance.
Biographie Albrechts bis zum 22.5.14 (Huldigung der Stadt)
Wir wissen wenig über Kindheit und Jugend, Studien und frühes
Mannesalter Albrechts. Geboren im Juni 1490 war er das letzte Kind des brandenburgischen
Kurfürsten Johann Cicero und seiner Frau Margarethe, einer Tochter des
Herzogs Wilhelm III. von Sachsen und Thüringen.
Albrecht verlebte seine Kindheit am brandenburgischen Hof,
im Berliner Schloß.
Am bischöflichen Hof Dietrich von Bülows in Frankfurt an der Oder
wurde Albrecht erzogen. Gemeinsam mit seinem Bruder Joachim eröffnete
er am 26. April 1506 die Frankfurter Universität ´Viadrina´.
Vorbild war die Universität Bologna, deren Besuch für einen karriereorientierten
jungen Mann damals so wichtig war, wie heute der der London School of Economics.
Ulrich von Hutten war unter den ersten Studenten. Am selben Tag erhielt Albrecht
die kirchlichen Weihen.
Während Joachim dem Vater im weltlichen Amt, als Kurfürst von
Brandenburg, nachfolgte, wurde für Albrecht die kirchliche Laufbahn
bestimmt. Im März 1508 erhielt er das Mainzer Kanonikat (Begriff), Anfang
Februar 1510 trat er die Mainzer Jahresresidenz (Begriff) an. Albrecht wurde
zur selben Zeit Koadjutor (Begriff) des Mainzer Erzbischofs Uriel von Gemmingen.
Drei Jahre später treffen wir Albrecht in Berlin an. Hier erhielt er
seine priesterlichen Weihen. Nach dem Tod des Magdeburger Erzbischofs Ernst
von Sachsen, einem Wettiner, im August 1513 wurde Albrecht im selben Monat
dessen Nachfolger. Im September machte auch das Halberstädter Kapitel
bekannt, daß der junge Brandenburger nunmehr Oberherr über das
Bistum sei. Im Dezember bestätigte der Papst die Wahlen.
Nach nur weiteren vier Monaten, Uriel von Gemmingen war
gestorben, wurde dem neuen Magdeburger Erzbischof auch die Mainzer Bischofswürde angetragen
(9.3.14). „Angetragen“ ist vielleicht der falsche Begriff: Mit
der Mainzer Bischofswürde war auch eine der sieben Kurstimmen verbunden.
Wer eine Kurstimme vertrat, konnte an der Wahl des Kaisers des Hl. Römischen
Reiches teilnehmen. Das Brandenburger Haus, insbesondere Albrechts Bruder,
hatte den scharfen Konkurrenzkampf um die Mainzer Stimme für sich entschieden.
Um auch die päpstliche Bestätigung zu erhalten, mußte Albrecht
29.000 Reichsgulden aufbringen. Am 15. Mai 1514 schloß er deshalb mit
dem Augsburger Bankhaus Fugger einen Schuldvertrag.
Acht Tage zuvor wurde er mit den erzbischöflichen Insignien (Bischofstab)
im Magdeburger Dom in feierlicher Zeremonie ausgestattet. Eine Woche später
huldigten die Stände des Erzstifts ihrem neuen Herrn. Am 22. Mai 1514
wurde Albrecht vor den Mauern der Stadt Halle empfangen und eingeholt.
Ereignis: Verbrennung des getauften Juden Pfefferkorn (6.9.14)
(Exkurs: Verhältnis Christen und Juden in Halle im SMA)
Hier, dort wo sich heute die Nordwestecke des Physikalischen
Institutes befindet, wurde am 6. September 1514 der getaufte Jude Johannes
Pfefferkorn
hingerichtet. Man hatte ihn während des erzbischöflichen Einzugs
festgenommen und ihm vorgeworfen, einen Anschlag auf Albrecht und seinen
Bruder geplant zu haben. Das durch Folter herausgepreßte Geständnis
ergab, daß Pfefferkorn geweihte Hostien (Begriff) gestohlen und zerstückelt
habe. Weiterhin sollte Pfefferkorn Kinder entführt, sie an einen Juden
verkauft und ihnen Schmerzen zugefügt haben.
Besonders unangenehm war die Art der Hinrichtung. Pfefferkorn
wurde mit einer Kette an einen Pfahl gefesselt. Mit glühenden Zangen riß man
ihm Fleisch aus dem Körper. Ein Feuerring wurde an Pfefferkorn heran
geführt, so daß er langsam geröstet wurde. Eine Flugschrift,
die das Ereignis bekannt machte, spricht davon, daß Pfefferkorn „gebraten“ wurde.
Johannes Pfefferkorn ist nicht mit seinem Namensvetter Nürnberger Herkunft
zu verwechseln. Dieser Pfefferkorn, ebenfalls jüdischer Herkunft, versuchte
durch die Vernichtung aller außerbiblischen jüdischen Schriften
die Bekehrung der Juden zu forcieren. Kaiser Maximilian hatte am 19.8.1509
bereits die Juden aufgefordert, Pfefferkorn die Schriften zur Überprüfung
auszuhändigen. Uriel von Gemmingen widersprach und erhielt des Kaisers
Erlaubnis, die Überprüfung der außerbiblischen Schriften
zu übernehmen. Der Humanist Reuchlin, vom EB um sein Urteil gebeten,
setzte sich für die Erhaltung der Bücher ein; Ulrich von Hutten,
den Albrecht von Brandenburg aus Frankfurt kannte, stellte sich hinter Reuchlin.
Baugeschichte Moritzburg bis zu Albrechts Amtsantritt
Die Moritzburg steht als Symbol für Ende und Neubeginn zweier Abschnitte
städtischer Geschichte. Mit dem Einzug erzbischöflicher Truppen
am 20. und 21. September 1478 endete die sogenannte `städtische Freiheit´.
Die Stadt mußte nach fast 200 Jahren Mitgliedschaft aus dem Bund der
Hansestädte austreten. Die auf dem Calber Landtag erlassene Regimentsordnung
erlaubte dem 14jährigen Erzbischof, Ernst von Sachsen, „sonder
Verzug bei oder in Halle ein festes Schloß zu erbauen, um die Stadt
besser in Gehorsam, Unterwürfigkeit und Ruhe zu erhalten“ . Der
Ausgangspunkt der „unglückseligen Rivalität“ der beiden
Nachbarstädte Halle und Leipzig (so der engagierte Stadtarchivar- und
historiker Erich Neuss) wurde unter Ernsts Regierung gelegt: Leipzig erhielt
1497 durch Kaiser Maximilian das Messeprivileg und löste damit die bisherige
hallesche Frühjahrsmesse in Bekanntheitsgrad und Erfolg für immer
ab.
Ernst von Sachsen legte den Grundstein für die Burg 1484. 19 Jahre
später, am 25. Mai 1503, konnte der Erzbischof einziehen. Finanziert
wurde der Bau, der 100.000 Gulden gekostet haben soll, aus den vom Landesherren
1479 übernommenen Solgütern der Pfänner. 1503 erhob Ernst
die Stadt Halle zur Residenz des Stiftes Magdeburg. Der Residenzenforscher
Michael Scholz konnte feststellen, daß die Moritzburg seit 1509 „vornehmlicher
Aufenthaltsort der magdeburgischen Bischöfe“ war.
Baubeschreibung
Das Schloß umfaßt ein circa 72 x 85 Meter messendes Viereck.
Zur Saale hin gab es bis ins 18. Jahrhundert ein gestaffeltes Zwingersystem,
in Richtung Osten, also zur Stadt hin, sehen wir noch heute zwei vierstöckige
Bastionen. Da hier ehemals Wehr-, Wohn- und Verwaltungsbauten an einem Ort
vereint waren, kann die Moritzburg als Beispiel für den „Übergang
von der spätmittel-alterlichen Burg zum frühneuzeitlichen Schloß“ gelten.
Ein ähnlicher Bau wurde zur selben Zeit in Mainz errichtet, die Mainzer
Martinsburg.
1.2 Vor dem Portal
Bauliche Veränderung durch Albrecht nach 1514
Albrecht soll den Haupteingang der Burg von der Nordseite
auf die Ostseite verlegt haben. Über dem Eingang im Osten befand sich
die Statue des ersten Patrons des Magdeburger Stifts, die des Hl. Moritz.
(Statue und architektonischer
Rahmen sind nicht mehr erhalten.) Eine weitere Moritz-Statue findet man
am Haupteingang der Unterburg Giebichenstein.
Über dem östlichen Eingang erbaute er den sechseckigen Turm, vielleicht
wurde aber auch ein vorhandener Turm nur aufgestockt. Hier hat sich eine
kleine Kapelle befunden, die „Wunderstube“. Folgen wir dem Bericht
eines Lokalhistorikers, pflegte der Erzbischof über der Toreinfahrt
die Messe zu hören.
Wappen (Beschreibung und Bedeutung)
Hl. Katharina
Über uns sehen wir die Statue des zweiten Stiftspatrons, die der Hl.
Katharina. Sie steht in einem Nischentabernakel, ist 145 cm hoch und trägt
(nach Lühmann-Schmid) die „Stilzüge“ des Mainzer Steinbildhauers
Hans Backofen. Backofen stand im kurfürstlichen Dienst und schuf die
Grabmale der Erzbischöfe Berthold von Henneberg (+1504), Jacob von Liebenstein
(+1508) und Uriel von Gemmingen (+1514) im Mainzer Dom. Auftraggeber für
den letzteren war der Koadjutor und Nachfolger Uriels, Albrecht von Brandenburg.
Legende: Katharina war eine hochgebildete zypriotische
Königstochter.
Im Traum erschien ihr das Jesuskind, das ihr einen Verlobungsring ansteckte.
Derart bekehrt, gelang es ihr, fünfzig Philosophen auf die Seite des
Christentums zu ziehen. Kaiser Maxentius ließ sie festnehmen, geißeln
und in den Kerker werfen. Das zu ihrem Martyrium bestimmte, mit Messern und
Nägeln bestückte Rad wurde durch einen Blitz zerstört. Sie
mußte durch ein Schwert enthauptet werden. Engel trugen ihren Leichnam
zum Berge Sinai.
1.3 Magdalenen-Kapelle
Durch die Toranlage und über den Innenhof gelangen
wir zur Maria Magdalenen-Kapelle. 1505 wurde mit dem Bau begonnen, 1509 weihte
EB Ernst von Sachsen die Kirche
der Hl. Maria Magdalena.
Legende: Maria von Magdala kennen wir aus dem NT (Mk. 16,9):
Ihr erschien Jesus nach der Auferstehung. Es heißt im NT: „Und sie ging hin
und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren und Leid trugen und
weinten.“ Im Lukasevangelium (Lk. 8,2) treffen wir Maria bereits unter
den Frauen, die Jesus „gesund gemacht hatte von bösen Geistern
und Krankheiten“. MA Legenden wissen von Maria, daß sie Teilnehmerin
der Grablegung Christi war; sie salbte den Leichnam.
Die Kapelle ist ein saalartiger Raum, der im Osten durch
drei Maßwerkfenster
abgeschlossen wird. Außergewöhnlich ist der auf Stichbogenarkaden
ruhende umlaufende Emporenumgang. Dieser tritt (nach Dräger) in der
Tradition des obersächsischen Sakralbaus „erstmals“ auf.
Die unterhalb der Brüstung noch mit der Wand verbundenen Pfeiler trennen
sich oberhalb der Brüstung und stehen frei im Raum.
Am 22. Juli 1514 finden wir auch Albrecht an diesem Ort.
Zwanzig Tage zuvor war Albrecht im Magdeburger Dom zum Bischof geweiht worden.
Jetzt weihte
der Erzbischof die Kapelle ein zweites Mal. Mit Genehmigung des Papstes konnte
er hier eine Stiftskirche (Begriff und Bild) begründen und ein Kollegiatsstift
einsetzen. Die Einnahmen des Stifts stammten aus „Halleschen Salzgütern“.
Aus Mainz ließ Albrecht die Gebeine des EB Rabanus (St. Alban), des
Hl. Maximus und den Sarg mit den siebzehn Körpern von den 11.000 Begleiterinnen
der Hl. Ursula in die Kirche bringen (Einbau aus der Lobrede Joh. Tuberinus,
bei: Redlich, 272f)
Legende: Ursula war nach der LA die Tochter
eines christlichen Königs
aus der Bretagne. Damit ein heidnischer König sie heiraten durfte, verlangte
sie die Pilgerfahrt von 11 000 Jungfrauen auf dem Rhein über Köln
und Basel nach Rom. Auf der Rückfahrt wurden alle Pilgerinnen vor Köln
getötet, nur Ursula überlebte zunächst. Der Pfeil des Hunnenfürsten,
vor dem sie ihre Jungfräulichkeit verteidigte, tötete sie. Sie
ist Kölner Stadtpatronin.
Ernst von Sachsen wie Albrecht von Brandenburg haben die
jeweiligen Weihen durch Steintafeln in das Gedächtnis der Besucher
einschreiben wollen.
Die Wappentafel Albrechts zeigt unter einer spätgotischen Bogenarchitektur
(Dreipaßbogen) die Patrone der Stifte Magdeburg und Mainz, Mauritius
und Martinus. Sie halten das neunteilige Wappen Albrechts. Unterhalb des
Wappens sehen wir einen Inschriftsockel, dessen Schrifttafel von zwei weiteren
Heiligen umrahmt wird. Links sehen wir den Hl. Stephan, rechts Maria Magdalena,
die Patronin der Kapelle. Den Hl. Stephan gab Albrecht neben der Hl. Magdalena
als seinen persönlichen Patron an. Daneben war der Hl. Stephan Patron
des Bistums Halberstadt. 1515 soll Albrecht aus der Mainzer St. Stephanskirche
eine silberne Armreliquie des Heiligen in die Magdalenenkapelle überführt
haben.
Legende: Stephan war der erste der sieben
von den Aposteln in Jerusalem geweihten Diakone. In der Apostelgeschichte
des NT (6-8) wird er als ein „Mann
voll Glaubens und heiligen Geistes“ bezeichnet. Man warf ihm vor, gegen „Mose
und gegen Gott“ gelästert zu haben, unterstellte ihm sogar, den
Tempel in Jerusalem zerstören und die althergebrachten Ordnungen ändern
zu wollen. Stephan verteidigte sich vor dem Hohen Rat mit einem Argument
aus dem AT: Die Väter hätten Mose, der doch Gottes Wort vernommen
hatte, von sich gestoßen und sich dem Goldenen Kalb zugewandt. Jetzt
stoße der Hohe Rat die Anhänger Christi, der Sohn Gottes sei,
von sich, verfolge und töte sie. Die Mitglieder des Hohen Rates wollten
Stephans Rede nicht hören, stürmten auf ihn ein, trieben ihn zur
Stadt hinaus und steinigten ihn zu Tode.
Nach einem Vergleich mit Arbeiten aus dem Umkreis Backoffens
im Mainzer Dom (Gemmingen und Liebenstein-Grabmale) konnte die Kunsthistorikerin
Lühmann-Schmid
1975 feststellen, daß die Tafel „aus der Hand von Backoffens
Werkstattgenossen Peter Schro“ stammt. Insbesondere die „flächenfüllende
Funktion der Einzelfiguren“ , die der dekorativen Gesamt-wirkung untergeordnet
werden, weisen auf Schros Stil. Die Tafel wurde in der Mainzer Werkstatt
um 1516 geschaffen. Die Wappentafel Albrechts am Eingang der Moritzburg scheint
mit ihr in Zusammenhang zu stehen.
Legende: Martin war der Sohn eines heidnischen
römischen Tribuns. Als
Soldat der römischen Reiterei kam er nach Gallien und wurde dort getauft.
Er lebte lange Jahre als Einsiedler auf der Insel Gallinaria bei Genua. Nach
seiner Rückkehr nach Frankreich wurde er Bischof von Tours und gründete
das Kloster Marmoutier. Der Martinskult gelangte mit der Ausdehnung des fränkischen
Herrschaftsbereiches bis nach Halberstadt und Heiligenstadt. Wie hier bei
uns, wurde Martin bis in das Barockzeitalter als Bischof mit Krummstab künstlerisch
wiedergegeben.
Grund für den Wechsel der Stiftskirchen
Eine Bulle vom 13. April 1519 berichtet uns, daß Albrecht die Genehmigung
des Papstes erhalten hatte, seine Stiftskirche zu verlegen. Gleichzeitig
wurde die Reliquiensammlung Albrechts mit einem Ablaß ausgestattet.
Das Reliquienfest sollte am 8. September, dem Sonntag nach Mariä Geburt,
gefeiert werden.
Wir wissen nicht genau, aus welchem Grund der Erzbischof
seine Stiftskirche verlegen wollte. Angenommen wird aber, daß die Magdalenenkapelle für
die Prozessionen der Wallfahrer nicht genügend Platz bot. Die in der
Kapelle ausgestellten Reliquien sollten besser geschützt werden. Nicht
unwichtig war auch der Wunsch Albrechts, die sich ausweitende Reliquiensammlung
in einem prunkvolleren Rahmen zu repräsentieren.
Albrecht wählte als neue Stiftskirche die alte Klosterkirche der Dominikaner
südlich der Moritzburg aus. Per Vertrag vom 28. Juni 1520 – und
auf heftige Ermahnungen des Papstes an die Klosterbrüder, sich dem Wunsch
des EB nicht in den Weg zu stellen – kam Albrecht mit den Dominikanern überein,
ihm die Kirche zu überlassen. In einem offiziellen Schreiben vom selben
Tag – des Erzbischofs 30. Geburtstag – ernannte er die alte Dominikanerkirche
zur Stiftskirche des Hl. Moritz und der Hl. Maria Magdalena. Um den Umbau
zu finanzieren, verhandelte Albrecht auch mit dem Rat der Stadt, dem er „erheblichen
Einfluß auf die Besetzung der stiftischen Stellen“ (Patronatsrecht)
einräumte. Knapp zwei Wochen später (15. 7. 20) prozessierte die
gesamte weltliche und klösterliche Geistlichkeit der Stadt von der Moritzburg über
die Große Ulrichstraße, den Großen Schlamm und die Kleine
Klausstraße zur neuen Stiftskirche.
Entwicklung der politischen und geistlichen Biographie Albrechts bis zum
Juli 1520
Bevor wir gemeinsam dem Weg der Prozession folgen, muß ich Sie auf
Albrechts politische wie geistliche Karriere zwischen Juli 1514 und Juli
1520 hinweisen. Mit seinem feierlichen Einzug in Mainz im November 1514 war
Albrecht der „Metropolit der größten abendländischen
Kirchenprovinz“ (Begriff) geworden. Im September 1516 belehnte Kaiser
Maximilian den Brandenburger mit dem Mainzer Erzstift; Albrecht hatte damit
die „Mainzer Erzkanzlei“ zu führen. Als Reichserzkanzler
würde er dem Wormser (1521) und dem Augsburger (1530) Reichstag vorsitzen.
Am 24. März 1518 schlug Papst Leo X. den Mainzer und Magdeburger EB
für die Aufnahme in das Kardinalskollegium vor. Im August desselben
Jahres nahm Albrecht den Kardinalsmantel und Kardinalshut aus den Händen
der päpstlichen Legaten in Augsburg entgegen.
Wir treffen Albrecht gegen Ende Juni 1519 in Frankfurt am
Main zur Kaiserwahl wieder. Der französische König Franz hatte, ebenso wie der spanische
König Karl, um die Stimmen der Brandenburger Brüder geworben. Der
Enkel des bisherigen Kaisers, der am 24.2.1500 im heute belgischen Gent geborene
Karl, versprach Albrecht Unterstützung für dessen Bestreben, päpstlicher
Legat (Begriff) in Deutschland zu werden. Die vereinbarte Summe von 103.000
Goldgulden war das Wahlgeschenk des neuen Kaisers, nunmehr Karl V., für
Albrecht. Der Kölner EB hatte nur 40.000 Goldgulden erhalten.
Albrecht und Luther zwischen Thesenanschlag und Reliquienfest
Albrecht hatte einen hohen Preis zahlen müssen, um seine Bestätigung
als Mainzer EB durch den Papst zu erhalten. Ich erwähnte bereits, daß Albrecht
beim Augsburger Bankhaus Fugger 29.000 Reichsgulden Schulden aufgenommen
hatte. Das Augsburger Bankhaus war gleichzeitig Hausbank des Papstes. So
ergab es sich, daß Albrecht Schuldenrückzahlung und Ablaßhandel
(Begriff) verbinden konnte. Die Hälfte der eingehenden Gelder aus dem
Ablaßverkauf sollten zu Albrechts Schuldentilgung dienen. Papst Leo
X. ernannte Albrecht am 31. März 1515 zum Verantwortlichen für
den Vertrieb des Ablasses in Norddeutschland.
Sämtliche Urkunden, die die Ablaßprediger bei sich führten,
um sich auszuweisen, trugen Albrechts Namen. Jedem, der nicht glaubte, daß ein
mit Geld erworbener Ablaßzettel von Sünden befreien konnte, der
aber sah, daß andere daran glaubten, stellte sich der Erzbischof als
ideale Zielscheibe für Kritik, Spott und Haß dar.
Luther, dem es darum ging, „die Irreführung der Gläubigen
durch die Ablaßprediger“ und die kirchliche Hierarchie zu beenden,
schrieb am 31. Oktober 1517 einen Brief an Albrecht. Er forderte darin seinen
obersten Hirten, dessen Schaf auch er nur sei, auf, die Mißbräuche
bei der Verkündigung des Ablasses einzustellen und sich wie ein wahrhafter
Bischof zu verhalten. Am gleichen Tag schlug Luther seine 95 Thesen an die
Tür der Wittenberger Schloßkirche. Albrecht erhielt Luthers Brief
in Mainz. Anstatt zu antworten, schickte er Brief und Thesen nach Rom. Er
hoffte, der Papst „werde also zcur sachen greiffen und thun Das solchem
Irsall zceitlich nach gelegenheit und notturft widderstanden“ werde.
Da ihm selbst der rauhe Umgangston der Ablaßprediger nicht gefiel und
er für Luthers Bitte Verständnis aufbrachte, schrieb er seinen
Magdedeburger Räten. Er befahl ihnen, sich mit seinem Subkommissar Johann
Tetzel in Verbindung zu setzen. Tetzel solle darauf achten, daß sich
die ihm untergeordneten Kommissare in Zukunft „in predigen, wortten,
wercken und sunst allenthalben schicklich, zcuchtig, ehrlich und nach erheysschung
Ihres standes wol zcu halten“ hätten.
Albrecht hatte keine Verdammung Luthers durch den Papst
erwirken wollen. Auch stellte er Luther nicht unter Häresieverdacht. „Lediglich
so etwas wie eine Zurechtweisung“ hatte ihm vorgeschwebt. Der päpstliche
Hoftheologe und Dominikaner Silvester Mazzolini wollte anderes. Er überprüfte
Luthers Thesen und stellte deren ketzerischen Inhalt fest (Zweifel an der
Unfehlbarkeit des Papstes). Luther wurde im Oktober 1518 unter kurfürstlicher
Protektion im Augsburger Fuggerhaus verhört, widerrief nicht und floh
am 16. zu Pferde.
Vor der Prozession zur neuen halleschen
Stiftskirche am 15. Juli 1520 erhielt Albrecht am 4. Februar 1520 nochmals
einen Brief vom Wittenberger Reformator.
Luther bat Albrecht, seine Schriften zu lesen und fügte hinzu, daß der
Kardinal bei ihm in hohem Ansehen stehe. Albrecht kritisierte in seiner Antwort
vom 26. Februar 1520 die öffentliche Auseinandersetzung über die
Gewalt des Papstes und über Fragen, die die Konzilien längst entschieden
hätten. Gegen einen freundschaftlichen Disput zwischen Gelehrten untereinander
habe er hingegen nichts einzuwenden. Luther reagierte verärgert auf
des Erzbischofs Antwort. Am 15. Juni ergeht gegen Luther die Bannandrohungsbulle
(Begriff), die er am 10. Oktober in Wittenberg erhält.
2. Grünewald-Denkmal
3. Dom
3.1 Domplatz
Bedeutung des Doms für
die Renaissancearchitektur Mitteldeutschlands
Baugeschichte
Als die Prozession der weltlichen
und klösterlichen Geistlichkeit der
Stadt am 15. Juli 1520 hier ankam, hatte sich an der äußeren Gestalt
der alten Dominikanerkirche noch nichts geändert (Vergleich mit St.
Ulrich). Erst im März war der leitende Architekt der Umbauten, Bastian
Binder, bestellt worden. Vor seiner Berufung nach Halle hatte er die Westfassade
des Magdeburger Domes erneuert. Es war sein Sohn, Ludwig Binder, der 1530-33
den noch heute erhaltenen Westflügel des Dessauer Schlosses (sog. Johannbau)
erbaute.
Wir haben zwei schriftliche Nachrichten über die Umbauarbeiten an der
Stiftskirche. Im September 1520 übersandten Räte dem Kurfürsten
einen Baubericht des Giebichensteiner Hauptmannes, Sigismund von Brandenstein.
Der Bericht selbst ist nicht erhalten. Dem Schreiben der Räte ist nur
zu entnehmen, daß Brandenstein seinen Herrn informierte, „wie
es sich mit dem gebeude und glockengießen heldt“. In einem Brief
vom 17. Juni 1524 schrieb der Bauschreiber und Verwalter der erzbischöflichen
Baukasse, Conrad Fogelsberger, daß die Rundbogengiebel jetzt aufgemauert
werden.
Kunstgeschichte
Woher nahm Bastian Binder das Vorbild
für die Rundbogengiebel? In den
dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts nahm man an, daß Binder
nach einer vorgegebenen Skizze gearbeitet habe. Diese Skizze habe sich Kardinal
Albrecht von einem „fremden, vielleicht italienischen Künstler
möglicherweise unmittelbar aus Venedig“ beschafft. Dreißig
Jahre später wurde vermutet, daß das Rundbogenmotiv als Vorbild
die im Heiltumsschatz befindlichen Reliquiare gehabt haben könnte. Die
Bogen wurden mit den „enggereihten Gliedern eines Diadems“ verglichen.
Der Dom als riesenhaft vergrößerter Reliquienbehälter, sozusagen „als
riesiges Reliquiar.“
Wie haben wir den Umbau der Dominikanerkirche
kunsthistorisch zu bewerten? Die halleschen Rundgiebel sind „die frühesten in der deutschen
Architektur überhaupt“ , der Giebelkranz ist „in weitem
geographischen Umkreis“ der „erste Frührenaissancebau“ gewesen.
Er gilt als maßgebender Bau für die Entwicklung der Baukunst in
Mittel- und Norddeutschland bis nach der Jahrhundertmitte. Zeitgleich mit
Abschluß der halleschen Umbauten begann der Baumeister Jörg Unkair
den Schloßbau Neuhaus bei Paderborn.
Architektur als geistige Waffe?
Es ist nicht eindeutig zu klären, ob Albrecht italianisierende
Bauformen einzig
und allein deshalb an der alten Dominikanerkirche anbrachte, weil es seinem
Bedürfnis nach „glanzvoller Repräsentation“ entsprach.
Warum hätte der Erzbischof nicht auch den „römisch-päpstlichen
Machtanspruch im Zentrum der beginnenden Reformation“ zum Ausdruck
bringen wollen? Krause behauptete, daß protestantische wie katholische
Fürsten in der Rezeption der Renaissanceformen „einig“ waren.
Im Inhalt des figürlichen Schmucks jedoch habe sich die konfessionelle
Differenz gezeigt. Als Beweis dafür führte Krause das („protestantische“)
Schloß Hartenfels in Torgau und den („katholischen“) Georgen-Bau
in Dresden an. Hier war – nach Krause – tatsächlich nur
im „Inhalt des figürlichen Schmucks“ die unterschiedliche
Konfession der Bauherren zu erkennen. Beide Bauten bedienten sich gleichermaßen
des Formengutes der Renaissance.
Allerdings entstammen beide Bauten
den 30er Jahren des 16. Jahrhunderts; der hallesche Rundbogengiebelkranz
wurde bereits zwischen 1520 und 1525 erbaut.
Um Krauses These zu festigen, müßten also aus dieser Zeit Beispiele
für protestantische (Kirchen-) Bauten gefunden werden. (Die Schloßkapelle
Allerheiligen in Wittenberg wurde 1496-1506 von Conrad Pflüger als Residenzkirche
wie Stiftskirche erbaut. Sie ist in spätgotischen Formen gehalten. Die
Kapelle des Schlosses Hartenfels stammt erst aus den Jahren 1543-44. Sie
wurde von Nickel Gromann erbaut. )
3.2 Im Dom
Volksfrömmigkeit und
Reliquienkult
Ich hatte Ihnen bereits in der Magdalenenkapelle
einen möglichen Grund
für Albrechts Wunsch, eine neue Stiftskirche zu installieren, genannt.
Prozessionen drohten die Sicherheit der Burg, aber auch die in der Kapelle
ausgestellten Reliquien zu gefährden. Warum gab es im ersten Viertel
des 16. Jahrhunderts Prozessionen? Was erhofften sich die Gläubigen
von der Teilnahme an Reliquienzeigungen? (Begriff Reliquie) „Heilssehnsucht“ und „Heilsunsicherheit“ der
Massen führten dazu, daß die Menschen versuchten, „sich
eine Garantie für das Heil zu erzwingen.“ Kardinal Albrecht hatte
bereits in der „Instructio summaria“ als erste Gnade „die
vollkommene Vergebung aller Sünden“ angekündigt. Die Kirche
bot dem Gläubigen einen Ausweg aus Heilssehnsucht und Heilsunsicherheit.
Dieser Ausweg wurde von Luther radikal in Frage gestellt.
Prozessionen dienten in zweiter Linie
der Repräsentation eines Gemeinwesens.
Albrecht Dürer hatte am 19. August 1520 die Prozession anläßlich
Mariä Himmelfahrt in Antwerpen gesehen. Er war begeistert. Hinter den
Handwerkern waren die Domherren der Liebfrauenkirche „mit aller Priesterschaft,
Schülern und Köstlichkeit“ aufgezogen. 20 Personen trugen
eine Statue der „Jungfrau Maria mit dem Herren Jesu.“ Auf Wagen
und rollenden Schiffsnachbauten wurden die Statuen der Propheten und der
Heiligen Drei Könige „auf großen Kameltieren und anderen
seltsamen Wundern reitend“ einhergefahren. Zwischen den „gar
artig zugerichteten“ Kunstwerken ritten „Knaben und Mägdlein“ aus
Fleisch und Blut.
(Offene Fragen: Wie häufig wurden der frommen Öffentlichkeit
die Reliquien bis zum 15.7.1520 gezeigt? Gab es Änderungen in Reaktion
auf Luthers Thesenanschlag?)
Reaktion Luthers auf die Zeigung der Reliquien
Das Reliquienfest wurde zum ersten
Mal am 9. September 1520 gefeiert. Das Wetter war schlecht. Es hatte tagelang
geregnet und gestürmt. Anfangs
war der Tag dunkel und die Luft „dick“. Im Laufe des Tages besserte
sich das Wetter. Die Prozession führte von der Moritzburg über
den Neumarkt zum Ulrichstor. Üblich – wie bereits im Juli 1520
geschehen – wäre der Marsch durch „die geschlinge auff Sankt
Ulrichskirchhof“ gewesen. Der Regen hatte den Boden des Kirchhofs aber
dermaßen aufgeweicht, daß eine schickliche und bequeme Passage
den Räten Albrechts nicht annehmbar erschien. Durch das Stadttor zog
man ein und ging die Ulrichsstraße unter Gesängen und vielfachen
Unterbrechungen bis zum Marktplatz hinab.
Der Kurfürst hatte an der Prozession nicht teilgenommen; wahrscheinlich
bereitete er sich auf die Krönung Karls V zum „römischen
Kaiser“ in Aachen vor. Als seine Vertreter nahmen kurfürstliche
Räte teil, die sich Bischof Heinrich von Acon, Suffragan von Halberstadt,
und Graf Wolf von Schönburg-Glauchau, einem Freund Albrechts, anschlossen.
Bischof und Graf trugen das „hochwürdig Sakrament“. Von
außerhalb waren viele „fromme“ Leute gekommen, um die Prozession
zu sehen und sich den Ablaß zu „vordienen“. Hallenser standen
in ihren Hauseingängen oder schauten der Prozession aus den Fenstern
zu.
Einen Monat später erhielt Luther in Wittenberg die Bannandrohungsbulle.
Nach der Krönung Karls zum „römischen Kaiser“ kaufte
Dürer in Köln eine Schrift Luthers und eine Gegenschrift, eine „Kondemnation“ des
Wittenbergers. Am 10.12.1520 verbrannten Studenten Bücher scholastischer
Autoren vor dem Wittenberger Elstertor. Luther nahm an der Verbrennung aktiv
teil. Die Bannandrohungsbulle „Exsurge Domine“ und Schriften
des päpstlichen Kirchenrechts wanderten in das Feuer. Damit, so Oberman,
wollte Luther eine „furchtbare Entdeckung“ illustrieren. Er meinte
erkannt zu haben, daß der Papst die Kirche in die babylonische Gefangenschaft
geführt habe. Die Endzeit der Apokalypse sei nunmehr angebrochen. Das
neue Jahr brachte die Bannung Luthers. Belgrad wurde von den Türken
erobert. Zur gleichen Zeit und als Folge des Banns wurden in Mainz die Schriften
Luthers verbrannt. Über den Vermittler Nikolaus Demut, Propst des halleschen
Stiftes Neuwerk, bat Luther den Kardinal um Schonung. Albrecht solle ihn
und seine Schrift „zufrieden lassen, dieweil noch nichts wider mich
unrechts erkant ist.“
Mitte April 1521 wurde Luther auf
dem Wormser Reichstag die „Teufelsfrage“ gestellt: „Bist
Du allein weise, gegen so viele Jahrhunderte – gegen die Heilige Kirche,
gegen die Konzilien, Dekrete, Gesetze und Zeremonien, wie sie unsere Vorfahren
und alle um uns herum bis auf den heutigen Tag gehalten haben?“ Luther
sah in der wiederholten Verweigerung des Widerrufs einen Dienst am Gemeinwohl.
Streitigkeiten, wie sie zwischen ihm und dem Papst beständen, sollten
nicht zur Ruhe gebracht werden, „wenn wir das unter Verdammung des
Wortes Gottes anfangen.“
Im Mai unterzeichnete der Kaiser die
Achterklärung. Er gebot seinen
Untertanen, Luther nicht in ihr Haus aufzunehmen, ihn nicht bei Hofe zu empfangen,
ihm weder Essen noch Trank zu geben, ihn nicht zu verstecken und „ihm
nicht mit Worten oder Werken heimlich noch öffentlich irgendeine Hilfe,
Anhängerschaft, Beistand oder Vorschub“ zu erweisen. Luther wurde
auf der Rückreise nach Wittenberg bei Eisenach im Auftrag seines Landesherren
in Schutzhaft genommen. Unter den Zeitgenossen verbreitete sich die Nachricht,
Luther sei ermordet worden. Dürer erfuhr in Antwerpen schon nach 13
Tagen von dem Ereignis: „Und lebt er noch oder haben sie ihn gemördert,
das ich nit weiß, so hat er das gelitten um der christlichen Wahrheit
willen und um daß er gestraft hat das unchristliche Papsttum...“ Dürer
bedauerte, daß mit Luther der wichtigste Interpret eines eindeutigen
Evangeliums verschwunden sein könnte. Luther blieb bis zum 1. März
1522 auf der Wartburg.
Im Herbst 1521 wurde in Halle, wie
im Vorjahr, das Reliquienfest gefeiert. Am 8. September ließ Albrecht die wertvollen Kunstschätze samt
heiligem Inhalt von der Kapelle in die im Inneren bereits weitgehend hergerichtete
Stiftskirche übertragen. Im Vorfeld des Festes hatte der Kardinal eine
päpstliche Bulle veröffentlichen lassen. Den Besuchern der Reliquien
in der Stiftskirche wurde darin Ablaß für ihre Sünden gewährt.
Da im Anschluß an das Reliquienfest das Schützenfest des Rats
am 16. September begangen wurde, sah die Stadt in jenen Herbsttagen viel
Volk aber auch angesehene Bürgerschaft und adlige Herren.
Luther, der vom Reliquienfest und
einer erneuten Ausgabe des Ablaß gehört
hatte, zürnte Albrecht. Anfang Oktober schrieb Luther dem am kursächsischen
Hof ansässigen Georg Spalatin. Er habe vor, den Kardinal in einer Schrift
`Wider den Abgott zu Halle´ wegen seines „Hurenhauses“ öffentlich
anzuklagen. Der Kardinal (so Luther im Brief an Albrecht vom 1. Dezember
1521) solle nur nicht glauben, daß er tot sei. Er, Luther, werde „auf
den Gott, der den Papst demütiget hat, so frei und fröhlich pochen,
und ein Spiel mit dem Cardinal von Mainz anfahen, deß sich nicht viel
versehen.“ Werde der Ablaßhandel nicht eingestellt, müsse
er seine Schrift veröffentlichen.
Der Kardinal hatte bereits Ende September
seinen Kanzler Capito und seinen Leibarzt Stromer nach Kursachsen geschickt,
um die Veröffentlichung
der Schrift zu verhindern. Am 21. Dezember antwortete Albrecht: Trotz der
Reichsacht, trotz des Gebots, Luther „nicht mit Worten oder Werken
heimlich noch öffentlich irgendeine Hilfe, Anhängerschaft, Beistand
oder Vorschub“ zu erweisen, schrieb der einflußreichste Vertreter
des Papstes in Deutschland den Reformator mit den Worten „Lieber Herr
Doktor“ an. Er habe dessen Brief erhalten, könne aber nur feststellen,
daß die „Ursach (...) längst abgestellt“ sei. Albrecht
bekannte sich als der Gnade Gottes bedürftig und als „armer sündiger
Mensch“.
Die angekündigte Schrift wurde nicht veröffentlicht. Einerseits
hatte Friedrich der Weise den Druck verboten. Andererseits hatte Albrecht
dem Lutherschen Ultimatum nachgegeben. Ablaßhandel und die ebenfalls
kritisierte Verfolgung verheirateter Priester wurden eingestellt.
Ein 1862 von Eduard Böhmer herausgegebenes Pamphlet, das Hallische
Trutz Rom, weist teils wortwörtliche Übereinstimmung mit Luthers
Schreiben an Albrecht vom 1.12.1521 auf. Vielleicht handelt es sich um eine
Kopie der von Luther angekündigten Schrift „Wider den Abgott zu
Halle“. Wenn diese These stimmt, kann dem Pamphlet entnommen werden,
wie ausgesprochen treffsicher Luther die Beschwerden der weltlichen Stände
gegenüber den geistlichen Ständen zu Wort kommen ließ. Luther
wandte den Spalt zwischen göttlichem Gebot und tatsächlichem Verhalten
mit aller Wucht gegen die halleschen Stiftsherren:
„Oh Gott, du sprichst, daß du Geld und sinnliche Opfer nit willt
haben! und die Pfaffen zu Hall kehren allen Fleiß dahin daß sie
unser Geld, Kühe, Ochsen, Hühner, Äcker, Wiesen, und zuletzt
alle Habe, Haus und Hof, den Beutel mit dem Gürtel von unsern Seiten,
abschwatzen.“ Die Stiftsherren seien „kecke Geldzwacker“ . „Geld
ist eure Losung!“ Luther wußte, daß die Adressaten seines
Schreibens nicht zu den Ärmsten gehörten. Er empfahl, das redlich
verdiente Geld anderen zukommen zu lassen: „Unser Geld werden wir besser
und an die Personen legen die Christus zeiget.“ Überlegt man sich,
daß selbst ein Intellektueller wie Dürer in Luther einen „frommen,
mit dem heiligen Geist erleuchteten Mann“, einen „Nachfolger
Christi und des wahren christlichen Glaubens“ sah, wird klar, wem zukünftig
die Gelder der Gläubigen zukommen sollten.
Das Pamphlet erwähnt auch die Neue Stiftskirche. Die prächtigen
Umhüllungen der Reliquien kontrastierte Luther mit der Art und Weise,
in der die Stiftsherren mit der Verkündigung der Frohen Botschaft umgingen.
Der Dekan vergehe sich an den leiblichen Überresten der Heiligen, indem
er sie zwar in „gülden und silbern Särge oder Kasten“ fasse: „Aber
das heilige Evangelium (...) stoßen Deine Lokaten unter die Bank, und
mügen ihm nicht wohl ein Schweineleder lassen überziehen.“ Zusammengefaßt:
Die toten Gebeine, die nicht mehr sprechen können, werden mit Gold und
Silber geehrt, aber die Frohe Botschaft, die durch Luthers Lehre dem „Teufel“ (=
Papst) entgegenarbeite, werde mit Füßen getreten.
3.3 Ausstattung
Der damalige sachsen-anhaltische Landeskonservator
und spätere
Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums (58-62) Ludwig Grote
urteilte 1930 über die ursprüngliche Raumausstattung der Stiftskirche
zur Zeit
Albrechts: „Wir müssen es uns erst im Geiste zusammentragen, und
auf die Altäre gestellt denken, um eine lebendige Vorstellung von dem
Ausmasse des Mäzenatentums Albrecht von Brandenburgs zu erlangen.“
Stiftskirche, Grablege und „Vorburg
des Gesamthauses Hohenzollern“
Stiftskirche
Was unterscheidet eine Stiftskirche
von einem Kloster? Im Kloster sind, jedenfalls bei Einhaltung des klösterlichen Armutsideals, die „Umweltbeziehungen“ eingeengt.
Die Stiftskirche ist dagegen als ein „Verdichtungspunkt“ für
soziale Beziehungen zu sehen.
Die hallesche Stiftskirche wurde auf
Initiative des Bischofs gegründet.
Zur Finanzierung des Umbaus und der Ausstattung mußte Albrecht jedoch
in Verhandlungen mit dem Rat der Stadt treten. Der Rat erreichte, daß 16
Vikarsstellen nach und nach mit Stadtkindern besetzt werden konnten. Die
hallesche Stiftskirche war an einem besonders wichtigen und ausgesetzten
Punkt der Diözese gelegen. Hier in Halle sollte ein neues Zentrum der
Gottesverehrung zum Nutzen des Interesses Albrechts entstehen.
Wie kann man sich das Leben im Stift
vorstellen? Ein von Albrecht herausgegebenes Breviarum, sozusagen eine „Gebrauchsordnung“ für
das Stift aus dem Jahr 1532 hilft uns, etwas vom damaligen Alltag zu begreifen.
Die Stiftspersonen wurden angehalten,
sich einfach zu kleiden und keinen Schmuck zu tragen. Sie sollten außerhalb des Stiftsgeländes nur
in Begleitung eines Dieners auftreten. Frauen durften weder mit in das Stift
gebracht noch darf ihnen „beigewohnt“ werden. Bei Mißachtung
der letzten Regel drohte den Stiftsherren Kerkerhaft. Auch die Gottesdienste
wurden nach Anweisungen Albrechts geordnet. Die Stiftsherren, so das Brevarium, „dürfen
(...) nicht schläfrig in den Chorstühlen lehnen, nicht schwatzen
oder privatim beten“. Während des Officiums (Begriff) wurde den
Stiftsangehörigen verboten, auf dem „Kirchhofe umherzuschweifen
oder sich mit Laien, besonders Frauen, zu unterhalten“.
Warum hatte Albrecht diese scharfen
Regeln aufgestellt? Der Kardinal wußte,
daß damals in vielen Stiften die Stiftsherren dem „Müßiggange
und den Weibern“ verfallen waren. Die Mainzer Domkapitelsprotokolle
klagten sein Jahrzehnten über den „schlechten Besuch und den mangelhaften
Vollzug der Gottesdienste, über Trinkgelage und Gewalttaten der Kanoniker“.
1526 machte Albrecht seinem Suffraganbischof
Adolf von Merseburg einen wesentlichen Grund für die angeschlagene Lage des geistlichen Stands klar: Die Kleriker
hätten sich in ihrem „Handel und Wandel“ nicht an das gemeine
Recht und die gemeine Verfassung gehalten. Sie hätten gemeines Recht
und gemeine Verfassung übertreten und ihre Privilegien mißbraucht.
Nur eine Reformation der Kirche könnte erreichen, daß der geistliche
Stand wieder guter Lehrmeister und Vorbild des gemeinen Mannes werde. Ausgehend
von Halle, als besonders wichtigem und ausgesetztem Punkt der Diözese,
wollte Albrecht die katholische Reformation im Erzstift Magdeburg vorantreiben.
Deshalb mußten an die Stiftsangehörigen besonders scharfe Anforderungen
gerichtet werden. (Das hallesche Neue Stift wurde übrigens „Vorbild“ des
Kollegiatstifts in Berlin-Cölln. )
Grablege
Albrecht entschied sich spätestens 1525, der Stiftskirche auch die
Funktion seiner Grablege zukommen zu lassen. In diesem Jahr wurde in Nürnberg
von Peter Vischer d.J. das ganzfigurige Grabmal des Kardinals gegossen. Vermutlich
hatte Albrecht das Epitaph 1522/23 während des Nürnberger Reichstages
bestellt. 1530 wurde das Grabmal durch ein von Hans Vischer gegossenes Bronzerelief
einer Madonna mit Kind ergänzt. 1536 schließlich vollendete Albrecht
die Grablege durch einen Bronzebaldachin aus der Vischer-Werkstatt, der von
vier Pfeilern getragen wird.
Aus Magdeburg kannte er bereits eine
wichtige Arbeit der Vischer-Werkstatt, nämlich die seit 1495 in der Vorhalle des Magdeburger Domes aufgestellte
Grabplatte Bischof Ernst von Sachsens. Das ca. 1490 gegossene Epitaph Bischof
Thilo von Trothas im Merseburger Dom, Peter Vischer d.Ä. zugeschrieben,
befand sich ebenfalls im „Einzugsbereich“ Albrechts.
Obwohl ein bauarchäologischer Befund aussteht, können wir davon
ausgehen, daß beide Bronzetafeln und der Baldachin im Chor der Stiftskirche
gestanden haben. Die Grablege wurde1541 nach Aschaffenburg gebracht, wo sie
heute in der dortigen Stiftskirche zu sehen ist.
Das „umfassende Programm des Totengedächtnisses“ folgte
den „ganz persönlichen Wünschen und Vorstellungen des Kardinals“.
Bildliche Darstellung und die Friesinschrift des Baldachins zeigen, daß die „Fürbitte
für den der Rettung bedürftigen Menschen nach seinem Tod das entscheidende
Anliegen“ der gesamten Grabanlage ist (s.u. Pfeilerstatuen, These 2).
Wir können daraus schließen, daß Albrecht sich selbst als
einen der Rettung bedürftigen Menschen ansah. Schon 1521 hatte sich
Albrecht Luther gegenüber als „armer sündiger Mensch“ bekannt,
der der Gnade Gottes bedürfe.
(Vorburg des Gesamthauses Hohenzollern)
Bevor ich Ihnen eine Vorstellung der
Stiftskirche in Funktion (Gedicht Georgius Sabinus) gebe, möchte ich Ihnen den „ursprünglichen räumlichen
Kontext“ erklären. Ich beginne mit den noch vorhandenen Gegenständen
in der Reihenfolge ihrer zeitlichen Entstehung. Weihetafeln, Pfeilerplastiken
und Chorgestühl wurden nach 1541 in der Kirche belassen. Gemälde,
Teppiche und Teile des Heiltums, für den Transport besser geeignet,
wurden nach Aschaffenburg „überführt“.
Weihetafeln
Die große Weihetafel, die vermutlich das präzise
Weihedatum (24.8.1523)
wiedergibt, zeigt die Patrone der Stiftskirche, Mauritius und Magdalena.
Beide umfassen das Staatswappen des Kardinals. Links neben der Schrifttafel
können wir den Heiligen Erasmus, rechts die Hl. Ursula erkennen. Wir
haben in der Weihetafel ein weiteres Werk Peters Schros vor uns. Lühmann-Schmid
sah in der großen Weihetafel eine Weiterentwicklung der uns bereits
bekannten Tafel aus der Magdalenenkapelle. Die Hll. Mauritius und Magdalena
können als Vorstufe der freiplastischen Werke derselben Heiligen angesehen
werden. In der Erweiterung der Schutzheiligen des Stifts um die Hl. Ursula
1524 könnte man den Grund für die Anfertigung einer zweiten Weihetafel
sehen.
Pfleilerstatuen
An den gotischen Achteckpfeilern sehen
wir in Emporenhöhe von Ost nach
West die Statuen Christi, seiner 12 Jünger und Paulus´, der „wegen
seiner visionären Berufung auch zu den Aposteln“ gezählt
wird. Am letzten Pfeilerpaar befinden sich die Statuen der Stiftspatrone,
Mauritius und Magdalena. An der Westwand, am südlichen Halbpfeiler wurde
die Skulptur Erasmus´ angebracht. Die jüngste Patronin des Stifts,
die Hl. Ursula, ist nicht durch eine eigene Großskulptur vertreten.
Über die Köpfe der Apostel und Patrone ragen Turmbaldachine auf,
in denen die 14 Nothelfer und die sie anführende Madonna stehen.
Der Meister der Halleschen Domfiguren
ist wieder der aus der Mainzer Backoffen-Schule stammende Peter Schro.
Er hat „psychologisch ausgedeutete Menschentypen“, „unverwechselbare
Persönlichkeiten“ geschaffen. Aus eigener Hand stammen die Figuren
des Salvator mundi, Petrus, Paulus, Andreas, Johannes, Jacobus maior, Bartholomäus,
Jacobus minor und der drei Kirchenpatrone. Zeitlich sind die Figuren zwischen
1522/23 und 1524 einzuordnen. Sie wurden in der Mainzer Werkstatt gehauen
und per Schiff und Wagen nach Halle gebracht.
Die Qualität der Arbeiten, aber auch ihre langjährige Vernachlässigung
wurde in der Kunstgeschichte oft angemerkt. 1882 bemerkte Wolters, daß eine „Publikation
derselben (...) einen schätzbaren Beitrag zur Geschichte der deutschen
Renaissance bilden“ würde. Noch 1955 mußte Kähler darauf
hinweisen, daß „diese großartigen Bildwerke der weiteren Öffentlichkeit
in einer ihrem Gegenstand angemessenen Publikation zugänglich zu machen“ seien.
Bis heute gibt es keine Publikation, die die Plastiken in Wort und Bild dem
wissenschaftlich wie kulturell Interessierten näher bringt.
Redlich ordnete die Statuen „zweifellos“ dem Besten zu, „was
die deutsche Plastik jener Zeit geleistet hat.“ Grote sah in den Figuren
ein „rauschendes Finale der mittelalterlichen Steinmetztradition“.
Lühmann-Schmid nannte die Apostel- und Nothelfer-Reihe „ein zu
den tief- und hintergründigsten großplastischen Arbeiten der Zeit
zählendes Kunstwerk“ ; die Figuren seien die „reifste Hinterlassenschaft“ Peters
Schros.
Wie ist das Figurenprogramm zu deuten?
Warum bediente
sich Albrecht der großplastischen Darstellung der Apostel?
Um diese Fragen zu beantworten, bedarf
es der Erklärung des Begriffs „Apostel“.
Die Apostel sind die zwölf Jünger Jesu. Sie wurden von ihm selbst
aus der großen Zahl seiner Anhänger ausgesucht. Sie waren nach
der Kreuzigung die Verkünder der frohen Botschaft der Auferweckung Jesu
. Sie verkündeten, „daß durch seinen Namen alle, die an
ihn (Jesus, N.B.) glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen.“ Die
Apostel heilten Gelähmte und erweckten Tote. Die vier Evangelien, die
einundzwanzig Apostelbriefe und die Apostelgeschichte des NT schildern ihr
Wirken.
These 1:
Die Auftragsvergabe und Anbringung
der Apostel ist im Sinne einer Auseinandersetzung Albrechts mit der von
Luther initiierten Reformation zu sehen. Albrecht wäre
damit Luther, der die unverfälschte Predigt des Evangeliums forderte,
symbolisch entgegengekommen, ohne vom eigenen kirchenreformerischen Standpunkt
abweichen zu müssen.
Eine bildhauerische Quelle bestärkt diese Deutung. Auf dem linken Mantelärmel
der Paulus-Skulptur zitierte der Meister aus dem griechischen Text des NT
. Der Text lautet auf deutsch: „allen bin ich alles geworden“ (1.
Kor. 9, 22). Im neunten Kapitel des Korintherbriefs erklärt der Apostel
Paulus sein Selbstverständnis. Er predige das Evangelium nicht aus freiem
Willen, er müsse es tun. Er habe sich den Gebräuchen der Juden
anpassen müssen, um sie für das Evangelium zu gewinnen. Ebenfalls
habe er sich andernorts als Heide ausgeben müssen, um die Heiden für
das Evangelium zu begeistern. Unter den Schwachen sei er als Schwacher aufgetreten,
um auch sie zu gewinnen.
Woher kannte Peter Schro den griechischen
Text? 1516 hatte Erasmus Desiderius, genannt Erasmus von Rotterdam, den
griechischen Text des Neuen Testaments
herausgebracht. In einer Anmerkung zu 1. Thess. 2, 7 lobte Erasmus ausführlich
das Mäzenatentum des 26jährigen Erzbischof und Kurfürsten.
Wie kam es dazu? Ulrich von Hutten (den wir aus Albrechts Frankfurter Zeit
bereits kennen) war 1514 in Mainz und 1515 in Frankfurt mit Erasmus zusammengekommen.
Hier informierte er Erasmus über Albrechts Kunstförderung. Der
Erzbischof schrieb 1517 einen eigenhändigen Brief an den Humanisten.
Er wünschte als ranghöchster Bischof in Deutschland den Mann zu
fördern, der in ganz Europa „im Bereich der Bildung den ersten
Platz einnehme.“ Anhand schriftlicher Quellen lassen sich bis zum Juni
1523 Kontakte zwischen Albrecht und Erasmus feststellen.
Sehr vorsichtig möchte ich behaupten, daß die von Schro zugefügte
Inschrift nicht im Widerspruch zu Albrechts persönlicher Auffassung
vom Bischofsamt steht. Er soll (wie es in einem Brief Capitos angedeutet
wird) weder Mühen noch Kosten gescheut haben, um „die Seelen der
Einfältigen zum wahren Gottesdienst“ einzuladen. Mit den großplastischen
Aposteln hat er sich, so meine These, der Heilssehnsucht des Volkes angepaßt,
um es für seine Interpretation des Evangeliums zu gewinnen. Luthers
Ausfälle richteten sich also gegen einen „einfallsreichen“ Gegner,
der „auch mit den Mitteln der Kunst, seine Position zu halten trachtete.“
These 2:
An den Gewandsäumen der Figuren findet sich jeweils die lateinische
Bezeichnung des Apostels. Nur die Sauminschrift des Apostels Matthäus
trägt die ausführlichere Inschrift „S. MATHEUS APOSTOLUS
ORA PRO NOBIS.“ Legt man diesen Wunsch nach Fürbitte auf alle
Apostel um, entsteht aus den steinernen Inschriften ein Text. In diesem Text
kann man eine Litanei, also eine mittelalterliche Form des Buß- und
Bittgebetes zu Christus, den Engeln, Maria und den Aposteln, erkennen. Wenn
diese Interpretation stimmt, dürfen wir in der Apostelreihe Albrechts „ungebrochenes
Zutrauen in die Fürbitte der Heiligen“ sehen.
Kanzel
Bildhauer Ulrich Creutz als Meister?
Der Bildhauer Ulrich Creutz gilt als
der Meister der Kanzel der Stiftskirche. Zwischen 1514 und 1525 soll Creutz
das Sakramentshaus der Georgskirche in
Nördlingen gefertigt haben. Der Meister tauchte nach 1517 im nordböhmischen
Kaaden auf, wo er die Grabtumba des Johann Lobkowitz von Hassenstein mit
seinem Steinmetzzeichen signierte. Im selben Jahr entstand im Auftrag Bischof
Günther von Bünaus der Merseburger Kunigundenaltar und wenig später
das marmorne Epitaph des Auftraggebers an der Südwand der Vorhalle des
Merseburger Doms. Der Kanzel der Stiftskirche wurde das Datum 1526 eingemeißelt.
Bildprogramm
Das Schriftband zwischen Kanzelkorb
und Kanzelkonsole sowie am Treppenaufgang erläutert das Bildprogramm: „Das ganze Wort Gottes ist feurig,
ein Schild denen, die darauf hoffen; füge nichts seinen Worten hinzu,
damit du nicht des Irrtums überführt und als Lügner erfunden
werdest.“ (AT, Sprüche Salomos, Kleine Spruchsammlungen 30,5)
Wer war der Adressat des Textes? Es konnte sich nur um diejenigen handeln,
die des Lateinischen mächtig waren. Des Lateinischen mächtig waren
die Stiftsherren, darunter auch der Stiftsprediger.
Für Albrecht konnte der Hinweis auf das „ganze Wort“ nur
bedeuten, daß altes und neues Gesetz gemeinsam gelesen und gepredigt
werden sollten. 1526, also im Jahr der Fertigstellung der Kanzel, hatte der
Stiftsprediger Winkler Veränderungen im Gottesdienst durchgeführt,
die auf eine offene lutherische Predigt hinausliefen. Winkler wurde von Albrecht
1527 deshalb in Aschaffenburg gerügt. Auf dem Rückweg nach Halle
fand der Stiftsprediger den gewaltsamen Tod.
An der Kanzelkonsole können wir von links nach rechts in Halbfiguren
Moses und die vier Evangelisten erkennen. Moses, nach dem die fünf Geschichts-bücher
des AT (Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri und Deuteronomium) benannt wurden,
wird neben Johannes gezeigt. Das Evangelium des Johannes beginnt mit einem
Verweis auf den „Anfang“, der im „Wort“ gelegen habe.
Die ungewöhnliche Anordnung des Anführers und Gesetzgebers des
jüdischen Volkes neben dem einzigen Jünger, der die Kreuzigung
Christi erlebte, gibt zu denken. Werden Moses und Johannes als historische
Personen, als authentische Zeugen biblischer Geschichte dargestellt? Nein,
denn dann könnte man eine szenische Darstellung erwarten. Gemeinsam
ist beiden, wie auch den drei anderen Evangelisten, daß sie auf Bücher
verweisen. Lukas und Matthäus beantworten die Frage des Gläubigen
nach den Wurzeln christlicher Wahrheit autoritativ, per „Fingerzeig“:
In den Büchern Mose und den Evangelien kann nachgelesen werden, worin
das tragende Fundament christlichen Glaubens beruht.
Sigrid von der Gönna hat auf die „große Bedeutung“ hingewiesen,
die für Albrecht der Umgang mit Büchern hatte. Im Zusammenhang
mit der geplanten Universitätsgründung wäre es m.E. nicht
undenkbar, daß die Kanzel und ihr Schrift- wie Bildprogramm auf eine
künftige „Universitätskirche“ zugeschnitten wurden.
Adressaten des Schrift- und Bildprogrammes hätten demzufolge „Studenten“ sein
sollen.
Über den Fundatoren, am Kanzelkorb, sehen wir die Figuren von Judas
Thaddäus, Johannes (wie unten), Jakobus, Paulus und Petrus. Es sind
fünf der uns bereits bekannten Apostel aus dem Pfeilerskulpturenzyklus.
Einen weiteren Hinweis auf den Aufstellungsort
der Kanzel als „Kirche
der Lesenden und Lernenden“ geben die ganzfigurigen Reliefs der Kirchenväter
am Treppenaufgang. Kirchenväter und Evangelisten wurden bereits seit
dem 8. Jahrhundert künstlerisch zueinander in Beziehung gesetzt. Auch
die Kanzel des Freiberger Doms von Hans Witten (1508/10) analogisiert Kirchenväter
und Evangelisten. Am oberen Ende finden wir die Darstellung des Hl. Papstes
Gregor.
Legende: Gregor,
Sohn einer römischen Senatorenfamilie gründete
im elterlichen Palast das Benediktinerkloster St. Andreas (Monte Celio).
590 zum Papst geweiht, ordnete er die Verwaltung der päpstlichen Ländereien
und festigte damit entscheidend die politische Machtstellung des Papsttums.
Er wurde bekannt durch seine Schriften (Regula pastoralis, Homilien, Heiligenleben),
die Reform von Kirchenmusik und Messe.
Ein Blick auf Albrechts verwaltungsmäßige Tätigkeit im bannus
hallensis zeigt deutliche Parallelen zu Gregors römischer Festigung
der Papstkirche. Hertzberg schreibt, daß Albrecht durch den Abriß und
die Aufgabe von Klöstern „den kühnsten der Anhänger
der kirchlichen Reform auch als rücksichtsloser Zerstörer mit jugendlichem
Ungestüm weit voran“ gegangen sei. Sein Plan, die „uralte
Hauptburg des Hallischen Katholizismus, das stolze Neuwerk“ abzureißen,
sei in Halle erstaunt aufgenommen worden. In Bezug auf den Neubau der Marktkirche
wertete Hertzberg Albrechts Handeln als „das großartige Werk
der Zerstörung uralter Heiligtümer.“ Albrecht habe den Katholizismus
durch die „Zertrümmerung des alten kirchlichen Systems“ entwurzelt.
Gregor könnte für Albrecht ein Vorbild als Verwaltungsreformer
gewesen sein.
Weiterhin führte Albrecht mit dem 1537 in Leipzig gedruckten Kirchengesangbuch „Ein
New Gesangbüchlien Geistlicher Lieder“ den deutschen ´katholischen´ Kirchengesang
ein. Melanchthons Schwiegersohn, Georg Sabinus, schrieb in einem Lobgedicht,
daß in der Stiftskirche ein „rastlos wechselnder Chor“ fromm
gesungen habe. Gregor könnte für Albrecht also auch ein Vorbild
als Reformer der Kirchenmusik gewesen sein.
Albrecht selbst ist als Schriftsteller
nicht hervorgetreten. Er bemühte
sich jedoch, Erasmus von Rotterdam, den bekanntesten Humanisten seiner Zeit
zu bewegen, Lebensbeschreibungen wichtiger Heiliger zu verfassen. Auch hierin,
in der zeitgemäßen „Neufassung“ von Heiligenleben,
könnte Gregor Albrecht als Vorbild gedient haben.
Mit der Auftragsvergabe und Aufstellung
des Cranachschen Passionszyklus konnte sich Albrecht in einem vierten Punkt
mit dem historischen Papst Gregor
in Übereinstimmung wissen. Albrecht teilte Gregors Auffassung, daß „Bilder
das Buch für die Laien“ sind – Luther stand dieser Auffassung,
im Gegensatz zu Karlstadt, nicht unbedingt ablehnend gegenüber. Der
Bilderzyklus war „genau eine solche Laienbibel.“
Wenn die These stimmt, daß Albrecht Gregors tätiges Leben als
Papst kannte und er in Gregor ein Vorbild für seine eigene `Reformpolitik´ fand,
ist erklärbar, warum wir Albrechts Gesicht anstelle eines anonymen Kopfes
in der Reliefdarstellung wiederfinden. Der Mainzer und Magdeburger Erzbischof
wollte sagen: „Ich, Albrecht, schlüpfe in die äußere
Hülle des großen Gregors. Mit meiner Person – mir persönlich – ist
die Reform und damit die Festigung der Kirche verbunden.“
Der Darstellung Gregors folgt die Darstellung des Hl. Hieronymus.
Legende: Hieronymus
studierte in Rom, Trier und Aquileia, zog sich anschließend
als Einsiedler sechs Jahre in die Wüste Chalkis zurück und wurde
379 Priester und Berater Papst Damasus I. Die Revision der Vulgata, der lateinischen
Bibelübersetzung, wird ihm zugeschrieben. Er wurde zum Prototyp des
in strenger Zurückgezogen- wie genommenheit lebenden Universalgelehrten.
Dürer stellte Hieronymus als Wissenschafter „im Gehäuse“ dar.
Sein Kupferstich wurde zum Portrait des humanistischen Gelehrten.
Werk und Person Hieronymus´ bekamen im 15. Jahrhundert eine neue Bedeutung.
Seine philologische Gelehrsamkeit machte ihn zum Vorbild der humanistisch
inspirierten Theologen des 15. und 16. Jahrhunderts. Erasmus von Rotterdam
gab 1516 eine neunbändige Edition der Werke Hieronymus` heraus. Auch
hier sah sich Kardinal Albrecht in der Nachfolge des Heiligen; zwar können
wir in der Darstellung des Kanzel-Hieronymus nicht die Gesichtszüge
Albrechts erkennen. Aber in der Zeit der Kanzelanfertigung entstanden in
Wittenberg vier Hieronymus-Tafeln, die eindeutig Albrecht zeigen. Andreas
Tacke interpretierte den Rückbezug Albrechts auf den Heiligen als Versuch,
sich als Autorität darzustellen, „nach der sich die Bibelauslegung
auszurichten hatte.“
Auf den Hl. Hieronymus folgen die Hll. Augustinus und Ambrosius:
Legenden: Der Heilige
Augustinus studierte in Karthago die Freien Künste,
lebte von 383 bis 384 in Rom und lehrte anschließend Rhetorik in Mailand.
Dort wurde er durch die Predigten des Bischofs Ambrosius 387 bekehrt. 391
wurde er zum Priester und war von 994 bis 996 Bischof von Hippo. Augustinus
schrieb den „Gottesstaat“, „Über die Dreieinigkeit“ und
die „Bekenntnisse“. Er galt humanistischen Gelehrten des 16.Jahrhunderts
als nachzueiferndes Vorbild eines Gelehrten, ebenso wie Hieronymus. Ambrosius,
seit 374 Bischof von Mailand, war „Verfechter der kirchlichen Freiheit
gegenüber dem Staat, Gegner der Arianer (...), Schöpfer einiger
Meßhymnen und Mitbegründer des Kirchengesangs.“
Obwohl auch der Hl. Ambrosius nicht
die Gesichtszüge
Albrechts zeigt, kennen wir Darstellungen des Kardinals als Ambrosius. Im
1534 entstandenen
Missale Hallense (jetzt in Aschaffenburg) taucht Albrecht als Ambrosius
auf. Abschließend ist, mit den Worten Rolands, zu sagen, daß es
Albrecht um die „Vergegenwärtigung der Leistung jener Heiligen“ ging,
die er „in ihrer Wirkung mit seiner Person“ weitertragen wollte.
