Reusch - Teutschenthal - Spengler in Halle (S.)

Wer war Paul Reusch?

Reusch kam am 9.2.1868 in Königsbronn in Württemberg zur Welt, seiner „schwäbischen Heimat“. Er starb am 21.12.1956 auf seinem Landgut Schloß Katharinenhof bei Backnang (Württ.). Nach dem Besuch der Lateinschule in Aalen absolvierte er das Realgymnasium in Stuttgart; an der dortigen TH studierte er auch.
Praktisch war er in Berg-, Hütten- und Industriewerken tätig. 1901 wurde er Direktor der Friedrich-Wilhelms-Hütte (Mühlheim/Ruhr), 1905 Vorstandsmitglied der Gutehoffnungshütte (Oberhausen/Rhld.), 1908 Vorsitzender des Vorstands (bis 1942, zum Rücktritt

gezwungen ).Reusch war einer der größten deutschen Wirtschaftsführer, er wirkte mit, das Ruhrgebiet zu einem der „größten Industriebezirke der Erde“ zu formen. Im Vergleich zu anderen Unternehmern hatte er eine Sonderstellung inne, da er nicht Eigentümer des Betriebs war.

Welche Verbindung hatte Reusch zu Spengler?

Beide lernten sich nach dem Zusammenbruch des Ersten Weltkrieges im Mai 1921 kennen. Spengler schenkte ihm den ersten Band des „Untergangs“, Reusch versprach, sich über Ostern 1923 in das Werk vertiefen zu wollen. Spengler war 1923 Anfang 40 „und hatte sich mit aller Hingabe dem Kampf der politischen Tagesmeinungen verschrieben, womit Reusch gar nicht einverstanden war. Den umstürzlerischen Plänen des Jüngeren gegenüber verhielt er sich völlig ablehnend.“ (82) Spenglers Gedanke, Reusch solle in einem an die Stelle der Reichsregierung zu errichtenden Direktorium ein leitendes Amt übernehmen, wies er weit von sich.

Der „im Betätigungsdrang überschäumende Freund“ zog sich erst 1925 (nach Enttäuschungen zur Einsicht gelangt) aus dem politischen Alltag zurück. Reusch regte Spengler zu Vorträgen, u.a. im Langnamverein (1924), im Deutschen Museum (1931), im Oberhausener Werksgasthaus (1933) an. Er lud Spengler zu Reisen ein, vermittelte sie oder unterstützte ihn bei der Vorbereitung:

> Holland (1923)
> Visa für die Sowjetunion (1924)
> Brioni-Inseln vor Pula, Venedig, Rom (1927)
> Südfrankreich, Spanien (Frühjahr 1928)

Spengler unterstützte Reusch bei der Auswahl und beim Ankauf von Kunst; Spengler war regelmäßig Gast auf dem Katharinenhof. Nach Spenglers Tod gab Reusch „Oswald Spengler zum Gedenken“ (1938) heraus. Der Bearbeiter, Richard Korherr, stellte als Leitmotiv für das Buch hervor:

„Das Buch muß an Niveau weit über das heute übliche Maß hinausragen. Nur so kann es beweisen, wessen Geistes die Leute sind, die sich zu Oswald Spengler bekennen, wen er also zu beeinflussen vermochte...“ (Korherr an Reusch, 12.8.36)

Reusch unterstützte den Plan der Schwester Spenglers, ein Spengler-Archiv aufzubauen, schuf materielle Voraussetzungen und ließ den Nachlaß an durch den Krieg ungefährdeten Orten unterbringen; nach dem Krieg regte er bei einem Schweizer Verlag die Herausgabe kürzerer Arbeiten Spenglers an. 1940 schrieb Reusch an Paul Clemen:

„ Er (Spengler, NB) ist ja vorläufig vergessen. Seine Bücher werden unter dem Druck der Verhältnisse nicht mehr verkauft, aber ich bin überzeugt, daß er wieder auferstehen wird. Wer wie Spengler die Welt erleuchtet hat, den kann und wird die Menschheit auf die Dauer nicht vergessen.“ (96)

Schloss Teutschenthal bei Halle.
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Welche Verbindung gab es zwischen Reusch und Teutschenthal?

Paul Reusch hatte 1935 einen Gesprächskreis aus Industriellen, Wissenschafter und Landwirten gegründet. In diesem Kreis wurde über politische und wirtschaftliche Probleme diskutiert; der Kreis stand der Diktatur kritisch gegenüber. Am 10.11.1943 traf sich der Kreis auf Teutschenthal, hergekommen waren Paul Reusch, Karl Goerdeler und der Teutschenthaler Nachbar Max Schröder auf Etzdorf. Während der Diskussion soll Carl Wentzel, der Hausherr, Adolf Hitlers Tod gewünscht haben. Dieser Vorwurf war Teil der Anklage vor dem Volksgerichtshof in der Folge des 20. Juli 1944; Carl Wentzel wurde am 20. Dezember 1944 in Plötzensee hingerichtet.

Spengler in Halle

Detlev Felken beschreibt in seiner Spengler-Biografie auf zwei Seiten München, „vor allem Schwabing“, und seinen „ungewöhnlich hohen Prozentsatz genialer Naturen und solcher, die sich dafür hielten.“ (26) Eine Beschreibung der Stadt Halle liefert er nicht. Vielleicht liegt es daran, dass Felken sein Buch 1987/88 schrieb, Halle noch hinter dem `eisernen Vorhang´ lag.

