Wanderungen

Wanderungen der IfHaS sind Erich Neuss-Wanderungen. Erich Neuss (1899-1982) studierte in Halle Nationalökonomie, Wirtschaft und Geschichte (1920-24), war Direktor des Stadtarchivs (1928-33 und 1945-52) und von 1957 bis 1964 Professor für Landes- und Regionalgeschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Sein schriftstellerisches Werk umfasst Biographien bedeutender hallescher Wirtschaftsführer (Ludwig Wucherer, Carl August Jacob), eine hervorragende Verwaltungsgeschichte (Die hallische Stadtverwaltung 1906-1931) wie eine ergiebige "Geschichte der Stadtsparkasse zu Halle. 1857-1932". Seine "Wanderungen durch die Grafschaft Mansfeld" (Bd. 1, 1935; Bd. 2, 1938, Bd. 3, 1951-52) sind heute - die Bände 1 und 2 wurden 1999 von Landesheimatbund erneut herausgegeben - die wohl kenntnisreichsten und besterzählten Heimatgeschichten in Sachsen-Anhalt.

Neue Wandertermine im Frühjahr!

Herbstwanderungen im Mansfelder Land und im Saalkreis

1. Zum Erntedank in die Korndörfer (30. September 2001, 11:10 Uhr, Treffpunkt: Hauptbahnhof Halle, Rückkehr im späten Nachmittag)

In Wansleben a.S. beginnt die Wanderung (Ev. Kirche St. Andreas, geweiht 1506, spätgotische Wandmalerei im Chor). Vorbei am Tagebau Amsdorf (Romonta Werke): im Westen Tagebau, im Osten (Korn-) Felder und (Kartoffel-) Äcker soweit der Blick reicht. Die weiß-gräuliche Kalihalde von Teutschenthal ist Wegbegleiter über die ersten Kilometer.

Gut Etzdorf (von 1732 bis 1847 königlich-preußisches Gut), ein "Zweckgebilde des neuzeitlichen landwirtschaftlichen Großbetriebs" (Neuss, 1935). Seit 1934 im Besitz von Max Schroeder.

Schroeder war neben Carl Goerdeler, Hjalmar Schacht und Emil Woermann Mitglied des 1935 gegründeten Reusch-Kreises. Hier wurde auf Anregung des rheinischen Industriellen Paul Reusch nicht nur wirtschaftspolitisch diskutiert. 1944 wurde Schroeder vor dem Staatsgerichtshof angeklagt, jedoch freigesprochen. Sein Gutsnachbar, Carl Wenzel auf Teutschenthal, "der größte deutsche Landwirt (auf seine Art)" (Ulrich von Hassel), wurde hingerichtet. Wenzel ruht auf dem Stadtgottesacker in Halle (Saale).
Heute betreiben Schroeders Nachkommen Etzdorf. Anstatt die Fassade des Gutshauses aus dem Jahr 1906 (s.Bild) zu renovieren, wurden moderne Landmaschinen gekauft. Frische Kartoffeln vom Acker gibt es bei der Hausherrin für 70 Pf./kg.

Steuden (EBN, Abb. 10, S.104), das "schönste, unverfälschteste aller mansfeldischen Bauerndörfer" (Neuss, 1935). Warum? Die Bauernhöfe sind mit Kalkbruchstein gemauert, der aus dem nahegelegenen Weidatal stammt und nicht mit (gelbem) Backstein. Kirche St. Moritz mit Kanzelaltar: Worin liegt der Zauber des Raums? "War es das matte Rot der Bänke, die zart abgesetzten Farben der Emporen oder die kräftigere, ja in den Blumengewinden und in den beschwingten Gestalten über dem Kanzelaltar lebhafte Bemalung der Holzschnitzereien?" (Neuss) Antwort: Kontrast zwischen "geschmackvoller Ausstattung" und "ungeputzten hellen Bruchsteinwänden".

Über die Felder nach Dornstedt, einem Rundlingsdorf. Mittig die Kirche. Nur der Turm ist vom Vorgängerbau erhalten; das Schiff stammt aus dem Jahr 1894. Schlanke Eisensäulen tragen das Kreuzgratgewölbe. Maurisch. Vom Turm weite Aussicht bis nach Halle. Der elektrische Blasebalg der Rühlmann-Orgel (Zörbig) stammt aus Württemberg - Baujahr ca. 1942!

Über die Grenze der Landkreise ´Mansfelder Land´ und `Merseburg-Querfurt´ führt eine alte, unbenutzte, kopfsteingepflasterte Straße nach Schafstädt. Eine früher gern genutzte Verbindung zum Schafstädter Bahnhof. Eine "Stadt" (Stadtrecht seit 1558) mit 2.322 Seelen, davon 237 als arbeitslos gemeldet. Ev. Stadtkirche St. Johannes, neuromanisches Schiff mit mächtigem Westturm (1505) und gedrungener Haube (1793). Mit dem Zug geht es über Bad Lauchstädt (Goethe-Theater) und Merseburg ("eine der bedeutendsten deutschen Königspfalzen, Dehio, 1999) zurück nach Halle.

2. Reidewanderung (7. Oktober 2001, 11:00 Uhr, Treffpunkt: ehem. Gasthaus Dessauer Brücke)

In Peißen beherbergt die Ev. Kirche St. Trinitatis (Bild) einen der schönsten Schnitzaltäre des Saalkreises (Madonna zwischen den hll. Katharina und Barbara, in den Flügeln h. Dorothea und hl. Helena). Auf dem mit alten Bäumen bewachsenen Friedhof Grabsteine aus Barock und spätem Klassizismus (Bilder).

Das ehemalige Stiftsgut Stichelsdorf gehörte bis zur Reformation zum Augustinerchorherrenstift auf dem Petersberg (11 km nördlich Halles). Im 18. Jahrhundert kam es in den Besitz der Franckeschen Stiftungen in Halle. Heute hat hier die Jugendwerkstatt der Stiftungen ihren Sitz, auch ökologischer Landbau wird auf dem fruchtbaren Boden betrieben.

Über Reideburg (Geburtsort Franz Balthasar Schönberg von Brenkenhoffs, 1723-80, Geheimer Finanzrat unter Friedrich II. von Preußen, Rekolonisator vom siebenjährigen Krieg verwüsteter Gebiete in Pommern und der Neumark), Kanena und Zwintschöna führt der im Auftrag der Stadt Halle angelegte Wanderweg (Fertigstellung 1999) nach Dieskau.

Dieskau ist berühmt für seinen englischen Garten, der zwischen 1778 und 1784 von Johann George Gottlieb Schoch angelegt wurde. Schoch war ebenfalls Gärtner im Dessau-Wörlitzer Gartenreich. Der heutige Besitzer des Schlosses, Thymo von Rauchhaupt (entstammt einem alten sachsen-anhaltischen Geschlecht), renoviert unablässig den prachtvollen Bau. Der Pfarrer der Ev. Kirche St. Anna, in der Georg Friedrich Händels Mutter, Dorothea Taust, getauft wurde, organisiert alljährlich den Dieskauer Konzert-Sommer. "Eintritt frei, Austritt nicht!" (= für die Konzerte ist kein Eintritt zu zahlen, Spenden für den Erhalt der Kirche werden aber gerne am Ausgang angenommen.)

Das letzte Stück des Weges führt nach Döllnitz, bereits im Saalkreis gelegen. Hier wird die Döllnitzer Gose ausgeschänkt. Früher wurde die Gose, ein fruchtig-saures Bier, in der Brauerei vor Ort hergestellt, heute kommt sie aus Landsberg.

3. Wein-, Aprikosen- und Kalkdörferwanderung (14. Oktober 2001, 7:00 Uhr, Treffpunkt: Beginn des Harzclubstiegs / Nähe Hubertusplatz)

Im Kernersee, ein Restbestand des großen Salzigen Sees (versoffen ca. 1897, jetzt füllt er sich langsam wieder auf und lässt auf einen Tourismusmagneten hoffen), werden Karpfen und Forellen gezüchtet. Schmecken ausgezeichnet. Der See bleibt im Westen liegen, die Weinberge der nördlichsten Weinanbauregion Deutschlands sind zu erklimmen. Rings um Höhnstedt (EBN, Abb. 24, S.246) beginnt im Herbst die Traubenlese (Bilder). Günter Born (Bild) trifft man vor seinem Weingut; manchmal ist auch die Höhnstedter Weinprinzessin (Bild) dabei. Gutedel, Weißburgunder, Riesling Spätlese, Kerner und Traminer können verkostet werden.

Entlang dem Höhnstedter Höhenweg (hier wachsen die Aprikosen), immer den Teutschenthaler Kali-Kegel vor Augen - im Westen geht der Blick bis zum Kyffhäuser - tauchen alte Weinbergshäuser (EBN, Abb. 23, S.240) auf. Steil den Berg hinunter, auf den Grund der Salza. Bei Langenbogen trifft der Wanderer auf die "Hammerlöcher".

Der Boden, der hier aus Löß besteht, hat mitunter bis zu 20 und mehr Metern Mächtigkeit, "und die Hammerlöcher sind ein etwa 1 Kilometer langer, sich mehrfach nach Westen verzweigender tiefer und steilwandiger Wasserriß im Löß." Ähnelt einer kleinen "Canon-Landschaft".

Der Weg führt weiter durch das breite Salza-Tal. Georg Händel, der Vater des Komponisten Georg Friedrich Händel, besaß hier einen Weinberg. Aus den Kalköfen von Maenicke & Schmidt in Köllme stieg früher "schwarzer Rauch aus dicken Schloten". Heute liegt das Dorf ruhig und abgeschieden zwischen den Hängen der Kalkberge. Die Eisenbahnverbindung nach Teutschenthal bzw. Salzmünde stellte man mit dem Ende des Kalkabbaus ein. In der DDR wurden in den Kalkbergen zwischen Köllme und Bennstedt Indianer- und Wild-West-Filme gedreht. Ein Paradies für Vögel heute.

Die Marschälle von Bieberstein saßen im 17. Jahrhundert in Bennstedt. In der Kirche (EBN, Abb.3, S.36), einem einschiffigen Bau mit quadratischem Chorturm und Gruftanbau, glänzt wieder (seit 1996) das aufwendige Epitaph für Alexander Haubold Marschall von Bieberstein und seine Frau Christiane Sybille. Das Familienbild wird eingefaßt von einem "geradezu ausschweifenden Rahmen kriegerischer Wahrzeichen und Sinnbilder" (...) "kurz: ein ganzes Zeughaus oder Arsenal in malerischem Aufbau singen dem toten Kriegsmann ein feuriges Lied."

Hinter Bennstedt genießt der Wanderer den Fernblick auf den Petersberg (ca. 15 km Entfernung). Die auf der B 80 (alte Halle-Kasseler-Straße) vorbeirauschenden Autos nimmt man nicht wahr. Der Lintbusch, ein uralter Wald mit schönem Eichenbestand, ist der westlichste Ausläufer der Dölauer Heide. Die Heide ist städtischer Wald, neben dem Petersberg liebstes Ausflugsziel der Hallenser. Über Nietleben, einem seit langem eingemeindeten Vorort der Stadt (stößt sich scharf an Halle-Neustadt, Utopia der DDR-Städteplaner), kann man ganz Halle, vom Giebichenstein bis nach Ammendorf übersehen.

Boesenburg

 

Die Teilnahme an einer Wanderung kostet Sie eine Spende für den Erhalt hallescher Renaissance-Bauwerke in Höhe von 10.- DM. Bitte verproviantieren Sie sich selbst; Ihre Kleidung sollte allen Wettern angepasst sein.

 

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