Bilder-Zyklus (Die Cranach-Altäre)
Nicht mehr vorhanden sind 16 Altar-Retabel
und zwei Einzeltafeln aus der Werkstatt Lucas Cranach d.Ä. . In Aschaffenburg kann man noch heute
die dem Magdalenen-Altar zugeordneten Tafeln der Höllenfahrt bzw. Auferstehung
Christi bewundern.
Auf den Mittelbildern der Retabel
waren Szenen aus der Leidensgeschichte Christi zu sehen. Die Bilder der
Flügel zeigten – bei geschlossenen
Altären – 64 Heilige. Die Predellen (Begriff) verfügten über
typologisch auf die Leidensgeschichte Christi bezogene Darstellungen aus
dem AT. „Die komplette malerische Kirchenausstattung (wurde) unter
einem einheitlichen Programm (...) in wenigen Jahren von nur einem Auftraggeber
und nur einem Künstler mit seiner Werkstatt realisiert“. Das ist
einmalig in der deutschen Kunstgeschichte. Wir werden in der Marktkirche
einen Flügelaltar Simon Francks sehen, der womöglich dem Bestand
der Stiftskirche ab 1529 angehört hatte und 1541 in der Marktkirche
aufgestellt wurde. Er könnte in dem sog. kleinen Chor im Bereich der
beiden westlichen Mittelschiffsjoche gestanden haben.
Entstehungszeit
Da der Bilder-Zyklus in einem Inventar
des Jahres 1525 aufgeführt wird,
muß der Zyklus vor 1525 in Auftrag gegeben, gefertigt und in der Stiftskirche
platziert worden sein. Als frühesten Zeitpunkt der Ausführung der
ersten Bilder können wir das Datum der Gründung des Stifts ausmachen,
also 1520. Gleichzeitig mit dem Hallenser Zyklus arbeitete die Cranach-Werkstatt
an größeren Arbeiten für Luther und Friedrich den Weisen.
Luther konnte jederzeit in die Werkstatt Cranachs gehen, um sich erzählen
oder zeigen zu lassen, welchen Bilderschatz der Mainzer und Magdeburger Erzbischof
im Hallenser Stift aufbauen wollte. Karlstadt organisierte 1521 während
Luthers Schutzhaft auf der Wartburg den Wittenberger Bildersturm. Cranachs
Werkstatt, die auf Hochtouren produzierte, blieb verschont.
Vorlagen („Erlanger Zeichnungen“ und Präsentationszeichnungen)
Um Ihnen einen Eindruck von der Opulenz
der Gemäldeausstattung zu geben,
zeige ich Ihnen Diapositive einiger `Präsentationszeichnungen´.
Im Gegensatz zu den in Erlangen aufbewahrten `Werkstattblättern´ wurden
die Präsentationszeichnungen für den Auftraggeber zur Begutachtung
angefertigt. Sie sind maßstabgerechte Modelle der Hallenser Altäre
im Kleinformat (1:10) aus dickem Papier mit klappbaren Flügeln. Erhalten
haben sich fünf Modelle. (Vergleicht man die Modelle mit den inventarisierten
Heiligendarstellungen, so kann man vermuten, daß der Auftraggeber Albrecht Änderungen
im Programm wünschte und befahl. ) Die Modelle waren allerdings keine
exakten Vorlagen für die Gemälde; die uns bekannten und noch vorhandenen
Gemälde weichen von den Vorlagen teils erheblich ab.
Cranach d.Ä. trat bei diesem Großauftrag als „Künstlergeschäftsmann“ auf.
Er fertigte die Präsentationsmodelle an und schickte sie Albrecht zu.
Nach Klärung der Änderungswünsche des Kardinals wurde die
Ausführung des gesamten Auftrags einem Meisterschüler übertragen.
Andreas Tacke hat im Hofmaler Albrechts, Simon Franck, den gesuchten Meisterschüler
auszumachen versucht.
(Zwei Projektoren:
links der systematische Grundriß des Stifts, rechts die Modelle)
Ursprüngliche Aufstellung der Altäre
Es gibt keine bildliche Überlieferung der ursprünglichen Anordnung
der Altäre in der Kirche. Das Brevarium aus dem Jahr 1532 – bereits
oben als „Gebrauchsordnung“ der Stiftskirche erwähnt – dient
auch hier zur Erhellung der Frage nach der Ausgangssituation. Die Altarreihe
begann im Osten des südlichen Seitenschiffs mit dem Mauritius-Altar
und der heute in der Münchener Pinakothek aufbewahrten Erasmus-Mauritius-Tafel
Matthias Grünewalds (Dia). Der Passionszyklus wies folgende Darstellungen
als Mittelbilder auf:
(1a) Einzug in Jerusalem
(2) Abendmahl (Einzeltafel) (Abb.28)
(3) Fußwaschung (Kat. 4,*5-8)
(4) Ölberg
(5) Gefangennahme (Kat.9, *11)
(6) Christus vor Annas
(7) Christus vor Kaiphas (Abb. 32/33)
(8) Christus vor Pilatus
(9) Geißelung (Abb. 34/35)
(10) Ecce homo (Kat.*12)
(11) Handwaschung Pilati (Kat.13, *13f)
(12) Kreuztragung (Abb. 36/37)
(13) Kreuzannagelung (Abb. 38/39, Kat.*37)
(14) Kreuzigung (vor Lettner) (Kat.16, *17-19)
(15) Kreuzabnahme (Abb. 40-42, Kat.20, *21-28)
(16) Grablegung (Einzeltafel)
(17) Wächter am Grab (Allerheiligenkapelle)
(18) Auferstehung
(19) Himmelfahrt Christi (Einzeltafel)
(20) Ausgießung des Hl. Geistes
(21) Jüngstes Gericht
(XX) Hochaltar (Kat. 30
(* bedeutet: Werkstattblätter für Flügel der Hallenser Altäre)
In unmittelbarer Nähe der „Fußwaschung“(3) befanden
sich eine Annen- und eine Erasmusmatertafel. Nördlich des Kreuzaltares
mit dem Gemälde der Kreuzigung (14) befand sich der Nothelfer-Altar.
Südlich vom Kreuzaltar, vor dem Lettner, hing eine Tafel „Christus
im Grab zwischen Johannes und Maria“. Gleich daneben eine Einzeltafel
mit „Christus und der Ehebrecherin“.
Teppiche
Neben den fest mit dem Mauerwerk verbundenen
Tuffsteinskulpturen, der Kanzel und den Altären dienten auch Teppiche und Tücher
dem Schmuck der Stiftskirche und der Steigerung des Eindrucks auf Kanoniker
(im Chor) wie
Laien (im Schiff).
Ich möchte Ihnen anhand der Situation vor dem Lettner andeuten, wie
die Bildthematiken von Cranachs Gemälden mit den Teppichen oder Tüchern
korrespondierten.
Wie das 1525er Inventar uns mitteilt,
befand sich auf dem Kreuzaltar eine schöne gemalte Tafel mit vier Flügeln. Die Vorlage für die
Präsentations-zeichnung hat sich in Erlangen erhalten (Bild). Auf den
Altarflügeln waren vermutlich die Hl. Helena und Quiriacus, sowie zwei
Männer, die das Hl. Kreuz ausgraben, dargestellt.
Hinter dem Altar, am Lettner „nach der kirchen“, hingen auf
jeder Seite je vier Teppiche oder Tücher. Auf der nördlichen Seite,
der Seite des Dekans, hing ein kleines Tuch mit einer Abbildung der Maria,
ein Tuch mit der Darstellung der Erweckung des Lazarus, ein weiteres mit
dem „heidnischen weybeleyn über dem borne“ und ein Marienbild
mit Engeln. Auf der südlichen Seite, der Seite des Probsts, sah man
eine große Mariendarstellung, nochmals eine „Erweckung des Lazarus“,
ein Teppich mit der Erscheinung Christi vor Magdalena und ein goldenes, gewirktes
Tuch.
Sakristeiportal und Sakristei (Heiltum)
Die bis jetzt vorgestellte Ausstattung
der Stiftskirche wie auch ihr äußeres
Erscheinungsbild dienten einem hauptsächlichen Zweck. Beide sollten
für die von Ernst und Albrecht gesammelten Reliquien und Kleinodien
eine angemessene Umgebung sichern.
Seit dem Spätmittelalter wurden Reliquien im Rahmen sogenannter Heiltumsschauen
der Öffentlichkeit gezeigt. Kirchen besaßen Heiltumsstühle
(Erker, Balkonausbauten), von denen aus die Reliquien vorgestellt wurden.
Seit 1349 findet alle sieben Jahre eine Woche vor und eine Woche nach dem
17. Juli die Aachener Heiligtumsfahrt statt. Die dort im Domschatz aufbewahrten
Reliquienschätze (Kleid Mariens, Windeln und Lendentuch Christi, Enthauptungstuch
des Hl. Johannes) ziehen bis heute Pilger aus aller Welt in die alte Reichsstadt.
Mit dem Einzug der Reformation in Wittenberg kam es 1522 zwar noch zur Ausstellung
der Reliquien, aber nicht mehr zum Ablaß. Die Nürnberger Reichsheiltümer
wurden 1524 letztmalig ausgestellt.
Schatzkammer
Um seinen Reliquienschatz, der 1521
insgesamt 21.441 Partikel und 42 vollständige
Körper von Heiligen umfaßte, sicher und geordnet unterzubringen,
ließ Albrecht die am östlichen Joch des Nordschiffs vorhandene
Kapelle zur „Schatzkammer“ umbauen. Damals erhielt sie ihr bis
heute erhaltenes Frührenaissanceportal sowie den westlichen Anbau, der
den Schatz in erster Linie aufnehmen sollte.
Heiltumsbuch
Als „Werbeschrift“ für den Besuch des halleschen Heiltums
hatte Albrecht die Erstellung eines Heiltumsbuches in Auftrag gegeben. Es
wurde höchstwahrscheinlich 1520 in Leipzig gedruckt. Das Buch umfaßt
auf 120 Seiten 237 Holzschnittdrucke. (In der Marienbibliothek der Marktgemeinde
ist ein vollständiges Exemplar erhalten, in der ULB ein unvollständiges.)
Die Gattung der Heiltumsbücher fand im halleschen Buch „ihren
Höhepunkt in Umfang und Genauigkeit.“ Neben dem 1520 gedruckten
Buch existiert in der Aschaffenburger Hofbibliothek ein prachtvoll illuminiertes
Exemplar, das zum persönlichen Gebrauch des Kardinals bestimmt war.
Dieser Codex stellt für die Kunstgeschichte die „wichtigste Quelle
für die Erkenntnis der Goldschmiedekunst“ im ausgehenden Mittelalter
dar.
Heiltum
Vom ehemals reichen Heiltumsschatz
Albrechts ist heute kaum noch etwas vorhanden. Schon in den dreißiger Jahren und dann gegen Ende seines Lebens wurden
entweder Teile des Heiltums eingeschmolzen oder als Pfänder nach Magdeburg
oder Mainz gegeben. Der „schönste Schmuck“ des hohen Chors,
eine überlebensgroße silberne Mauritius-Statue, wurde nach Nürnberg
transportiert, um dort verflüssigt zu werden. Der große Sarg mit
dem Körper der Hl. Margaretha gelangte nach Aschaffenburg. Gerade der
Inhalt dieses Sarges, zum Fest der 11.000 Jungfrauen am 21. Oktober aufgestellt,
sorgte bei den Anhängern Luthers für Gesprächsstoff. Sie vermuteten,
daß „derselbe den Körper einer gewissen Magdalena, Margarethe
oder Ursula Rüdinger, der sogenannten Geliebten des Cardinals“,
enthalte. Tatsächlich handelte es sich um ein in Tüll gewickeltes
Holzskelett, dessen Aushöhlungen Reliquienpartikel aufnahmen. Auch in
der Ursula-Büste, dem „silberenn brustbilde sanct Ursula“ ,
wollte die Legende lange Zeit eine Abbildung einer Maitresse Albrechts sehen.
Erstaunt zeigte sich noch 1991 Gerd Heinreich, daß Albrecht seine „Gefährtin
Ursula Redinger im Medium der Kunst“ aller Öffentlichkeit vorgestellt
habe. Albrechts Ursula-Kult könne „im Rahmen der Kunstaufträge
wie eine Blasphemie“ erscheinen.
Kardinalszimmer
An der Westseite der Stiftskirche
befindet sich ein Turmanbau, der sich bis zum ersten Stützbogen der nördlichen Außenwand des Kirchenschiffs
fortsetzt. Spätgotische Tür- und Fenstergewände des kreuzrippengewölbten
Raumes im Obergeschoß verweisen auf einen Einbau nach 1520. Das Wappen
Kardinal Albrechts wurde wahrscheinlich erst im 19. Jahrhundert angebracht.
Seit dieser Zeit wird das Zimmer nach dem Kardinal benannt.
4. Kardinal Albrecht und sein politisches Umfeld (1521-29)
In den Jahren zwischen der ersten öffentlichen Auseinandersetzung Luthers
it dem Kardinal passierte viel. Nach dem Wittenberger Bildersturm ist Luther
seit März 1522 wieder in Wittenberg, seit 1523 hat Luther die Lehrtätigkeit
wieder aufgenommen. Im selben Jahr (1522) verlor „die Christenheit“ die
Feste Rhodos. Türken vertrieben den Johanniterordner nach Malta.
In Mitteldeutschland griff die neue
Lehre um sich. Der Stiftsprediger Demut floh im April 1523 nach Wittenberg,
um sich dort zum Luthertum zu bekennen.
Am 23. August desselben Jahres wurde die Stiftskirche geweiht. Zwischen Weihnachten
und Neujahr kam es zu einem Aufstand in der Stadt, der die Spannung zwischen
altgläubigem Rat und lutherischer Bürgerschaft aufzeigte.
5. Der Neue Bau („Residenz“)
5.1 Baugeschichte
Zuerst muß an dieser Stelle ein Geständnis stehen: Es gibt weder
Rechnungen noch Berichte über den Bau der sogenannten Residenz. Nur
bauarchäologische Untersuchungen können uns heute helfen, mehr über
die ursprüngliche Baugestalt und –funktion herauszufinden.
1529 hatte der Kardinal mit der Stadt
vereinbart, daß an diesem Ort
vorhandene Hospital St. Cyriaci et Antonii abzureißen und seinen Wiederaufbau
in der Nähe der Moritzkirche vorzunehmen. Dem Kardinal hatten die Abwässer,
die aus dem Hospital in die Mühlgrabensaale geleitet wurden, zu sehr
gestunken. Vielleicht – im Zusammenhang mit anderen Maßnahmen
im selben Jahr - lag dem Kardinal aber auch an einer verbesserten Hygiene,
die in Zukunft die Verbreitung der Pest verhindern sollte.
Baumeister Andreas Günther aus
Komotau
Baumeister war ab 1533 der Komotauer
Andreas Günther. Günther
hatte wohl ab 1527 die Umbauarbeiten des Schönburgischen Schlosses in
Glauchau geleitet. (Der Bruder Schönburgs, Wolf I., den wir während
der Prozession im September 1520 kennengelernt haben, war ein guter Bekannter
Albrechts. Er hatte die Truppen Albrechts im Bauernkrieg (Begriff) befehligt
und war an der Niederschlagung des vor den Toren Frankenhausens lagernden
Bauernhaufens beteiligt. )
In Zeitz verdingte sich Günther am 18.3.1532 dem Rat der Stadt. Er
verpflichtete sich, die gesamten Steinmetzarbeiten des Brückenbaus über
die Elster zu übernehmen. Weniger als ein Jahr später, am 5.5.1533,
wurde Günther zum Werkmann und Baumeister der Erzbistümer Magdeburg
und Mainz und des Bistums Halberstadt bestallt. Fünf Jahre betreute
er sein „Hauptwerk“, die sog. hallesche Residenz, und wurde damit „Wegbereiter“ der
mitteldeutschen Frührenaissance. 1538 ging er nach Bernburg, um dort
den Wolfgang-Bau des Schlosses zu errichten. Hier findet sich an der Ostwand
das Selbstbildnis des Baumeisters.
5.2 Baubeschreibung
Es geht uns im Hof der Residenz wie
vor der Saalefront vielleicht ein wenig so, wie in der Stiftskirche. Die
Differenz zwischen ehemaliger Pracht und
heutigem Zustand fällt scharf ins Auge. 1930 gab Ludwig Grote zu, daß die
Residenz ein „verstümmelter, bis heute schlecht behandelter Torso“ sei.
Er fügte aber an, daß „nach Reinigung von späteren
Zutaten noch manches von der ursprünglichen architektonischen Idee“ gezeigt
werden könnte. Auch Rolf Hünicken, der 1936 das Stadtarchiv leitete,
geriet in Entzückung, als er sich vorstellte, was die Residenz – wäre
sie unzerstört geblieben – für Mitteldeutschland hätte
sein können: einer der „großartigsten Frührenaissancebauten“ der
Region.
Andreas Günther stand vor einer schwierigen Bauaufgabe. Nach dem Abriß des
Hospitals stand ihm eine durch Mühlgrabensaale im Westen und Wohnbebauung
im Osten beschränkte Grundfläche zur Verfügung. Im Norden
existierte die Propstei, im Süden das Klaustor. Die Grundfläche
war ein Viereck, dessen südliche Seite sehr schmal ausfiel.
Ostflügel
Der Ostflügel ist im Erdgeschoß gegen die Domgasse geschlossen,
im Obergeschoß durch Rechteckfenster geöffnet. Gegen den Hof sieht
man im EG noch heute 12 Flachbogen, die wahrscheinlich im 17. Jahrhundert
zur Stützung der Oberwand vermauert wurden. Die Flachbogen haben jeweils
eine Breite von 5,40 m; insgesamt ergibt sich also eine Länge der Arkadenreihe
von 65 m. Die Breite der flachgedeckten Halle, deren mittlere Stützenreihe
zwei romanische Säulen aufweist, betrug 9 m.
Nordflügel
Der zweiteilige Nordflügel hat raumtrennenden Charakter. Er schuf den
kleinen Stiftskircheninnenhof und den großen Residenzinnenhof. Zwischen
beiden Höfen gibt es keine Verbindung. Allein die ab dem Obergeschoß aufgeführte
Allerheiligenkapelle des östlichen Nordflügels war durch den auf
einer doppelten Arkadenreihe ruhenden Gang (s.o.) mit der Apsis der Stiftskirche
verbunden.
Das Erdgeschoß des Nordflügels ist – wie im Osten – durch
einen Arkadengang erschlossen. Die Träger des Obergeschosses sind aber
keine Säulen, sondern massive Pfeiler aus Ziegelsteinen. Ihr Querschnitt
beträgt 2,48 m x 1,50m, die Achsenweite zwischen zwei Pfleilern 6,07m.
Insgesamt mißt der Arkadengang 42 m. Volkmann nahm an, daß dieser
Wechsel der konstruktiven Elemente auf der Erkenntnis beruhte, im Ostflügel
nicht stabil genug gebaut zu haben. Bastian Binder habe daraufhin Andreas
Günther abgelöst.
Hinter den Bogen ist noch heute der
netzrippengewölbte Gang erkennbar.
Die Rippen wurden aus Formsteinen fugenfrei aneinander gesetzt. An dessen
westlichem Ende rahmt ein romanisches Portal den Übergang zum Westflügel.
Zwischen Gang und nördlicher Außenmauer sind tonnengewölbte
Räume untergebracht, deren Funktion zur Zeit Albrechts nicht bekannt
ist. Eine ein Meter starke Zwischenmauer trennt die Räume vom Gang.
Allerheiligenkapelle
Die im Obergeschoß des östlichen Nordflügels gelegene Kapelle
besticht durch die klare Rechteckform des Grundrisses wie der Fenster. Die
gegen Osten liegende Apsis ist an ihrer Außenseite durch zwei Dreiviertelsäulen
hervorgehoben. Ungewöhnlich sind auch die Formen der Fenster und Türen,
die dem Stil derjenigen im Osttrakt in nichts nachstehen.
Treppenhaus im Nordwesten
Das Ende des 19. Jahrhunderts angelegte
Treppenhaus führt zu einer
Türrahmung, die als Zugang zum großen Saal dient. Der Rahmen ist
in „italianisierenden Frührenaissanceformen“ gehalten.
5.3 Funktion (Zweckbestimmung)
Die Überlieferung schreibt dem Neuen Bau die Funktion einer Universität
zu. In einem Schreiben vom 27.5.31 teilte Kardinal Lorenzo Campeggio dem
Erzbischof mit, daß der Papst die Einrichtung eines studium generale
in Halle erlaubt habe. Es läßt sich aber bis heute keine Beziehung
zwischen dieser zweifellos gegebenen Behauptung und dem tatsächlichen
Baubeginn herstellen.
Vielmehr wollte Albrecht neben der
Residenz in der Moritzburg eine private Unterkunft in direkter Nähe des Stifts errichten. Peter van der Vorst,
päpstlicher Nuntius und Bischof von Aqui nannte das Gebäude 1537
ein „domum solatii valde elegantem“ – ein „geschmackvolles
Haus“, das Albrecht zu seinem Trost errichten lasse.
Vorbilder für den Wandelgang im Osttrakt finden wir in Frankreich.
Der Typ des Galeriebaus, der der Aufstellung von Kunstwerken dienen konnte,
war dort seit dem 15. Jahrhundert bekannt. Im 16. Jahrhundert griff dieser
Bautyp auf Süddeutschland und wenig später auch auf den Norden über.
Norbert Böhnke, April 2001
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