Was aber passierte in der Stadt, die Spengler als 11jähriger betrat und als 21jähriger – nach dem Tod seines Vaters – fluchtartig verließ? Halle war nicht das Eldorado Intellektueller, vielmehr war Halle eine aufblühende Industriestadt, die bevölkerungsmäßig explodierte.

Elektrizität, Chemie und Motorkraft, so Erik Neumann , bestimmten die Industrieentwicklung am Ende des 19. Jahrhunderts. 1891 – also im Jahr der Ankunft der Spenglers in Halle – nahm in Halle die erste durch ein Oberleitungsnetz gespeiste und regulär verkehrende elektrische Straßenbahn Deutschlands ihren Betrieb auf.

Neumann weiter: „Mit dem Wirtschaftsaufschwung durch die Industrialisierung aber versechsfachte sich bis zum Jahr 1900 die Einwohnerzahl auf über 156.000 und erfuhr die Stadt großzügige Erweiterungen mit zahlreichen neu entstandenen Straßenzügen und Wohnvierteln. Auch in Halle bestimmten in dieser Zeit rotierende Schwungräder, pochende Kolben und eiserne Getriebe den Lebensrhythmus einer Massengesellschaft. Menschenzusammenballungen in der Fabrik, im Wohnquartier, auf der Straße und in Organisationen vermittelten das Bild von Mobilität, Aufbruch und Dynamik.

In unablässiger Wechselwirkung von Industrialisierung und Urbanisierung formte sich innerhalb kürzester Zeit die Großstadt mit der ihr eigenen Stadttechnik und Kommunikationslogistik, städtebaulicher Dimension und kompakten baulichen Substanz, mit ihrer Konzentration wirtschaftlicher Kraft, dem Umfang der Warenströme, der Vielfalt menschlicher Tätigkeit, mit all den neuen Lebensgewohnheiten und Verhaltensmustern.“

Die günstige geographische Lage sorgte für den Ausbau Halles zum Eisenbahnknotenpunkt, die günstigen Verkehrsverhältnisse bestimmten die Ausbeutung der Braunkohlevorkommen, die bis ins Stadtgebiet reichten. Zwei Großunternehmen, die Riebeckschen Montanwerke und die Sächsisch-Thüringische AG für Braunkohlenverwertung, hatten ihren Sitz in Halle; hier wurde 1885 der „Deutsche-Braunkohlen-Industrie-Verein“ gegründet.

Fruchtbarer Boden und moderne Anbaumethoden ließen Halle zum Zentrum der Zuckerindustrie werden – die Familie Wentzel und insbesondere Carl Wentzel als Erbauer des Schlosses Teutschenthal hatten daran großen Anteil. Auf Wentzels Drängen konstituierte sich 1919 die „Vereinigung mitteldeutscher Rohzuckerfabriken“, von 1925 bis 1935 war er Mitglied des „Vereinsausschusses der deutschen Zuckerindustrie“, 1930 gehörte er der deutschen Delegation auf der Brüsseler Zuckerkonferenz an.

Braunkohleförderung- und verarbeitung aber auch die Landwirtschaft brachten es mit sich, dass sich Halle zu einem bevorzugten Standort des Maschinenbaus entwickelte. Die Stadt baute in eigener Regie 1891 das Gaswerk am Holzplatz, 1893 den Schlacht- und Viehhof an der Freiimfelder Straße und 1901 ebenfalls am Holzplatz das Elektrizitätswerk.

Und Spengler?

Spengler besucht von 1891 bis 1899 die Lateinische Hauptschule der Franckeschen Stiftungen, kurz „Latina“ genannt. Detlef Felken charakterisierte die Schule:

>
sie sei noch ganz von pietistischem Geist durchweht gewesen
> der „religiöse Ehrgeiz“ der Latina habe auf Spengler „nicht die erwünschte Wirkung“ gehabt
> das Studium der alten Sprachen sei „vor allem“ gefördert worden, der Unterricht in den modernen Sprachen wurde „dafür“ nur nachlässig betrieben (14)

Das Opernhaus findet bei Felken indirekt Erwähnung: „Er durfte nun auch das Theater besuchen und schwärmte selbstverständlich für Wagner.“ (16)

Die hallische Oper. Zu Spenglers Zeit eine Hochburg der Wagnerverehrung

Der „leidenschaftliche Leser“, sechzehnjährig, ging auf „heimliche Exkursionen“ in die Universitätsbibliothek; hier fand er zu Schopenhauer und Nietzsche. Das Reifezeugnis vom 15.9.1899 attestierte Spengler genügende Kenntnisse der Religionslehre, gute Kenntnisse des Deutschen und sehr gute der Geschichte und Geographie:

„Er hat dem Unterricht immer reges Interesse, gutes Verständnis und selbsttätigen Fleiß zugewandt und sich sehr gute Kenntnisse erworben.“

Nach dem Abitur 1899 schrieb er sich an der Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg für Mathematik und Naturwissenschaften ein: „Die ersten Semester zogen ziellos an ihm vorüber.“ (18) Nach Studienaufenthalten in München und Berlin reichte er – von Blankenburg aus – bei der Philosophischen Fakultät seine Dissertation ein.

Literatur:
Detlev Felken: Oswald Spengler, München: Beck, 1988
Koktanek, Anton Mirko (Hrsg.): Spengler-Studien. FS für Manfred Schröter zum 85. Geburtstag, München: 1965
Quellen:
Promotionsvorgang Oswald Spengler, Dekanatsakten der Philosophischen Fakultät, Archiv der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg